2.2.2 Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung

Die BVW setzt die Abschaffung des Privateigentums und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel voraus. Entsprachen nun Kollektivierungen und Verstaatlichungen in der Sowjetunion dieser Vergesellschaftung?
Am Beispiel der Landwirtschaft sollen die Unterschiede verdeutlicht werden.

Kollektivierung
Im Zuge der Kollektivierung fand eine Zusammenfassung einzelner Landwirtschaften zu landwirtschaftlichen Genossenschaften (Kolchosen) statt. Zwar wurden Grund und Boden in der Sowjetunion verstaatlicht, doch die Betriebsmittel der Bauern blieben Privatbesitz. Neben der Arbeit in den Kolchosen konnten diese, abhängig von den jeweiligen politischen Vorgaben, mehr oder weniger Privatgeschäfte tätigen.
Für die Arbeit in den Kollektiven wurden die Bauern mit Geldlöhnen bzw. Naturalien entschädigt. Diese fielen nicht üppig aus. Die Kolchosen hatten festgesetzte Mengen zu festgesetzten Preisen an den Staat abzuliefern. Die mangelhafte Ausstattung mit technischen Produktionsmitteln und auch die oft verstreuten Parzellen der Bauern verhinderten eine effektive Bewirtschaftung. In Jahren mit ungünstiger Witterung konnten die geforderten Ablieferungsmengen nicht erreicht werden, was zu einer Kürzung der Entschädigungen der Bauern führte. Aufgrund dieser dürftigen Aussichten mussten die Bauern mit moralischen Appellen und, wenn diese nichts halfen, mit Gewalt in den Kolchosen gehalten bzw. für diese rekrutiert werden.
Die Kollektivierung wurde von der politischen Führung als Vorstufe zur Verstaatlichung und Vergesellschaftung angesehen. Diese sollte aufgrund der geschaffenen Kollektive in Zukunft leichter erfolgen. Die Kollektivierung stellte einen Kompromiss dar: einerseits erfolgte zwar die Bearbeitung der Landwirtschaft großteils kollektiv, der Bauer blieb jedoch Privateigentümer. Ständig kalkulierte er dem gemäß, wie viel ihm der Arbeitseinsatz in der Kolchose im Vergleich zu seinen Privatgeschäften, also dem Arbeitseinsatz im privaten Teil seiner Parzelle, brachte. Diese Rechnung schlug meist zuungunsten der Arbeit in der Kolchose aus. Dementsprechend war es um die Mitarbeit der Bauern in der Kolchose bestellt. Sie sahen darin eine Behinderung zur Verbesserung des Lebensstandards durch Privatgeschäfte. Die etwaigen Vorteile der Kollektivierung, eine effektivere Nutzung der Landwirtschaften und eine Absicherung des Lebensunterhaltes der Bauern, konnten in der Sowjetunion kaum realisiert werden. Die Märkte mit ihren freien Preisen waren und blieben für die Bauern immer eine verlockende Alternative.

Verstaatlichung:
Bei den verstaatlichten landwirtschaftlichen Betrieben (Sowchosen) war der Staat nicht nur Eigentümer von Grund und Boden, sondern auch der Produktionsmittel. Die auf den Sowchosen Arbeitenden waren Angestellte des Staates, sie waren also – ökonomisch gesehen – Lohnarbeiter des Staates. Mit dem Staatseigentum wurde nicht nur eine Trennung zwischen Staat und Produzenten (Arbeitenden) vorgenommen, sondern damit auch ein ökonomischer Gegensatz zwischen Staat und Arbeitenden installiert:
Die Sowchosen wurden als Betriebe behandelt, die für den Staat lukrativ arbeiten mussten. Kalkulierte Überschüsse sollten erwirtschaftet werden. Die Betriebe wurden auf eine Kalkulation hinsichtlich Kosten, Erträge und Gewinne verpflichtet – Größen, die in realsozialistischen Ökonomie als Richtgrößen zur Steuerung der Planwirtschaft dienen sollten, sich jedoch in dieser Hinsicht als kontraproduktiv herausstellten (dazu weiter unten im Kapitel „Staatlich dirigierte Warenwirtschaft“). Die Löhne wurden als Kosten und Abzug von Gewinnen betrachtet. Die erwirtschafteten Güter wurden verkauft. Der Staat als Eigentümer trat als Unternehmer auf – wenn auch unter von ihm festgesetzten Monopolbedingungen.
Nicht nur die Nachahmung betriebswirtschaftlicher marktwirtschaftlicher Kalkulation erwies sich als Behinderung für eine zufriedenstellende Versorgung der Bevölkerung, sondern auch die notorisch unzureichende Ausstattung mit modernen Produktionsmitteln. Jahrzehntelang wurde die Produktion landwirtschaftlicher Maschinen im Vergleich zu anderen Bereichen industrieller Produktion vernachlässigt.
Deshalb konnten sich die Vorteile der verstaatlichten landwirtschaftlichen Betriebe, nämlich die extensive und effektive Nutzung der Böden und die fehlenden Reibungsverluste mit kontraproduktiven Bauern, nie so richtig entfalten.

Vergesellschaftung:
Das in den sowjetischen Parteiprogrammen propagierte Ziel war die „Vergesellschaftung der Produktion“ – bei dem Hinweis auf das Ziel blieb es dann auch.
Kurz formuliert besteht das Wesen der Vergesellschaftung darin, dass Grund und Boden und die Produktionsmittel allen Gesellschaftsmitgliedern gehören. Letztere bestimmen die Produktion und die Verteilung der Produkte und sind dementsprechend auch Nutznießer der Güterproduktion. Das Eigentum als Kategorie der Ökonomie entfällt, somit auch der Staat als Eigentümer. Daraus folgt, dass Tauschbeziehungen zwischen Eigentümern entfallen und damit auch Markt und Preise – die Güter streifen ihren Warencharakter ab, Gewinnkalkulationen erübrigen sich.
Man tut sich bei der Unterscheidung zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung dann schwer, wenn der Staat als Vertreter der „Gesellschaft“ gesehen wird. Dieser bezeichnet sich zwar als politisches Organ der Bevölkerung, ist jedoch realiter eine Instanz, die ihre eigenen Zwecke verfolgt. Wenn der Staat ökonomisch als Eigentümer auftritt, so wird er bei Aufrechterhaltung der „Ware – Geld – Beziehung“ zu einem Waren – bzw. Leistungsverkäufer. Die Waren und Leistungen werden gemäß ihrer Kosten und Erträge kalkuliert. Selbst wenn diese Kalkulation nicht angestellt wird, wie z.B. im Ausbildungsbereich (bei Schulen etc.), unterliegt der Staat budgetären „Zwängen“, denen er sich unterwerfen muss, um die Geldökonomie funktional zu erhalten.
Wie im Kapitel „Grundriss einer BVW“ beschrieben, wird von vergesellschafteten Betrieben nach einem Plan, der aus technischen Größen besteht, arbeitsteilig produziert. Bezogen auf die Landwirtschaft würde das bedeuten, Grund und Boden von landwirtschaftlichen Großbetrieben bearbeiten zu lassen. Diese Betriebe werden mit den modernsten Produktionsmitteln ausgestattet. Agraringenieure planen und organisieren eine der Gesundheit zuträgliche und doch effektive Nahrungsmittelproduktion. Das landwirtschaftliche Personal wird für etwaige erschwerende Bedingungen (Wetter, körperlicher Einsatz, fallweise längere Arbeitszeiten) mit Bonuspunkten hinsichtlich ihres Arbeitseinsatzes bedacht (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Bewertung der Arbeit“).
Die landwirtschaftlichen Produkte werden verteilt und sind in einer BVW wohl großteils dem Grundanspruch zuzuordnen.


1 Antwort auf “2.2.2 Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung”


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