3.1.2 Maoismus

Einen ähnlichen Stellenwert wie Lenin für die Sowjetunion hatte Mao Tse-tung für China. Beide galten und gelten als Wegbereiter der jeweiligen Revolutionen, einerseits was die politischen Kämpfe und andererseits was ihre politischen Schriften (Thesen und Programme) betraf. Im Unterschied zu Lenin griff Mao allerdings noch relativ lange in die Politik der neuen Gesellschaft nach der Revolution ein.
Um das Anliegen der chinesischen Revolution zu verstehen, ist es angebracht, sich mit Maos Verständnis kommunistischer Politik auseinander zu setzen.
Der Ausgangspunkt für sein politisches Engagement war, dass China endlich eine Nation der Chinesen werden und damit seine Abhängigkeit und Knebelung durch ausländische Mächte, vor allem durch die Japaner, abschütteln sollte.
Dieses rückständige Land mit 80% bäuerlicher Bevölkerung und halbfeudalen Verhältnissen hatte, nach der Ansicht Maos, die besten Voraussetzungen, eine wirtschaftlich und politisch starke Nation zu werden:
„China ist eins der größten Länder der Welt, mit einem Territorium fast ebenso groß wie das von ganz Europa. In diesem gewaltigen Gebiet dehnen sich weite Flächen fruchtbaren Bodens (aus), die uns Kleidung und Nahrung geben, ziehen sich kreuz und quer durch das ganze Land große und kleine Bergketten mit riesigen Wäldern und reichen Vorkommen an Bodenschätzen; unsere zahlreichen Flüsse und Seen begünstigen Schifffahrt und Bewässerung; die lange Meeresküste erleichtert uns den Verkehr mit überseeischen Nationen. […]
Die Bevölkerung unseres Landes zählt gegenwärtig 450 Millionen Menschen, das heißt fast ein Viertel der Bevölkerung des gesamten Erdballs […]
Das chinesische Volk ist in der ganzen Welt durch seinen Fleiß und seine Ausdauer bekannt …“ (1)
In den kommunistischen Schriften (vor allem von Marx und Lenin) fand er Erklärungen der gesellschaftlichen Verhältnisse, aber auch den Leitfaden für die möglichen Veränderungen.
Es waren vor allem drei Botschaften, die er dem Marxismus – Leninismus entnahm:
- Der Imperialismus ist das Stadium des Kapitalismus in dessen höchster und letzter Phase.
Mao: Die Feinde Chinas sind also vor allem die ausländischen Kapitalisten.
- Die Geschichte ist eine Abfolge von Klassenkämpfen. Bei den politischen Kämpfen ist auf die Klassensituation Rücksicht zu nehmen.
Mao: China ist eine halbfeudale Gesellschaft. Verbündete im politischen Kampf sind also vor allem die Klasse der armen Bauern, das spärlich vorhandene Proletariat und die spärlich vorhandenen verarmten Kapitalisten (eine verarmte Bourgeoisie).
- Die Geschichte der Klassenkämpfe verläuft nach historischen Gesetzen: Dem Feudalsystem folgt der Kapitalismus, dem Kapitalismus der Sozialismus und letztlich Kommunismus.
Mao: Vorerst ist also eine bürgerlich-demokratische oder „neudemokratische“ Revolution voranzutreiben und als nächste Etappe dann eine proletarisch-sozialistische. Deshalb sind in der ersten Etappe die heimischen Kapitalisten durchaus als Bündnispartner anzusehen, wenn sie gegen das Feudalsystem und die ausländischen Invasoren auftreten.

In der Schrift „Die chinesische Revolution und die Kommunistische Partei Chinas“, die hauptsächlich von Mao 1939 konzipiert wurde, wird der Zweck und das Programm der chinesischen Revolution erläutert. Dieses Programm – nach eigener Definition ein „Lehrbuch“ – diente, ähnlich wie das „ABC des Kommunismus“ von Bucharin und Preobraschenski, als Agitations- und Schulungsschrift.
„Die Aufgaben der chinesischen Revolution: Da die Hauptfeinde der chinesischen Revolution in der gegenwärtigen Etappe der Imperialismus und die feudale Grundbesitzerklasse sind, welches sind dann die Aufgaben der Revolution in dieser Etappe?
Es unterliegt keinem Zweifel, dass ihre Hauptaufgabe darin besteht, Schläge gegen diese beiden Feinde zu führen, dass eine nationale Revolution durchgeführt wird, die darauf gerichtet ist, das Joch des ausländischen Imperialismus abzuwerfen, und eine demokratische Revolution, die darauf gerichtet ist, das Joch der feudalen Grundbesitzer innerhalb des Landes abzuwerfen, wobei die primäre dieser beiden Aufgaben die auf den Sturz des Imperialismus gerichtete nationale Revolution ist.“ (2)
Weiter unten dann:
„Die Perspektiven der chinesischen Revolution: Da die chinesische bürgerlich-demokratische Revolution in der gegenwärtigen Etappe keine gewöhnliche bürgerlich – demokratische Revolution alten Typs, sondern eine demokratische Revolution eines besonderen neuen Typs, eine neudemokratische Revolution darstellt, da sich die chinesische Revolution außerdem in der neuen internationalen Lage der dreißiger, vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die durch den Aufschwung des Sozialismus und den Niedergang des Kapitalismus gekennzeichnet ist, und in der Periode des Zweiten Weltkriegs und der Revolutionen entwickelt, besteht kein Zweifel darüber, dass die Perspektive der chinesischen Revolution letzten Endes nicht der Kapitalismus, sondern der Sozialismus und Kommunismus ist […]
In dem wirtschaftlich rückständigen China wird eine gewisse Entwicklung des Kapitalismus das unvermeidliche Ergebnis des Siegs der demokratischen Revolution sein. Aber das wird nur ein Teil des Resultats der chinesischen Revolution, nicht das Gesamtergebnis sein. Im Ganzen jedoch wird das Ergebnis der chinesischen Revolution sowohl die Entwicklung der kapitalistischen als auch der sozialistischen Faktoren sein. Was sind das für sozialistische Faktoren? Das ist der wachsende politische Einfluss des Proletariats und der Kommunistischen Partei im ganzen Land; das ist die bereits erfolgte oder in Zukunft mögliche Anerkennung der führenden Rolle des Proletariats und der Kommunistischen Partei durch die Bauernschaft, die Intelligenz und die städtische Kleinbourgeoisie; das sind die staatliche Wirtschaft und die genossenschaftliche Wirtschaft der werktätigen Bevölkerung der demokratischen Republik; das alles sind sozialistische Faktoren. Da außerdem die internationale Lage günstig ist, so muss man es für höchst wahrscheinlich halten, dass China im Endergebnis der bürgerlich-demokratischen Revolution den kapitalistischen Entwicklungsweg vermeiden und den sozialistischen Weg einschlagen wird.“ (3)
Bezeichnend für Mao (und auch für andere Kommunisten seiner Zeit) war, dass er die marxistische Kritik des Kapitalismus nicht so sehr als wissenschaftliche Bestandsaufnahme der marktwirtschaftlichen Gesellschaft, sondern vielmehr als Geschichtstheorie betrachtete, welche dem Kapitalismus das nahe Ende und dem Sozialismus eine geschichtlich berechtigte Zukunft einräumte.
Seine Kritik am Kapitalismus lässt sich mit folgenden zwei Thesen umreißen:
- Der Kapitalismus wird von den imperialistischen Mächten zur Ausbeutung Chinas verwendet.
- Dieser hat als gesellschaftliche Entwicklungsstufe eine geschichtliche Berechtigung, ist aber nur Durchgangsstadium zur höheren Stufe der gesellschaftlichen und (für Mao) nationalen Entwicklung, dem Sozialismus und Kommunismus.
Für die praktische Politik folgerte er daraus, dass China sich vom ausländischen Kapitalismus befreien und sich von ihm fern zu halten habe. Es werde zwar eine nationale kapitalistische Entwicklung unter Beaufsichtigung der kommunistischen Partei eingeleitet, diese aber sehr bald in den Sozialismus übergeführt.
Bei dieser Überleitung in den Sozialismus setzte Mao, im Unterschied zu den Bolschewiki, vor allem auf die Bauern. In einem Land mit 80% bäuerlicher Bevölkerung wären vor allem diese zu gewinnen und nicht nur das Proletariat, um dann eine „Diktatur des Volkes“ (im Unterschied zur „Diktatur des Proletariats“) durchzusetzen. Die Entwicklung der Schwerindustrie würde nicht auf Kosten der Bauern durchgeführt werden.

Im Unterschied zu anderen ehemaligen Kolonialländern (wie z.B. Indien) sollte also mit dem Abtreten der Kolonialherren nicht deren Produktionsverhältnis importiert werden. Den Kommunisten war klar, dass die Etablierung der Marktwirtschaft wieder eine Abhängigkeit und Ausbeutung des Landes mit sich bringen würde. Es galt, die nationalen Kräfte für eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung voll zu nützen (und auszubeuten) – und da hatte China einiges zu bieten: Rohstoffe, klimabegünstigte fruchtbare Gebiete und vor allem ein riesiges Volk.
Die Bevölkerung wurde im Gegensatz zu anderen Entwicklungsländern nicht großteils als „unnütz“ in dem Sinne erachtet, dass sie für die jeweilige Ökonomie nur sehr eingeschränkt benötigt würde, sondern im Gegenteil: Dem chinesischen Volk wurde eine tragende Rolle für die Entwicklung des Wirtschaft eingeräumt. Sie wurde als die wichtigste Produktivkraft gesehen – und in diesem Sinne war jeder Chinese zu schulen, zu erhalten („eiserne Reisschüssel“) und als Arbeitskraft einzusetzen.
Die „eiserne Reisschüssel“ bestand zu Zeiten Maos im Anspruch auf einen gesicherten Arbeitsplatz und einer bescheidenen, jedoch garantierten Versorgung mit Lebensmitteln.

Während die Bolschewiki noch das endgültige Ziel der Revolution, den Kommunismus, eine Art von BVW, angaben und beschrieben, enthielt sich Mao solcher Vorstellungen. Das Erreichen eines angenehmen Lebens für die Genossen („Jedem nach seinen Bedürfnissen“) kam beim „Großen Vorsitzenden“ nicht vor. Er dachte, wie ein Staatspolitiker, an die Ankurbelung der Wirtschaft:
„Das Ziel der sozialistischen Revolution ist die Befreiung der Produktivkräfte. Die Verwandlung des individuellen Eigentums in der Landwirtschaft und im Handwerk in sozialistisches Kollektiveigentum und die Verwandlung des kapitalistischen Eigentums in den privaten Industrie- und Handelsbetrieben in sozialistisches Eigentum wird unweigerlich zu einer enormen Freisetzung von Produktivkräften führen. So werden die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine gigantische Entwicklung der Industrie- und Agrarproduktion geschaffen.“ (4)
Wofür das Ganze, könnte man fragen. Ging es darum, der Bevölkerung ein besseres Leben zu ermöglichen, oder darum, der geschichtlichen Entwicklung nachzukommen? In erster Linie war es Maos Anliegen, den chinesischen Staat in der Weltkonkurrenz der Staaten dorthin zu bringen, wo er angesichts seiner Ressourcen hingehörte. Der Sozialismus wurde als geschichtlich relevantere und deshalb bessere Methode der Steigerung nationalen Reichtums gesehen. Die Epigonen Maos teilten mit Mao den Ausgangspunkt seiner Überlegungen – bezüglich der Methode waren und sind sie anderer Meinung.
(Dies erinnert an den Realen Sozialismus, der zwar in seinen Programmen noch das Ziel des Kommunismus erwähnte, welches jedoch immer mehr zu reiner Ideologie verkam. Praktisch ging es um das Vorantreiben der nationalen Wirtschaft – dafür erschien den nachfolgenden Politikern die Marktwirtschaft besser geeignet zu sein.)
Bezeichnend in dieser Hinsicht ist eine Bemerkung Maos bezüglich der Industrialisierung des Landes: „Die Methode, sich ein Land zum Wettbewerb auszusuchen, ist sehr sinnvoll. Wir sprechen immer vom Einholen Englands: Der erste Schritt ist, im Produktionsvolumen wichtiger Produkte gleichzuziehen, der zweite, es in der Pro-Kopf-Produktion einzuholen. Im Schiffsbau und in der Autoindustrie liegen wir noch weit hinter ihnen; wir müssen unbedingt darum kämpfen, sie einzuholen.“ (5)
Wenn man sich an den Maßstäben seines Feindes messen will, hat man einiges mit ihm gemein – vor allem die Beteiligung als wirtschaftliche und politische Macht in der Konkurrenz der Staaten. Der Bevölkerung ein gutes Leben zu ermöglichen, kommt bei dieser Zielsetzung nicht vor. (In der Ideologie eventuell als Begleiterscheinung: Wenn China eine wirtschaftliche Weltmacht geworden ist, dann wird es auch der Bevölkerung besser gehen.)