2.2.3 Revidierte Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft?

Die Sowjetunion hatte sich trotz wirtschaftlicher Isolation und eines verlustreichen Krieges ökonomisch und politisch behauptet. Die Umwandlung von einem zurückgebliebenen Agrar- zu einem Industrieland war in relativ kurzer Zeit unter großen Entbehrungen der Bevölkerung geleistet worden. (Selbst Ökonomen der Marktwirtschaft konnten nicht umhin, dieser alternativen Wirtschaft Erfolge zu bescheinigen, und einige sahen darin sogar gewisse Vorzüge gegenüber der krisenanfälligen Marktwirtschaft.)
Die UdSSR war im Verbund mit ihren Blockstaaten zu einer ökonomischen und politischen Alternativmacht aufgestiegen.

War dies nun schon der angestrebte Kommunismus oder war es nur eine Zwischenetappe? Wie sahen nun die Ziele der politischen Führung aus?
Darüber gibt das dritte Parteiprogramm der KPdSU Auskunft. Dieses wurde 1961 unter Chruschtschow veröffentlicht. Aufgrund der geänderten politischen und ökonomischen Lage sah man das zweite Parteiprogramm aus dem Jahr 1919 – welches im Kapitel „Kriegskommunismus“ auszugsweise vorgestellt wurde – als nicht mehr zeitgemäß, anders formuliert als „erfüllt“, an:
„Als die Partei auf dem 8. Parteitag, im Jahre 1919, ihr zweites Programm annahm, stellte sie die Aufgabe, die sozialistische Gesellschaft zu errichten. Auf unerforschten Wegen, unter Überwindung von Schwierigkeiten und unter Entbehrungen verwirklichte das sowjetische Volk, geführt von der Kommunistischen Partei, den von Lenin entwickelten Plan für den Aufbau des Sozialismus. Der Sozialismus hat in der Sowjetunion vollständig und endgültig gesiegt. Das zweite Parteiprogramm ist […] erfüllt.“ (19)
Die Behauptung, dass mit der Etablierung des Realen Sozialismus das zweite Parteiprogramm erfüllt sei, ist eine Mogelei. Schließlich war doch hierin die Rede von der Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft, und der Sozialismus bzw. die Diktatur des Proletariats nur als relativ kurzes Übergangsstadium angeführt. Erfüllt war tatsächlich das, was sich Lenin unter „Staatskapitalismus“ vorstellte: einen Staat, der als Einziger und deshalb Gesamt-Kapitalist die Wirtschaft „im Sinne des Proletariats“ (nach Stalins Ära: „im Sinne der Gesamtbevölkerung“) lenkt.
Der Anspruch, dem Volke etwas zu bieten, war keine Heuchelei und die Bemühungen, dabei voranzukommen, waren zweifellos vorhanden. Die ideologisch vorgegebenen Vertröstungen, jetzt entbehren zu müssen, um in ein paar Jahren bzw. Jahrzehnten aus dem Vollen schöpfen zu können, verloren mit der Zeit an Glaubwürdigkeit.

Einerseits war die Führung der KPdSU mit dem Erreichten zufrieden, andererseits kam bei manchen Parteifunktionären hinsichtlich der Zielvorgaben eine gewisse Unzufriedenheit auf:
Erstens war man vom angestrebten Ziel „Kommunismus“ noch weit entfernt. Es galt, endlich die Voraussetzungen für den Übergang zu schaffen.
Zweitens störte, dass die Sowjetunion, was die Produktion pro Kopf der Bevölkerung betraf, noch immer weit hinter den USA lag, mit der die politische Führung ihren Staat verglich.
Zum ersten Punkt der Unzufriedenheit: Strebten diese Kommunisten von 1961 überhaupt noch das an, was jene von 1919 als Kommunismus beschrieben? Dies ist, was das 3. Parteiprogramm betrifft, mit ja zu beantworten. Bis auf kleinere Unterschiede in der Formulierung entspricht die Darstellung des Kommunismus von 1961 der Schilderung von 1919.
Was sollte in den nächsten Jahren erreicht werden?
„Im nächsten Jahrzehnt (1961 – 1970) wird die Sowjetunion beim Aufbau der materiell – technischen Basis des Kommunismus die USA – das mächtigste und reichste Land des Kapitalismus – in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung überflügeln; der Wohlstand, das Kulturniveau und das technische Entwicklungsniveau der Werktätigen werden bedeutend steigen; allen wird ein gutes Auskommen gesichert; alle Kollektivwirtschaften und Staatsgüter werden sich in hochproduktive Betriebe mit hohen Einkünften verwandeln; der Bedarf der Sowjetbürger an komfortablen Wohnungen wird im wesentlichen gedeckt werden; die schwere körperliche Arbeit wird verschwinden; die UdSSR wird zum Land mit dem kürzesten Arbeitstag.
Im zweiten Jahrzehnt (1971 – 1981) wird die materiell – technische Basis des Kommunismus errichtet und für die gesamte Bevölkerung ein Überfluss an materiellen und kulturellen Gütern geschaffen; die Sowjetgesellschaft wird unmittelbar darangehen, das Prinzip der Verteilung nach den Bedürfnissen zu verwirklichen, es wird sich der allmähliche Übergang zum einheitlichen Volkseigentum vollziehen. Somit wird in der UdSSR die kommunistische Gesellschaft im Wesentlichen aufgebaut sein. Vollendet wird der Aufbau der kommunistischen Gesellschaft in der nachfolgenden Periode.“ (21)
Wie diese Etappenziele erreicht werden sollten, wird weiter unten (im Programm und diesem Kapitel) beschrieben.
Nun zum zweiten Punkt der Unzufriedenheit, dem Vergleich mit den USA. Wie auch im obigen Zitat thematisiert, sollten die USA, was die Produktion pro Kopf der Bevölkerung betrifft, schon in der nächsten Etappe „überflügelt“ werden. (Auch an vielen anderen Stellen des Programms wird der Vergleich mit den USA strapaziert.) Einerseits gab es das Anliegen, die Marktwirtschaft zu kritisieren (Konkurrenz, Krisen, Ausbeutung, Armut etc.) und eine alternative Ökonomie einzurichten. Andererseits verfiel man dabei darauf, sich an den Kriterien der Marktwirtschaft selbst zu messen und vergleichen zu wollen. Wenn es um die Versorgung der Bevölkerung ginge, wäre es müßig, Produktivitätszahlen der Marktwirtschaft zu bemühen. Das Maß für eine gelungene Versorgung läge allein darin, wie die Bedürfnisse der Bevölkerung abgedeckt werden können. Es wäre kein Ziel, produktiver als die Marktwirtschaft (und damit besser als diese) zu sein, sondern die angestrebte Versorgung möglichst effektiv zu erreichen. Wenn ein Vergleich sinnvoll ist, dann bezüglich der erreichten Lebensqualität der Gesamtbevölkerung. Beim Vergleich der Produktivität wird gänzlich abgesehen von der Art der Güter und Leistungen, wie viel davon der Bevölkerung zugute kommt, wie schwer und wie lange die Arbeitnehmer hiefür arbeiten müssen, und wie die Lebensqualität dann aussieht. Vom Standpunkt eines Staatskapitalismus, der als „Realer Sozialismus“ bezeichnet wurde, machte dieser Vergleich wiederum Sinn – denn es ging, wie weiter unten näher ausgeführt wird, im Realen Sozialismus ökonomisch um eine Ware-Geld-Gewinn-Ökonomie, bei der die lästigen Effekte der Marktwirtschaft durch die staatliche Lenkung ausbleiben sollten.
Dieser ständige Vergleich mit der Marktwirtschaft hatte letztlich Konsequenzen – er führte zum Abbruch des Projektes Kommunismus.


1 Antwort auf “2.2.3 Revidierte Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft?”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft (BVW) statt Kapitalismus Pingback am 18. Dezember 2012 um 15:35 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.