2.2.6 Die staatlich dirigierte Warenwirtschaft

Die Grundlagen der Warenwirtschaft sahen folgendermaßen aus:
- Die Betriebe kauften und verkauften Produkte und Leistungen. Diese Produkte und Leistungen wurden mit Preisen versehen und die Zahlungen in Geld auf Verrechnungskonten bei Banken durchgeführt.
- Von den Erträgen wurden die Kosten (Material, Personal und sonstige) abgezogen – die Differenz ergab den Gewinn oder Verlust.
- Die Arbeitnehmer erhielten Löhne von den Betrieben ausbezahlt und kauften damit ihre Lebensmitteln.

Der Staat griff nun in dieses marktwirtschaftliche Grundschema ein:
- Die Betriebe waren Staatseigentum und hatten die vom Staat vorgegebenen Planzahlen (Produktzahl bzw. Umsatz) zu erfüllen. Die Betriebe arbeiteten eigenverantwortlich und hatten die Materialbeschaffung und Arbeitskräfteeinsatz zu planen, – dabei waren jene auf die von der Plankommission festgesetzten Preise verwiesen. Mit diesen festgesetzten Einkaufs- und Verkaufspreisen versuchte der Staat, die Produktion in die gewünschte Richtung zu lenken, zu „stimulieren“ oder zu reduzieren – so sah das „Ausnützen der Ware-Geld-Beziehungen“ aus.
- Ebenso waren die Löhne festgelegt. Die jeweilige Lohnhöhe ergab sich aus dem Grundlohn und den zusätzlichen Prämien und Zulagen, die abhängig von den Arbeitsleistungen, Gewinnen und dem Standort des Betriebes waren (z.B. gab es in Sibirien höhere Zulagen).
Die Grundlöhne waren jedenfalls alles andere als üppig. Deren Höhe relativierte sich einerseits an den staatlich budgetierten „gesellschaftlichen Konsumtionsfonds“ und andererseits an der Kalkulation der Betriebe. In beiden Fällen waren es Kostenpositionen. Die Bestimmung der Zahl der Arbeitsplätze wurde den Betrieben überlassen.
- Der freie Markt und die Konkurrenz um Marktanteile waren offiziell ausgeschaltet. (Schwarzmärkte spielten allerdings nach wie vor eine nicht unbedeutende Rolle.)
- Der Großteil der Güterversorgung der Bevölkerung basierte auf einem Warenangebot mit (staatlich) festgesetzten Preisen. Es fand also keine geplante Zuteilung von Gütern statt, sondern eine geplante Zulieferung von Märkten, auf denen die Konsumenten einkauften.
Der Staat versuchte durch die Festsetzung der Preishöhe die Versorgung gemäß „politischer“ Kriterien zu gestalten. Die Preise sollten so gestaltet sein, dass die Leute sich die meisten Waren leisten konnten, andererseits sollten für die Betriebe trotzdem Gewinne möglich sein. Grundnahrungsmittel, Unterkünfte (Wohnungen), medizinische Leistungen und die Ausbildung wurden zu relativ niedrigen Preisen bezogen bzw. kostenlos angeboten.

Bei dieser Organisation der Produktion und Distribution handelte sich der Staat einige Probleme ein:
- Die staatlichen Planungsbüros waren ständig mit der Abstimmung der „richtigen“ Preise beschäftigt. Einerseits sollte die gewünschte Versorgung der Bevölkerung ermöglicht (und die Preise von bestimmten Waren niedrig gehalten), andererseits die Produktion im Hinblick auf die betriebliche Kalkulation gewinnbringend gestaltet werden. Kein Wunder, dass der Preis damit auch in dieser Gesellschaft einen Interessengegensatz zwischen Produzenten und Konsumenten hervorrief, der mal so oder so ausging. Hatten die Betriebe die Wahl, so produzierten sie vor allem jene Güter, die aufgrund des höheren Preises auch höhere Gewinne ermöglichten. Die Planungsbüros hatten alle Hände voll zu tun ständig nachzujustieren – den „richtigen“ Preis gab es in diesem Sinne kaum.
- Es war stetes Anliegen der Sowjetökonomen, ihre Betriebe so zu motivieren („stimulieren“), dass diese aus eigenem Interesse den Planauflagen nachkommen. (Pleite machen konnten Betriebe in dieser Wirtschaft nicht. Verlustbetriebe wurden, falls notwendig, subventioniert.) Die Betriebe sollten nicht nur die Planzahlen erfüllen, sondern ständig bemüht sein, ihre Produktivität zu erhöhen und die Selbstkosten zu senken. Zur Kontrolle dieser Aufgaben wurde ein Kennziffernsystem („Wirtschaftliche Rechnungsführung“) ausgearbeitet, deren bedeutendste Größen Gewinn und Rentabilität darstellten. Da die Erfüllung der Kennzahl Gewinn als unzureichende Motivation für die Betriebe angesehen wurde, versuchte man durch Stimulierungsmaßnahmen das Eigeninteresse der Betriebe, der Betriebsleiter und der Belegschaft anzustacheln: Ein bestimmter Pauschalbetrag des Gewinns musste an den Staat abgeführt werden, der darüber hinausgehende Gewinn verblieb dem Betrieb und konnte für Eigeninvestitionen genutzt werden. Die Belegschaft wurde bei Planübererfüllung mit Prämien belohnt. Höhere Gewinne versprachen höhere Zuweisungen zu den Lohnfonds und damit in der Regel höhere Löhne. Die Konsequenzen dieser Maßnahmen lagen auf der Hand: Betriebe, welche die Auflagen erfüllten bzw. übererfüllten, wurden noch stärker, schwache Betriebe zu (für den Staat) lästigen Zuschussbetrieben mit eingeschränkten Investitionsmöglichkeiten.
- Der Spielraum für die Betriebe, die Gewinne zu beeinflussen (bzw. die Selbstkosten zu senken), war im Vergleich zu marktwirtschaftlichen Betrieben gering: Die Einkaufspreise waren festgelegt, die Verkaufspreise ebenso, bei den Löhnen gab es kaum Variationsmöglichkeiten. Die erforderlichen Stückzahlen gab der Plan vor. Welche Möglichkeiten gab es für die Betriebe, die Gewinne zu beeinflussen?
Eine Möglichkeit bestand darin, möglichst sparsam mit dem eingesetzten Material umzugehen, was sich dann oft fatal auf die Qualität der produzierten Ware auswirkte. Möglichst billiges Material bzw. sparsamster Einsatz bewirkten oftmals einen Mangel an qualitativ hochwertigen Gütern als auch Mängel bei den vorhandenen.
Noch gravierender wirkte sich die Sparsamkeit in einer Zurückhaltung bei Neuinvestitionen aus. Diese konnten nur in dem Rahmen getätigt werden, der durch die Bereitstellung der Mittel aus dem Investitionsfonds vorgesehen war. Darüber hinausgehende Investitionen schmälerten den Gewinn und die Planerfüllung. Der marktwirtschaftliche Betrieb kennt diese prinzipielle Zurückhaltung bei Investitionen nicht. Es wird auf Risiko (- Kredit, wenn man ihn bekommt -) und der Chance auf zukünftige Gewinne investiert. Dieses Risiko wird in Kauf genommen, – denn wird nicht neu investiert, ist man sehr bald der Konkurrenz unterlegen. Wenn „gespart“ wird, dann bei den Arbeitskräften. Die Freisetzung von Arbeitskräften zur Senkung der Arbeitskosten war im Realen Sozialismus allerdings nur eingeschränkt möglich. Die Arbeitskräfte wurden jedoch oft mit moralischen Appellen oder Zwangsmaßnahmen angehalten, unbezahlte Sonderschichten zu fahren, um die geplante Gewinnkennziffer doch noch zu erreichen.
- Die Begutachtung der Betriebe auf Basis der Kennziffern Gewinn und Rentabilität und die davon abhängigen Betriebsförderungen und Belegschaftslöhne führten zu kontraproduktiven Verhaltensweisen:
Um die Vorgaben zu erfüllen und Gratifikationen zu erreichen, wurde – abgesehen von falschen Angaben an die Planbehörden – bestehende Mängel der Produktion konserviert. In erster Linie ging es darum, die Kennziffern zu erfüllen. Der Wunsch nach effektiverer Produktion tauchte gar nicht auf, wenn auch mit veralteten Methoden ein Gewinn eingefahren werden konnte. Die Übererfüllung der Pläne war bei den Betrieben meist deshalb unbeliebt, da die Planungsbehörde dann auf die naheliegende Idee kam, die Planzahlen hinaufzusetzen und damit den Druck, auch bezüglich der Gewinnerzielung, zu erhöhen. Neuen Produkten gegenüber war die Betriebsleitung skeptisch eingestellt, da diese die gewohnte Planerfüllung gefährden konnten. Die Produktion von Ersatzteilen beeinträchtigte den Gewinn negativ und wurde deshalb vernachlässigt. (Die Misere des Vertriebssystems hatte ihren Grund im desolaten Zustand der Landtransporteinrichtungen, die nur notdürftig Instand gehalten wurden.) Diesen den Planbehörden durchaus bekannte Erscheinungen versuchte man mit zusätzlichen Kennziffern wie Qualitätsnormen oder Investitionsraten zu begegnen. Damit richtete man jedoch nicht viel aus, da dadurch die Erreichung der allerwichtigsten Kennzahl, des Gewinns, behindert wurde. Die Kennziffern ergänzten sich also oftmals nicht sondern wirkten kontraproduktiv. Die Aufforderung, auch auf Qualitätsstandards zu achten, wurde zwar zur Kenntnis genommen, praktisch aber der entscheidenden Kennziffer (Gewinn) untergeordnet und somit meist ignoriert.
Die Festlegung der Betriebe auf Preise, Kosten und vor allem Gewinne lief der Planung von Gebrauchswerten nur allzu oft zuwider. Was für die Betriebe zählte, war der Tauschwert. Dies hatte erstens die schon erwähnten Qualitätsmängel zur Folge und verursachte zweitens entweder einen Mangel an solchen Gütern, die nicht gewinnbringend produziert werden konnten, oder fallweise einen Überfluss an nicht benötigter Ausschussware, die Gewinne brachte.
- Die staatliche Einrichtung der Betriebe als Warenproduzenten wirkte sich auch auf das Bewusstsein der Produzenten aus. Dem gesellschaftlichen Nutzen der Produktion, der Herstellung von Gebrauchswerten, standen die Belegschaften der Betriebe gleichgültig gegenüber, da ihre Leistung (und ihr Einkommen) nicht daran, sondern an den Daten der jeweiligen Betriebe gemessen wurde. Das Interesse, die betrieblichen (betriebswirtschaftliche) Kennzahlen zu erfüllen, schlug oft gegen das gesellschaftliche Interesse aus: So führte zum Beispiel die Vorgabe der Kennziffer Materialverbrauch und ihre Erfüllung dazu, entweder mehr Material zu verbrauchen als notwendig oder Material einzusparen, was der Qualität abträglich war. Die Appelle der staatlichen Institutionen an Betriebsleiter und Belegschaft, gesamtwirtschaftlich zu agieren und einen „Betriebsegoismus“ zu unterlassen, scheiterten an den Interessen der einzelnen Warenproduzenten. Man hielt sich an Vorgaben, nicht mehr und nicht weniger („mangelnde Initiative“) – und versuchte dabei zu mogeln so gut es ging. Der Arbeitseifer im Realen Sozialismus musste u.a. mit Prämien angestachelt werden, da die Arbeitenden nicht einsahen, dass sie sich für einen bescheidenen Lohn allzu sehr einzusetzen sollten – da halfen auch Appelle an das Verantwortungsgefühl wenig.
Auch die Planwirtschaft der BVW wird wohl nicht ohne ein Kennziffern- bzw. Kontrollsystem auskommen. Doch dieses wäre darauf ausgerichtet, festzustellen, in welchem Ausmaß, wie rasch und in welcher Qualität es den Betrieben gelingt, die Güterversorgung zu bewerkstelligen. Die Betriebsergebnisse werden hinsichtlich ihres Beitrages zur Versorgung (bzw. Belieferung anderer Betriebe) beurteilt wie auch jeder Betriebsleiter und Arbeiter. Treten mangelhafte Ergebnisse auf, so werden die Ursachen untersucht. Liegen die Gründe in Fahrlässigkeit, Schlamperei, Faulheit der Produzenten, so werden deren Ergebnisse mit den Betreffenden diskutiert und in gravierenden Fällen Stunden von ihrer Arbeitskarte abgezogen. Fehlt es an Arbeitskräften, modernen Maschinen, besserer Organisation, etc. werden sofort Kräfte mobilisiert, um diesen Missstand zu beseitigen. Es wird an dem Wissen und Können der Komitees liegen, nicht auf der einen Seite Löcher zu stopfen und auf der anderen Seite welche aufzureißen.
Diese Produktionsweise basiert auf dem Bewusstsein aller Arbeitenden, ihren Beitrag zum Wohlergehen aller zu leisten, was auch ihr eigenes einschließt. „Betriebsegoismus“ würde dann in dieser Ökonomie bedeuten, dass die Betriebe darauf bestehen, die Planzahlen erfüllen zu können und zwar im Sinne der gesellschaftlichen Versorgung hinsichtlich Quantität und Qualität der Produkte.

Sicherlich können für den Mangel an Gütern und die schleppenden Produktivitätszuwächse auch die hohen staatlichen Ausgaben für die Verteidigung (zu der auch das Raumfahrtprogramm zu zählen ist) angeführt werden. Die für diesen Bereich aufgewendeten Mittel bedeuteten einen unmittelbaren Abzug für andere Bereiche der Planproduktion.
Die Beurteilung vieler westlicher Begutachter, dass die Selbstaufgabe der Sowjetunion deswegen erfolgte, weil sie (vom Westen) „totgerüstet“ wurde, übertreibt hinsichtlich der ökonomischen Wirkung. Das führende Personal der Sowjetunion gelangte allerdings zu dem politischen Entschluss, dass die realsozialistische Ökonomie mit dem mächtigsten Land der Welt auch in puncto Rüstung nicht mithalten konnte.
Die Ergebnisse in der Rüstung und Raumfahrt fielen zeitweise so beeindruckend aus, dass selbst die strammsten Antikommunisten diesbezüglich ihre Verachtung bleiben ließen. Ermöglicht wurde der hohe Qualitätsstandard dadurch, dass in diesen beiden Sektoren die übliche „Ware-Geld-Planwirtschaft“ außer Kraft gesetzt wurde und alle Ressourcen zur Erstellung von passablen Gebrauchswerten eingesetzt wurden: kein Sparen an Material und Investitionen, keine Orientierung an Gewinnen und Preisen. Das brachte die Chefökonomen der Sowjetunion allerdings nicht auf die Idee, dieses Prinzip auch in den anderen Sektoren ihrer Wirtschaft anzuwenden.

Es wäre unkorrekt zu behaupten, die realsozialistische Planwirtschaft hätte nicht funktioniert. Trotz all ihrer (selbst geschaffenen) Probleme etablierte sich diese als zweitstärkste Wirtschaftsmacht.
Man kann die Leistungen dieser Ökonomie von zwei Standpunkten aus beurteilen.
Erstens vom Standpunkt der erreichten Versorgung bzw. Lebensqualität der Bevölkerung:
- Maßlos übertrieben wäre die Feststellung, dass die Menschen im Ostblock (es gab Unterschiede von Region zu Region) gut versorgt waren. Die Lebensumstände blieben für den Großteil der Bevölkerung bescheiden. Die Güterversorgung war mangelhaft, sowohl was die Menge als auch die Qualität betraf. Eine Verelendung war allerdings nicht festzustellen.
- Jeder hatte ein Einkommen (Recht auf Arbeit), welches oft größer war als die Möglichkeiten es auszugeben (mangelhaftes Güterangebot).
- Die Bereiche Bildung und Gesundheit hatten ein hohes Niveau, höher als in manchen Ländern der Ersten Welt.
- Die Arbeitsbedingungen in den meisten Betrieben waren weit davon entfernt angenehm zu sein. Die Arbeitskräfte waren ein Kostenfaktor in den betrieblichen und staatlichen Bilanzen, das machte sich auch bei den Arbeitsbedingungen bemerkbar. Allerdings waren im Vergleich zu marktwirtschaftlichen Betrieben der Arbeitsdruck und damit auch die psychischen Belastungen geringer.

Zweitens vom Standpunkt der Marktwirtschaft (der Ersten Welt):
- Im Vergleich mit der Ersten Welt sah das Warenangebot ärmlich aus. (Das Warenangebot der Ersten Welt sieht üppig aus – man muss es sich nur leisten können.)
- In puncto Produktivität bzw. intensiven Einsatz der Arbeitskraft hinkte die realsozialistische Wirtschaft der Marktwirtschaft hinterher. (Dies lag daran, dass die Arbeitskraft bezüglich Lohn und Leistung in der Marktwirtschaft rigider kalkuliert wurde und wird.)
- Die produzierten Waren erwiesen sich auf dem Weltmarkt als nicht konkurrenzfähig. (Das deshalb, da diese unter anderen Gesichtspunkten produziert wurden und vorerst gar nicht für den Weltmarkt bestimmt waren.)
- Die Staaten der Ersten Welt, allen voran die USA, gewannen aus ihrer Ökonomie mehr Mittel, um ihre Staatsmacht zu stärken. (Deshalb war das Programm des „Westens“, die Sowjetunion „totzurüsten“ auch so wirkungsvoll.)
Die Diagnose marktwirtschaftlicher Fachleute – und nicht nur dieser – lautete: Zur Misere der Sowjetökonomie käme es aufgrund fehlenden Privateigentums, fehlenden Marktes und fehlender Demokratie.
Logisch gesehen eine unkorrekte Diagnose, denn wie kann die Misere durch etwas bewirkt werden, was nicht vorhanden ist.
Die Sowjets gaben dieser Diagnose allerdings Recht. Sie verwarfen ab 1986 ihr antimarktwirtschaftliches Programm. Statt die Gesellschaft weiter zum Kommunismus zu führen, wurde die Marktwirtschaft eingeführt.


1 Antwort auf “2.2.6 Die staatlich dirigierte Warenwirtschaft”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:08 Uhr
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