3.1.3 Entwicklung bis Maos Tod

Ab 1953 wurden grobe Pläne der wirtschaftlichen Entwicklung erstellt. Dabei nahm der forcierte Ausbau der Schwerindustrie eine bedeutende Stellung ein. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde vorangetrieben und die Verstaatlichung von Industriebetrieben in den folgenden Jahren vollendet. Das Verrechnungssystem der Betriebe und das Lohnsystem wurden nach sowjetischem Vorbild (siehe Kapitel „Realer Sozialismus“) eingerichtet und damit auch die (schon beschriebenen) Probleme mitinstalliert.
Die Ähnlichkeiten mit der Aufbauphase der sowjetischen Wirtschaft ab 1929 waren groß. Das chinesische System unterschied sich allerdings in der Stringenz der Durchführung:
- Die Planzahlen waren nur grobe Richtlinien und von einer zentralen Planung konnte kaum gesprochen werden – jede Provinz gab eigene Wirtschaftsdirektiven heraus.
- Jedem Bauer blieb von vornherein eine Privatparzelle für eine Subsistenzbewirtschaftung.
Die Kollektivierung der Landwirtschaft lief auch in China nicht ohne massive Gewaltandrohung und Gewalteinsatz ab. Doch der Widerstand der chinesischen Bauern wirkte sich weit weniger verheerend als jener der russischen Muschiks aus.
- Freie Märkte für landwirtschaftliche Produkte wurden toleriert und den Bauern als Zuverdienstquelle belassen.
Dies u.a. auch deshalb, da zumindest vorerst versucht wurde, die Bauern für den Aufbau der Industrie nicht bluten zu lassen. (Im Laufe der Zeit blieben dann allerdings die Löhne und Preise in der landwirtschaftlichen Produktion in Relation zur städtischen Industrie zurück.)

1957 wuchs die Unzufriedenheit der Parteispitze mit dem Tempo der Industrialisierung, aber auch mit den Ergebnissen der Landwirtschaft. Man wollte schließlich England „in 15 Jahren überholt haben“. Dies erforderte einen „Großen Sprung“ in der Entwicklung der Wirtschaft des Landes. Dieser „Große Sprung“ sollte mit der Bildung von Volkskommunen vorangetrieben werden:
- In den landwirtschaftlichen Gebieten wurden 8.000 – 10.000 Haushalte zu Verwaltungseinheiten zusammengeschlossen, und die Arbeitskräfte mehreren Produktionsbrigaden zugeteilt.
- Wohnung, Kleidung und Nahrung wurden (auf niedrigem Niveau) garantiert.
- Ein Teil des Lohnes wurde in Naturalleistung abgegolten, ein weiterer Teil in Geld.
- Von der Kommune wurden Gemeinschaftseinrichtungen wie öffentliche Speisepavillons, Kinderkrippen, Altersheime, Sanitätsstationen, Fortbildungseinrichtungen, den Mitgliedern kostenlos zur Verfügung gestellt.
Diese Organisation der Ökonomie war ein radikaler Bruch mit dem bis dahin vorhandenen Mischsystem zwischen privaten und genossenschaftlichen Einrichtungen am Lande. Auch wenn dies von Ideologen als Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus gefeiert wurde, so ging es praktisch gesehen um den Versuch, alle Ressourcen des Landes, vor allem die Arbeitskräfte, für die wirtschaftliche Entwicklung intensiver einzuspannen. Unter der Devise „drei Jahre angespannte Arbeit – 10.000 Jahre Glück“ wurden die Produktionsbrigaden in erschöpfende Arbeitseinsätze getrieben, für die als Direktive ausgegeben wurde, dass „eine tägliche Arbeitszeit von 12 Stunden (!) nicht überschritten werden sollte“. Hallen, Straßen, Kanäle etc. wurden mangels technischer Ausstattung quasi in Handarbeit errichtet. Auch kleine Hochöfen für die Stahlschmelze wurden in jeder Kommune angelegt.
Der „Große Sprung“ entpuppte sich mit längerer Dauer als Desaster. Die Arbeitskräfte wurden durch diese Ausbeutung krank und missmutig. Sie vernachlässigten zwangsläufig die Landwirtschaft, was sich in mangelnder Versorgung niederschlug. Letztlich erwies sich die Schaffung von Kleinbetrieben der „Großindustrie“ als uneffektiv, vor allem da es an Kenntnissen der Produzenten und technischer Ausrüstung der Anlagen mangelte. Alle diese Faktoren verursachten dann tatsächlich eine veritable Versorgungs- und Produktionskrise.
Da sich die chinesische Führung bei der Entwicklung der Wirtschaft an der Produktivität der marktwirtschaftlichen Länder der Ersten Welt orientierte, lag es nahe, an den rigorosen Einsatz dessen zu denken, was in großer Masse zur Verfügung stand – nämlich der Arbeitskräfte. Besonders rücksichtslos gegenüber letzteren wurde die Angelegenheit deshalb, da die Entwicklung möglichst rasch, koste es, was es wolle, durchgezogen werden sollte.
Verschärft wurde die wirtschaftlich schlechte Situation noch durch zwei weitere Faktoren:
Erstens kam es zum Bruch mit der Sowjetunion. Einerseits wollte sich China nicht in einer von der Sowjetunion auferlegte Arbeitsteilung wie in dem von ihr eingerichteten COMECON (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe: wirtschaftliche Gemeinschaft der Ostblockländer) fügen, andererseits verweigerte die SU ihre Hilfe bei der Entwicklung einer chinesischen Atombombe und wurde von China bezichtigt, eine friedliche Koexistenzpolitik mit dem imperialistischen Westen zu betreiben. Die sowjetische Hilfe wurde eingestellt und die Berater wurden abgezogen.
Zweitens kam es 1960 durch eine Missernte zu einer weiträumigen Hungersnot.
Schließlich musste Mao aufgrund des Misserfolgs des „Großen Sprungs“ klein beigeben. Dies tat er übrigens mit verblüffenden Eingeständnissen: „Vor dem August letzten Jahres habe ich meine Hauptenergie auf die Aufgaben der Revolution konzentriert, Fragen des Aufbaus gegenüber bin ich absoluter Laie, von Industrieplanung verstehe ich nicht das Geringste […] Tatsächlich gab es einen ganzen Haufen von Aufgaben, um die ich mich nicht gekümmert habe.“ (6)
Letztlich war er der Meinung, dass der Misserfolg auf mangelnden „revolutionärem Geist“ zurückzuführen wäre. Ihm lag das „Bewusstsein der Massen“ immer sehr am Herzen, da er in diesem eine weitere Produktivkraft entdeckte. Sein Eingeständnis war nur mit einem vorläufigen Rückzug verbunden.

Die Volkskommunen wurden daraufhin zwar nicht abgeschafft, aber ihr Kompetenzbereich stark eingeschränkt, die Privatnutzung wieder verstärkt zugelassen, freie Märkte gefördert.
Ähnlich wie in der Sowjetunion gab es in der Zeit der Durchsetzung des Sozialismus eine „rechte“ Fraktion, die mit Zugeständnissen an materielle Interessen der Untertanen die Wirtschaft voranbringen wollte (z.B. Liu Schao-tschi, Deng Xiao-ping). Diese Fraktion setzte in bescheidenem Maße auf die Zulassung von Privatkapital, von freien Märkten, auf Lohnanreizsysteme, auf Eigenverwendung von Gewinnen, auf Privatparzellen der Bauern. Die „linke“ Fraktion (z.B. Mao Tse-tung, Lin Piao) sah darin einen Rückfall in den Revisionismus und die Gefahr, den Kapitalismus in China wieder stark zu machen. Das Volk sollte wieder mehr für den Sozialismus interessiert und eingespannt werden. Mao begann eine Erziehungs- und Kulturbewegung zu lancieren. Seine Strategie war darauf ausgelegt, die „Volksmassen“ wieder für die sozialistische Erneuerung der Gesellschaft zu begeistern und damit auch die rechte Fraktion zurückzudrängen. Obwohl er mit Lin Piao den Armeechef und die Rote Armee auf seiner Seite hatte, riskierte er nicht, die innenpolitischen Gegner, wie Stalin es in der Sowjetunion praktiziert hatte, mit Gewalt auszuschalten.
Diese Erneuerungsbewegung erreichte in den Jahren 1966 bis 1969 mit der so genannten „Kulturrevolution“ ihren Höhepunkt. Linke Kader gruppierten (zumeist junge) Leute in den „Roten Garden“ um sich, die für folgende Inhalte begeistert wurden:
Die alteingesessene Parteibürokratie wäre nicht revolutionär, sie wolle sich mit kapitalistischen Methoden am Volk bereichern. Sie sei überall zu boykottieren und zu kritisieren. Alles, was an die alte Gesellschaft erinnert, sei abzuschaffen.
Wesentlich dabei ist, dass diese Bewegung keine ökonomische, sondern eine politisch moralische Revolution sein wollte und auch war.
Als Beispiel sei eine Erklärung von Radio Peking vom 17. Januar 1967 zum kritisierten „Ökonomismus“ der „rechten“ Fraktion angeführt:
„Verehrte Hörer, wir erläutern ihnen heute, was man unter Ökonomismus versteht. Der Ökonomismus richtet sich gegen den Marxismus-Leninismus und gegen die Lehre von Mao Tse-tung und gehört zur Gänze zum konterrevolutionären Revisionismus. Ökonomismus heißt, den Wünschen eines Teils der Massen, der ideologisch rückständig ist, entgegenzukommen, mit wirtschaftlichen Methoden und mit Bestechung den revolutionären Kampfgeist einzuschläfern und den politischen Kampf der Massen auf den Abweg des Ökonomismus zu führen. Mit anderen Worten, der Ökonomismus fordert das Proletariat auf, ausschließlich für Lohnerhöhungen und Verbesserung der Lebensbedingungen zu kämpfen und nur das vorläufige, persönliche Interesse, jedoch nicht das grundlegende Interesse des gesamten Proletariats auf lange Sicht zu berücksichtigen und den politischen Kampf für den Sozialismus und Kommunismus aufzugeben. Mit einem Wort: Es soll nur der Mammon, jedoch nicht die Politik alles beherrschen […]
Der allgemeine Zusammenbruch einer Handvoll von Parteimitgliedern in Machtpositionen, die den kapitalistischen Weg gehen, und einer verschwindend kleinen Zahl von Starrköpfen, die an der reaktionären bürgerlichen Linie festhalten, hat begonnen.“ (7)
Die Agitatoren prangerten im Namen des Marxismus-Leninismus eine politische Geisteshaltung, bei der es um die „Verbesserung der Lebensbedingungen“ geht, an. Dies verweist auf den Grundtenor des Maoismus, welcher in erster Linie die Stärkung der sozialistischen Moral (des „sozialistischen Bewusstseins“) im Auge hatte.

Die Auswirkungen der Kulturrevolution auf die ökonomischen Verhältnisse waren gering. Die Produktion der Großbetriebe litt fallweise darunter, dass die Roten Garden Störmanöver vor und in den Betrieben durchführten. Die bis zu 50 Millionen Rotgardisten benützten für ihre „Wanderungen“ Verkehrs- und Transportmitteln, die der Ökonomie entzogen wurden. Sie zerstörten oft mutwillig Einrichtungen, die sie dem alten System zuordneten.
Der Versuch, am Lande die Volkskommunen wieder zu stärken und die Privatparzellen einzuschränken, scheiterte am passiven Widerstand der Bauern. Die wenigen Änderungen im ökonomischen System während der Kulturrevolution wurden 1970 wieder rückgängig gemacht.
Als die Roten Garden zum Marodieren übergingen, schritt schließlich die Armee gegen sie ein. So wie die Bewegung von oben angeleiert worden war, wurde sie auch von oben wieder eingedämmt. Politisch gesehen hatte Mao erreicht, dass er und seine sozialistischen Kräfte ihre Position im Politbüro gestärkt hatten, und einige politische Gegner vorerst hinausgesäubert wurden.
Ökonomisch gesehen ging die Kritik am maoistischen Sozialismus weiter – allerdings von der „rechten“ Fraktion. Solange der Große Vorsitzende lebte, noch etwas gedämpft. Schließlich kehrten dann mit dem Tode des „Großen Steuermanns“ 1976 die „rechten“ Pragmatiker in die politischen Spitzenämter zurück.


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