2.1.4 Die Umgestaltung – – – – – – – – – – – – – – – 2.1.4.1 Industrie

Gleich nach der Machtergreifung der Bolschewiki wurde die Verstaatlichung der Großbetriebe in Angriff genommen. (Einige Betriebe waren schon vor der Oktoberrevolution nationalisiert worden.) 1920 war dann auch das Kleingewerbe (mit Ausnahme reiner Familienbetriebe) nationalisiert. Die Verstaatlichung sah so aus, dass die Besitzer großer Betriebe entschädigungslos enteignet wurden, zur Leitung der Betriebe Fabrikskommmissionen, bestehend aus Arbeitern und bolschewistischen Vertrauensleuten, eingesetzt, und die wirtschaftliche Gebarung dem Obersten Volkswirtschaftsrat (WSNCh) und seinen Unterabteilungen unterstellt wurden.
Das ist nicht mit einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu verwechseln, da es sich bei der Verstaatlichung um einen Übertrag eines in Geld bewerteten Eigentumstitels handelte und gewisse Teile der Produktion sehr wohl in privater Hand blieben (zum Unterschied zwischen Verstaatlichung und Vergesellschaftung siehe weiter unten im Kapitel „Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung“).
Bis Mitte 1918 ging die Verstaatlichung der Betriebe sehr zögerlich voran, da vor allem Lenin es als wesentlicher erachtete, die Führung der Schlüsselindustrien und -betriebe mit Arbeiterkontrollräten zu besetzen, als die Eigentumsverhältnisse anzutasten. Insofern nannte N. Ossinskij, einer der Gestalter der Ökonomie nach 1917, sein Programm „Staatskapitalismus“. Dies ist bezeichnend dafür, dass die Betriebe vorerst kapitalistisch, d.h. unter Beibehaltung von Kosten (z.B. Lohnkosten), Erträgen und Gewinnen, geführt wurden.
Die forcierte Verstaatlichung begann ab Mitte 1918. Einerseits war dies eine Reaktion auf den Bürgerkrieg in der Sowjetunion. Es mussten die vorhandenen Ressourcen der Produktion unter die Kontrolle und Vorgaben des bolschewistischen Staates gebracht werden, um sich unabhängig von kapitalistischen Kalkulationen und Gegenreaktionen zu machen.
Die Enteignungen großer Fabriken wurden meist unter dem Titel „Sabotage verhindern“ vollzogen, und J. Larin, einer der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung der neuen Ökonomie, musste Lenin mit dem Argument überzeugen, dass damit verhindert würde, dass „sich die Deutschen zu Herren der russischen Industrie aufschwingen“. (12) (Mit dem Separatfrieden wurden den Deutschen auch verstärkte Zugriffsmöglichkeiten auf die russische Wirtschaft eröffnet.)
Außerdem kam das auch einigen radikaleren Bolschewiki entgegen, denen der Weg Lenins zum Kommunismus über einen staatlich kontrollierten Kapitalismus zu langwierig erschien.

Die Verstaatlichung der Industrie und des Gewerbes wurde bis Ende1920 forciert und umfasste dann große Bereiche der Gesamtindustrie. Die Verwaltung der größeren Betriebe wurde zu so genannten „Glawki“ und „Zentri“ zusammengefasst. Vertikale Dachgesellschaften („Trusts“) schlossen Betriebe gewisser Sektoren (z.B. Textil, Kohle, Kleinbetriebe / Hausindustrie etc.) zu einer Wirtschafts- und Planeinheit zusammen. Die Betriebe sollten durch einen Plan vom Obersten Volkswirtschaftsrat ihre Aufträge und Betriebsmittel zugewiesen bekommen. Dieser Plan kam allerdings in der Zeit des Kriegskommunismus nie zustande. Die Verwaltungsbehörden mühten sich vielmehr ab, die Produktion halbwegs aufrechtzuerhalten, indem sie (laut L. Kricman, Statistiker des Kriegskommunismus) versuchten, Mittel, die zumindest auf dem Papier zur Verfügung standen, „schlagartig und stoßweise auf die bedrohtesten Punkte zu konzentrieren.“ (13)

Die Betriebe rechneten weiterhin mit Rubelpreisen. Auch wenn diese von der Verwaltungsbehörde festgesetzt wurden, so mussten die Betriebe in Rubel bilanzieren und bekamen für die an die Planbehörde abgelieferten Güter auf ihren Verrechnungskonten Gutschriften gebucht.
Der Zustand der Rechnungsführung entsprach dem der Planbehörde. Bezeichnend dafür ist folgende Stellungnahme eines entnervten Funktionärs:
„Kein einziger Glawk, nicht ein einziges Zentr verfügt über zureichende und erschöpfende Daten, die es ihnen ermöglichen würden, zu einer echten Regulierung der Industrie und der Produktion des Landes überzugehen […]
Die Rechnungsführung erfolgt ungenau, und es kommt vor, dass 80 bis 90 Prozent der erfassten Rechnungsposten der Kontrolle der zuständigen Organisation entgehen. Die Posten, die unverbucht bleiben, werden zum Gegenstand wilder und zügelloser Spekulationen und wandern Dutzende von Malen von Hand zu Hand, bis sie schließlich den Verbraucher erreichen.“ (14)
Die Spekulationen nahmen nach 1918, aus dem das Zitat stammt, insofern ab, da die freien Märkte offiziell abgeschafft wurden. Allerdings gelangte dann ein nicht unbeträchtlicher Teil in den Schleichhandel.

Es wurden Löhne gezahlt, die eine Belastung des den Betrieben zur Verfügung gestellten Kredits darstellten. Insofern entfielen auch manchmal die Lohnzahlungen, und der Staat musste mit weiteren Krediten aushelfen. Als die Geldzirkulation und damit das Geldsystem kollabierte (dazu weiter unten), ging man auf Naturalentlohnung über. Außerdem wurde in Erwägung gezogen, die durch den Kollaps in Mitleidenschaft geratene Verrechnung der Betriebe mit der Erfindung einer neuen Verrechnungseinheit („Tred“) zu retten. Dazu kam es aber nicht mehr, da ab 1921 die Wirtschaft des Landes mit der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP, russisch NEP) anders organisiert wurde.
Die Produktion der Industrie und des Kleingewerbes sank von 1918 bis 1921 in erschreckendem Ausmaß – durchschnittlich um 80% verglichen mit 1913 (mit einer Streuung: z.B. 60% in der Naphtha-Produktion und 97% (!) bei der Gusseisenproduktion), und selbst verglichen mit 1917 auch um immerhin durchschnittlich 70%. (15)

Welche Gründe sind dafür anzugeben? Vorerst solche, die vorgegeben waren:
- Der Krieg, der viele Mittel verschlang, die für den Aufbau notwendig gewesen wären, und der eine Konzentration aller Kräfte auf die Produktion nicht zuließ,
- in diesem Zusammenhang auch die Rekrutierung von potentiellen Arbeitskräften für die Rote Armee und die Stadtflucht der von Hunger geschwächten Stadtbevölkerung, was die Ausbringung der nicht sehr maschinenintensiven Industrie weiter schwächte,
- die Wirtschaftsblockade, welche den Import notwendiger Güter verunmöglichte,
- die unzureichend vorhandenen Transportmittel, die während des Krieges außerdem hauptsächlich von der Roten Armee in Anspruch genommen wurden.
Schließlich auch Gründe, die der Politik der Bolschewiki geschuldet waren:
- Die Beibehaltung der Geldverrechnung zwischen den Betrieben und der Planbehörde und die damit verbundene Unterwerfung der Gebrauchsgüterplanung unter den Gesichtspunkt von Kosten und Erträgen.
- Die schon damals auftretenden Probleme der „richtigen“ Preisbestimmung.
(Die Beibehaltung einer Verrechnung mit – wenn auch fiktiven – Preisen verursachte eine Rechnungsführung, die der Oberste Volkswirtschaftsrat nicht in den Griff bekam und außerdem den oben erwähnten Spekulationen Vorschub leistete.)
- die Besetzung der Betriebsleitungen mit Arbeitern (was zum Teil der Ideologie der „Diktatur des Proletariats“ geschuldet war), denen oftmals eine zureichende Ausbildung fehlte.


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