2.2.5 Ausnutzung der Ware – Geld – Beziehung

Die Sowjets wollten besser wirtschaften als der erklärte kapitalistische Feind und die dann überlegene Wirtschaft – so die Ideologie – sollte dem Volk dann auch mehr bieten.
Das Programm sah nun hiefür vor, die „allgemeinen Grundlagen des Wirtschaftens“ für den Sozialismus zu „benutzen und auszunützen“. Die prinzipiellste Grundlage bildete die „Ware-Geld-Beziehung“. Unter diesem Begriff verstand man eine Ökonomie, in der Betriebe für den Austausch produzierten. Der Tausch wurde wie in der Marktwirtschaft auf Basis von Preisen und mit Geld vollzogen. Die Betriebe hatten auf ihre Rentabilität zu achten und Gewinne zu erwirtschaften. Die Arbeitenden bekamen Löhne, womit sie am „Markt“ einkaufen konnten. Trotz all dieser Elemente der Marktwirtschaft konnte man diese Wirtschaft – nicht nur gemäß ihrer eigenen Ideologie – nicht als Marktwirtschaft bezeichnen. Es gab
- kein Privateigentum an Produktionsmitteln sondern nur Staatseigentum bzw. genossenschaftliches Eigentum,
- keine Konkurrenz der Betriebe um Marktanteile,
- eine Produktion gemäß eines Plans (meist Fünfjahrespläne),
- Gewinne, Preise und Löhne, die durch staatliche Festsetzung zustande kamen,
- ein Recht auf Arbeit, welches gesicherte Arbeitsplätze und gesicherte Einkommen garantierte
Diese Ökonomie war also keine Marktwirtschaft: Regulierte Gewinne, festgesetzte Preise und gesicherte Arbeitsplätze passen wahrlich nicht zu einer Marktwirtschaft.
Waren, Preise und Gewinne sind jedoch kapitalistische Versatzstücke und man fragt sich, weshalb die Sowjets diese in ihr planwirtschaftliches Konzept einbauten. Hatten sie sich nicht vorgenommen, die Ware-Geld-Beziehung abzuschaffen? Nun sollte diese für den Sozialismus „ausgenutzt“ werden:
„Der Sozialismus hat als Produktionsweise noch nicht gesiegt, solange die planmäßige Organisation der gesamten gesellschaftlichen Produktion nicht seine Grundlage geworden ist. Aber der Sieg der planmäßigen Produktion als gesellschaftliches System heißt nicht, dass sämtliche Warenbeziehungen unverzüglich aufgehoben werden. Wie die geschichtliche Erfahrung lehrt, schließt die Durchsetzung des Prinzips der Planmäßigkeit im gesellschaftlichen Maßstab – obgleich Planmäßigkeit und Warenwirtschaft als System einander entgegengesetzt sind – nicht die Möglichkeit und Notwendigkeit aus, dass innerhalb des Systems der planmäßigen sozialistischen Produktion Beziehungen der Warenproduktion ausgenutzt werden.“ (28)
Den Sowjetökonomen war also durchaus bewusst, dass Planwirtschaft und Warenwirtschaft Gegensätze sind was doch auch ihre Unvereinbarkeit bedeuten sollte. Deshalb entspricht es der Quadratur des Kreises, eine (marktwirtschaftliche) Warenwirtschaft als Planwirtschaft betreiben zu wollen, wie umgekehrt eine Planwirtschaft als Warenwirtschaft. Es mutet seltsam an, dass die Ökonomen zu dem Schluss gelangen, „Beziehungen der Warenproduktion“ für die Planwirtschaft auszunutzen. Wie sollte das gehen, wenn es sich um Gegensätze handelt?

Tatsächlich wurde dieser Gegensatz mit der Ökonomie des Realen Sozialismus installiert. Diese Art der Wirtschaft wurde, wie schon erwähnt, schon unter Stalin in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch eingeführt.
Dies lief darauf hinaus, eine so genannte „sozialistische Warenwirtschaft“ zu betreiben. Um die Warenwirtschaft in Zukunft endgültig loszuwerden, sollte diese mitsamt ihren Preisen, Löhnen und Gewinnen vorerst „ausgenutzt werden“ – und zwar staatlich dirigiert, ohne die (an der Marktwirtschaft) kritisierten Begleiterscheinungen wie Krisen und soziale Ungerechtigkeiten hervorzurufen. Herausgekommen ist dabei allerdings weder eine vernünftige Versorgungswirtschaft noch eine konkurrenzfähige Warenwirtschaft.
In diesem Zusammenhang wurde von den sowjetischen Ökonomen auch ständig auf das „Wertgesetz“ hingewiesen. Dieses bezieht sich auf die marktwirtschaftliche Warenwirtschaft und bedeutet die Bildung des Wertes einer Ware gemäß durchschnittlich notwendiger Arbeitszeit. Marx, der sich damit ausführlich in seinen ökonomischen Schriften auseinander setzte, wies darauf hin, dass sich das Wertgesetz im Kapitalismus ohne bewusste Steuerung durch die agierenden Subjekte durchsetze. Die sozialistischen Ökonomen wollten nun dem Wertgesetz einerseits gerecht werden („genaue Erfassung des Arbeitsaufwandes“), andererseits das Wertgesetz für ihre Zwecke durch Beeinflussung nutzen („Einwirken auf den Preis“). Es ist ein verhängnisvolles Missverständnis, ein ökonomisches Gesetz, das konkurrierendes Privateigentum voraussetzt, für die sozialistische Planwirtschaft „nutzen“ zu wollen:
„Die sozialistischen Produktionsverhältnisse schaffen für das Funktionieren der Warenproduktion und des Wertgesetzes neue Bedingungen […] Die Wertbeziehungen werden bei der planmäßigen Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion nicht nur und nicht so sehr für die Erfassung der Abrechnung der geleisteten Arbeit als für die Einwirkung auf bestimmte ökonomische Prozesse genutzt. Solange Warenbeziehungen existieren, ist die bewusste Einwirkung auf den Preis eines der wichtigsten ökonomischen Instrumente der Gesellschaft. Der Staat nimmt im Sozialismus aktiv Einfluss auf die Warenbeziehungen und die Preisbildung.“ (29)
Inwiefern ist es dann noch ein Gesetz und wozu braucht man es, wenn es vom Staat ausgehebelt wird? Die realsozialistischen Planwirtschafter bestanden jedenfalls darauf, ein für die private Tauschwirtschaft gültiges ökonomisches Gesetz für eine sozialistische Warenwirtschaft ausnützen zu wollen.


1 Antwort auf “2.2.5 Ausnutzung der Ware – Geld – Beziehung”


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