2.1.3 Die Voraussetzungen des Übergangs zum Kommunismus

Die Revolutionäre waren sich darüber im Klaren, dass ihre Zielvorstellung „Kommunismus“ nicht sofort umzusetzen sein würde. Einige bezweifelten sogar die Möglichkeit der Realisierung dieser neuen Ökonomie in einem Lande, welches nach ihrer Ansicht gar nicht die Voraussetzungen dafür mitbrachte. Woher kamen dieses Misstrauen und dieser Zweifel?
Erstens hatten diese ihre Grundlagen in der ökonomischen Situation Russlands. In den Städten gab es zwar Großindustrie in bescheidenem Ausmaß, der Großteil der Produktion des Landes waren jedoch landwirtschaftliche Produkte, die mit bescheidensten Mitteln von Klein- und Mittelbauern erstellt und in Dorfgemeinschaften vertrieben und verbraucht wurden. Die Voraussetzungen für eine Versorgungswirtschaft auf hohem Niveau waren also denkbar schlecht. Hohes Niveau meint ein Niveau, Ge- und Verbrauchsgüter auf dem damals höchsten technischen Stand herzustellen, und diese der gesamten Bevölkerung zukommen zu lassen. Was nicht bedeutet, dass es unmöglich gewesen wäre, eine BVW in Angriff zu nehmen und diese etappenweise auf ein hohes Niveau zu bringen!
Zweitens erachteten viele die politökonomische Situation Russlands geschichtlich noch nicht reif genug, eine kommunistische Gesellschaft zu etablieren. Sie beriefen sich auf den Historischen Materialismus, der als Grundpfeiler des Marxismus angesehen wurde. Diese Theorie postulierte eine Art geschichtlicher Notwendigkeit in der Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse und behauptete, dass sich der Kapitalismus notwendigerweise überlebe und schließlich „das Proletariat die Staatsgewalt ergreift und die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum verwandelt“ (11). (Zur Kritik des Histomat siehe Kapitel „Die Nicht-Utopie – der wissenschaftliche Sozialismus / Der Historische Materialismus“). Nun sahen sie in den gesellschaftlichen Verhältnissen des vorrevolutionären Russlands gar keinen Kapitalismus, schon gar nicht einen in seinem letzten Stadium. Wie sollte man in einem Land mit halbfeudalen Verhältnissen, einer schwach ausgebildeten Industrie und kaum vorhandenem Proletariat den Kommunismus einrichten? Man verginge sich an dem bestimmten Verlauf der politökonomischen Entwicklungsgeschichte, indem man den Kapitalismus überspringe. Die Diskussion darüber, dass die Theorie des Historischen Materialismus fehlerhaft sein könnte, verbat man sich. Außerdem sollte der Revolution und der Einrichtung des Kommunismus eine Art historischer Berechtigung verliehen werden. Diese wurde nun mit einer weiteren fehlerhaften Theorie gefunden, nämlich dass sich der Kapitalismus weltweit „in seinem letzten Stadium“ befände und eine Weltrevolution bevorstünde. Dafür wurden mehrere Indizien angeführt: die zunehmende Konzentration des Kapitals, die Verschärfung der Klassenkämpfe, die verschärften Konkurrenzkämpfe und Krisen auf dem Weltmarkt, welche schließlich im Weltkrieg kulminierten. Die russische Revolution wäre somit ein Vorreiter der bevorstehenden Weltrevolution. Wäre diese dann Realität, dann wäre der „Sozialismus in einem Land“ hinfällig, und Russland könnte als Teil der Internationale mit der brüderlichen Hilfe anderer Länder sehr rasch ökonomisch aufschließen.
Es ist nun müßig zu spekulieren, wie die Politik der Bolschewiki ausgesehen hätte, wenn sie die weltpolitische Lage richtig erklärt und damit ihre Revolution in einem anderen Lichte gesehen hätten. Besonders deutlich wurde das Festhalten am Historischen Materialismus in der Umbruchphase daran, das russische Proletariat als Angelpunkt für die Errichtung der neuen Ökonomie und Politik zu sehen. Gemäß der traditionellen Auffassung des Marxismus ist das Proletariat als das treibende Moment der Revolution anzusehen. Dieses ist zu agitieren, hat die Macht zu übernehmen und die Bourgeoisie zu enteignen.
Es sei an die im Kapitel „Historischer Materialismus“ erläuterte geschichtsteleologische Programmatik erinnert: Als Übergangsphase zum Kommunismus entstünde die so genannte „Diktatur des Proletariats“, welche das alte System umwälze und dabei diktatorisch im Sinne der Zerschlagung des Kapitalismus und der Verstaatlichung des Eigentums vorgehe. Erst wenn sich das neue System, welches als Sozialismus bezeichnet wird, gefestigt habe, könne daran gegangen werden, den Sozialismus in den Kommunismus umzuwandeln, indem die Gewalt der einen Klasse (Proletariat) über die andere (Bourgeoisie) beseitigt werde. Sie sei dann nicht mehr notwendig, da es keine Klassen mehr gäbe – der Staat sterbe ab.
Man mag in entwickelten marktwirtschaftlichen Gesellschaften dem Proletariat, den Arbeitnehmern der mittleren und unteren Etagen, eine wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle bei der Etablierung der alternativen Ökonomie zukommen lassen, aber in einem Land mit 80% bäuerlicher Bevölkerung erscheint dies seltsam. Die Bolschewiki waren sich in ihrer Beurteilung nicht einig, die Bauern als Verbündete oder als Feinde zu betrachten.
In ihrer Revolutionstheorie wurde nur das relativ spärlich vorhandene Landproletariat (Knechte, Wanderarbeiter etc.) als Bündnispartner erachtet, die Bauern, selbst die Kleinbauern, als „Bollwerk der alten Gesellschaft“ (Marx) bezeichnet. Tatsächlich waren Letztere alles andere als kooperative Genossen. Andererseits waren diese die weitaus größte Bevölkerungsgruppe Russlands, was ihre Anzahl und ihren Beitrag zur Versorgung betraf. Somit war klar, dass dieser Gruppe eine entscheidende Rolle in der Übergangsphase zukam. Die ambivalente Haltung der Bolschewiki den Bauern gegenüber zeitigte schließlich äußerst schädliche politische und ökonomische Auswirkungen (dazu weiter unten).
Zu den erwähnten schlechten Voraussetzungen für die Übergangsphase gesellten sich noch die Belastungen eines Bürgerkrieges und einer Wirtschaftsblockade der Ententemächte. Das durch den Weltkrieg zerrüttete Land kam auch mit dem Separatfrieden mit Deutschland (Brest-Litowsk März 1918) und dem damit verbundenen Kriegsaustritt nicht zur Ruhe. Die von der Entente aufgerüstete und finanzierte Weiße Armee machte innerhalb Russlands den Bolschewiki die Macht streitig und entfachte bis Ende 1920 einen Krieg, für den die Rote Armee Personal, Versorgungs- und Verkehrsmittel benötigte (deshalb auch der Begriff „Kriegskommunismus“). Bis 1921 war das Staatsgebiet nicht gesichert und somit auch nicht die ökonomische Nutzung dieser Gebiete.
Letztlich sei noch die immense Größe des Landes als Bedingung erwähnt: Einerseits ermöglichte dies eine relative Autarkie gegenüber anderen Mächten und ein Überstehen der Wirtschaftsblockade, denn die wichtigsten Rohstoffe waren im Land potentiell vorhanden. Andererseits entstanden aufgrund desolater Verkehrs- und Kommunikationseinrichtungen enorme Schwierigkeiten, die Verhältnisse in allen Regionen zu überblicken und so etwas wie eine geplante Versorgungswirtschaft aufzuziehen.


1 Antwort auf “2.1.3 Die Voraussetzungen des Übergangs zum Kommunismus”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 11:07 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.