2.1.6 Resümee

Der Kriegskommunismus war auch in seinem Endstadium weit entfernt von einer BVW.
Zusammenfassend seien nun einige Fragen gestellt, die sich im Hinblick auf den Schwerpunkt dieser Abhandlung ergeben.

Wären die Ziele der Revolutionäre mit denen einer BVW vereinbar gewesen?
Die Hauptakteure der Russischen Revolution wollten eine kommunistische Gesellschaft etablieren. Diesbezügliche Vorstellungen wiesen vor allem hinsichtlich der Ökonomie durchaus Ähnlichkeiten mit der BVW auf.
(Um Missverständnissen vorzubeugen sei erwähnt, dass mit den Umgestaltungen Ende 1920, Anfang 1921 selbst euphorische Bolschewiki noch nicht den Kommunismus verwirklicht sahen, den sie anstrebten – bestenfalls eine Vorstufe dazu.)

Wie sah es mit den Voraussetzungen für die Einrichtung der neuen Gesellschaft aus?
Die russische Wirtschaft basierte hauptsächlich auf der Landwirtschaft (Mittel- und Kleinbauern). Die Industrie war schwach entwickelt, die Technik nicht allzu weit fortgeschritten, das Kommunikationssystem war nicht so weit entwickelt, um bei der Größe des Landes Informationen rasch zu übermitteln, die Transportsysteme für den Gütertransport waren entweder nicht vorhanden oder in desolatem Zustand. Mit den ökonomischen Voraussetzungen, eine geplante Versorgungswirtschaft einzurichten, stand es also nicht zum Besten.

Wie sah es mit den politischen Voraussetzungen aus?
Der Großteil der Bevölkerung, hauptsächlich Bauern, stand der Revolution vorerst nicht feindlich gegenüber. Erst als sich der Angriff auf ihr Privateigentum abzeichnete, änderte sich ihre abwartende Haltung – vorerst passive Resistenz, später offener Widerstand.
In der wichtigen Periode des Übergangs und der Gestaltung der neuen Gesellschaft herrschten Bürgerkrieg, Bedrohungen von außen und eine Wirtschaftsblockade.
Diese schlechten Voraussetzungen und Bedingungen waren den Bolschewiki bewusst – aber die führenden Köpfe waren davon überzeugt, dass Russland nur den Vorreiter einer Weltrevolution spielen würde. Nach deren Erfolg würde das Land in die internationale kommunistische Gemeinde aufgenommen und beim Aufbau des Kommunismus unterstützt werden.

Woran ist das „Experiment Kriegskommunismus“ gescheitert?
Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Doch es war nicht auszuschließen, dass unter stabilen politischen Verhältnissen und einer gefestigten Macht der Bolschewiki der Aufbau einer – wenn auch bescheidenen – geplanten Versorgungswirtschaft hätte gelingen können.
Gescheitert ist der Versuch letztlich an der Verweigerung der Bauern und dem Festhalten an ihrer privaten „Scholle“, anders gesagt, an der mangelhaften Kollektivierung der Landwirtschaft. Es rächte sich, den Bauern „ihr“ Land zuzuteilen und als Privateigentum zu belassen. Der Hunger führte zur Kapitulation vor den Bauern, zum politischen Entschluss, das ökonomische Programm zu ändern.

Zeigt die Geschichte des Kriegskommunismus, dass die Abschaffung des Privateigentums und des Marktes, und die Einführung einer geldlosen Wirtschaft in eine Katastrophe münden muss?
Die Geschichte des Kriegskommunismus zeigt, was passiert, wenn Privateigentum (an Produktionsmitteln) und damit der Markt nicht von vornherein rigoros beseitigt werden. Solange das Privatinteresse besteht, mit dem Verkaufen Geld zu verdienen, solange kann eine geplante Verteilungswirtschaft nicht sinnvoll funktionieren. Dieses Privatinteresse (in diesem Fall der Bauern) boykottiert und verunmöglicht eine Planung der Produktion und eine versorgungsgerechte Verteilung. Tausch und Verteilung sind miteinander unvereinbar.
Der Kriegskommunismus hatte sich in der allerletzten Phase zwar vom Geld als Zirkulationsmittel verabschiedet, – die Geldscheine waren wertlos geworden und wurden nicht mehr genommen –, aber auf den Verrechnungskonten des Volkswirtschaftsrates und der verstaatlichten Banken wurden die Güterbewegungen nach wie vor in Rubel verrechnet. Von einer Planung in technischen Planzahlen – wie in der BVW – konnte nicht die Rede sein. Die Abschaffung der Zahlung mit Geld führte dann tatsächlich zu einer Katastrophe, da es noch Privateigentum gab, das auf Verkauf und Kauf angewiesen war. Mit dem Geld entzieht man dem Markt tatsächlich das Schmiermittel und dieser bricht zusammen. Es verschwindet das Interesse zu produzieren um zu verkaufen – wie es die Bauern im Kriegskommunismus drastisch demonstrierten.
Die Geschichte des Kriegskommunismus beweist keineswegs, dass eine geplante Versorgungswirtschaft, eine Ökonomie ohne Markt, Privateigentum und Geld nicht möglich ist bzw. in einer Katastrophe enden muss. Vielmehr kann man daraus folgern, dass die Abschaffung der Marktwirtschaft im Sinne einer BVW nur gelingen kann, wenn das Privateigentum (an Produktionsmitteln) und damit der Markt und Tausch gegen Geld von vornherein gänzlich abgeschafft werden. Eine Doppelwirtschaft (Marktwirtschaft + Zentralverwaltungswirtschaft) bringt weder die eine noch die andere voran – beide Ökonomien behindern einander ständig. Schon gar nicht ist auf dieser Basis eine sinnvolle Versorgungswirtschaft möglich.


1 Antwort auf “2.1.6 Resümee”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft (BVW) statt Kapitalismus Pingback am 11. Februar 2009 um 15:44 Uhr
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