2.1.4.2 Landwirtschaft

Den Großteil der Bevölkerung Russlands stellten die Bauern. Die Mittelbauern, Kleinbauern und Landarbeiter standen den revolutionären Ereignissen vorerst nicht unfreundlich gegenüber, denn sie erwarteten sich Vorteile aus der Kampfansage der Revolutionäre an Großgrundbesitzer und Großbauern.
Tatsächlich wurde eine Landreform mit einer Landzuteilung an Kleinbauern und Landlose durchgeführt. Infolge der Aufteilung von Großbesitz kam es zu einer weiteren Zersplitterung der landwirtschaftlichen Bearbeitungsflächen und einer Zunahme der Subsistenzbewirtschaftung (Anbau nur für den Eigenbedarf).
Die Zerschlagung feudaler Strukturen und die Aufteilung von Land waren schon vor der Oktoberrevolution von 1917 relativ weit gediehen, deshalb fiel der Landzuwachs für die Kleinbauern relativ gering aus (20%).

Die meisten Bauern verhielten sich danach misstrauisch gegenüber den weiteren geplanten Reformen der Bolschewiki. Die Kollektivierung der Landwirtschaft, mit gleichzeitiger Zusammenlegung von Betrieben oder Übernahme von Großbetrieben, fand vorerst nur sehr spärlich statt. Dennoch befürchtete ein Großteil der Bauern eine größer angelegte Kollektivierung, was ihre passive Resistenz verstärkte und der Versorgung der Bevölkerung, vor allem der Stadtbevölkerung, schadete.
Obzwar die Bolschewiki ab 1918 verstärkt damit begannen, die Bauern für eine „Sozialisierung“ der Landwirtschaft zu agitieren, gelang es nicht, die Bauern für Kommunen zu begeistern. Die bestehenden Kolchosen (landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften) und Sowchosen (staatliche Mustergüter), die als vorbildliche Beispiele dienen sollten, funktionierten mangels Produktionsmittel mehr schlecht als recht. Die Agitation, welche die Bauern zu einer freiwilligen Kollektivierung bewegen sollte, scheiterte.
Die Bolschewiki scheuten vor Zwangskollektivierungen, schon gar vor Enteignungen zurück, da sie in der Zeit des Bürgerkriegs nicht auch noch einen Krieg gegen die Bauern führen wollten – sie wussten, dass den Bauern nur gegen heftigsten Widerstand eine Kollektivierung aufgezwungen werden konnte.
Auch die Absicht der Bolschewiki, mit dem Verbot der freien Märkte (Anfang 1920), der Verschärfung der Zwangsablieferungen an das Narkomprod (Volkskommissariat für Verpflegung, Ernährung und Nahrungsmittelversorgung) und der Bildung von „Saatkomitees“ die Nahrungsmittelversorgung zu planen und zu verbessern, erzielte nicht die gewünschten Resultate. Für die Zwangsablieferungen wurden zwar Entgelte bezahlt, stellten aber aufgrund der geringen Höhe des Entgeltes keinen Anreiz für eine Erhöhung der Produktion dar. Für die Zwangsablieferungen blieb immer weniger übrig, da die Bauern vermehrt zur Eigenbedarfsdeckung übergingen. Etwaige Überschüsse wurden im Schleichhandel, der mit der Abschaffung der freien Märkte zunahm, verkauft.
Ende 1920 bekamen auch die bis dahin relativ gut versorgten Soldaten der Roten Armee den Mangel an Nahrungsmitteln voll zu spüren. Diese führten daraufhin selbst die Eintreibung der Zwangsablieferungen, oft in Form von Plünderungen, durch. Dies verschärfte den Widerstand der Bauern und es kam zu Bauernaufständen.
Als eine Missernte 1920 die verheerende Nahrungsmittelsituation, vor allem in den Städten, noch weiter zuspitzte, wurden auch das städtische Proletariat und die Soldaten unruhig. Das war der Auslöser, die Politik des Übergangs zum Kommunismus zu revidieren.
Die Bildung der Saatkomitees (Ende 1920) war der letzte Versuch, in der Phase des Kriegskommunismus die Bauernwirtschaften in einen staatlichen Versorgungsplan einzubinden: Jeder Bauer hatte einen Teil seines Landes an den Staat abzutreten und für staatliche Bedürfnisse zu bebauen. Auf die endgültige Durchsetzung dieser Verstaatlichung wurde schließlich aufgrund der massiven Widerstände und der Verkündung der NEP verzichtet.

Zusammengefasst können folgende Gründe für die Misere in der Landwirtschaft angegeben werden:
- Der Krieg und die Blockade trugen viel dazu bei, die Nahrungsmittelversorgung zu verschlechtern. Gerade die Kornkammern des Landes waren Kriegsgebiet.
Verschärft wurde die Lage in diesem Bereich
- durch die inkonsequente Politik der Bolschewiki, den Mittel-, Kleinbauern und Landlosen einerseits Besitz als marktwirtschaftliches Eigentum zukommen zu lassen und sie damit in ihrem „Schollendenken“ noch zu bestärken, andererseits von ihnen aber die „Sozialisierung“ ihrer Produktion und schließlich auch ihres Bodens zu verlangen.
- Die schlechte Ausstattung mit Produktionsmitteln (z.B. Traktoren) und die schon mehrmals erwähnten mangelhaften Transportmittel trugen ebenfalls dazu bei, die Lebensmittelversorgung zu einer Dorfversorgung und schließlich weitgehend zu einer Eigenversorgung verkommen zu lassen.


1 Antwort auf “2.1.4.2 Landwirtschaft”


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