2.1.4.4 Geld

Eine der markantesten und aufsehenerregendsten Maßnahmen des Kriegskommunismus bestand darin, in seiner letzten Phase (Ende 1920 bis Anfang 1921) eine geldlose Wirtschaft einzurichten.
In den ersten Jahren (1917-1919) wurde allerdings eine andere Politik verfolgt. Die Banken wurden verstaatlicht und eine neue Rubelwährung wurde ausgegeben. Diese konkurrierte mit anderen Rubelscheinen, die noch zur Zarenzeit bzw. zur Kerenskizeit ausgegeben wurden. Die bis zu vier verschiedenen Rubelsorten wurden mit einem Wechselkurs untereinander gehandelt und getauscht. Aufgrund der Bürgerkriegssituation gelang es den Bolschewiki in den ersten Jahren nicht, eine einheitliche Staatswährung durchzusetzen.
Die Verrechnung der Staatsbetriebe erfolgte auf Geldverrechnungskonten, die vom Volkswirtschaftsrat und von den Banken geführt wurden. Löhne wurden vorerst in Geld ausbezahlt und durch Käufe bei Genossenschaften und auf freien Märkten ausgegeben. Geld wurde vor allem deshalb gebraucht, da es Privatproduzenten (vor allem die Bauern) gab, die als solche einkauften und verkauften und dabei auf das Geld als Tauschmittel verwiesen waren. Schließlich waren auch die Güter für die Bevölkerung in den staatlichen Verkaufstellen mit (festgesetzten) Preisen versehen. Steuern wurden bei Privatproduzenten bis Anfang 1920 in Rubel eingehoben.
Die Staatsbanken steigerten ab 1918 die Ausgabe von Rubelscheinen, um die Rote Armee, den Aufbau der Staatsbetriebe und die Bezahlung der Löhne zu finanzieren. Damit wurde eine Inflation angeheizt, die bis 1920 enorme Ausmaße annahm. Angetrieben wurde die allgemeine Preiserhöhung auch durch den sich verschärfenden Gütermangel. Die zunehmende Untauglichkeit des Geldes führte dazu, dass die Bolschewiki dazu übergingen, Löhne in Naturalien abzugelten und Steuern in Form von Naturalien einzuheben (z.B. rigorose Lebensmittelkonfiskationen bei den Bauern).

Der Rubel war ruiniert und konnte seine Funktion als Geld nicht mehr wahrnehmen. Güter wurden verteilt (Kartensystem bzw. kostenlose Leistungen), Lebensmittel gewaltsam konfisziert. Die Staatsbetriebe und auch das Staatsbudget wurden weiterhin auf Basis von fiktiven Rubelpreisen bilanziert. Die fiktive Bewertung diente zur Berechnung der Güterströme. Der Rubel zirkulierte allerdings nicht mehr – Geld als Zirkulationsmittel war für ein paar Monate tatsächlich außer Kraft gesetzt.
War dies im Sinne der Bolschewiki?
Ja, was den ökonomisch radikaleren Teil betraf, denn Preobraschenski, der für die Finanzen des Staates zuständig war, schrieb schon 1919:
„Die kommunistische Gesellschaft wird kein Geld kennen. […] Das Geld verliert allmählich seine Bedeutung, gleich von Anbeginn der sozialistischen Revolution. Alle nationalisierten Unternehmungen, ähnlich dem Unternehmen eines reichen Besitzers (in diesem Falle – des proletarischen Staates), haben eine gemeinsame Kasse und haben es nicht nötig, für Geld einen gegenseitigen Kauf und Verkauf zu betreiben. Es wird langsam der bargeldlose Verkehr eingeführt. Infolgedessen wird das Geld aus einem großen Gebiet der Volkswirtschaft verdrängt. Auch in Bezug auf die Bauernschaft verliert das Geld ebenfalls langsam seine Bedeutung, und auf den Plan tritt der Warentausch. Sogar im Privathandel mit den Bauern tritt das Geld immer mehr zurück, und der Käufer kann Getreide nur gegen Naturalprodukte wie Kleider, Stoffe, Geschirr, Möbel u. dgl. bekommen. Das langsame Verschwinden des Geldes wird auch begünstigt durch die riesige Papiergeldemission durch den Staat, bei stark eingeschränktem Warenverkehr, hervorgerufen durch die Zerrüttung der Industrie. Die immer mehr zunehmende Entwertung des Geldes ist, im Grunde genommen, eine elementare Annullierung desselben.“ (17)

Es würde also die Darstellung des Kriegskommunismus verfälschen, wenn man behauptet, die Ökonomie Sowjetrusslands wäre durch unbeeinflussbare Umstände zwangsläufig in eine geldlose Wirtschaft hineingeschlittert. Die Abschaffung des Geldes war durchaus beabsichtigt und wurde durch die politischen Maßnahmen forciert. Die damals maßgebenden Akteure der Bolschewiki fassten 1919 den Entschluss, die Gelegenheit wahrzunehmen und schneller als vorerst geplant eine geldlose Verteilungswirtschaft einzurichten.

Folgendes stimmt dabei bedenklich:
- Mit der Abschaffung des Geldes wurde nicht auch das Privateigentum der Bauern aufgehoben. Der Großteil der Produktion (Landwirtschaft) funktionierte also noch auf Basis des Privateigentums und des Tausches. Dies führte schließlich dazu, dass die Bauern ihre Produktion vollends auf Selbstversorgung zurückfuhren. Die von Preobraschenski angedeutete Entwicklung vom Warentausch ohne Geld zur geldlosen Wirtschaft, übersieht die Notwendigkeit des Geldes für einen ökonomisch dominanten Warentausch – nur mit Gewalt kann ein Geldumlauf dabei unterbunden werden, und das auch nur „offiziell“ und nicht allzu lange.
- Die Abschaffung des Geldes sollte dadurch befördert werden, indem man dieses vermehrt in Umlauf setzte. Damit untergrub man zwar die Brauchbarkeit des Geldes, aber man hatte sich seiner nicht entledigt – die Budgets der Betriebe und des Staates wurden weiterhin in Rubel bilanziert. „Bargeldlose“ Wirtschaft bedeutet keinesfalls „geldlose“ Wirtschaft!
Dies merkten einige Bolschewiki und bastelten an einer neuen Verrechnungseinheit. Zur Umsetzung dieses Entwurfs kam es aber nicht mehr, da im März 1921 das Experiment „Kriegskommunismus“ abgebrochen wurde.


1 Antwort auf “2.1.4.4 Geld”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:04 Uhr
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