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2.2.3 Revidierte Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft?

Die Sowjetunion hatte sich trotz wirtschaftlicher Isolation und eines verlustreichen Krieges ökonomisch und politisch behauptet. Die Umwandlung von einem zurückgebliebenen Agrar- zu einem Industrieland war in relativ kurzer Zeit unter großen Entbehrungen der Bevölkerung geleistet worden. (Selbst Ökonomen der Marktwirtschaft konnten nicht umhin, dieser alternativen Wirtschaft Erfolge zu bescheinigen, und einige sahen darin sogar gewisse Vorzüge gegenüber der krisenanfälligen Marktwirtschaft.)
Die UdSSR war im Verbund mit ihren Blockstaaten zu einer ökonomischen und politischen Alternativmacht aufgestiegen.

War dies nun schon der angestrebte Kommunismus oder war es nur eine Zwischenetappe? Wie sahen nun die Ziele der politischen Führung aus?
Darüber gibt das dritte Parteiprogramm der KPdSU Auskunft. Dieses wurde 1961 unter Chruschtschow veröffentlicht. Aufgrund der geänderten politischen und ökonomischen Lage sah man das zweite Parteiprogramm aus dem Jahr 1919 – welches im Kapitel „Kriegskommunismus“ auszugsweise vorgestellt wurde – als nicht mehr zeitgemäß, anders formuliert als „erfüllt“, an:
„Als die Partei auf dem 8. Parteitag, im Jahre 1919, ihr zweites Programm annahm, stellte sie die Aufgabe, die sozialistische Gesellschaft zu errichten. Auf unerforschten Wegen, unter Überwindung von Schwierigkeiten und unter Entbehrungen verwirklichte das sowjetische Volk, geführt von der Kommunistischen Partei, den von Lenin entwickelten Plan für den Aufbau des Sozialismus. Der Sozialismus hat in der Sowjetunion vollständig und endgültig gesiegt. Das zweite Parteiprogramm ist […] erfüllt.“ (19)
Die Behauptung, dass mit der Etablierung des Realen Sozialismus das zweite Parteiprogramm erfüllt sei, ist eine Mogelei. Schließlich war doch hierin die Rede von der Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft, und der Sozialismus bzw. die Diktatur des Proletariats nur als relativ kurzes Übergangsstadium angeführt. Erfüllt war tatsächlich das, was sich Lenin unter „Staatskapitalismus“ vorstellte: einen Staat, der als Einziger und deshalb Gesamt-Kapitalist die Wirtschaft „im Sinne des Proletariats“ (nach Stalins Ära: „im Sinne der Gesamtbevölkerung“) lenkt.
Der Anspruch, dem Volke etwas zu bieten, war keine Heuchelei und die Bemühungen, dabei voranzukommen, waren zweifellos vorhanden. Die ideologisch vorgegebenen Vertröstungen, jetzt entbehren zu müssen, um in ein paar Jahren bzw. Jahrzehnten aus dem Vollen schöpfen zu können, verloren mit der Zeit an Glaubwürdigkeit.

Einerseits war die Führung der KPdSU mit dem Erreichten zufrieden, andererseits kam bei manchen Parteifunktionären hinsichtlich der Zielvorgaben eine gewisse Unzufriedenheit auf:
Erstens war man vom angestrebten Ziel „Kommunismus“ noch weit entfernt. Es galt, endlich die Voraussetzungen für den Übergang zu schaffen.
Zweitens störte, dass die Sowjetunion, was die Produktion pro Kopf der Bevölkerung betraf, noch immer weit hinter den USA lag, mit der die politische Führung ihren Staat verglich.
Zum ersten Punkt der Unzufriedenheit: Strebten diese Kommunisten von 1961 überhaupt noch das an, was jene von 1919 als Kommunismus beschrieben? Dies ist, was das 3. Parteiprogramm betrifft, mit ja zu beantworten. Bis auf kleinere Unterschiede in der Formulierung entspricht die Darstellung des Kommunismus von 1961 der Schilderung von 1919.
Was sollte in den nächsten Jahren erreicht werden?
„Im nächsten Jahrzehnt (1961 – 1970) wird die Sowjetunion beim Aufbau der materiell – technischen Basis des Kommunismus die USA – das mächtigste und reichste Land des Kapitalismus – in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung überflügeln; der Wohlstand, das Kulturniveau und das technische Entwicklungsniveau der Werktätigen werden bedeutend steigen; allen wird ein gutes Auskommen gesichert; alle Kollektivwirtschaften und Staatsgüter werden sich in hochproduktive Betriebe mit hohen Einkünften verwandeln; der Bedarf der Sowjetbürger an komfortablen Wohnungen wird im wesentlichen gedeckt werden; die schwere körperliche Arbeit wird verschwinden; die UdSSR wird zum Land mit dem kürzesten Arbeitstag.
Im zweiten Jahrzehnt (1971 – 1981) wird die materiell – technische Basis des Kommunismus errichtet und für die gesamte Bevölkerung ein Überfluss an materiellen und kulturellen Gütern geschaffen; die Sowjetgesellschaft wird unmittelbar darangehen, das Prinzip der Verteilung nach den Bedürfnissen zu verwirklichen, es wird sich der allmähliche Übergang zum einheitlichen Volkseigentum vollziehen. Somit wird in der UdSSR die kommunistische Gesellschaft im Wesentlichen aufgebaut sein. Vollendet wird der Aufbau der kommunistischen Gesellschaft in der nachfolgenden Periode.“ (21)
Wie diese Etappenziele erreicht werden sollten, wird weiter unten (im Programm und diesem Kapitel) beschrieben.
Nun zum zweiten Punkt der Unzufriedenheit, dem Vergleich mit den USA. Wie auch im obigen Zitat thematisiert, sollten die USA, was die Produktion pro Kopf der Bevölkerung betrifft, schon in der nächsten Etappe „überflügelt“ werden. (Auch an vielen anderen Stellen des Programms wird der Vergleich mit den USA strapaziert.) Einerseits gab es das Anliegen, die Marktwirtschaft zu kritisieren (Konkurrenz, Krisen, Ausbeutung, Armut etc.) und eine alternative Ökonomie einzurichten. Andererseits verfiel man dabei darauf, sich an den Kriterien der Marktwirtschaft selbst zu messen und vergleichen zu wollen. Wenn es um die Versorgung der Bevölkerung ginge, wäre es müßig, Produktivitätszahlen der Marktwirtschaft zu bemühen. Das Maß für eine gelungene Versorgung läge allein darin, wie die Bedürfnisse der Bevölkerung abgedeckt werden können. Es wäre kein Ziel, produktiver als die Marktwirtschaft (und damit besser als diese) zu sein, sondern die angestrebte Versorgung möglichst effektiv zu erreichen. Wenn ein Vergleich sinnvoll ist, dann bezüglich der erreichten Lebensqualität der Gesamtbevölkerung. Beim Vergleich der Produktivität wird gänzlich abgesehen von der Art der Güter und Leistungen, wie viel davon der Bevölkerung zugute kommt, wie schwer und wie lange die Arbeitnehmer hiefür arbeiten müssen, und wie die Lebensqualität dann aussieht. Vom Standpunkt eines Staatskapitalismus, der als „Realer Sozialismus“ bezeichnet wurde, machte dieser Vergleich wiederum Sinn – denn es ging, wie weiter unten näher ausgeführt wird, im Realen Sozialismus ökonomisch um eine Ware-Geld-Gewinn-Ökonomie, bei der die lästigen Effekte der Marktwirtschaft durch die staatliche Lenkung ausbleiben sollten.
Dieser ständige Vergleich mit der Marktwirtschaft hatte letztlich Konsequenzen – er führte zum Abbruch des Projektes Kommunismus.

2.2.2 Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung

Die BVW setzt die Abschaffung des Privateigentums und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel voraus. Entsprachen nun Kollektivierungen und Verstaatlichungen in der Sowjetunion dieser Vergesellschaftung?
Am Beispiel der Landwirtschaft sollen die Unterschiede verdeutlicht werden.

Kollektivierung
Im Zuge der Kollektivierung fand eine Zusammenfassung einzelner Landwirtschaften zu landwirtschaftlichen Genossenschaften (Kolchosen) statt. Zwar wurden Grund und Boden in der Sowjetunion verstaatlicht, doch die Betriebsmittel der Bauern blieben Privatbesitz. Neben der Arbeit in den Kolchosen konnten diese, abhängig von den jeweiligen politischen Vorgaben, mehr oder weniger Privatgeschäfte tätigen.
Für die Arbeit in den Kollektiven wurden die Bauern mit Geldlöhnen bzw. Naturalien entschädigt. Diese fielen nicht üppig aus. Die Kolchosen hatten festgesetzte Mengen zu festgesetzten Preisen an den Staat abzuliefern. Die mangelhafte Ausstattung mit technischen Produktionsmitteln und auch die oft verstreuten Parzellen der Bauern verhinderten eine effektive Bewirtschaftung. In Jahren mit ungünstiger Witterung konnten die geforderten Ablieferungsmengen nicht erreicht werden, was zu einer Kürzung der Entschädigungen der Bauern führte. Aufgrund dieser dürftigen Aussichten mussten die Bauern mit moralischen Appellen und, wenn diese nichts halfen, mit Gewalt in den Kolchosen gehalten bzw. für diese rekrutiert werden.
Die Kollektivierung wurde von der politischen Führung als Vorstufe zur Verstaatlichung und Vergesellschaftung angesehen. Diese sollte aufgrund der geschaffenen Kollektive in Zukunft leichter erfolgen. Die Kollektivierung stellte einen Kompromiss dar: einerseits erfolgte zwar die Bearbeitung der Landwirtschaft großteils kollektiv, der Bauer blieb jedoch Privateigentümer. Ständig kalkulierte er dem gemäß, wie viel ihm der Arbeitseinsatz in der Kolchose im Vergleich zu seinen Privatgeschäften, also dem Arbeitseinsatz im privaten Teil seiner Parzelle, brachte. Diese Rechnung schlug meist zuungunsten der Arbeit in der Kolchose aus. Dementsprechend war es um die Mitarbeit der Bauern in der Kolchose bestellt. Sie sahen darin eine Behinderung zur Verbesserung des Lebensstandards durch Privatgeschäfte. Die etwaigen Vorteile der Kollektivierung, eine effektivere Nutzung der Landwirtschaften und eine Absicherung des Lebensunterhaltes der Bauern, konnten in der Sowjetunion kaum realisiert werden. Die Märkte mit ihren freien Preisen waren und blieben für die Bauern immer eine verlockende Alternative.

Verstaatlichung:
Bei den verstaatlichten landwirtschaftlichen Betrieben (Sowchosen) war der Staat nicht nur Eigentümer von Grund und Boden, sondern auch der Produktionsmittel. Die auf den Sowchosen Arbeitenden waren Angestellte des Staates, sie waren also – ökonomisch gesehen – Lohnarbeiter des Staates. Mit dem Staatseigentum wurde nicht nur eine Trennung zwischen Staat und Produzenten (Arbeitenden) vorgenommen, sondern damit auch ein ökonomischer Gegensatz zwischen Staat und Arbeitenden installiert:
Die Sowchosen wurden als Betriebe behandelt, die für den Staat lukrativ arbeiten mussten. Kalkulierte Überschüsse sollten erwirtschaftet werden. Die Betriebe wurden auf eine Kalkulation hinsichtlich Kosten, Erträge und Gewinne verpflichtet – Größen, die in realsozialistischen Ökonomie als Richtgrößen zur Steuerung der Planwirtschaft dienen sollten, sich jedoch in dieser Hinsicht als kontraproduktiv herausstellten (dazu weiter unten im Kapitel „Staatlich dirigierte Warenwirtschaft“). Die Löhne wurden als Kosten und Abzug von Gewinnen betrachtet. Die erwirtschafteten Güter wurden verkauft. Der Staat als Eigentümer trat als Unternehmer auf – wenn auch unter von ihm festgesetzten Monopolbedingungen.
Nicht nur die Nachahmung betriebswirtschaftlicher marktwirtschaftlicher Kalkulation erwies sich als Behinderung für eine zufriedenstellende Versorgung der Bevölkerung, sondern auch die notorisch unzureichende Ausstattung mit modernen Produktionsmitteln. Jahrzehntelang wurde die Produktion landwirtschaftlicher Maschinen im Vergleich zu anderen Bereichen industrieller Produktion vernachlässigt.
Deshalb konnten sich die Vorteile der verstaatlichten landwirtschaftlichen Betriebe, nämlich die extensive und effektive Nutzung der Böden und die fehlenden Reibungsverluste mit kontraproduktiven Bauern, nie so richtig entfalten.

Vergesellschaftung:
Das in den sowjetischen Parteiprogrammen propagierte Ziel war die „Vergesellschaftung der Produktion“ – bei dem Hinweis auf das Ziel blieb es dann auch.
Kurz formuliert besteht das Wesen der Vergesellschaftung darin, dass Grund und Boden und die Produktionsmittel allen Gesellschaftsmitgliedern gehören. Letztere bestimmen die Produktion und die Verteilung der Produkte und sind dementsprechend auch Nutznießer der Güterproduktion. Das Eigentum als Kategorie der Ökonomie entfällt, somit auch der Staat als Eigentümer. Daraus folgt, dass Tauschbeziehungen zwischen Eigentümern entfallen und damit auch Markt und Preise – die Güter streifen ihren Warencharakter ab, Gewinnkalkulationen erübrigen sich.
Man tut sich bei der Unterscheidung zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung dann schwer, wenn der Staat als Vertreter der „Gesellschaft“ gesehen wird. Dieser bezeichnet sich zwar als politisches Organ der Bevölkerung, ist jedoch realiter eine Instanz, die ihre eigenen Zwecke verfolgt. Wenn der Staat ökonomisch als Eigentümer auftritt, so wird er bei Aufrechterhaltung der „Ware – Geld – Beziehung“ zu einem Waren – bzw. Leistungsverkäufer. Die Waren und Leistungen werden gemäß ihrer Kosten und Erträge kalkuliert. Selbst wenn diese Kalkulation nicht angestellt wird, wie z.B. im Ausbildungsbereich (bei Schulen etc.), unterliegt der Staat budgetären „Zwängen“, denen er sich unterwerfen muss, um die Geldökonomie funktional zu erhalten.
Wie im Kapitel „Grundriss einer BVW“ beschrieben, wird von vergesellschafteten Betrieben nach einem Plan, der aus technischen Größen besteht, arbeitsteilig produziert. Bezogen auf die Landwirtschaft würde das bedeuten, Grund und Boden von landwirtschaftlichen Großbetrieben bearbeiten zu lassen. Diese Betriebe werden mit den modernsten Produktionsmitteln ausgestattet. Agraringenieure planen und organisieren eine der Gesundheit zuträgliche und doch effektive Nahrungsmittelproduktion. Das landwirtschaftliche Personal wird für etwaige erschwerende Bedingungen (Wetter, körperlicher Einsatz, fallweise längere Arbeitszeiten) mit Bonuspunkten hinsichtlich ihres Arbeitseinsatzes bedacht (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Bewertung der Arbeit“).
Die landwirtschaftlichen Produkte werden verteilt und sind in einer BVW wohl großteils dem Grundanspruch zuzuordnen.

2.2.1 Die Etablierung des Sozialismus – Aufstieg zur Weltmacht

Mit der Neuen Ökonomischen Politik 1921 -1928 gelang es den Bolschewiki, die ökonomische Lage zu verbessern und ihre politische Macht zu stabilisieren. Sie entfernten sich damit vom vorgegebenen Parteiprogramm. Mit der Zulassung von Privateigentum und Märkten war die Sowjetunion selbst von der angestrebten Zwischenetappe des „Sozialismus“ weiter denn je entfernt.
Noch zu Lebzeiten Lenins entstand die Debatte, ob die weiteren ökonomischen Anstrengungen in Richtung Industrialisierung oder landwirtschaftliche Produktionssteigerung gehen sollten. Da man beides wollte, entschied man sich für einen Kompromiss: Harmonie und Gleichzeitigkeit der Entwicklung. Ab 1929 setzte sich dann Stalin mit seinem Programm der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft durch. Privateigentum wurde für die Bauern wieder eingeschränkt und in der Industrie vollkommen abgeschafft. Die zentrale Planungskommission (Gosplan) und ihre Unterabteilungen legten Mengen, Preise, Löhne für die Produktionsbetriebe fest. Es wurde damit jenes Wirtschaftssystem installiert, das bis 1986 – mit kleineren Änderungen in der Nachstalinära – praktiziert wurde (siehe Kapitel „Realer Sozialismus / Staatlich dirigierte Warenwirtschaft“).
Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die russische Ökonomie mit einer widerspenstigen Bauernschaft zu tun, die zwar das Tauwetter der Neuen Ökonomischen Politik begrüßte, jedoch sich der unter Stalin durchgezogenen Enteignungskampagne widersetzte. Nur unter Anwendung von Gewalt konnten große Teile der Landwirtschaft kollektiviert werden (zum Begriff Kollektivierung siehe weiter unten).
Die Kollektivbetriebe stellten für die Bauern die schlechtere Alternative zum selbst bebauten Land dar und zwar deshalb, da die Kollektivwirtschaften aufgrund geringer Produktivität und eines rigorosen Ablieferungsregimes zur Deckung des Eigenbedarfs weniger beitrugen als eine noch so kargen Subsistenzwirtschaft. Verschärft wurde die Situation noch durch Jahre mit ungünstigen Wetterverhältnissen. Von einer den Planzahlen entsprechenden Nahrungsmittelproduktion konnte keine Rede sein. Die technische Aufrüstung der Landwirtschaft wurde nur sehr langsam vollzogen, da die industriellen Kapazitäten in großem Maße für die Rohstoffgewinnung und -verarbeitung in Anspruch genommen wurden und die Erzeugung von landwirtschaftlichen Maschinen hinterherhinkte.

Unter gewaltigen Anstrengungen wurde die Industrialisierung (bis auf einige Fachkräfte ohne ausländische Unterstützung) vorangetrieben. In kürzester Zeit sollte aus dem Agrarland Russland eine industrialisierte UdSSR werden – und das unter der verschärften Bedingung eines „Sozialismus in einem Land: Dies bedeutete nicht nur die Hoffnungen bezüglich einer Weltrevolution und der Hilfe anderer sozialistischer Länder zu begraben, sondern auch einer politischen und ökonomischen Isolierung (geringer Außenhandel) ausgesetzt zu sein.
1936 verkündete Stalin anlässlich der Verabschiedung einer neuen Verfassung der UdSSR, dass „die erste Phase des Kommunismus, der Sozialismus, im wesentlichen bereits verwirklicht ist“.
Tatsächlich gelang es innerhalb von 20 Jahren ab 1917 zur zweitgrößten Industriemacht der Welt (hinsichtlich der absoluten Produktionszahlen) aufzusteigen.
Die Industrie wurde dann zu einer bedeutenden Voraussetzung für die Kriegswende im Zweiten Weltkrieg. Nicht nur der Winter, sondern auch die in den Osten verlagerte (Rüstungs)industrie ermöglichte die erfolgreiche Gegenoffensive der Roten Armee.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die UdSSR – trotz starker Bevölkerungsverluste und einer enormen ökonomischen Substanzvernichtung – mit der Bildung des „Ostblocks“ zur zweitstärksten Macht der Welt aufgestiegen (und das nicht nur bezüglich der ökonomischen Potenz, sondern auch militärisch).
Innerökonomisch änderte sich nichts an dem prinzipiellen System der geplanten Warenwirtschaft, die im Folgenden noch eingehend beschrieben wird. Nach dem Ende der Stalinära sollten Verschiebungen in den Schwerpunktbereichen der Industrie vorgenommen werden (relative Reduzierung der Schwerindustrie gegenüber der Leicht- und Konsumgüterindustrie) – diese Reformen blieben jedoch zum Großteil nur Ankündigungen. Die starren Entscheidungsstrukturen wurden kurzfristig dezentralisiert – auch diese Änderung wurde später wieder rückgängig gemacht. In der Landwirtschaft kam es zu einer gewissen Stabilisierung der Produktion, indem kleine Kolchosen zu Großbetrieben zusammengefasst, die Zwangsablieferungen und Steuern gesenkt, und die Abnahmepreise erhöht wurden.

2.2 Der Reale Sozialismus

Mit der Bezeichnung „Realer Sozialismus“ charakterisierten die Parteiideologen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) jenes Gesellschaftssystem, welches sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten etablierte.
„Sozialismus“ benannte die Vorstufe des angestrebten Kommunismus – der Kommunismus war damit also noch nicht verwirklicht.
„Real“ verwies darauf, dass der Sozialismus – entgegen allen Unkenrufen der Feinde – machbar sei und diese Vorstufe (des Kommunismus) tatsächlich schon verwirklicht wäre.
Vor der ausführlichen Erläuterung des Realen Sozialismus wird im folgenden Kapitel kurz die Entwicklung der sowjetischen Ökonomie nach 1921 dargestellt.

2.1.6 Resümee

Der Kriegskommunismus war auch in seinem Endstadium weit entfernt von einer BVW.
Zusammenfassend seien nun einige Fragen gestellt, die sich im Hinblick auf den Schwerpunkt dieser Abhandlung ergeben.

Wären die Ziele der Revolutionäre mit denen einer BVW vereinbar gewesen?
Die Hauptakteure der Russischen Revolution wollten eine kommunistische Gesellschaft etablieren. Diesbezügliche Vorstellungen wiesen vor allem hinsichtlich der Ökonomie durchaus Ähnlichkeiten mit der BVW auf.
(Um Missverständnissen vorzubeugen sei erwähnt, dass mit den Umgestaltungen Ende 1920, Anfang 1921 selbst euphorische Bolschewiki noch nicht den Kommunismus verwirklicht sahen, den sie anstrebten – bestenfalls eine Vorstufe dazu.)

Wie sah es mit den Voraussetzungen für die Einrichtung der neuen Gesellschaft aus?
Die russische Wirtschaft basierte hauptsächlich auf der Landwirtschaft (Mittel- und Kleinbauern). Die Industrie war schwach entwickelt, die Technik nicht allzu weit fortgeschritten, das Kommunikationssystem war nicht so weit entwickelt, um bei der Größe des Landes Informationen rasch zu übermitteln, die Transportsysteme für den Gütertransport waren entweder nicht vorhanden oder in desolatem Zustand. Mit den ökonomischen Voraussetzungen, eine geplante Versorgungswirtschaft einzurichten, stand es also nicht zum Besten.

Wie sah es mit den politischen Voraussetzungen aus?
Der Großteil der Bevölkerung, hauptsächlich Bauern, stand der Revolution vorerst nicht feindlich gegenüber. Erst als sich der Angriff auf ihr Privateigentum abzeichnete, änderte sich ihre abwartende Haltung – vorerst passive Resistenz, später offener Widerstand.
In der wichtigen Periode des Übergangs und der Gestaltung der neuen Gesellschaft herrschten Bürgerkrieg, Bedrohungen von außen und eine Wirtschaftsblockade.
Diese schlechten Voraussetzungen und Bedingungen waren den Bolschewiki bewusst – aber die führenden Köpfe waren davon überzeugt, dass Russland nur den Vorreiter einer Weltrevolution spielen würde. Nach deren Erfolg würde das Land in die internationale kommunistische Gemeinde aufgenommen und beim Aufbau des Kommunismus unterstützt werden.

Woran ist das „Experiment Kriegskommunismus“ gescheitert?
Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Doch es war nicht auszuschließen, dass unter stabilen politischen Verhältnissen und einer gefestigten Macht der Bolschewiki der Aufbau einer – wenn auch bescheidenen – geplanten Versorgungswirtschaft hätte gelingen können.
Gescheitert ist der Versuch letztlich an der Verweigerung der Bauern und dem Festhalten an ihrer privaten „Scholle“, anders gesagt, an der mangelhaften Kollektivierung der Landwirtschaft. Es rächte sich, den Bauern „ihr“ Land zuzuteilen und als Privateigentum zu belassen. Der Hunger führte zur Kapitulation vor den Bauern, zum politischen Entschluss, das ökonomische Programm zu ändern.

Zeigt die Geschichte des Kriegskommunismus, dass die Abschaffung des Privateigentums und des Marktes, und die Einführung einer geldlosen Wirtschaft in eine Katastrophe münden muss?
Die Geschichte des Kriegskommunismus zeigt, was passiert, wenn Privateigentum (an Produktionsmitteln) und damit der Markt nicht von vornherein rigoros beseitigt werden. Solange das Privatinteresse besteht, mit dem Verkaufen Geld zu verdienen, solange kann eine geplante Verteilungswirtschaft nicht sinnvoll funktionieren. Dieses Privatinteresse (in diesem Fall der Bauern) boykottiert und verunmöglicht eine Planung der Produktion und eine versorgungsgerechte Verteilung. Tausch und Verteilung sind miteinander unvereinbar.
Der Kriegskommunismus hatte sich in der allerletzten Phase zwar vom Geld als Zirkulationsmittel verabschiedet, – die Geldscheine waren wertlos geworden und wurden nicht mehr genommen –, aber auf den Verrechnungskonten des Volkswirtschaftsrates und der verstaatlichten Banken wurden die Güterbewegungen nach wie vor in Rubel verrechnet. Von einer Planung in technischen Planzahlen – wie in der BVW – konnte nicht die Rede sein. Die Abschaffung der Zahlung mit Geld führte dann tatsächlich zu einer Katastrophe, da es noch Privateigentum gab, das auf Verkauf und Kauf angewiesen war. Mit dem Geld entzieht man dem Markt tatsächlich das Schmiermittel und dieser bricht zusammen. Es verschwindet das Interesse zu produzieren um zu verkaufen – wie es die Bauern im Kriegskommunismus drastisch demonstrierten.
Die Geschichte des Kriegskommunismus beweist keineswegs, dass eine geplante Versorgungswirtschaft, eine Ökonomie ohne Markt, Privateigentum und Geld nicht möglich ist bzw. in einer Katastrophe enden muss. Vielmehr kann man daraus folgern, dass die Abschaffung der Marktwirtschaft im Sinne einer BVW nur gelingen kann, wenn das Privateigentum (an Produktionsmitteln) und damit der Markt und Tausch gegen Geld von vornherein gänzlich abgeschafft werden. Eine Doppelwirtschaft (Marktwirtschaft + Zentralverwaltungswirtschaft) bringt weder die eine noch die andere voran – beide Ökonomien behindern einander ständig. Schon gar nicht ist auf dieser Basis eine sinnvolle Versorgungswirtschaft möglich.

2.1.5 Der Abbruch

Obwohl 1920 der Krieg gegen die Weiße Armee siegreich beendet wurde, kam das Land nicht zur Ruhe. Die Bauern wehrten sich (mit blutigen Bauernaufständen) gegen die Konfiskationen der spärlichen Restbestände von Nahrungsmitteln. Die Missernte von 1920 verschärfte die Lebensmittelversorgung, die wenigen Vorräte waren im Winter rasch aufgebraucht. Der Hunger in den Städten nahm zu und führte zu Hungeraufständen. Die erhofften Revolutionen in anderen Ländern – und somit die erwartete Hilfe dieser Länder – waren ausgeblieben.
Als sich schließlich auch bei der Machtbasis des Staates, der Roten Armee, Unmut rührte (Kronstädter Matrosenaufstand 2. – 13. März 1921) war es höchste Zeit, Maßnahmen zu setzen, um einen weiteren Bürgerkrieg zu verhindern. Auf dem 10. Parteitag der kommunistischen Partei verkündete Lenin Mitte März 1921 eine Änderung der Wirtschaftspolitik: „Grundsätzlich ergibt sich folgende Lage: Entweder wir müssen das mittlere Bauerntum wirtschaftlich zufrieden stellen und uns zur Freiheit des Umsatzes verstehen, oder es ist bei dem langsamen Tempo der internationalen Revolution unmöglich, in Russland die Macht des Proletariats aufrecht zu erhalten.“ (18)
Die dabei verkündete „Neue ökonomische Politik“ (russische Abkürzung: NEP) wurde sofort in Angriff genommen. Die zwei wichtigsten Komponenten dieser Politik waren:
erstens die Beschränkung der Abgabenbelastung für die Bauern, die ihre Überschüsse wieder auf freien Märkten verkaufen konnten, und zweitens die Inkraftsetzung des Rubels als Zirkulationsmittel und damit die Wiedereinführung der Geldwirtschaft.
Die NEP entsprang letztlich der (ökonomischen) Kapitulation vor den Bauern. Sie wurden ins Recht gesetzt, ihr Privateigentum, das ja nicht abgeschafft wurde, in ihrem Interesse zu nützen.

2.1.4.4 Geld

Eine der markantesten und aufsehenerregendsten Maßnahmen des Kriegskommunismus bestand darin, in seiner letzten Phase (Ende 1920 bis Anfang 1921) eine geldlose Wirtschaft einzurichten.
In den ersten Jahren (1917-1919) wurde allerdings eine andere Politik verfolgt. Die Banken wurden verstaatlicht und eine neue Rubelwährung wurde ausgegeben. Diese konkurrierte mit anderen Rubelscheinen, die noch zur Zarenzeit bzw. zur Kerenskizeit ausgegeben wurden. Die bis zu vier verschiedenen Rubelsorten wurden mit einem Wechselkurs untereinander gehandelt und getauscht. Aufgrund der Bürgerkriegssituation gelang es den Bolschewiki in den ersten Jahren nicht, eine einheitliche Staatswährung durchzusetzen.
Die Verrechnung der Staatsbetriebe erfolgte auf Geldverrechnungskonten, die vom Volkswirtschaftsrat und von den Banken geführt wurden. Löhne wurden vorerst in Geld ausbezahlt und durch Käufe bei Genossenschaften und auf freien Märkten ausgegeben. Geld wurde vor allem deshalb gebraucht, da es Privatproduzenten (vor allem die Bauern) gab, die als solche einkauften und verkauften und dabei auf das Geld als Tauschmittel verwiesen waren. Schließlich waren auch die Güter für die Bevölkerung in den staatlichen Verkaufstellen mit (festgesetzten) Preisen versehen. Steuern wurden bei Privatproduzenten bis Anfang 1920 in Rubel eingehoben.
Die Staatsbanken steigerten ab 1918 die Ausgabe von Rubelscheinen, um die Rote Armee, den Aufbau der Staatsbetriebe und die Bezahlung der Löhne zu finanzieren. Damit wurde eine Inflation angeheizt, die bis 1920 enorme Ausmaße annahm. Angetrieben wurde die allgemeine Preiserhöhung auch durch den sich verschärfenden Gütermangel. Die zunehmende Untauglichkeit des Geldes führte dazu, dass die Bolschewiki dazu übergingen, Löhne in Naturalien abzugelten und Steuern in Form von Naturalien einzuheben (z.B. rigorose Lebensmittelkonfiskationen bei den Bauern).

Der Rubel war ruiniert und konnte seine Funktion als Geld nicht mehr wahrnehmen. Güter wurden verteilt (Kartensystem bzw. kostenlose Leistungen), Lebensmittel gewaltsam konfisziert. Die Staatsbetriebe und auch das Staatsbudget wurden weiterhin auf Basis von fiktiven Rubelpreisen bilanziert. Die fiktive Bewertung diente zur Berechnung der Güterströme. Der Rubel zirkulierte allerdings nicht mehr – Geld als Zirkulationsmittel war für ein paar Monate tatsächlich außer Kraft gesetzt.
War dies im Sinne der Bolschewiki?
Ja, was den ökonomisch radikaleren Teil betraf, denn Preobraschenski, der für die Finanzen des Staates zuständig war, schrieb schon 1919:
„Die kommunistische Gesellschaft wird kein Geld kennen. […] Das Geld verliert allmählich seine Bedeutung, gleich von Anbeginn der sozialistischen Revolution. Alle nationalisierten Unternehmungen, ähnlich dem Unternehmen eines reichen Besitzers (in diesem Falle – des proletarischen Staates), haben eine gemeinsame Kasse und haben es nicht nötig, für Geld einen gegenseitigen Kauf und Verkauf zu betreiben. Es wird langsam der bargeldlose Verkehr eingeführt. Infolgedessen wird das Geld aus einem großen Gebiet der Volkswirtschaft verdrängt. Auch in Bezug auf die Bauernschaft verliert das Geld ebenfalls langsam seine Bedeutung, und auf den Plan tritt der Warentausch. Sogar im Privathandel mit den Bauern tritt das Geld immer mehr zurück, und der Käufer kann Getreide nur gegen Naturalprodukte wie Kleider, Stoffe, Geschirr, Möbel u. dgl. bekommen. Das langsame Verschwinden des Geldes wird auch begünstigt durch die riesige Papiergeldemission durch den Staat, bei stark eingeschränktem Warenverkehr, hervorgerufen durch die Zerrüttung der Industrie. Die immer mehr zunehmende Entwertung des Geldes ist, im Grunde genommen, eine elementare Annullierung desselben.“ (17)

Es würde also die Darstellung des Kriegskommunismus verfälschen, wenn man behauptet, die Ökonomie Sowjetrusslands wäre durch unbeeinflussbare Umstände zwangsläufig in eine geldlose Wirtschaft hineingeschlittert. Die Abschaffung des Geldes war durchaus beabsichtigt und wurde durch die politischen Maßnahmen forciert. Die damals maßgebenden Akteure der Bolschewiki fassten 1919 den Entschluss, die Gelegenheit wahrzunehmen und schneller als vorerst geplant eine geldlose Verteilungswirtschaft einzurichten.

Folgendes stimmt dabei bedenklich:
- Mit der Abschaffung des Geldes wurde nicht auch das Privateigentum der Bauern aufgehoben. Der Großteil der Produktion (Landwirtschaft) funktionierte also noch auf Basis des Privateigentums und des Tausches. Dies führte schließlich dazu, dass die Bauern ihre Produktion vollends auf Selbstversorgung zurückfuhren. Die von Preobraschenski angedeutete Entwicklung vom Warentausch ohne Geld zur geldlosen Wirtschaft, übersieht die Notwendigkeit des Geldes für einen ökonomisch dominanten Warentausch – nur mit Gewalt kann ein Geldumlauf dabei unterbunden werden, und das auch nur „offiziell“ und nicht allzu lange.
- Die Abschaffung des Geldes sollte dadurch befördert werden, indem man dieses vermehrt in Umlauf setzte. Damit untergrub man zwar die Brauchbarkeit des Geldes, aber man hatte sich seiner nicht entledigt – die Budgets der Betriebe und des Staates wurden weiterhin in Rubel bilanziert. „Bargeldlose“ Wirtschaft bedeutet keinesfalls „geldlose“ Wirtschaft!
Dies merkten einige Bolschewiki und bastelten an einer neuen Verrechnungseinheit. Zur Umsetzung dieses Entwurfs kam es aber nicht mehr, da im März 1921 das Experiment „Kriegskommunismus“ abgebrochen wurde.

2.1.4.3 Arbeit und Verteilung

Die Organisierung der Arbeit war vor allem auf die Städte beschränkt, denn auf dem Land verschwand das Landproletariat sukzessive mit der Bildung kleinster Bauernwirtschaften.
Von 1918 bis Anfang 1921 können diesbezüglich zwei Tendenzen festgestellt werden: erstens die zunehmende Verschärfung der Arbeitspflicht und zweitens die allmähliche Ersetzung des Geldlohnes durch Lebensmittelkarten.
Nicht nur der Aufbau der neuen Ökonomie, sondern auch die Kriegssituation geboten den Einsatz aller potentiellen Arbeitskräfte. Teile der Arbeiterschaft waren in der Roten Armee gebunden, andere Teile kehrten auf das Land zurück. In den meisten Bereichen mangelte es an Arbeitskräften. Die Arbeiten wurden nun von Verwaltungsstellen zugewiesen, meist im gleichen Ort, denn für entferntere Arbeitseinsätze fehlte die Infrastruktur.
Vorerst wurden Geldlöhne ausbezahlt. Diese wurden immer mehr durch Lebensmittelkarten (Pajok) ersetzt, welche bei den staatlichen Verteilstellen eingelöst werden konnten. Die Kriterien der Geldlohnzahlung, welche sich noch an der übernommenen (marktwirtschaftlichen) Lohndifferenzierung orientierten (z.B. verdienten Angestellte mehr als die Arbeiter), wurden mit dem Übergang auf das Kartensystem verändert. Anfang 1920 proklamierte man auf dem 3. allgemeinen Gewerkschaftskongress die „zielgemäße Versorgung der Arbeiter entsprechend ihren Leistungen und der Bedeutung ihrer Arbeit für den Staat.“ (16). Arbeiter und technisches Personal wurden nun bei Sonderzuteilungen (z.B. Prämien) bevorzugt.
Obzwar dazu übergegangen wurde, Teile der Versorgung unentgeltlich zur Verfügung zu stellen (Wohnungen, Gesundheitsdienste, Wasser, Gas, Straßenbahn, teilweise auch Bekleidung) wurde die Versorgungslage immer schlechter (Gründe siehe weiter oben).

Das Pajok-System war auch verknüpft mit der Einschränkung der freien Märkte. Trotz des Aufbaus staatlicher Verteilstellen und der offiziellen Absicht, freie Märkte zu beseitigen, wurden diese ziemlich lange geduldet und als Versorgungsergänzung gesehen. Solange Geld kursierte und die staatlichen Verteilungsstellen nicht ausreichend Güter anbieten konnten, war es naheliegend, dass sich Märkte bildeten. Auf diesen boten die Bauern ihre Überschüsse an, also Lebensmitteln, die sie selbst nicht benötigten und den staatlichen Abgabeverpflichtungen vorenthielten.
1920 wurden dann alle freien Märkte strikt verboten bzw. der Schleichhandel mit der Androhung von hohen Strafen verfolgt. Die Bedeutung der freien Märkte hatte allerdings zu dieser Zeit schon stark abgenommen. Mit der Hyperinflation des Rubels und dem Übergang auf das Pajok-System (- die Lebensmittelkarten konnten nur bei den staatlichen Stellen eingelöst werden -) gingen den freien Märkten mit der Zeit die Kunden verlustig. Anfang 1921 war es dann nur mehr möglich, sich mit Lebensmittelkarten Güter bei den staatlichen Verteilstellen zu besorgen.

2.1.4.2 Landwirtschaft

Den Großteil der Bevölkerung Russlands stellten die Bauern. Die Mittelbauern, Kleinbauern und Landarbeiter standen den revolutionären Ereignissen vorerst nicht unfreundlich gegenüber, denn sie erwarteten sich Vorteile aus der Kampfansage der Revolutionäre an Großgrundbesitzer und Großbauern.
Tatsächlich wurde eine Landreform mit einer Landzuteilung an Kleinbauern und Landlose durchgeführt. Infolge der Aufteilung von Großbesitz kam es zu einer weiteren Zersplitterung der landwirtschaftlichen Bearbeitungsflächen und einer Zunahme der Subsistenzbewirtschaftung (Anbau nur für den Eigenbedarf).
Die Zerschlagung feudaler Strukturen und die Aufteilung von Land waren schon vor der Oktoberrevolution von 1917 relativ weit gediehen, deshalb fiel der Landzuwachs für die Kleinbauern relativ gering aus (20%).

Die meisten Bauern verhielten sich danach misstrauisch gegenüber den weiteren geplanten Reformen der Bolschewiki. Die Kollektivierung der Landwirtschaft, mit gleichzeitiger Zusammenlegung von Betrieben oder Übernahme von Großbetrieben, fand vorerst nur sehr spärlich statt. Dennoch befürchtete ein Großteil der Bauern eine größer angelegte Kollektivierung, was ihre passive Resistenz verstärkte und der Versorgung der Bevölkerung, vor allem der Stadtbevölkerung, schadete.
Obzwar die Bolschewiki ab 1918 verstärkt damit begannen, die Bauern für eine „Sozialisierung“ der Landwirtschaft zu agitieren, gelang es nicht, die Bauern für Kommunen zu begeistern. Die bestehenden Kolchosen (landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften) und Sowchosen (staatliche Mustergüter), die als vorbildliche Beispiele dienen sollten, funktionierten mangels Produktionsmittel mehr schlecht als recht. Die Agitation, welche die Bauern zu einer freiwilligen Kollektivierung bewegen sollte, scheiterte.
Die Bolschewiki scheuten vor Zwangskollektivierungen, schon gar vor Enteignungen zurück, da sie in der Zeit des Bürgerkriegs nicht auch noch einen Krieg gegen die Bauern führen wollten – sie wussten, dass den Bauern nur gegen heftigsten Widerstand eine Kollektivierung aufgezwungen werden konnte.
Auch die Absicht der Bolschewiki, mit dem Verbot der freien Märkte (Anfang 1920), der Verschärfung der Zwangsablieferungen an das Narkomprod (Volkskommissariat für Verpflegung, Ernährung und Nahrungsmittelversorgung) und der Bildung von „Saatkomitees“ die Nahrungsmittelversorgung zu planen und zu verbessern, erzielte nicht die gewünschten Resultate. Für die Zwangsablieferungen wurden zwar Entgelte bezahlt, stellten aber aufgrund der geringen Höhe des Entgeltes keinen Anreiz für eine Erhöhung der Produktion dar. Für die Zwangsablieferungen blieb immer weniger übrig, da die Bauern vermehrt zur Eigenbedarfsdeckung übergingen. Etwaige Überschüsse wurden im Schleichhandel, der mit der Abschaffung der freien Märkte zunahm, verkauft.
Ende 1920 bekamen auch die bis dahin relativ gut versorgten Soldaten der Roten Armee den Mangel an Nahrungsmitteln voll zu spüren. Diese führten daraufhin selbst die Eintreibung der Zwangsablieferungen, oft in Form von Plünderungen, durch. Dies verschärfte den Widerstand der Bauern und es kam zu Bauernaufständen.
Als eine Missernte 1920 die verheerende Nahrungsmittelsituation, vor allem in den Städten, noch weiter zuspitzte, wurden auch das städtische Proletariat und die Soldaten unruhig. Das war der Auslöser, die Politik des Übergangs zum Kommunismus zu revidieren.
Die Bildung der Saatkomitees (Ende 1920) war der letzte Versuch, in der Phase des Kriegskommunismus die Bauernwirtschaften in einen staatlichen Versorgungsplan einzubinden: Jeder Bauer hatte einen Teil seines Landes an den Staat abzutreten und für staatliche Bedürfnisse zu bebauen. Auf die endgültige Durchsetzung dieser Verstaatlichung wurde schließlich aufgrund der massiven Widerstände und der Verkündung der NEP verzichtet.

Zusammengefasst können folgende Gründe für die Misere in der Landwirtschaft angegeben werden:
- Der Krieg und die Blockade trugen viel dazu bei, die Nahrungsmittelversorgung zu verschlechtern. Gerade die Kornkammern des Landes waren Kriegsgebiet.
Verschärft wurde die Lage in diesem Bereich
- durch die inkonsequente Politik der Bolschewiki, den Mittel-, Kleinbauern und Landlosen einerseits Besitz als marktwirtschaftliches Eigentum zukommen zu lassen und sie damit in ihrem „Schollendenken“ noch zu bestärken, andererseits von ihnen aber die „Sozialisierung“ ihrer Produktion und schließlich auch ihres Bodens zu verlangen.
- Die schlechte Ausstattung mit Produktionsmitteln (z.B. Traktoren) und die schon mehrmals erwähnten mangelhaften Transportmittel trugen ebenfalls dazu bei, die Lebensmittelversorgung zu einer Dorfversorgung und schließlich weitgehend zu einer Eigenversorgung verkommen zu lassen.

2.1.4 Die Umgestaltung – – – – – – – – – – – – – – – 2.1.4.1 Industrie

Gleich nach der Machtergreifung der Bolschewiki wurde die Verstaatlichung der Großbetriebe in Angriff genommen. (Einige Betriebe waren schon vor der Oktoberrevolution nationalisiert worden.) 1920 war dann auch das Kleingewerbe (mit Ausnahme reiner Familienbetriebe) nationalisiert. Die Verstaatlichung sah so aus, dass die Besitzer großer Betriebe entschädigungslos enteignet wurden, zur Leitung der Betriebe Fabrikskommmissionen, bestehend aus Arbeitern und bolschewistischen Vertrauensleuten, eingesetzt, und die wirtschaftliche Gebarung dem Obersten Volkswirtschaftsrat (WSNCh) und seinen Unterabteilungen unterstellt wurden.
Das ist nicht mit einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu verwechseln, da es sich bei der Verstaatlichung um einen Übertrag eines in Geld bewerteten Eigentumstitels handelte und gewisse Teile der Produktion sehr wohl in privater Hand blieben (zum Unterschied zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung siehe weiter unten im Kapitel „Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung“).
Bis Mitte 1918 ging die Verstaatlichung der Betriebe sehr zögerlich voran, da vor allem Lenin es als wesentlicher erachtete, die Führung der Schlüsselindustrien und -betriebe mit Arbeiterkontrollräten zu besetzen, als die Eigentumsverhältnisse anzutasten. Insofern nannte N. Ossinskij, einer der Gestalter der Ökonomie nach 1917, sein Programm „Staatskapitalismus“. Dies ist bezeichnend dafür, dass die Betriebe vorerst kapitalistisch, d.h. unter Beibehaltung von Kosten (z.B. Lohnkosten), Erträgen und Gewinnen, geführt wurden.
Die forcierte Verstaatlichung begann ab Mitte 1918. Einerseits war dies eine Reaktion auf den Bürgerkrieg in der Sowjetunion. Es mussten die vorhandenen Ressourcen der Produktion unter die Kontrolle und Vorgaben des bolschewistischen Staates gebracht werden, um sich unabhängig von kapitalistischen Kalkulationen und Gegenreaktionen zu machen.
Die Enteignungen großer Fabriken wurden meist unter dem Titel „Sabotage verhindern“ vollzogen, und J. Larin, einer der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung der neuen Ökonomie, musste Lenin mit dem Argument überzeugen, dass damit verhindert würde, dass „sich die Deutschen zu Herren der russischen Industrie aufschwingen“. (12) (Mit dem Separatfrieden wurden den Deutschen auch verstärkte Zugriffsmöglichkeiten auf die russische Wirtschaft eröffnet.)
Außerdem kam das auch einigen radikaleren Bolschewiki entgegen, denen der Weg Lenins zum Kommunismus über einen staatlich kontrollierten Kapitalismus zu langwierig erschien.

Die Verstaatlichung der Industrie und des Gewerbes wurde bis Ende1920 forciert und umfasste dann große Bereiche der Gesamtindustrie. Die Verwaltung der größeren Betriebe wurde zu so genannten „Glawki“ und „Zentri“ zusammengefasst. Vertikale Dachgesellschaften („Trusts“) schlossen Betriebe gewisser Sektoren (z.B. Textil, Kohle, Kleinbetriebe / Hausindustrie etc.) zu einer Wirtschafts- und Planeinheit zusammen. Die Betriebe sollten durch einen Plan vom Obersten Volkswirtschaftsrat ihre Aufträge und Betriebsmittel zugewiesen bekommen. Dieser Plan kam allerdings in der Zeit des Kriegskommunismus nie zustande. Die Verwaltungsbehörden mühten sich vielmehr ab, die Produktion halbwegs aufrechtzuerhalten, indem sie (laut L. Kricman, Statistiker des Kriegskommunismus) versuchten, Mittel, die zumindest auf dem Papier zur Verfügung standen, „schlagartig und stoßweise auf die bedrohtesten Punkte zu konzentrieren.“ (13)

Die Betriebe rechneten weiterhin mit Rubelpreisen. Auch wenn diese von der Verwaltungsbehörde festgesetzt wurden, so mussten die Betriebe in Rubel bilanzieren und bekamen für die an die Planbehörde abgelieferten Güter auf ihren Verrechnungskonten Gutschriften gebucht.
Der Zustand der Rechnungsführung entsprach dem der Planbehörde. Bezeichnend dafür ist folgende Stellungnahme eines entnervten Funktionärs:
„Kein einziger Glawk, nicht ein einziges Zentr verfügt über zureichende und erschöpfende Daten, die es ihnen ermöglichen würden, zu einer echten Regulierung der Industrie und der Produktion des Landes überzugehen […]
Die Rechnungsführung erfolgt ungenau, und es kommt vor, dass 80 bis 90 Prozent der erfassten Rechnungsposten der Kontrolle der zuständigen Organisation entgehen. Die Posten, die unverbucht bleiben, werden zum Gegenstand wilder und zügelloser Spekulationen und wandern Dutzende von Malen von Hand zu Hand, bis sie schließlich den Verbraucher erreichen.“ (14)
Die Spekulationen nahmen nach 1918, aus dem das Zitat stammt, insofern ab, da die freien Märkte offiziell abgeschafft wurden. Allerdings gelangte dann ein nicht unbeträchtlicher Teil in den Schleichhandel.

Es wurden Löhne gezahlt, die eine Belastung des den Betrieben zur Verfügung gestellten Kredits darstellten. Insofern entfielen auch manchmal die Lohnzahlungen, und der Staat musste mit weiteren Krediten aushelfen. Als die Geldzirkulation und damit das Geldsystem kollabierte (dazu weiter unten), ging man auf Naturalentlohnung über. Außerdem wurde in Erwägung gezogen, die durch den Kollaps in Mitleidenschaft geratene Verrechnung der Betriebe mit der Erfindung einer neuen Verrechnungseinheit („Tred“) zu retten. Dazu kam es aber nicht mehr, da ab 1921 die Wirtschaft des Landes mit der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP, russisch NEP) anders organisiert wurde.
Die Produktion der Industrie und des Kleingewerbes sank von 1918 bis 1921 in erschreckendem Ausmaß – durchschnittlich um 80% verglichen mit 1913 (mit einer Streuung: z.B. 60% in der Naphtha-Produktion und 97% (!) bei der Gusseisenproduktion), und selbst verglichen mit 1917 auch um immerhin durchschnittlich 70%. (15)

Welche Gründe sind dafür anzugeben? Vorerst solche, die vorgegeben waren:
- Der Krieg, der viele Mittel verschlang, die für den Aufbau notwendig gewesen wären, und der eine Konzentration aller Kräfte auf die Produktion nicht zuließ,
- in diesem Zusammenhang auch die Rekrutierung von potentiellen Arbeitskräften für die Rote Armee und die Stadtflucht der von Hunger geschwächten Stadtbevölkerung, was die Ausbringung der nicht sehr maschinenintensiven Industrie weiter schwächte,
- die Wirtschaftsblockade, welche den Import notwendiger Güter verunmöglichte,
- die unzureichend vorhandenen Transportmittel, die während des Krieges außerdem hauptsächlich von der Roten Armee in Anspruch genommen wurden.
Schließlich auch Gründe, die der Politik der Bolschewiki geschuldet waren:
- Die Beibehaltung der Geldverrechnung zwischen den Betrieben und der Planbehörde und die damit verbundene Unterwerfung der Gebrauchsgüterplanung unter den Gesichtspunkt von Kosten und Erträgen.
- Die schon damals auftretenden Probleme der „richtigen“ Preisbestimmung.
(Die Beibehaltung einer Verrechnung mit – wenn auch fiktiven – Preisen verursachte eine Rechnungsführung, die der Oberste Volkswirtschaftsrat nicht in den Griff bekam und außerdem den oben erwähnten Spekulationen Vorschub leistete.)
- die Besetzung der Betriebsleitungen mit Arbeitern (was zum Teil der Ideologie der „Diktatur des Proletariats“ geschuldet war), denen oftmals eine zureichende Ausbildung fehlte.