2.2.4 Vom Sozialismus zum Kommunismus

Die Voraussetzungen, zum Kommunismus zu gelangen, waren ungleich besser als in den Jahren unmittelbar nach der Revolution: Es gab relativ stabile politische Verhältnisse, eine groß angelegte Industrie, eine befriedete Bauernschaft, die in Kolchosen oder Sowchosen arbeitete, einen politischen und ökonomischen Machtzuwachs (Ostblockländer) und eine Bevölkerung, deren Großteil der KPdSU nicht feindlich gesinnt war.
Allerdings wurde dem Ostblock der „Kalte Krieg“ angetragen, was zwar im Unterschied zu 1917 und den Folgejahren zu keinen kriegerischen Zustände innerhalb der Sowjetunion führte, diese jedoch zu Anstrengungen auf dem Gebiet der Rüstung veranlasste. Dazu im Parteiprogramm: „Die Partei geht davon aus, dass, solange der Imperialismus bestehen bleibt, auch die Gefahr von Aggressionskriegen bleibt. Die KPdSU betrachtet den Schutz des sozialistischen Vaterlandes, die Festigung der Verteidigung der UdSSR und der Macht der sowjetischen Streitkräfte als die heilige Pflicht der Partei, des ganzen Sowjetvolkes, als wichtigste Funktion des sozialistischen Staates.“(22)
Dies bedeutete, dass beträchtliche Ressourcen in den Militärsektor flossen, zu dem auch die Raumfahrt gezählt werden kann – Ressourcen, die anderen Sektoren dann abgingen.
An obigem Zitat fällt auf, dass der Zweck des Staates, welcher vormals als Durchsetzung der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus (2. Parteiprogramm) bestimmt wurde, nun als Bewahrung seiner selbst definiert wird. Diese veränderte Sichtweise des Staates und seiner Zwecke prägte die weitere Entwicklung der Politik.

Mit welchen Maßnahmen sollte der oben erwähnte Etappenplan zur Vollendung der kommunistischen Gesellschaft erfolgreich realisiert werden?
Das Parteiprogramm lässt bei der Aufzählung der Maßnahmen keinen Bereich des Staatswesens aus. Wer revolutionäre Einschnitte erwartet, wird enttäuscht. „Vermehrt“, „größer“, „besser“ sind die wesentlichen Inhalte des Maßnahmenkatalogs. Dazu zwei Beispiele:
„Die systematische Verbesserung der Qualität der Produktion ist ein unerlässliches Gebot der wirtschaftlichen Entwicklung. Die sowjetischen Betriebe müssen Erzeugnisse von viel höherer Qualität liefern als die besten kapitalistischen Unternehmungen. Dazu bedarf es eines ausgedehnten Systems von Maßnahmen, einschließlich der gesellschaftlichen Kontrolle; die qualitativen Kennziffern müssen in der Planung sowie in der Beurteilung der betrieblichen Leistungen und im sozialistischen Wettbewerb eine größere Rolle spielen.“ (23)
„Ökonomisch beruht die Entwicklung der Kollektivwirtschaften und Staatsgüter auf dem stetigen Wachstum und der besten Nutzung ihrer Produktivkräfte, auf der Verbesserung der Organisation ihrer Produktion und ihrer Wirtschaftsmethoden, auf der unablässigen Steigerung der Arbeitsproduktivität […] Davon ausgehend, werden die Kollektivwirtschaften und Staatsgüter, was ihre Produktionsverhältnisse, den Charakter der Arbeit, sowie den Wohlstand und die Kultur der Werktätigen betrifft, immer mehr zu Betrieben kommunistischen Typus.“ (24)
In diesen und anderen programmatischen Feststellungen wird so getan, als ob erhöhte Quantitäten der Produktion zwangsläufig eine qualitative Änderung des gesellschaftlichen Systems bewirken. Die Voraussetzungen mögen sich dadurch verändern und den Übergang begünstigen, aber die Steigerung der Produktion bzw. der Produktivität sind doch selbst nicht der „Übergang“, und schon gar nicht ergibt sich dieser daraus zwangsläufig.
Nicht bestritten werden soll, dass der angestrebte Kommunismus – „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem gemäß seinen Bedürfnissen“ – leichter zu verwirklichen wäre, wenn die Güter- und Leistungserstellung ein Niveau erreicht hat, welches ermöglicht, zu arbeiten, um gut zu leben und nicht umgekehrt, zu leben, um hart zu arbeiten. Es ist aber ein unnötiges und hinderliches Unterfangen, sich dabei an den Kriterien der Marktwirtschaft messen zu wollen. Die Hochachtung vor der Marktwirtschaft bezüglich ihrer Produktionsergebnisse war jedoch so groß, dass, gemäß den Vorgaben der sowjetischen Wirtschaftsfachleute, die Ökonomie auch bezüglich der Kennzahlen der Marktwirtschaft (Gewinn und Rentabilität – siehe Ausführungen weiter unten) dieses Niveau erreichen sollte. Diejenigen, die Marx ständig als Galionsfigur betrachteten und zitierten, wussten doch, dass sich wirtschaftliche Kriterien wie Gewinn und Rentabilität an der mehr oder weniger gelungenen Ausbeutung der Arbeitenden bemessen – gerade dies sollte doch mit der Revolution abgeschafft werden!
Es wird weiter unten noch auszuführen sein, welch verqueres Bemühen es war, die Marktwirtschaft mit dem „Staatskapitalismus“ nachäffen und übertreffen zu wollen.

Der zukünftige Erfolg des Programms stand zumindest ideologisch außer Zweifel. Die führenden Köpfe der Partei erkoren wie schon so oft den Deus ex Machina namens „geschichtlicher Entwicklung“ zum Erfüllungsgehilfen ihres Vorhabens:
„Das allmähliche Hinüberwachsen des Sozialismus in den Kommunismus ist eine objektive Gesetzmäßigkeit“ (25) Oder deutlicher im „Lehrbuch Politische Ökonomie“:
„Der voll entwickelte Kommunismus kann nur das Ergebnis des naturgeschichtlichen Entwicklungsprozesses der materiellen Produktivkräfte sein. Dazu ist soviel Zeit erforderlich, als benötigt wird, um die Produktivkräfte auf einen Stand zu bringen, der die Schaffung eines wirklichen Produktenüberflusses erlaubt, bei dem die sozialökonomischen Unterschiede zwischen Menschen verschwinden …“ (26)
Es ist schon seltsam, wie sehr die sowjetischen Kommunisten, die mit ihrer Revolution schon gegen den „Historischen Materialismus“ verstießen und in gewisser Weise wider die „naturgeschichtlichen Entwicklungsprozesse“ erfolgreich waren, die miterleben mussten, wie der Kapitalismus, dem sie den Untergang prophezeiten, zwei Weltkriege überdauerte und in den westlichen Industrieländern weiterhin die Ökonomie bestimmte, noch immer an den „geschichtlichen Gesetzen“ festhielten.
Außerdem misstrauten sie offensichtlich ihrem eigenen Parteiprogramm, in welchem der Kommunismus erst die wahre Entfaltung der Produktivkräfte verhieß.
„Kommunismus ist eine klassenlose Gesellschaftsordnung, in der […] auch die Produktivkräfte wachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen werden …“ (27)
Hätten sie dies ernst genommen, so wäre es sinnvoll gewesen, sich möglichst rasch von der staatlich gelenkten Ware-Geld-Ökonomie zu verabschieden. Tatsächlich wollten sie den umgekehrten Weg gehen: mit dem Staatskapitalismus (und all seinen Widersprüchen) ein Reichtumsniveau erreichen, welches quasi automatisch den angestrebten Kommunismus herbeiführen sollte.