2.2.1 Die Etablierung des Sozialismus – Aufstieg zur Weltmacht

Mit der Neuen Ökonomischen Politik 1921 -1928 gelang es den Bolschewiki, die ökonomische Lage zu verbessern und ihre politische Macht zu stabilisieren. Sie entfernten sich damit vom vorgegebenen Parteiprogramm. Mit der Zulassung von Privateigentum und Märkten war die Sowjetunion selbst von der angestrebten Zwischenetappe des „Sozialismus“ weiter denn je entfernt.
Noch zu Lebzeiten Lenins entstand die Debatte, ob die weiteren ökonomischen Anstrengungen in Richtung Industrialisierung oder landwirtschaftliche Produktionssteigerung gehen sollten. Da man beides wollte, entschied man sich für einen Kompromiss: Harmonie und Gleichzeitigkeit der Entwicklung. Ab 1929 setzte sich dann Stalin mit seinem Programm der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft durch. Privateigentum wurde für die Bauern wieder eingeschränkt und in der Industrie vollkommen abgeschafft. Die zentrale Planungskommission (Gosplan) und ihre Unterabteilungen legten Mengen, Preise, Löhne für die Produktionsbetriebe fest. Es wurde damit jenes Wirtschaftssystem installiert, das bis 1986 – mit kleineren Änderungen in der Nachstalinära – praktiziert wurde (siehe Kapitel „Realer Sozialismus / Staatlich dirigierte Warenwirtschaft“).
Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die russische Ökonomie mit einer widerspenstigen Bauernschaft zu tun, die zwar das Tauwetter der Neuen Ökonomischen Politik begrüßte, jedoch sich der unter Stalin durchgezogenen Enteignungskampagne widersetzte. Nur unter Anwendung von Gewalt konnten große Teile der Landwirtschaft kollektiviert werden (zum Begriff Kollektivierung siehe weiter unten).
Die Kollektivbetriebe stellten für die Bauern die schlechtere Alternative zum selbst bebauten Land dar und zwar deshalb, da die Kollektivwirtschaften aufgrund geringer Produktivität und eines rigorosen Ablieferungsregimes zur Deckung des Eigenbedarfs weniger beitrugen als eine noch so kargen Subsistenzwirtschaft. Verschärft wurde die Situation noch durch Jahre mit ungünstigen Wetterverhältnissen. Von einer den Planzahlen entsprechenden Nahrungsmittelproduktion konnte keine Rede sein. Die technische Aufrüstung der Landwirtschaft wurde nur sehr langsam vollzogen, da die industriellen Kapazitäten in großem Maße für die Rohstoffgewinnung und -verarbeitung in Anspruch genommen wurden und die Erzeugung von landwirtschaftlichen Maschinen hinterherhinkte.

Unter gewaltigen Anstrengungen wurde die Industrialisierung (bis auf einige Fachkräfte ohne ausländische Unterstützung) vorangetrieben. In kürzester Zeit sollte aus dem Agrarland Russland eine industrialisierte UdSSR werden – und das unter der verschärften Bedingung eines „Sozialismus in einem Land: Dies bedeutete nicht nur die Hoffnungen bezüglich einer Weltrevolution und der Hilfe anderer sozialistischer Länder zu begraben, sondern auch einer politischen und ökonomischen Isolierung (geringer Außenhandel) ausgesetzt zu sein.
1936 verkündete Stalin anlässlich der Verabschiedung einer neuen Verfassung der UdSSR, dass „die erste Phase des Kommunismus, der Sozialismus, im wesentlichen bereits verwirklicht ist“.
Tatsächlich gelang es innerhalb von 20 Jahren ab 1917 zur zweitgrößten Industriemacht der Welt (hinsichtlich der absoluten Produktionszahlen) aufzusteigen.
Die Industrie wurde dann zu einer bedeutenden Voraussetzung für die Kriegswende im Zweiten Weltkrieg. Nicht nur der Winter, sondern auch die in den Osten verlagerte (Rüstungs)industrie ermöglichte die erfolgreiche Gegenoffensive der Roten Armee.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die UdSSR – trotz starker Bevölkerungsverluste und einer enormen ökonomischen Substanzvernichtung – mit der Bildung des „Ostblocks“ zur zweitstärksten Macht der Welt aufgestiegen (und das nicht nur bezüglich der ökonomischen Potenz, sondern auch militärisch).
Innerökonomisch änderte sich nichts an dem prinzipiellen System der geplanten Warenwirtschaft, die im Folgenden noch eingehend beschrieben wird. Nach dem Ende der Stalinära sollten Verschiebungen in den Schwerpunktbereichen der Industrie vorgenommen werden (relative Reduzierung der Schwerindustrie gegenüber der Leicht- und Konsumgüterindustrie) – diese Reformen blieben jedoch zum Großteil nur Ankündigungen. Die starren Entscheidungsstrukturen wurden kurzfristig dezentralisiert – auch diese Änderung wurde später wieder rückgängig gemacht. In der Landwirtschaft kam es zu einer gewissen Stabilisierung der Produktion, indem kleine Kolchosen zu Großbetrieben zusammengefasst, die Zwangsablieferungen und Steuern gesenkt, und die Abnahmepreise erhöht wurden.


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