2.1.1 Kritik an der Marktwirtschaft

Sicherlich gab es bezüglich der Kritik an der Marktwirtschaft und vor allem hinsichtlich der Vorstellungen von einer neuen Gesellschaft innerhalb der Bolschewiki unterschiedliche Auffassungen. Man kann aber davon ausgehen, dass die führenden Köpfe der Revolutionäre, diejenigen, welche die Politik der ersten Jahre bestimmten, den Standpunkt teilten, der im „ABC des Kommunismus“ dargestellt wurde.
Diese Schrift wurde Ende 1919 fertig gestellt und ist eine für Agitationszwecke umgearbeitete Fassung des 2. Parteiprogramms der Bolschewiki. Die Hauptteile stammen von N. I. Bucharin, einige Kapitel von E. A. Preobraschenski. Obzwar die beiden Autoren zu diesem Zeitpunkt dem „linken Rand“ der Bolschewiki zugeordnet wurden und Lenin mit einigen Teilen dieser Schrift nicht einverstanden war, wurde der Inhalt der folgenden zitierten Passagen vom Großteil der Parteimitglieder gutgeheißen und mitgetragen.

Die russischen Revolutionäre orientierten sich bei ihrer Kritik an den Schriften von Marx und Engels, sowohl was deren Analysen des Kapitalismus als auch deren Ausführungen zum „Historischen Materialismus“ betrifft.
Das „ABC des Kommunismus“ analysiert vorerst die Charakteristika der Marktwirtschaft. Zusammenfassend wird festgehalten:
„Als Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheinen also 3 Merkmale: die Erzeugung für den Markt (Warenproduktion); die Monopolisierung der Produktionsmittel durch die Kapitalistenklasse; Lohnarbeit, d.h. Arbeit, gegründet auf dem Verkauf der Arbeitskraft.“ (1)

Wie sieht nun die Kritik am Kapitalismus aus?
„Vor allem gibt es unter dem Kapitalismus keine organisierte Produktion und Verteilung der Produkte, sondern eine ‚Anarchie der Produktion‘. Was heißt das? Das heißt, dass jeder kapitalistische Unternehmer (oder jede Kapitalistenvereinigung) unabhängig von dem andern Waren erzeugt. Nicht die ganze Gesellschaft berechnet, wie viel und was sie braucht, sondern die Fabrikanten lassen ganz einfach mit der Berechnung erzeugen, einzig mehr Profit zu bekommen und ihre Gegner auf dem Markte zu schlagen. Deshalb kommt es manchmal vor, dass zu viele Waren erzeugt werden […]
Dann tritt eine Krise ein: Die Fabriken werden geschlossen, die Arbeiter aufs Pflaster gesetzt. Die Anarchie der Produktion zieht den Kampf auf dem Markt nach sich: Jeder will dem anderen die Käufer abfangen, sie auf seine Seite ziehen, den Markt erobern. Dieser Kampf nimmt verschiedene Formen, verschiedene Gestalten an; er beginnt mit dem Kampf zweier Fabrikanten untereinander und schließt mit dem Weltkriege zwischen den kapitalistischen Staaten um die Verteilung der Märkte in der ganzen Welt ab. Da erfolgt nicht nur kein Ineinandergreifen der Bestandteile der kapitalistischen Gesellschaft, sondern ein direkter Zusammenstoß derselben.
Der erste Grund der Zerfahrenheit des Kapitalismus liegt also in der Anarchie der Produktion, was in den Krisen, der Konkurrenz und in den Kriegen zum Ausdruck kommt.“ (2)
(Auf etwaige fehlerhafte Verkürzungen in dieser Kritik – etwa den Zusammenhang zwischen Überproduktion und Weltkrieg – wird nicht näher eingegangen, da dies keine Auswirkungen auf den Entwurf der neuen Gesellschaft und deren praktischen Inangriffnahme hatte.)
Die Bolschewiki beschränkten ihre Denunziation nicht auf die über Bord geworfenen russischen gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern kritisierten die Marktwirtschaft als die weltbeherrschende Wirtschaft.
„Der zweite Grund für die Zerfahrenheit der kapitalistischen Gesellschaft liegt im Klassenaufbau. Im Grunde genommen ist doch die kapitalistische Gesellschaft nicht einheitlich, sondern in zwei Gesellschaften gespalten: die Kapitalisten – einerseits, die Arbeiter und die Armut – andererseits. Sie befinden sich in ständiger, unversöhnlicher, nie aufhörender Feindschaft, deren Ausdruck der Klassenkampf ist. Auch hier sehen wir, dass die verschiedenen Teile der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur einander nicht angepasst sind, sondern umgekehrt, sich in ununterbrochenem Gegensatz befinden.“ (3)

Die hauptsächliche Kritik an der Marktwirtschaft bzw. deren Grundübel lässt sich also so zusammenfassen:
1. Die „Anarchie“ der Produktion und Verteilung der Waren, welche Konkurrenz, Krisen und Kriege hervorrufen und
2. Die Spaltung der Gesellschaft in zwei einander gegensätzliche Klassen: die Kapitalisten (Privateigentümer) auf der einen Seite, mit angehäuften Reichtümern und Machtmitteln, und die Arbeiter auf der anderen Seite, mit nichts als ihrer Arbeitskraft und der Armut.
Deutlich wird diese Kritik auch an folgender Frage und Antwort:
„Wie ist diese unsinnige Ordnung zu erklären, in welcher die Menschen im Überfluss und Reichtum zu Bettlern werden?
Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Wir haben bereits oben gesehen, dass in der kapitalistischen Gesellschaft ein Wirrwarr, eine Anarchie in der Produktion herrscht. Jeder Unternehmer erzeugt Waren unabhängig von den anderen, auf eigene Gefahr und Verantwortung. Bei dieser Art der Produktion stellt sich dann früher oder später heraus, dass zu viele Waren erzeugt werden (Überproduktion der Waren). Als man nur Güter erzeugte und keine Waren, d.h. als die Produktion nicht für den Markt bestimmt war, da war die Überproduktion nicht gefährlich. Ganz anders ist es bei der Warenproduktion. Da muss jeder Fabrikant, um für die weitere Produktion Waren kaufen zu können, zuerst die von ihm erzeugten Waren verkaufen. Bleibt die Maschine aber in dem Wirrwarr der Produktion an einer Stelle stecken, so überträgt sich das sofort auf einen anderen Industriezweig, usw.; – es bricht eine allgemeine Krise aus.
Diese Krisen wirken sehr verheerend. Große Warenmengen gehen zugrunde. Die Reste der Kleinproduktion werden wie mit einem eisernen Besen weggefegt. Auch große Firmen können sich oft nicht behaupten und brechen zusammen.
Ein Teil der Fabriken wird ganz geschlossen, ein anderer Teil verringert seine Produktion und arbeitet nicht die volle Woche, ein dritter wird vorübergehend gesperrt. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Die industrielle Reserve-Armee vergrößert sich. Und gleichzeitig wachsen auch das Elend und die Unterdrückung der Arbeiterklasse. Während der Krisen verschlechtert sich die ohnehin schlechte Lage der Arbeiterklasse noch mehr.“ (4)
In der Fortsetzung des Zitats klingt auch etwas an, auf das weiter unten näher eingegangen wird: Der Kapitalismus zerbricht schließlich an seinen Krisen, die immer heftiger werden.


3 Antworten auf “2.1.1 Kritik an der Marktwirtschaft”


  1. 1 Nestor Machno 11. Januar 2009 um 21:53 Uhr

    ZUM „ABC DES KOMMUNISMUS“, DAS BEREITS ALLE FEHLER DES REALEN SOZIALISMUS ENTHÄLT

    Richtig ist die Wortwahl: „orientieren“. Die Verfasser des ABC bedienen sich der Schriften Marx’ und Engels’, um ihre Kritik der Marktwirtschaft zu formulieren, in Form eines Lehrbuchs für Parteischulen:

    „Das ABC des Kommunismus soll unserem Vorhaben nach das Elementar-Lehrbuch des kommunistischen Wissens sein.“ (Vorwort)

    Das ABC des Kommunismus ist nicht, wie das „Kapital“, eine Analyse der herrschenden Verhältnisse, sondern eine Handlungsanweisung für künftige Parteimitglieder, also die künftigen Führer der werktätigen Massen. Während es also schon vom Ausgangspunkt unwissenschaftlich ist, erhebt es den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, Objektivität.

    „Marx untersuchte … die kapitalistische Gesellschaft, er studierte sie, betrachtete das Leben, wie es sich unter der Herrschaft des Kapitals darstellt. Und aus diesem Studium erkannte er klar, daß das Kapital sich selbst das Grab schaufelt, daß diese Maschine bersten wird, und zwar wird sie bersten infolge der unabwendbaren Erhebung der Arbeiter, die die ganze Welt nach ihrer Art umändern werden. Allen seinen Schülern gebot Marx vor allem das Leben, so wie es ist, zu studieren. Erst dann kann man auch ein richtiges Programm aufstellen.“ (Einleitung, $5)

    Abgesehen davon, was jetzt da über Kapitalismus und Kommunismus ausgesagt wird, und daß Marx hier zum Propheten erklärt wird, sind hier auch die Weichen gestellt für den Wissenschaftsbegriff des Realen Sozialismus: Wissenschaft ist, was von der Partei als solche definiert und dekretiert wird. Dafür kann man dann auch immer ein Marx- oder Engels-Zitat in die Schlacht werfen.

    Was sagen Bucharin und Preobraschenski über den Kapitalismus?

    „Als Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erscheinen also 3 Merkmale: die Erzeugung für den Markt (Warenproduktion); die Monopolisierung der Produktionsmittel durch die Kapitalistenklasse; Lohnarbeit, d.h. Arbeit, gegründet auf dem Verkauf der Arbeitskraft.“

    Beim Versuch, den Inhalt des „Kapitals“ und der verwandten Schriften für die Propaganda zu verwenden und zu vereinfachen, geht der ganze Witz der Kapitalismuskritik verloren, und diese Ökonomie wird auf ein paar „Merkmale“ reduziert, die sie ausmachen sollen. Der Zusammenhang zwischen Wertproduktion, Ware, Geld, Lohnarbeit, Mehrwert, Ausbeutung ist nicht mehr Thema. Die Notwendigkeit, mit der der Reichtum der einen auf der Armut der anderen beruht und diese ständig wieder reproduziert, ist futsch, und die ganze Angelegenheit wird zu einem zufälligen Nebeneinander einiger Merkmale reduziert. Wie Bausteine eines Großen Ganzen, die man entfernen kann, wie krankes Gewebe aus einem ansonsten gesunden Körper.

    „Vor allem gibt es unter dem Kapitalismus keine organisierte Produktion und Verteilung der Produkte, sondern eine ‘Anarchie der Produktion.“

    Der Kapitalismus wird hier über ein Defizit bestimmt, darüber, was er nicht ist. Kapitalismus ist nicht Kommunismus. Das ist sein Fehler.
    Mit „Anarchie in der Produktion“ ist, auch wenn der Begriff von Engels stammt und nicht von B&P, auch eine ähnlich seltsame Aussage über die kapitalistische Konkurrenz in die Welt gesetzt worden: Schlimm ist ja nicht, daß nicht ordentlich geplant wird, sondern was da von den Unternehmern geplant wird: Das An-Land-Ziehen von Zahlungsfähigkeit und das Negieren derjenigen Bedürfnisse, die über diese Zahlungsfähigkeit nicht verfügen.

    Mit dem Gezeter über Nicht-Planung wird so getan, als ginge es im Kapitalismus und Kommunismus um den gleichen Zweck – Versorgung der Gesellschaft mit Gütern –, nur sei er halt im Kapitalismus schlecht verwirklicht, nicht gscheit geplant, und deshalb gehts dort drunter und drüber.

    „Spaltung der Gesellschaft“

    „ Der zweite Grund für die Zerfahrenheit der kapitalistischen Gesellschaft liegt im Klassenaufbau. Im Grunde genommen ist doch die kapitalistische Gesellschaft nicht einheitlich, sondern in zwei Gesellschaften gespalten.“

    Wieder wird ein Defizit festgehalten: Nicht einheitlich, sondern gespalten!
    Um einmal den Fehler des negativen Urteils, – also eines Urteils der Art, etwas sei „nicht“, oder „kein“ – zur Sprache zu bringen: Diese Art von Urteilen verrät ein Ideal, ein Sollen, oder eine Selbstverständlichkeit, die der Verfasser damit ausspricht. Er gibt dabei eine Parteinahme für einen Gegenstand kund, in diesem Fall für gesellschaftliche Einheit, was immer das sein soll. Was heißt das schon? Alle lieben einander, ohne einander zu kennen? oder: Alle dienen dem gleichen Herrn?

    Etwas seltsam auch die Ausführungen der beiden zu Produktion und Überproduktion:

    „Als man nur Güter erzeugte und keine Waren, d.h. als die Produktion nicht für den Markt bestimmt war, da war die Überproduktion nicht gefährlich. Ganz anders ist es bei der Warenproduktion.“ (Da gibts nämlich bei Überproduktion Krise.)

    Als man noch Güter erzeugte und keine Waren, da gabs ja auch keine Überproduktion. Das Leute soviel Brot oder Wurst erzeugen, daß sie sie nicht aufessen konnten, ist noch nie vorgekommen.
    „Überproduktion“ heißt ja, daß Waren am Markt liegenbleiben, weil sie nicht verkauft werden können, obwohl das Bedürnis durchaus da wäre. Also: Ohne Markt keine Waren, und umgekehrt, und auch keine Überproduktion.

    Die Vorstellung, Kommunismus wäre ein besserer Kapitalismus, weil die schädlichen Elemente entfernt worden sind, bzw. Kapitalismus ist eine unvollkommene Vorform des Kommunismus, zieht sich durch die ganze Schrift.

  2. 2 Administrator 17. Januar 2009 um 16:48 Uhr

    Zu den Bemerkungen von Machno:
    Sicherlich ist einiges an der von B + P verfassten Kritik des Kapitalismus nicht korrekt und weist wissenschaftliche Fehler auf, die einem Schielen auf eine praktische Umgestaltung geschuldet sind (was jene nicht entschuldigt). Etwas verwegen finde ich es allerdings, schon beim „ABC des Kommunismus“ den später (schon unter Stalin) praktizierten Fehler den „Kommunismus als besseren Kapitalismus, weil die schädlichen Elemente entfernt worden sind“ angelegt zu sehen. Im folgenden Abschnitt meines Buches zitiere ich B + P:
    „Die kommunistische Produktionsweise setzt auch nicht eine Produktion für den Markt voraus, sondern für den eigenen Bedarf. Nur erzeugt hier nicht jeder Einzelne für sich selbst, sondern die ganze riesengroße Genossenschaft für alle. Folglich gibt es hier keine Waren, sondern bloß Produkte. Diese erzeugten Produkte werden nicht gegeneinander eingetauscht; sie werden weder gekauft noch verkauft. Sie kommen einfach in die gemeinschaftlichen Magazine und werden denjenigen gegeben, die sie benötigen. Das Geld wird also hier unnötig sein.“
    Das ist doch schon was anderes als ein „verbesserter Kapitalismus“.

  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 11:02 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.