2.1.2 Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft

Aufgrund dieser Kritik wird für die neue Gesellschaft („Kommunismus“) postuliert:
„1. Sie muss eine organisierte Gesellschaft sein; in ihr darf es keine Anarchie der Produktion, keine Konkurrenz der Privatunternehmer, keine Kriege und Krisen geben;
2. Sie muss eine Gesellschaft ohne Klassen sein; sie darf nicht aus zwei Hälften bestehen, die einander immerfort bekämpfen, sie kann nicht eine Gesellschaft sein, wo eine Klasse durch eine andere ausgebeutet wird. […]
Die Grundlage der kommunistischen Gesellschaft ist das gesellschaftliche Eigentum an den Produktions- und Verkehrsmitteln. […] Es heißt, dass auch nicht eine einzelne Klasse der Eigentümer ist, sondern alle Menschen, die die Gesellschaft bilden […]
Es versteht sich von selbst, dass eine so ungeheuer große Organisation einen allgemeinen Produktionsplan voraussetzt.“ (5)
Im „ABC des Kommunismus“, das als Agitations- und Selbstverständigungsschrift gedacht war, wird an vielen Stellen die zukünftige kommunistische Gesellschaft erklärt, werden manche Bereiche der Gesellschaft skizziert. Die folgenden Zitate geben einen groben Überblick:

Verteilung:
„Die kommunistische Produktionsweise setzt auch nicht eine Produktion für den Markt voraus, sondern für den eigenen Bedarf. Nur erzeugt hier nicht jeder Einzelne für sich selbst, sondern die ganze riesengroße Genossenschaft für alle. Folglich gibt es hier keine Waren, sondern bloß Produkte. Diese erzeugten Produkte werden nicht gegeneinander eingetauscht; sie werden weder gekauft noch verkauft. Sie kommen einfach in die gemeinschaftlichen Magazine und werden denjenigen gegeben, die sie benötigen. Das Geld wird also hier unnötig sein.“ (6)
(Die Fortsetzung des Zitats soll nicht vorenthalten werden, da es das Bemühen zeigt, Gegenargumente aufzunehmen und diese ernsthaft zu kritisieren:
„Das Geld wird also hier unnötig sein. Wieso denn? – wird jeder fragen. So wird ja der eine eine Unmenge nehmen und der andere ganz wenig. Welchen Vorteil wird man denn von dieser Verteilung der Produkte haben? Da muss nun Folgendes gesagt werden: In der ersten Zeit, vielleicht die ersten 20 bis 30 Jahre, wird man natürlich verschiedene Regeln einführen müssen, und es werden z.B. bestimmte Produkte nur denjenigen zugewiesen, die einen entsprechenden Vermerk im Arbeitsbuch oder ihre Arbeitskarten vorgezeigt haben. Später, wenn sich die kommunistische Gesellschaft befestigt und entwickelt hat, wird das alles überflüssig sein. Jedes Produkt wird reichlich vorhanden, alle Wunden werden längst geheilt sein, und jeder wird dann soviel nehmen können, als er braucht. Werden aber die Menschen nicht ein Interesse haben, mehr zu nehmen, als sie brauchen? Gewiss nicht. Gegenwärtig fällt es ja auch niemandem ein, z.B. in der Tramway drei Fahrscheine zu kaufen und dann nur einen Platz zu besetzen und zwei unbesetzt zu lassen. Ebenso wird es dann mit allen Produkten sein. Der Betreffende hat aus dem gemeinschaftlichen Magazin so und so viel genommen, als er braucht, und Schluss.“ (7)
Das Beispiel mit den Fahrscheinen ist etwas unglücklich gewählt, da kaum jemand sich die Geldausgabe für mehrere Karten leisten kann und will, um sich somit das Alleinsitzen zu Erkaufen.)

Verwaltung:
„Wie kann sich denn eine so große Organisation ohne jede Führung bewegen? Wer wird denn den Plan der gemeinschaftlichen Wirtschaft ausarbeiten? Wer wird die Arbeitskräfte verteilen? Wer wird die gesellschaftlichen Einnahmen und Ausgaben berechnen? Kurz, wer wird über die ganze Ordnung wachen?
Darauf ist nicht schwer zu antworten. Die Hauptleitung wird in verschiedenen Rechnungskanzleien und statistischen Büros liegen. Dort wird Tag für Tag über die ganze Produktion und ihre Bedürfnisse Rechnung gelegt werden; es wird auch angegeben werden, wo die Zahl der Arbeitskräfte zu vergrößern, wo zu verringern und wie viel zu arbeiten ist. Und weil alle von Kindheit her die gemeinsame Arbeit gewohnt sein und begreifen werden, dass diese Arbeit notwendig und das Leben am leichtesten ist, wenn alles nach einem durchdachten Plan vor sich geht, so werden alle nach den Anordnungen dieser Berechnungsbüros arbeiten. Da braucht man keine eigenen Minister, keine Polizei, Gefängnisse, Gesetze, Erlässe – nichts. […]
Es existiert keine Gruppe und keine Klasse, die über allen anderen Klassen steht. Außerdem werden ja in diesen Rechnungsbüros heute die, morgen jene Personen sein. […] Der Staat wird absterben.“ (8)

Verkürzung des Arbeitstages, Kultur:
„Die kommunistische Gesellschaft wird eine ungeheure Entwicklung der Produktivkräfte bedeuten, so dass auf jeden Arbeiter der kommunistischen Gesellschaft weniger Arbeit entfallen wird als früher. Der Arbeitstag wird immer kürzer und die Menschen von den Ketten, die ihnen die Natur auferlegt hat, befreit werden. Sobald die Menschen nur wenig Zeit verbrauchen werden, um sich zu nähren und zu kleiden, werden sie einen großen Teil der Zeit der geistigen Entwicklung widmen.“ (9)

Gerichtsbarkeit:
„… allmählich, mit dem Absterben des Staates, wird das Gericht sich zum Organe der Äußerung der öffentlichen Meinung verwandeln, sich dem Charakter eines Schiedsgerichtes nähernd, dessen Entscheidungen nicht zwangsweise vollzogen werden, sondern bloß eine moralische Bedeutung besitzen.“ (10)

Die Zitate machen deutlich, dass nach der Russischen Revolution durchaus die Chance und die Absicht bestand, eine alternative Ökonomie einzurichten, die der BVW ähneln würde.
Sowohl bezüglich der Kritik an der Marktwirtschaft als auch hinsichtlich der Zielvorstellungen gibt es also Ähnlichkeiten mit dem in dieser Schrift vorgestellten Konzept.


4 Antworten auf “2.1.2 Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft”


  1. 1 Nestor Machno 23. Februar 2009 um 2:26 Uhr

    Es ist eben schon ein fragliches Unterfangen, eine neue Gesellschaft zu „postulieren“. Was heißt das? Man gibt einen Katalog frommer Wünsche ab, hat aber nichts erklärt (und vielleicht auch nichts begriffen).

    „Sie muss … sie darf nicht …“ Mit Dekret und Verbot wird an dieser zukünftigen heilen Welt herumgebastelt.

    Dann das „gesellschaftliche Eigentum“: Was heißt das eigentlich? Wenn man das Privateigentum für hinfällig erklärt, was für einen Sinn hat es dann, von „Eigentum“ zu reden? Das setzt dann doch einen anderen Eigentümer voraus, und der war dann konsequenterweise der Staat, der sich des gesamten Reichtums der Gesellschaft bemächtigt und das als „gesellschaftliches“ Eigentum definiert.

    Schließlich die „ungeheuer große Organisation“, die da angekündigt wird, und die „Verteilung“, die den nächsten Unterpunkt bildet: Da werden schon die Weichen gestellt, für ein System, wo die einen organisieren und verteilen, also am Hahn sitzen, und die davon Beglückten froh über das sein sollen, was ihnen da „organisiert“wird, von ein paar Besserwissern, die, so mein Verdacht, von Ökonomie gar nicht so viel Ahnung hatten, dafür um so konkretere Vorstellungen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Verteilung.

    Zu dem Zitat gegen die Gefräßigkeit des Menschen: Wenn man gutwillig ist, so kann man sich dem teilweise anschließen, obwohl das für mich schon in der Frage des „Überganges“ nicht mehr zutrifft. Aber die Sache mit der Fahrkarte ist absurd. erst wird dem Einwand mit der „Maßlosigkeit des Menschen“ entgegengehalten, es wird schon nicht so sein, und wenn man dann auf ein Argument wartet, so kommt ein unsinniges, wie du selbst in Klammer richtig anmerkst.

    Aber richtig haarig wird es bei der Verwaltung. Es gibt Verwalter und Verwaltete. Damit ist der Bürokratie ein heimisches Nest bereitet. Milovan Djilas hat richtig die sozialistischen Verwalter als „Neue Klasse“ bezeichnet. Macht im Sozialismus ist immer mit Wissen begründet worden. Es gibt die Wissenden, die Elite, die entscheiden dann für und über den Rest, das „Volk“. Sie definieren deren Bedürfnisse, und wer ein Recht worauf hat.
    Die Idee, daß diese Leute sich einmal selbst überflüssig machen werden, ist ein frommer Wunsch, wie die Geschichte lehrt. Weder wird das Geld „überflüssig“, noch „stirbt der Staat ab“, nachdem sich eine neue Klasse der Verwalter des allgemeinen Glücks etabliert hat.
    Man muß aufhören, aus Wissen Führung abzuleiten, und das Proletariat für dumm zu erklren, das der Führer bedarf. Diese Zweiteilung setzt eine Trennung in die Welt, die sich nicht von selbst aufhebt.

    Ähnliches gilt für das Gericht, das, einmal gehalten und etabliert, ewig wird.

    Die Schöpfer des „ABC des Kommunismus“ mögen von den edelsten Motiven beseelt gewesen sein, die man sich denken kann. Aber sie haben dennoch den Grundstein gelegt für eine Auffassung der Rolle der Kommunisten, die gegen die ursprüngliche Idee der Aufhebung des Privateigentums ausgeschlagen ist.

    Eine Zusammenfassung der Einwände gegen die Idee des „ABC des Kommunismus“:

    Bürokratie schafft Herrschft, Herrschaft schafft Bürokratie
    Wissen erzeugt Anspruch auf seine Verbreitung, erteilt aber keine Privilegien
    Wissen berechtigt nicht zu Über- und Unterordnung
    Die Idee des „Übergangs“ etabliert Herrschaft
    Wer sich zum Vertreter fremder Interessen erklärt, beansprucht Führung
    Wer Führung beansprucht, gibt sie nicht auf

    Es bleibt das Problem: Wie die Idee des Kommunismus propagieren? und die Antwort ist: durch ihre Propagierung, und das heißt Aufklärung über die Gesetze, nach denen die Wertproduktion funktioniert. An dieser Notwendigkeit führt kein Weg vorbei. Es gibt keinen anderen Königsweg, keine Tricks, keine „historische Notwendigkeit“. Die Idee, man könnte durch einen Putsch eine „revolutionäre Situation“ ausnützen und dann per Dekret den Kommunismus einführen, blamiert sich an der Praktizierbarkeit dieses Ideals, und an der Arroganz derer, die daran festhalten.

  2. 2 Administrator 24. Februar 2009 um 16:02 Uhr

    Antwort zu Nestor Machno

    Die russishen Revolutionäre haben(im ABC des Kommunismus)den Kapitalismus erklärt und daraus ihre „negativen“ Schlüsse gezogen: wie soll die neue Gesellschaft „nicht“ aussehen. damit weiss man zwar noch nicht wie sie aussehen soll, aber man weiss, was man nicht will.
    Bucharin und Preobraschenski vorzuwerfen, sie hätten nichts eklärt, sondern postuliert und fromme Wünsche abgegeben, halte ich für einen unkorrekten und die Sachlage verkennenden Einwand. Diese Gedanken zu einer neuen Gesellschaft wurden nach vollbrachter Revolution niedergeschrieben – manche würden sagen viel zu spät – um die Grundzüge der neuen Gesellschaft zu skizzieren. Die neue Gesellschaft, die zu errichten anstand, hätte sich bloß mit einer Kritik am Kapitalismus nicht von alleine entwickelt.
    Was soll die Kritik an den „Besserwissern“? Ich plädiere tatsächlich für eine Gesellschaft, in der „Wissen (eine) Macht“ ist. Sowohl in der bürgerlichen Demokratie als auch im Realen Sozialismus hat sich Macht mit Gewalt etabliert, bleibt und blieb dieser Spruch also reine Ideologie. Es stimmt einfach nicht, dass sich aus Fachwissen Herrschaft ergibt – wie den auch ohne Gewalt? Geständig wird dies auch in der These „Bürokratie schafft Herrschaft und umgekehrt“. Eine haarsträubende Tautologie: Die Herrschaft der Verwalter schafft Herrschaft und umgekehrt.
    Das „Problem“, wie der Kommunismus zu propagieren und letztlich zu etablieren ist, wird wohl bloß mit einer „Erklärung der Wertproduktion“ nicht zu lösen sein. Dazu gehört auch, aus der Negation der kritisierten Verhälnisse die Alternative theoretisch und praktisch zu entwickeln – mit größmöglicher Beteiligung der Betroffenen.

  3. 3 Nestor Machno 06. April 2009 um 2:14 Uhr
  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:07 Uhr
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