5.2 Individualität

In eine ähnliche Richtung geht diese Kritik:
„Die BVW lässt nicht die Vielfalt der Güter zu wie die Marktwirtschaft. Die Bedürfnisse werden dementsprechend konformer, die Individualität wird durch eine tendenzielle Gleichmacherei zerstört.“
Die Produkte werden in der BVW nicht in den vielfältigen Ausprägungen hergestellt wie in der Marktwirtschaft; z.B. Herrenwinterschuhe werden „nur mehr“ in neun bis zehn Modellen vorliegen. Das ruft dann die Albtraumvorstellung einer Welt voller „blauer Ameisen“ (so wurden die Chinesen mit ihren Arbeitsuniformen zu Zeiten eines Mao Tse-tungs bezeichnet) hervor.
Zweifellos wird die Modellvielfalt in der BVW vorerst eingeschränkt – von der Herstellung vieler Varianten, die sich kaum unterscheiden, wird Abstand genommen. Wenn die technischen Voraussetzungen so weit gediehen sind und Produktion bzw. Versorgung darunter nicht leiden, kann sehr wohl eine ausgiebige Modellvielfalt eingeplant werden (vor allem was Modeartikel betrifft).
Eine extreme Modellvielfalt wird in der neuen Gesellschaft auch deshalb kein Anliegen sein, da das Phänomen an Bedeutung verliert, der eigenen Persönlichkeit mit ganz besonderen Produkten Glanz verleihen zu wollen. Mit einem speziellen Automodell die Mitmenschen beeindrucken zu wollen, wird dann der Vergangenheit angehören.
Die BVW wird viele Möglichkeiten bieten, die Individualität, die individuellen Bedürfnisse, auszuleben. Der Erfolg eines Mitglieds der BVW wird sich nicht an den Gütern zeigen, die es sich „leisten“ kann.
Die Vielfältigkeit der Modelle in der Marktwirtschaft (die übrigens bei vielen Produkten gar nicht vorliegt) entspringt nicht so sehr den vielfältigen Bedürfnissen der Konsumenten sondern anderen Motiven. Erstens trachten die meisten Privatproduzenten, sich am Markt durch spezielle Modelle zu unterscheiden. Zweitens wird den unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Konsumenten Rechnung getragen. Von der Billigvariante bis zum Hochpreismodell wird alles der Frage „Was kann und will sich der Konsument leisten?“ unterworfen.
Auch diese beiden letztgenannten Gründe für die Vielfältigkeit in der Marktwirtschaft entfallen in der BVW.

An den marktwirtschaftlich demokratischen Werten Freiheit und Individualität orientiert sich auch folgende Kritik:
„Mit der Chipkarte wird das BVW-Mitglied zum gläsernen Menschen. Zuteilung, Arbeit, Gesundheit etc. – alles wird von den Komitees kontrolliert. Die geschützte Privatsphäre gibt es nicht mehr.“
Vorerst stellt sich die Frage, weshalb Menschen Angst davor haben, eigene Daten preiszugeben. Abgesehen von Ideologen, denen es um die Werte Freiheit und Individualität an sich geht, sind die meisten Bürger hinsichtlich der Offenlegung privater Angelegenheiten negativ eingestellt, da sie dadurch eher praktische Probleme (Nachteile) befürchten. Sind Daten in der heutigen Gesellschaft vielen Instanzen einsichtig, so kann dies Nachteile am Arbeitsmarkt, erhöhte Abgaben oder unangenehme rechtliche Konsequenzen mit sich bringen.
In der BVW wird es von Vorteil sein, Daten hinsichtlich Ausbildung, Berufserfahrung, Gesundheit bekannt zu geben, um z.B. einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden oder die medizinische Betreuung zu unterstützen. Daten über Einkommen und Abgaben entfallen in einer BVW; festgehalten werden die Arbeitsstunden (welche für die Zuteilung bestimmend sind). Zuteilungsdaten werden gespeichert und weitergeleitet, um eine effektive Planung der Versorgung zu gewährleisten und Nutzungsfristen einzuhalten.


1 Antwort auf “5.2 Individualität”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:36 Uhr
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