3.2.3 „Sozialistische Marktwirtschaft“ (ab 1994)

Die 90er Jahre brachten weitere Schritte in Richtung „ungeplanter“ Marktwirtschaft – die neue Selbstdefinition der chinesischen Wirtschaft lautete nun „Sozialistische Marktwirtschaft“:
- Die Ablieferungsverpflichtungen der Bauern an den Staat wurden reduziert. Die Waren wurden nun auf freien Märkten und an Betriebe zu Marktpreisen verkauft.
- Die meisten staatlich festgesetzten Preise wurden freigegeben. Dies brachte u.a. erhöhte Preise für Lebensmittel mit sich.
- Die Klein- und Mittelbetriebe wurden zunehmend privatisiert und nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt. Die Kluft zwischen Arm und Reich verschärfte sich, Korruption und Wirtschaftskriminalität nahmen sprunghaft zu.
- Die großen Betriebe wurden von der Gewinnablieferung an den Staat befreit und eine Gewinnbesteuerung wurde eingeführt.
- Der Außenhandel wurde intensiviert. China wurde immer mehr dem Weltmarktkapital geöffnet, Zollschranken und unzulässige Subventionierungen wurden abgebaut (China ist im Jahre 2002 der WTO beigetreten). Dies verstärkte nicht nur Technologieimporte, sondern unterwarf die gesamte Ökonomie (nicht nur die Exportbetriebe) dem Weltmarktpreisniveau.
Vor allem die großen Betriebe müssen sich den Konkurrenzbedingungen des Welthandels stellen und dessen Maßstäbe übernehmen. Rationalisierungen standen und stehen ins Haus, der ehemals sichere Arbeitsplatz und die „eiserne Reisschüssel“ gehören der Vergangenheit an. Der Staat, der nun auf seine Stellung in der Weltwirtschaft zu achten hat, überprüft seinen Staatshaushalt und die Stabilität seiner Währung und überlegt sich, ob er sich noch Betriebe leisten kann, die ständig Verluste machen.
Für eine große Anzahl von Arbeitnehmern bedeutet dies Arbeitslosigkeit ohne soziales Netz. Die Einführung der Marktwirtschaft geht schneller vonstatten als der Aufbau eines Sozialwesens, das bislang an den Restriktionen des Staatshaushaltes gescheitert ist – dies erzeugt bei einer Arbeitslosigkeit von beinahe 25% einiges an Elend.
- Eine Aktienbörse wurde eingerichtet und Aktien großer Betriebe wurden angeboten – noch alles unter staatlicher Kontrolle und Beteiligung, doch mit dem zukunftsweisenden Aspekt, Privatbesitz auch bei größeren Betrieben uneingeschränkt zuzulassen.
- Hongkong wurde heim ins Reich geholt und ohne Änderung der wirtschaftlichen Verfassung dieser marktwirtschaftlichen Handels- und Finanzmetropole in die chinesische Ökonomie eingegliedert.
- Im Jahr 2003 fällt schließlich eines der letzten Relikte des Sozialismus: Die mittlerweile überflüssig gewordenen Fünfjahrespläne werden abgeschafft.

Einerseits gibt es Profiteure der Entwicklung der letzten Jahre, die das „Bereichert euch“ wahr gemacht haben, andererseits eine wachsende Zahl unter das Existenzminimum gedrückter Existenzen, die, wenn vorhanden und möglich, von ihren Familien erhalten werden. Vermehrt wandern sie in Slums ab oder versuchen, mit Diebstahl oder anderen Gelegenheiten an Geld zu kommen.
Ansonsten boomt die Wirtschaft der mittlerweile sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt, und die früher gegenüber China skeptischen Wirtschaftsreporter sind begeistert: „Die Produkte strömen zum einen auf den schnell wachsenden asiatischen Exportmarkt, zum anderen steigt aber auch die Inlandsnachfrage. Allerdings ist der Inlandsmarkt von Konsumgütern und Nahrungsmitteln übersättigt – weshalb die Regierung seit Jahren versucht, die Nachfrage anzukurbeln.“ (9) So kann man es marktwirtschaftlich auch ausdrücken, dass die Chinesen zu wenig kaufen, obwohl das Angebot vorhanden ist. Woran liegt das wohl? Doch nicht daran, dass sie nachfragefaul bzw. kauffaul sind, sondern daran, dass sie zu wenig Geld im Portemonnaie haben. Das chinesische Volk muss wohl noch lernen, sich mit Krediten zu verschulden.


1 Antwort auf “3.2.3 „Sozialistische Marktwirtschaft“ (ab 1994)”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:43 Uhr
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