3.1.4 Resümee

War der Sozialismus zu Zeiten Maos eine Alternative zur Marktwirtschaft?
Eine Alternative war der maoistische Sozialismus in jedem Fall, auch wenn freie Märkte für Lebensmittel geduldet wurden. Dieser Sozialismus war, was die Grundkonzeption betraf, am Realen Sozialismus stalinistischer Prägung ausgerichtet. Dies bedeutete Kollektivierung der Landwirtschaft, Staatseigentum der Industriebetriebe, Planung in Mengen- und Geldgrößen, Lohnzahlungen in Geld, Gewinnverrechnung der Betriebe mit den staatlichen Planungsstellen, Verkauf der Produkte auf Basis festgesetzter Preise und weitestgehende Abschottung vom marktwirtschaftlichen Welthandel. Die Planung war allerdings weniger zentralistisch (also mehr regional) organisiert und die Betriebe wurden erst gegen Ende der Mao-Ära mit der „wirtschaftlichen Rechnungsführung“ gemäß Kennziffern konfrontiert.
Diese Ökonomie hatte dementsprechend mit ähnlichen Problemen wie der Reale Sozialismus zu kämpfen (siehe Kapitel „Realer Sozialismus“).

Wie war es um das „Endziel Kommunismus“ bestellt?
Der Kommunismus wird im Maoismus als Ziel der Revolution erwähnt. Es ist anzunehmen, dass Mao die Vorstellungen der Bolschewiki vom Kommunismus übernahm, diese aber kaum weiter reflektierte oder ausführte und für die Agitation benützte. In seinen Schriften in den Zeiten des „Großen Sprungs“ wird deutlich, dass er die Bildung der Volkskommunen als Schritt zur Einführung des Kommunismus ansah.
Die Volkskommunen, die auch in diesem Sinne gefeiert wurden, waren weit davon entfernt, dem „Endziel Kommunismus“ gerecht zu werden. Wirtschaftlich ineffektive Kleinbetriebe und mangelnde technische Ausstattung beeinträchtigten die Produktionsergebnisse. Die Arbeitskräfte wurden schonungslos ausgebeutet. Sie wurden dafür benützt, die Wirtschaft des Landes „mehr, schneller und besser“ voranzubringen.
„Materielle Interessiertheit“ hatte da keinen Platz, denn nach Mao brächte diese einen „schädlichen Individualismus“ mit sich. Die Zuweisungen an die Arbeitenden in Form von Naturalien und Geld waren dementsprechend bescheiden und das Angebot an kostenlosen kommunalen Einrichtungen, wie Schulen, Krankenhäuser, Altenpflege kein ausreichender Anreiz, dass die Bauern darin eine bessere Alternative zu ihrer Subsistenzbewirtschaftung gesehen hätten. Diesbezüglich werden auch die Ausführungen des „Großen Steuermanns“ zum mangelnden Interesse der Bauern an den Volkskommunen verständlich:
„Bezüglich der Entwicklung der Volkskommunen unseres Landes lohnt es sich, der Frage nachzugehen, ob es bei der Umwandlung des Eigentumssystems […] unter einem Teil der Bevölkerung zu Konfrontationen kommt … Beispielsweise hat die Anwendung (des Prinzips) ‚Jedem nach seiner Leistung‘, ‚Für mehr Arbeit mehr Lohn‘ für sie große Vorteile, sobald man aber zum (Prinzip) ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen‘ übergeht, wird ihnen wahrscheinlich unbehaglich . […] Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen; kaum bieten sich einmal hervorragende Bedingungen, nimmt er prahlerisches Gehabe an.“ (8)
Hätte es wirklich die Absicht gegeben, eine kommunistische Gesellschaft einzurichten, so wäre es nicht damit getan gewesen, das Privateigentum abzuschaffen und Schulungen „sozialistischen Bewusstseins“ zu betreiben. Wie sollten die Menschen von einer neuen Gesellschaft überzeugt werden, wenn die Ausbeutung der Arbeitskraft zunahm, und sich die Versorgung nicht merkbar besserte, sogar verschlechterte? Deshalb hegte Mao eine Abneigung bezüglich der „materiellen Interessiertheit“ der Leute, die er als Behinderung bei der Fortentwicklung des Sozialismus erachtete. Das „sozialistische Bewusstsein“ in Maos Sinne bedeutete, von der individuellen „materiellen Interessiertheit“ Abstand zu nehmen und für das Wohl der Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten.
In einer BVW-Gesellschaft wäre individuelle „materielle Interessiertheit“ und Arbeit für das Wohl der Gemeinschaft kein Gegensatz, und moralische Appelle, sich zu bescheiden und an das große Ganze zu denken, fehl am Platz.
Vorerst sollte sich also die Bevölkerung Chinas bescheiden – wenn die Länder der Ersten Welt eingeholt und überholt wären, dann könnte auch mehr geboten werden. Auch in dieser Hinsicht sind die Parallelen mit dem „Realen Sozialismus“ nicht zu übersehen.

Gab es ökonomische Unterschiede zum Aufbau des Sozialismus in der SU?
Die wesentlichen Unterschiede bestanden darin, dass
- die Kollektivierung der Landwirtschaft – bis auf die kurze Zeit der Volkskommunen – nicht flächendeckend durchgesetzt wurde,
- die Planung von nur ganz wenigen Gütern (wie z.B. Getreide) zentral vorgegeben wurde (für die meisten Güter gab es nur Richtlinien, die an regionale Verwaltungseinheiten weitergeleitet wurden),
- die Betriebe selten zu Großbetrieben oder Kombinaten zusammengefasst wurden, also viele regional verstreute Kleinbetriebe bestehen blieben,
- die „wirtschaftliche Rechnungsführung“ weniger ausgebildet war und
- der Entwicklung der Landwirtschaft ein höherer Stellenwert eingeräumt wurde – dies auch aufgrund der in Relation zum Bevölkerungswachstum recht geringen Anbauflächen.

Was erreichte der chinesische Sozialismus bis Maos Tod?
Chinas entbehrungsreiche sozialistische Entwicklung, die zwar viele Opfer mit sich brachte, ersparte dem Land allerdings das Schicksal eines Entwicklungslandes der Dritten Welt, deren Hungerstatistiken für sich sprechen und mittlerweile Normalität geworden sind.
Als Mao starb, war der Aufbau einer veritablen Industrie gelungen, das Land war relativ autark, vor allem was die Produktion der grundlegendsten Lebensmittel betraf. Der Lebensstandard der Chinesen war bescheiden, die Ernährung vage gesichert (wenn nicht Naturkatastrophen zu Missernten führten), und mit den Jahren konnte eine flächendeckende Gesundheitsversorgung und Schulausbildung gewährleistet werden. Das Land hatte keine Auslandsschulden und kannte keine Finanz- oder Geldkrisen.
Vielfach besteht die Ansicht, dass für die Entwicklung unterentwickelter Länder eher der Sozialismus geeignet wäre und für die Weiterentwicklung dann der Kapitalismus bzw. die Marktwirtschaft – so ähnlich dürften es wohl auch die Nachfolger Maos gesehen haben. Im Hinblick auf die ersten Entwicklungsschritte scheinen die Sowjetunion und China die These zu bestätigen. Der Aufbau einer nationalen Industrie, einer relativ autarken Lebensmittelproduktion und der flächendeckende Einsatz von Arbeitskräften kamen deshalb zustande, da dies der Staat in Eigenregie, abgeschottet vom Welthandel und unabhängig von privatkapitalistischen Kalkulationen, vorantrieb. Es wurden inländische Kapitalinteressen und vor allem auch ausländische Kapitalinteressen entweder überhaupt nicht oder nur an der staatlichen Leine zugelassen. Macht sich ein Entwicklungsland vom ausländischen privaten Kapitalinteresse (mangels inländischem) abhängig, dann kommt so eine Entwicklung in der Regel nicht zustande. Nur wenn an einem Land ein vehementes politisch strategisches Interesse besteht, wird es von der Ersten Welt auch ökonomisch aufgerüstet (wie z.B. Taiwan oder Südkorea).
Eine Entwicklung ganz anderer Art wird mit der Einführung der Marktwirtschaft in einem ehemals sozialistischen Land vollzogen. Viele Gebrauchsgüter des „alten“ Systems werden „wertlos“, und die in Gang gesetzte Akkumulation schafft vermehrten Reichtum auf der einen und Armut auf der anderen Seite. Zudem ist nicht abzusehen, ob solchen „Entwicklungsländern“ jemals das gelingt, was diese anstreben, nämlich wirtschaftlich konkurrenzfähige Staaten der Ersten Welt zu werden.

Hinsichtlich des Versorgungsstandes der Bevölkerung waren die Ergebnisse alles andere als zufriedenstellend gewesen. Was die chinesischen Politiker allerdings mehr störte, war, ähnlich wie in der UdSSR, das Zurückbleiben hinter dem noch immer gültigen Ziel, die Länder der Ersten Welt als ökonomische und politische Macht einzuholen und zu überholen.


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