DIE BEDÜRFNISORIENTIERTE VERSORGUNGSWIRTSCHAFT (BVW)

Das in diesem Online-Buch vorgestellte Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell einer „bedürfnisorientierten Versorgungswirtschaft“ wird sich der Bezeichnung als Utopie nicht entziehen können, obwohl es nicht bloß Utopie sein soll. Trotz dieses Anspruches, ein realisierbares Modell zu präsentieren, kann dieses nicht als „dogmatisch wahr“ bezeichnet werden. Der Modellentwurf ist nicht die Beschreibung bestehender Wirklichkeit und auch keine wissenschaftliche Prognose, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen wird. Sollte in mehr oder weniger ferner Zukunft die Marktwirtschaft durch eine andere Wirtschaftsform abgelöst werden, so liegt es an den Beteiligten, sich auf die Organisation einer menschenfreundlichen Ökonomie zu einigen. Die Ausführungen zur „bedürfnisorientierten Versorgungswirtschaft“ können dafür überlegenswerte Anhaltspunkte bieten.

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INHALTSVERZEICHNIS

VORBEMERKUNGEN

Vorbemerkungen zur zweiten Auflage

EINFÜHRENDER LEITFADEN

Teil 1: Kritik der Marktwirtschaft
Teil 2: Das alternative Modell
Teil 3: Frühere alternative Modelle und realisierte Versuche
Ergänzende Bemerkungen

DIE NOTWENDIGKEITEN EINER UNNÖTIGEN ÖKONOMIE

1 Privateigentum und Geld
2 Geld und Profit
3 Konkurrenz um den Profit
4 Konkurrenz um den Arbeitsplatz
5 Geld als Kredit
6 Kredit als Spekulation
7 Resümee
Ergänzende Bemerkungen

DAS ELEND DER MARKTWIRTSCHAFT

1 Armut
2 Arbeit
2.1 Der schlechte Ruf der Arbeit in der Marktwirtschaft

2.2 Moderne Arbeit
3 Gesundheit
4 Umwelt
5 Krieg und Frieden
6 Resümee

DER STAATLICHE UMGANG MIT DER MARKTWIRTSCHAFT UND DEREN ELEND

1 Grundsätzliches zum bürgerlichen Staat
1.1 „Wer“ ist der bürgerliche Staat?

1.2 Charakteristika des bürgerlichen Staates
1.3 Der funktionale Umgang mit den Staatsbürgern
2 Menschenfreundliche (soziale) Marktwirtschaft?
2.1 Die Reduzierung der „Normalarbeitszeit“
2.2 Was ist von staatlicher Politik zu erwarten?
2.2.1 Armut / Wohlstand
2.2.2 Arbeit
2.2.3 Gesundheit
2.2.4 Umwelt
2.2.5 Krieg und Frieden
2.3 Das Verhältnis des Bürgers zu Staat und Marktwirtschaft
3 Resümee

GRUNDRISS DER BVW

1 Zwecke der BVW
2 Voraussetzungen der BVW
2.1 Vergesellschaftung der Produktionsmittel

2.2 Gemeinsamer Wille
2.3 Hohes Niveau der Technologie
2.4 Überregionale Durch- und Umsetzung der BVW
3 Ausgangspunkt: Erfassung der Bedürfnisse und des Bedarfs
4 Planung der Produktion und Leistungserstellung
4.1 Aufgaben der Planungskomitees
4.2 Mitarbeiter der Planungskomitees
4.3 Vielfältigkeit der Güter
5 Produktion von Gebrauchswerten
5.1 Vergesellschaftung (versus Privateigentum)

5.2 Gebrauchswert ( versus Tauschwert)
5.3 Planzahlen
5.4 Qualität
5.5 Produktivität
5.6 Einhaltung der Liefertermine
6 Arbeit (und Zuteilung) in der BVW
6.1 Zweck der Arbeit

6.2 Planung der Arbeit
6.3 Angenehme Arbeitsbedingungen
6.4 Arbeit und Zuteilung
6.4.1 Zuteilungsstufen (Dreistufenmodell)
6.4.1.1. Grundstufe (Grundanspruch)
6.4.1.2. Allgemeinstufe (Allgemeinversorgung)
6.4.1.3. Sonderstufe (Sonderversorgung)
6.4.2 Bewertung der Arbeit
6.4.2.1. Schwere der Arbeit
6.4.2.2. Zulauf zu bestimmten Arbeiten
6.4.2.3. Ausführung der Arbeit
6.4.3 Arbeitszeiterfassung
6.5. Mögliche Schwachpunkte des Arbeits- und Zuteilungsmodells?
6.6 Andere Güterzuteilungsmodelle
6.6.1 Geldzirkulationsmodell
6.6.2 Arbeitsgeldmodell
6.6.3 Fixkreditmodell
6.6.4 Mehrstufenmodell
6.6.5 „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“
6.6.6 Resümee Zuteilungsmodelle
7 Zuteilung
7.1 Zuteilungssystem
7.2 Information
7.3 Chipkarte
7.4 Nutzungsdauer
7.5 Spezielle Güter und Leistungen
7.5.1 Dienstleistungen
7.5.2 Wohnungen
7.5.3 Speisepavillons / Nachtarbeit
7.5.4 Haushaltsarbeit
7.5.5 Kunst und Sport
8 Ausbildung
9 Gesundheit
10 Umwelt
11 Politik
11.1 Die (politischen) Gremien
11.2 Verbindliche Regelungen
11.3 Sicherheit und Beurteilungsinstanzen
11.4 Informationen
12 Ethik
12.1 Erstes Beispiel: Anerkennung der Person
12.2 Zweites Beispiel: Gleichberechtigung
13 Außenhandel, Außenpolitik

DER ÜBERGANG

1 Überzeugungsarbeit
2 Stichworte zum Umbruch
3 Die Umgestaltung
3.1 Erste Phase
3.1.1 Politik
3.1.2 Ökonomie
3.1.3 Arbeit
3.1.4 Gesundheit
3.1.5 Ausbildung
3.2 Zweite Phase
3.3 Dritte Phase

DIE GEGNER DER BVW (UND IHRE ARGUMENTE)

1 Der (erfolgreiche) bürgerliche Staat
2 Nutznießer der Marktwirtschaft
3 Charakter des Menschen
3.1 Erziehung
3.2 Homo homini lupus
3.3 Die Vernunft des Menschen
3.4 Arbeitsmoral
3.5 Konkurrenz
4 Ökonomie
4.1 Planung
4.2 Knappheit
4.3 Geld und Preis
4.4 Sowjetökonomie – „Realer Sozialismus“
5 Demokratische Werte
5.1 Freiheit
5.2 Individualität
5.3 Freie Wahlen
6 Tugend

DIE ALTERNATIVE GESELLSCHAFT ALS UTOPIE

1 Thomas Morus – „Utopia“
1.1 Erstes Buch (Kritik)
1.2 Zweites Buch (Modell)
1.3 Resümee

2 Edward Bellamy – „Looking Backward“
2.1 Kritik der Marktwirtschaft
2.2 Die neue Gesellschaft
2.3 Resümee

DIE NICHT-UTOPIE: DER WISSENSCHAFTLICHE SOZIALISMUS

1 Kritik am Kapitalismus
2 Das Programm
3 Wissenschaft statt Utopie
4 Historischer Materialismus
5 Resümee

REALISIERTE VERSUCHE ALTERNATIVER ÖKONOMIEN

1 Vorspann: Die Reduktionen in Paraguay
1.1 Errichtung
1.2 Versorgungswirtschaft
1.3 Resümee

2 Der Kriegskommunismus und der Reale Sozialismus
2.1 Der Kriegskommunismus
2.1.1 Kritik an der Marktwirtschaft
2.1.2 Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft
2.1.3 Die Voraussetzungen des Übergangs zum Kommunismus
2.1.4 Die Umgestaltung
2.1.4.1 Industrie

2.1.4.2 Landwirtschaft
2.1.4.3 Arbeit und Verteilung
2.14.4 Geld
2.1.5 Der Abbruch
2.1.6 Resümee
2.2 Der Reale Sozialismus
2.2.1 Die Etablierung des Sozialismus – Aufstieg zur Weltmacht
2.2.2 Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung
2.2.3 Revidierte Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft?
2.2.4 Vom Sozialismus zum Kommunismus
2.2.5 Ausnutzung der Ware – Geld – Beziehung
2.2.6 Die staatlich dirigierte Warenwirtschaft
2.2.7 Anmerkungen zum politischen System / Stalinismus
2.2.8 Resümee

3 Der Dritte Weg – Volksrepublik China
3.1 Maoistisch sozialistische Ära
3.1.1 Die Gründung des „roten“ China

3.1.2 Maoismus
3.1.3 Entwicklung bis Maos Tod
3.1.4 Resümee
3.2 Postmaoistische Ära
3.2.1 „Sozialistische Warenwirtschaft“ (ab 1978)
3.2.2 „Geplante Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ (ab 1984)
3.2.3 „Sozialistische Marktwirtschaft“ (ab 1994)
3.2.4 Resümee

SCHLUSSBEMERKUNG

LITERATURANGABEN

ANHANG


4 Antworten auf “DIE BEDÜRFNISORIENTIERTE VERSORGUNGSWIRTSCHAFT (BVW)”


  1. 1 Administrator 15. Januar 2009 um 10:55 Uhr

    Rezension:

    „Ihr sollt Euch ein Bild machen – die Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft. Social Innovation Network, Sonntag, 11. Januar 2009″

    Diesen fünften Punkt untersucht Alfred Fresin in seinem Buch “Die Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft“, das nun überarbeitet in einem Weblog der Debatte offen steht, gekonnt und für die Leserinnen und Leser mit Gewinn.

    Gekonnt deshalb, weil der Autor in einer Detailliertheit, die man selten findet, auf die Frage antwortet: Ja, aber wie soll eine nicht-kapitalistische Gesellschaft denn aussehen? Ist sie überhaupt denkbar? Mit Gewinn tut Fresin das, weil sein Bild der nicht-kapitalistischen Gesellschaft die Fragestellung, wie eine solche Gesellschaft unserer Meinung nach gestaltet werden könnte, diskutierbar macht. Fresins Kritik des Kapitalismus ist dabei ebenso zutreffend, systematisch und nachvollziehbar argumentiert wie er vermeintliche Alternativen – allen voran den Sowjetsozialismus – mit Sachverstand analysiert, zugleich historische Erfahrungen nicht-kapitalistischer Produktionsweisen untersucht und daraus seine “Do’s and Dont’s” für ein Leben nach dem Kapitalismus gewinnt.

  2. 2 sylykone 12. Mai 2009 um 14:11 Uhr

    Kurzrezension der Printversion: Alfred Fresin, Die bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft

    Das Buch will der Ablehnung einer rationellen Kapitalismuskritik und des darin implizierten Aufrufs zur Revolution entgegentreten, die in der scheinbar unschuldigen Frage steckt, ob wir denn eine Alternative zu bieten hätten und ob die überhaupt funktionieren könne.
    Leider tritt das Buch dem in der Weise entgegen, dass es die Forderung nach dem Ausweis der Alternative zu erfüllen versucht. Hier wird also einmal so richtig ausgebreitet, wie man sich die Zukunftsgesellschaft vorstellen könnte, inwiefern die Abschaffung der Ausbeutung schon möglich sei – und das unter Berücksichtigung aller antikommunistischen Bedenken gegen die Möglichkeit einer solchen Wirklichkeit. Das Buch ist ein Fall von verkehrter Beantwortung dieser Frage. Das eingehen darauf relativiert die enthaltene Systemkritik.

    Das Buch, das mit viel Mühe und Fleiß aisgebreitet wird, verfälscht manche der Auskünfte, die erkennbar aus dem Umkreis Gegenstandpunkt (GSP) / Marxistische Gruppe kommen. (Zur Verkehrtheit der Absicht wurde das Wesentliche schon aufgeschrieben: Leserbriefantwort, Warum wir nicht …“ S. 64-71 GSP 1/04: http://gegenstandpunkt.com/gs/04/1/lb-plan.htm)

    1. Die unschuldige Frage – „Kritik am Kapitalismus, Aufzählung seiner Schattenseiten o.k. Aber wie soll’s denn anders gehen?“ – weist die scheinbar akzeptierte Kritik in vollem Umfang zurück.

    Wer so fragt, lässt die angegebene Kritik der kap. Gesellschaft und die mit ihr gegebene Erklärung der Notwendigkeit von Armut, Verschleiß, Naturzerstörung usf. nicht gelten. Schließlich wird damit ja gesagt, WAS anders gemacht werden soll: Kapitalismus ist eine Ausbeutungsgesellschaft, gegründet auf die überlegene und unantastbare Gewalt des Staates, der die Macht des Eigentums setzt und schützt. Im Kapitalismus arbeiten die meisten nicht für sich und ihren Lebensunterhalt, sondern für den nie befriedigten Reichtumszuwachs der Reichen. Wer das einsieht und davon überzeugt ist, dass er ausgebeutet wird, fragt nicht, ob das wohl naturnotwendig oder gar so vorteilhaft für ihn sei, dass er es besser nicht gegen ein noch gar nicht erprobtes Modell austauscht. Er weiß, dass er den Kapitalisten mit ihrem Eigentum die Kommandomacht über die gesellschaftliche Reproduktion wegnehmen muss, um sie für sich und Seinesgleichen zu nutzen.

    Wir haben es bei der Frage nach der Alternative mit einem Erziehungserfolg bürgerlicher Ideologie, dem popularisierten Systemvergleich der VWL zu tun. In ihm wird nicht mehr gefragt nach dem Begriff und Zweck der kap. Einrichtungen, vielmehr werden sie definiert über ihr Funktionieren für anderes, letztlich für Güterproduktion und Versorgung.
    Mit der Frage nach der Alternative gibt man zu erkennen, dass man sich eine Gesellschaft ohne Eigentum, Geld, Kapital, Markt „realistischerweise“ gar nicht vorstellen kann. Wer so fragt, hält den Kapitalismus für eine – wenn auch kritikable, so doch immerhin funktionierende – Lösung des Problems „eine Arbeitsteilung zu organisieren“ und Eigeninteresse und Dienst am Allgemeinen zusammen zu spannen.
    Damit hat man die falsche Gemeinsamkeit mit dem Sozialismus: Auch die Zentralverwaltungswirtschaft löst die grundlegenden Probleme komplex arbeitsteiliger Gesellschaften – aber eben schlecht. Der Vergleich tut dem Kommunismus, der die Herrschaft der Bourgeoisie stürzt, die zweifelhafte Ehre an, auch ein Modell zur Lösung des Problems arbeitsteiliger Gesellschaften zu sein; zieht ihn also auf dieselbe Ebene wie den Kapitalismus: Wenn man die Zwecke beider Gesellschaftsformationen weglässt, sind sie Methoden desselben.

    Die Aufgabe von Systemkritik ist deshalb , bei den ökonomischen Produktions- und Austauschverhältnissen und den in ihnen tobenden Konflikten stets Grund und Zweck herauszuarbeiten und bei allem Funktionieren des Systems deutlich zu machen, dass da ein ausbeuterischer Zweck, ein herrschendes Interesse System geworden ist. Das Buch BVW tut das Gegenteil. Es führt den Systemvergleich der VWL mit umgekehrten Vorteilen durch. Dadurch erscheint der Kapitalismus dann tatsächlich nicht mehr als das System der Herrschaft des Kapitals über die Gesellschaft, das die herrschende Klasse zu Recht als ihre Sache und ihr Interesse vertritt und mit aller Gewalt verteidigt, sondern als schlechtes ökonomisches Modell zur Versorgung der Bevölkerung. Die BVW als das bessere Modell.
    2. Der schöne Zukunftskommunismus gerät zur Vision der Verwirklichung bürgerlichen Sozialideale und einer vollendet gerechten Arbeitsgesellschaft.
    Das Buch hat die Absicht, antikommunistische Einwände auszuräumen, indem man die Forderung nach einer Alternative als Maßstab der Beurteilung einer kommunistischen Gesellschaft akzeptiert..

    Dies führt erstens zum etwas kindgemäßen Ausmalen, wie schön der Kommunismus werden könnte; Bilder und Vorstellungen, die niemand bräuchte, der die Kritik an der Subsumption von Produktion und Reproduktion unter die Herrschaft von Geld und Kapital versteht und teilt.

    Und zweitens zur Fiktion eines weisen und sorgenden Aufsehers, der der Welt lauter gute Gesetze gibt, Imperative vom Stapel lässt und festlegt, was als Wesen der neuen Ordnung auch für die Beteiligen unverrückbar vorgegeben sein wird und was „gesellschaftlicher Diskussion überlassen werden kann“, dies ist nicht nur lächerlich, es hat mit der Sache zu tun.

    Das Bild der gerechten Zumessung von Leistung und Belohnung unterstellt eine Obrigkeit, die diesen entscheidenden Akt nach den Verfassungsgrundsätzen der BVW vornimmt. Totalkontrolle per Chipkarte, Zulassung zu bzw. Aussperren von Magazinen der Normal- und Sonderversorgung, Vorkehrungen zur Verhinderung, dass besser versorgte Bürger die guten Dinge abholen, um sie mit den davon ausgeschlossenen Faulen zu tauschen, „Beurteiler“ statt Richter bis hin zum Gefängnis – all diese schönen Ideen verraten nur eines: Man will vor dem bürgerlichen Urteil, das seine schlechte Meinung von der Menschennatur hat, nicht als Träumer dastehen und Antwort geben können auf die Frage, wie man denn Produktion und Verteilung ohne Geld organisieren könnte, ohne dass dabei der nötige Zwang zur Arbeit zu kurz kommt.
    Die BVW gewährt, teilt zu, verlangt, bestraft – und bugsiert so den mit dieser Ordnung gesegneten Bürger in die Rolle, die er zum eigenen und zum Wohl aller zu spielen hat. Die Versicherung, die diversen Komitees seien nicht mit staatlichen Behörden zu vergleichen – interessierte Bürger dürften ja Verbesserungsvorschläge einreichen, die auch ernst genommen werden müssten –, ist lächerlich und verräterisch. Das Definieren, was eine gute Ordnung dem Bürger schulde und was er ihr schulde, geht von Vorstellungen guter demokratischer Herrschaft aus und misst sich an ihnen. Da werden formelle Verfassungsgrundsätze verkündet und Entscheidungskompetenzen verteilt: Was dürfen, müssen die Arbeitskomitees? Für wie lange werden die Positionen in ihnen an was für Bewerber vergeben? Wann darf die Minderheit durch Abstimmung untergebuttert werden? Ohne jede Distanz werden demokratische Gewaltfragen quasi juristisch vorweg geregelt und sollen dadurch, dass der Stoff, über den die staatsähnlichen Entscheidungsinstanzen befinden, kein antagonistischer mehr ist, selbst keine Herrschaft mehr ausüben.
    Dass es dereinst die Sache derer, die sich auf eine Systemkritik einigen, sein wird, ihre Bedürfnisse untereinander auszustreiten,und herauszufinden wie man die dafür nötige Arbeit am besten macht, kommt nicht oder so gut wie nicht vor. Wenn diese Zukunftskommunisten es überhaupt mit Zeitgenossen zu tun bekommen, die nicht arbeiten wollen (oder nicht so viel, wie allgemein nötig gefunden), dann werden sie prüfen, ob sie die Mithilfe der Unwilligen überhaupt brauchen; und wenn ja, dann werden sie mit diesen in einen Streit um die Ableistung ihres Beitrags eintreten. Das ist weit entfernt von Belohnungs- und Strafsystemen; sogar wo das Buch auf Konflikt und Missbilligung zu sprechen kommt, denkt der Autor nicht ans Ausräumen von Streitfragen, sondern an den –gewaltfreien – Zwang, den gesellschaftliche Ächtung auszuüben vermag, und relativiert damit jede Kritik am Erpressungssystem moderner Lohnarbeit.(s.156). Auf der anderen Seite gerät eben deswegen auch das Bekenntnis zur Gewalt sehr konstitutionell d.h. staatsähnlich: „In Gewahrsam zu nehmen sind Leute, die …“. Man braucht sich doch kein Problem daraus zu machen, dass Kritiker der heutigen Herrschaft sich ihr Projekt nicht von Feinden sabotieren oder sich wieder in alte Herrschaftsverhältnisse zurückbefördern lassen. Solche Versuche unterdrücken sie. Aber das wirkt natürlich nicht werbend auf bürgerliche Freunde, die zweifeln, ob Kommunismus ohne Gulag zu haben sein wird. Auf solche Leute dürfe allerdings auch die an Idealen der Demokratie und des maßvollen Gebrauchs verfassungsmäßiger Gewalt orientierte Schilderung der BVW kaum einladend wirken. Sie wissen sofort, dass Kritiker, die die bürgerlichen Verhältnisse abschaffen wollen, Gewalttäter sein müssen; sie kennen ja ihren Laden!
    3. Die Gelegenheit, die antikommunistischen Gewissheiten, mit denen jede Kritik zurückgewiesen wird, immanent zu kritisieren, wird vertan.
    In Kap. 6, „Die Gegner der BVW“, werden die gängigen Einwände gegen die Möglichkeit einer Alternative aufgegriffen – und nicht wirklich ihres Fehlers überführt. Und zwar aus dem Grund, weil auch diese Einwände immer nur als Stichwort genutzt werden, die Denkbarkeit der gebrauchswertorientierten Alternative zu bekräftigen. Das falsche Argument wird nicht angegriffen und zerlegt, vielmehr gibt sich der Autor Mühe zu zeigen, dass diese Argumente die BVW nicht treffen bzw. mit ihr kompatibel sind. Gegen jeden noch so blöden antikommunistischen Einwand, der Probleme erfindet, die es nur im Weltbild kapitalistischer Jasager gibt, kommt die Replik: In der BVW stellt sich das Problem nicht oder nicht so sehr, oder: In der BVW haben wir längst ein funktionelles Äquivalent für die vermissten kapitalistischen Zwänge vorgesehen.
    - Homo homini lupus: In dieser Gedankenfigur wird die Gegensätzlichkeit der bürgerlichen Privatsubjekte aufgegriffen, von der bürgerlichen Gesellschaft abgelöst und in die übergesellschaftliche Natur des Menschen gelegt. Über ein schlechtes Bild vom Menschen wird der Kapitalismus zur Natur, bzw. zur angemessenen gesellschaftlichen Antwort auf die Natur des Menschen erklärt. Ein billiger Zirkel zum Erzeugen eines Scheins von Notwendigkeit. Der wird nicht angegangen, auch wenn ein paar Widersprüche dieses Menschenbilds angetippt werden; stattdessen wird mit einem Deuten auf die Wirklichkeit (Menschen sind manchmal auch freundlich. Wölfe nicht?) ein anderes Menschenbild propagiert: Menschen richten ihre Feindschaften an einsehbaren Gründen aus. Und in der BVW werden viele der heute üblichen Gründe dafür wegfallen.
    - Arbeitsmoral: Da bei der kapitalistischen Arbeit lauter Gegensätze vollzogen werden, schätzen ihr Anhänger die geltenden Erpressungsverhältnisse und ihre Versubjektivierung in Moral. Man hätte dagegen klarzumachen, dass zweckmäßige Arbeit keine Frage der Moral ist. Aber die Bürger kennen Arbeit eben nur als Privatarbeit mit ihren Gegensätzen oder als unbezahlten Dienst an der Gemeinschaft. Kommunismus erscheint ihnen als vollendeter Altruismus, der natürlich wunderbar wäre: Jeder arbeitet nur noch für die Gemeinschaft und gar nicht mehr für sich. Aber das trauen sie dem Menschen, den sie kennen, nicht zu. Man müsste diese Gedankenfigur angreifen und nicht versichern, dass man an eine arbeitswillige Menschenseele glaubt, die sich unter guten sozialen Umständen äußern würde, bzw. dass man schon über genug Zwangsmittel verfügt, sollte sich der gute Wille doch nicht von selbst einstellen.
    - Ohne Konkurrenz keine Effizienz: Dieses fiktive Problem wird konsequent nicht kritisiert, schließlich ist Konkurrenz überhaupt keine Methode, und schon gleich keine zur Erzwingung von Effizienz bei der Gütererzeugung, sondern der Kampf der Kapitalisten um den Markt. In diesem Kampf beschert nicht der beste Gebrauchswert oder die beste Dienstleistung Erfolg; vielmehr entscheidet der Erfolg im Konkurrenzkampf um einen lohnenden Preis mittels rentabler Arbeitsanwendung darüber, was in welchem Umfang angeboten und verkauft wird, ergo gut und nützlich ist. Unter diesem Stichwort denkt der Autor aber weniger an die Subjekte der Konkurrenz, sondern ausgerechnet an die Konkurrenz der Arbeiter und entdeckt an ihr, dass sie gar nicht den vollen Einsatz der Fähigkeiten des Arbeiters stimuliert; auch Mobbing verhindert die volle Leistung. Er bespricht Konkurrenz; die gar keine Methode ist, als schlechte Methode der Leistungsmotivierung. In der BVW soll das besser werden
    4. Kritik des Realen Sozialismus, damit er nicht mit der BVW verwechselt werde und sein Scheitern nicht die Möglichkeit der BVW beschädige.
    (Dazu das Nötige im Gegenstandpunkt -Artikel 1/04): Man möchte den blöden bürgerlichen Zweifler an der Möglichkeit einer kommunistischen Wirtschaft nicht dadurch für sich einnehmen, dass man sich mit ihm in der Ablehnung der SU und ihres Systems einig wird: Dieser Sozialismus war freilich nichts, aber unserer funktioniert ja auch ganz anders und besser! Tatsächlich – das bringt das Buch – ist der östliche Sozialismus nicht gescheitert, auch nicht an dem, was wir seiner Planwirtschaft an Fehlern und Absurditäten vorrechnen. Er ist abgeschafft worden von den Partei- und Staatsführungen, und zwar weil ihre Planwirtschaft ihnen im Vergleich zum Kapitalismus zu wenig Reichtum für den Staat aus der menschlichen Basis herausholte. Die Reformer haben das Richtige am östlichen System; dass es keine Ausbeutung der Lohnarbeiter sein wollte, keine Drohung mit Arbeitslosigkeit kannte, als die Effizienzbremse verworfen, die dem weltpolitischen Erfolg ihrer Nation im Weg steht. Weder für die Erklärung der weltpolitischen Wende 1989 noch für die Korrektur bürgerlicher Zweifler an der Möglichkeit des Sozialismus ist unsere Kritik an der östlichen Planung mit dem Wertgesetz hilfreich. Diese Zweifler halten ja eher das Richtige am Realen Sozialismus für den Abfall von der ökonomischen Vernunft und für den Beweis, dass so etwas unmöglich lange gut gehen kann.

  3. 3 Administrator 16. September 2009 um 14:54 Uhr

    Antwort auf die obige Kritik von sylykone:

    Ad 1)
    Richtig ist der Hinweis, dass die Einsicht, welch erbärmliche Rolle man im bürgerlichen Staat und dessen Ökonomie spielt, reichen sollte, um ein Interesse zu entwickeln, dieses System abschaffen zu wollen. Dafür bedarf es keines Entwurfs einer Alternative.
    Richtig ist auch, dass viele, welche die Frage nach der Alternative stellen, sich schon vorher den Standpunkt zugelegt haben, dass es eigentlich keine praktikable Alternative gäbe.
    Es gibt jedoch auch Leute, welche ernsthaft an Überlegungen bezüglich möglicher Alternativen interessiert sind und diese Überlegungen auch selbst anstellen („Eine andere Welt ist möglich“). Das Anliegen selbst ist nicht kritikabel, sehr wohl aber die Alternativen, welche sich aus falschen Erklärungen des Kapitalismus ergeben.

    Der vergleichenden Darstellung Marktwirtschaft versus BVW wird vorgeworfen, einen gemeinsamen Zweck beider zu unterstellen, nämlich die „arbeitsteilige Organisation der gesellschaftlichen Versorgung“ und die Marktwirtschaft daran zu blamieren. Dieser gemeinsame Zweck wird aber gar nicht unterstellt. In den Abschnitten über die Marktwirtschaft und den Grundriss der BVW werden die unterschiedlichen Zwecke benannt. Als einzige – inhaltlich ziemlich leere – Gemeinsamkeit bleibt, dass BVW und Marktwirtschaft arbeitsteilige Organisationen der Produktion sind. Insofern ergeben sich auch nicht die unterstellten gemeinsamen Probleme, welche die BVW besser lösen solle. (Das gilt auch für den Vergleich zwischen Realem Sozialismus und BVW.)

    Ad 2)
    Der Vorwurf, der Entwurf der BVW ergehe sich im „kindgerechten Ausmalen, wie schön der Kommunismus werden könnte“ trifft den Inhalt nicht. Jener ist eher für solche Werke wie etwa „News from Nowhere“ von William Morris angebracht. Es geht beim Entwurf der BVW nicht um ein Ausmalen der Schönheiten des Kommunismus, sondern um den Entwurf einer alternativen politökonomischen Organisation, deren Konsequenzen für verschiedene Lebensbereiche und die Unterschiede zur Marktwirtschaft. Selbstkritisch sei angemerkt, dass es nicht notwendig gewesen wäre, sich in der Ausbreitung von Details, wie Hausarbeit, Speiseorganisation, Kunst und Sport zu ergehen.

    Schwerer wiegt die Kritik, dass die BVW ein Abklatsch einer „idealen demokratischen Herrschaft“ wäre. Klar wirkt es „lächerlich“, Prinzipien und Regeln vorzugeben, wie die alternative Gesellschaft politisch gestaltet werden könnte, wenn es doch „Sache derer, die sich auf eine Systemkritik einigen, sein wird, ihre Bedürfnisse untereinander auszustreiten.“ Die Prinzipien und Regeln sollen nichts anderes als Vorschläge hinsichtlich der Verlaufsform des „Ausstreitens“ sein. Unangenehm wäre es allerdings, wenn dauernd ohne Einigung gestritten wird und die Produktion dadurch lahmgelegt wird. Natürlich kann diese Bemerkung wieder als Votum für eine Herrschaft gedeutet werden. Da nützt dann auch der Verweis auf den Unterschied zwischen Herrschaft und Einigung auf Regeln nichts.
    Wobei man sich (siehe letzter Absatz Punkt 2 der Kritik) aus Herrschaft bzw. Gewalt sowieso „kein Problem zu machen braucht“, wenn die „Kritiker der heutigen Herrschaft sich ihr Projekt nicht von Feinden sabotieren oder sich wieder in alte(!) Herrschaftsverhältnisse zurückbefördern lassen. Solche Versuche unterdrücken sie.“ Zuerst wird also gestritten und findet man nicht zueinander wird unterdrückt?!

    Ad 3)
    Nicht nachzuvollziehen ist die Kritik, dass die Argumente der Gegner einer BVW nicht „immanent kritisiert“ würden. Mag sein, dass die immanenten Widersprüche noch deutlicher herausgearbeitet hätten werden können, aber dass das “falsche Argument (der Gegner) nicht angegriffen wird“ stimmt nicht.
    Der Hinweis, dass es Gründe für Feindschaften unter Menschen gibt (diese also keineswegs aus der Natur des Menschen entspringen), wird als „alternatives Menschenbild“ denunziert. Was an dieser Argumentation krumm sein soll, bleibt unklar.
    Auch hinsichtlich der Ausführungen zur „Arbeitsmoral“ wird nicht ausgeführt, wie die „Gedankenfigur“ (der Gegner einer BVW) hätte „angegriffen“ werden sollen.
    Dass „Konkurrenz“ nicht eine Methode der Marktwirtschaft, sondern „Kampf der Kapitalisten um den Markt“ und der Arbeiter um den Arbeitsplatz ist, wird im Abschnitt „Die Notwendigkeiten einer unnötigen Ökonomie“ deutlich gemacht. Im Abschnitt „Die Gegner der BVW und ihre Argumente“ geht es nicht nur um eine immanente Kritik sondern auch um eine Prüfung, ob die Argumente beim Blick auf die marktwirtschaftliche Realität stimmen.

    Ad 4)
    Im Abschnitt über den „Realen Sozialismus“ geht es um die Erklärung, wie dieser funktionierte und um Verweise auf die Unterschiede zu einer BVW. Kommunistenhasser und etliche Zweifler an der Möglichkeit der BVW wird dieser Abschnitt sowieso nicht überzeugen – sie werden ihn gar nicht ernsthaft lesen. Aber vielleicht solche, die sich fragen, ob der Reale Sozialismus die kommunistische Gesellschaft gewesen sei.
    Das „Recht auf Arbeit“ für alle Genossen wurde in der SU tatsächlich durchgesetzt – aber es blieb Lohnarbeit und Ausbeutung der Arbeitskraft – wenn auch anders gestaltet als in der Marktwirtschaft. Dies als „das Richtige am Realen Sozialismus“ zu bezeichnen ist allerdings verwunderlich.

  4. 4 08/16 08. November 2011 um 17:41 Uhr

    Schade, dass Sylykone nie auf diesen letzen Post geantwortet hat.
    Vielleicht gibt es ja jemanden der die Diskussion an seiner Stelle weiterführen möchte?

    Es freut mich sehr, dass dieses Buch mitlerweile im Netz steht.
    Eine wirkliche Errungenschaft, der hoffentlich bald weitere Folgen werden! (=

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