DIE ALTERNATIVE GESELLSCHAFT ALS UTOPIE

Die zahlreichen Entwürfe alternativer Gesellschaften im abendländischen Kulturkreis reichen von Platons „Politeia“ („Der Staat“) bis zu den heutigen Modellen des „Global Village“.
Viele dieser Modelle beschreiben ein harmonisches Zusammenleben der Menschen und ein gutes Leben für alle. Solche Schilderungen werden in der Regel als Utopie bezeichnet. Damit ist schon einiges über diese ausgesagt:
Das moderateste Urteil über eine Utopie ist, dass diese realitätsfremd sei. Dem entspricht in etwa die Begriffserklärung im „Kleinen Brockhaus“: „Schilderung eines gesellschaftlichen Idealzustands, dem alle menschlichen Mängel fehlen“. Radikale Veränderungsvorschläge werden von vornherein als utopisch eingestuft. Als Vision belächelt folgt die Ablehnung, sich ernsthaft damit zu beschäftigen.
Klar ist, dass ein Modell einer „besseren“ Gesellschaft nicht Wirklichkeit ist. Der Entwurf eines (gesellschaftlichen) Modells ist im strengen Sinne des Begriffs auch keine wissenschaftliche Tat. Wissenschaft erklärt Realität und beschreibt keine Gegenrealität. Besteht allerdings der Anspruch eines Modellgestalters, nicht bloß eine Fiktion zu entwerfen, sondern tatsächlich Realisierbares, so wird er nicht umhinkönnen, sich mit der Realität wissenschaftlich auseinander zu setzen und darauf basierend das Modell zu entwickeln (siehe dazu auch Kapitel „Die Nicht-Utopie: Der wissenschaftliche Sozialismus“). Insofern klammert das ernsthaft konzipierte gesellschaftliche Modell die Wissenschaft nicht aus – es baut darauf auf.
Meistens werden alle gesellschaftlichen Modelle, die ein friedliches Auskommen und gutes Leben schildern, als „Utopie“ angesehen: „Bezeichnung für nicht zu verwirklichende (pol., wirtsch., soziale) Ideen“ (Utopiedefinition im „Spiegel des Wissens“) oder als „unausführbar geltender Plan“ (Utopiedefinition im „Duden“).
Etliche Zukunftsmodelle beinhalten tatsächlich Voraussetzungen und Konstruktionen, welche die Konzeption als undurchführbar erscheinen lassen. Manche, wie Morellys „Basiliade“, sind von vornherein als Märchen angelegt. Sehr wohl kommt es auch auf die Intention des Visionärs an, ob dieser bloß zwecks animierender Unterhaltung den Standpunkt einnimmt: Ich male euch mein Schlaraffenland aus, träumt diesen Traum mit mir, – oder aber damit ein politisches Programm, welches realisierbar sein soll, präsentieren will. Letzterer wird sich um Plausibilität bemühen, dem Verriss als Utopie wird er sich dadurch kaum entziehen können. Der Verweis auf die „normative Kraft des Faktischen“ erschlägt den agitatorischen Anspruch. „Sei doch realistisch“ ist noch die harmloseste Kritik.
Dem, wie die französischen Studenten 1968, entgegenzuhalten: „Seien wir realistisch, wagen wir das Unmögliche“, ist insofern defensiv, weil es den Kritikern der Alternative in puncto „Unmöglichkeit“, wenn auch ironisch gemeint, recht gibt. Einen etwas anderen Gehalt hatte dieser Spruch, als ihn Che Guevara nach der Machtergreifung der kubanischen Revolutionäre als Parole ausgab. Zuständig für die Industrialisierung und Geldpolitik des Landes wollte er nichts mehr mit der Marktwirtschaft zu tun haben und hatte mit den Sowjets als Unterstützer durchaus Grund, optimistisch zu sein, das „Unmögliche“ realisieren zu können.
Auch wenn als politisches Programm gemeint, werden radikale Gegenentwürfe vom Großteil der Beurteilenden als Utopie eingeschätzt, der bestenfalls Unterhaltungswert beigemessen werden kann. Dies auch unter anderem deshalb, da nicht nur der Inhalt des Gegenentwurfes oftmals zu schönfärberisch, naiv und ohne Bezug auf vorhandene Realität wirkt, sondern auch die Darstellungsform der eines Romans entspricht, bei der dann doch die Unterhaltung und nicht die ernsthafte Auseinandersetzung überwiegt.

Gibt es Modelle, die sich ernsthaft mit einer alternativen Wirtschaft auseinander setzen und Ähnlichkeiten mit einer BVW aufweisen?
Nur relativ wenige Modelle entspringen einer Kritik der Ökonomie, speziell des Privateigentums, des Warentausches und Geldes. Und noch viel weniger Modelle basieren auf einer ähnlichen Kritik der Marktwirtschaft, die der Darstellung der BVW vorangestellt wurde. Zwei der in dieser Hinsicht interessantesten Darstellungen sollen im Folgenden näher begutachtet werden: die „Utopia“ von Thomas Morus und „Looking Backward“ von Edward Bellamy.
Die „Utopia“ von Morus war nicht als Alternative zur Marktwirtschaft gedacht, denn zu Zeiten eines Morus gab es die Marktwirtschaft im heutigen Sinne noch nicht. Doch Morus entwirft ein Modell vergesellschafteter Produktion und eine Versorgungswirtschaft ohne Geld. Auch eine prägnante Kritik der damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse zeichnet dieses Werk aus.
„Looking Backward“ von Bellamy kritisiert die Ende des 19. Jahrhunderts bestehende Marktwirtschaft. In seinem alternativen Modell beschreibt der Autor eine Versorgungswirtschaft ohne Geld, deren Grundlage die vergesellschaftete Produktion (bzw. die Abschaffung des Privateigentums) ist.


1 Antwort auf “DIE ALTERNATIVE GESELLSCHAFT ALS UTOPIE”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft (BVW) statt Kapitalismus Pingback am 23. Dezember 2008 um 12:34 Uhr
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