5.1 Freiheit

Der Begriff Freiheit ist einer dieser häufig strapazierten Werte, wenn es gilt, die demokratisch marktwirtschaftliche Gesellschaft gegen andere hochzuhalten. Auch wenn „Freiheit“ je nach Standpunkt sehr unterschiedlich interpretiert wird, so werden nicht wenige Bürger folgender Warnung zustimmen:
„Die BVW gefährdet, ja zerstört die Freiheit der Menschen. Es liegt dann nicht an dem einzelnen Bürger, sich mit dem Einsatz seiner Mittel in dieser Welt zu bewähren. Ihm wird diese Freiheit genommen, da Komitees über seinen Einsatz und Verdienst bestimmen.“
Freiheit bedeutet jedenfalls nach demokratischer Lesart nicht, tun und lassen zu können, was man will. Da gibt es eine Menge von Rechten und Pflichten, die ein demokratischer Staat kodifiziert. Der Kern demokratisch marktwirtschaftlicher Freiheit besteht darin, dass jeder als Privatperson auf dem „freien“ Markt kaufen und verkaufen kann – ob nun Arbeitskraft, Waren oder Leistungen. Die Kehrseite der Medaille ist der Zwang, sich auf dem Markt bewähren zu müssen, um es im Leben zu etwas „zu bringen“. Dabei ist man von den Zufälligkeiten der Geburt, den Fährnissen des Marktes und der Konkurrenz abhängig.
Als Beispiel für die Vorzüge von Marktwirtschaft und Demokratie wird oft auf die Tatsache verwiesen, dass auch Leute, die aus ärmlichen Verhältnissen kommen, erfolgreich in dieser Gesellschaft sein können. Unausgesprochen bleibt dabei aber das Eingeständnis, dass dies nicht der Regelfall ist und jene es ungleich schwerer haben.
Es ist so gesehen schon seltsam, der BVW vorzuwerfen, mit der Abschaffung des Marktes und des Privateigentums an den Produktionsmitteln den Zwang, sich in einer Konkurrenz durchsetzen zu müssen, aufzuheben. Was ist die marktwirtschaftliche Freiheit wohl wert gegenüber einer gesicherten Existenzgrundlage, die ein angenehmes Leben ermöglicht?
Selbst die in der Marktwirtschaft viel gepriesene freie Berufswahl relativiert sich sehr an den Vorgaben des Arbeitsmarktes. Wie viele Arbeitnehmer arbeiten eigentlich in dem Bereich, für den sie ursprünglich ausgebildet wurden, wie viele sind mit dem Arbeitsplatz unzufrieden, auf den sie tagein, tagaus angewiesen sind? Die Vorselektion in den Schulen versperrt von vornherein gewisse Berufe. Das Geschlecht und später das Alter sind weitere Kriterien des Ausschlusses.

Die Arbeitskomitees der BVW definieren die Arbeitsplätze und weisen sie manchmal zu. Nicht immer können dabei die Interessen der Arbeitenden berücksichtigt werden. Solche Fälle werden sich nicht vermeiden lassen. Die unangenehmen Konsequenzen werden allerdings dadurch vermindert, dass die zugewiesene Arbeit auf Basis eines Rotationsprinzips zeitlich begrenzt ausgeführt wird. Ebenso kompensieren die menschenfreundliche Gestaltung der Arbeitsbedingungen und eventuelle Gratifikationen (z.B. eine Versorgung der Sonderstufe) die unangenehmen Seiten dieser Arbeiten.
Eine Sonderstufenversorgung und hohe soziale Anerkennung werden für alle diejenigen in Aussicht gestellt, welche die Norm hinsichtlich Wissen und Arbeitsqualität überragen – die Beurteilung wird mit den Kriterien der Arbeitsbewertung vollzogen (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Bewertung der Arbeit“).
Der Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“, hat in der BVW eine andere Bedeutung wie in der Marktwirtschaft: Die Grundlage für ein angenehmes Leben ist in der BVW jedem gegeben – ob es ein glückliches Leben wird, bleibt dann jedem einzelnen vorbehalten.


1 Antwort auf “5.1 Freiheit”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:03 Uhr
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