4 Historischer Materialismus

Wie in den Zitaten von August Bebel und Klara Zetkin (siehe Ende des Kapitels „Edward Bellamy – ‚Looking Backward’ / Resümee“) deutlich wird, findet sich hierin ein Argument, welches Marx und vor allem Engels den „sozialistischen Utopisten“, wie St. Simon, Proudhon, Fourier und auch Owen entgegengehalten haben: Geschichtliche Gesetze würden von den Utopisten gar nicht bzw. in zu geringem Maße beachtet werden. Das, was die neue Gesellschaft herbeiführen würde, wäre der Klassenkampf. Das Proletariat sei der Träger dieses Kampfes. Darüber sei das Proletariat aufzuklären:
„Diese weltbefreiende Tat durchzuführen ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse, die Bedingungen und die Natur ihrer eigenen Aktion zum Bewusstsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.“ (8)
Auch heutzutage kann die Bedeutung des Proletariats, auch wenn es nicht mehr so bezeichnet wird, für die Abschaffung der Marktwirtschaft nicht bestritten werden. Obwohl nicht alle Arbeitnehmer die treibende Kraft einer Revolution sein müssen, so wird eine radikale Änderung der Gesellschaft nur möglich sein und funktionieren, wenn eine große Anzahl der Arbeitnehmer die Parteinahme für die Marktwirtschaft aufgibt, nicht mehr für diese arbeitet, sondern die neue Gesellschaft mitorganisiert. Darüber hinaus wurde aber dem Proletariat eine von der Geschichte zugewiesene Rolle zugedacht, die es notwendigerweise zu erfüllen hätte. Die Kommunisten sahen sich dabei als bloße Erfüllungsgehilfen der Geschichte, welche mit einer ihr immanenten Notwendigkeit zügig auf den Kommunismus zusteuere. Dem Proletariat sollte diese tragende Rolle klar gemacht werden.
Der „Historische Materialismus“, von Engels als Entdeckung von Marx gerühmt und von ihm weiter ausgebaut, beruht nicht nur auf dem Nachweis der Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse, der materiellen Lebensverhältnisse der Geschichte machenden Menschen und ihrer Beziehungen zueinander (Klassen), sondern sieht eben auch Notwendigkeiten und Gesetze (ähnlich wie Naturgesetze) am Werk, welche die Geschichte vorantreiben.
Marx schreibt (in einem Brief an Weydemeyer):
„Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, dass die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. dass diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.“ (9)
Gegen Ende des ersten Bandes des Kapitals schreibt Marx im Kapitel „Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“:
„Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale […]
Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagneten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeglüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“ (10)
Damit stellt Marx nicht nur sehr knapp die revolutionären Schritte zur Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft dar, sondern postuliert auch eine notwendige historische Entwicklung – letzteres habe er wissenschaftlich nachgewiesen und sei Bestandteil des „wissenschaftlichen Sozialismus“. Es ist schon zweifelhaft, die Vorhersage der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Wissenschaft zu bezeichnen, aber jedenfalls nicht haltbar, geschichtliche Gesetze der Menschheitsgeschichte aufzustellen. In der Marktwirtschaft eine Tendenz zur Konzentration des Kapitals ausfindig zu machen und diese als notwendig gemäß der „kapitalistischen Logik“ zu erklären, kann noch als korrekt angesehen werden. Krumm wird die Sache allerdings dann, wenn sich plötzlich ein Geistersubjekt namens Geschichte einmischt, welches diese Tendenz „notwendig“ bis zu einer neuen Gesellschaft weitertreibt. „Die Geschichte“ wird von Menschen und ihren Interessen gemacht, die damit neue Fakten und „Notwendigkeiten“ schaffen, und nicht, wie es oben anklingt, werden Interessen von einer der Geschichte immanenten Logik in eine bestimmte Richtung weitergetrieben.
Abgedroschen, aber wahr ist zudem, dass diese Facette des Historischen Materialismus von „der Geschichte“ widerlegt wurde. Der Klassenkampf führte nicht zu einer Diktatur des Proletariats, sondern zur Beteiligung der „Arbeitnehmerinteressen“ an der Macht, zu einer Verrechtlichung des Klassengegensatzes. Aufgehoben wurde der Gegensatz dadurch nicht.
Der Großteil der Arbeiterbewegung entschied sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht für die Erlangung, sondern für eine Beteiligung an der Macht zu kämpfen (Allgemeines Wahlrecht). Das erreichten die Sozialisten auch und gaben sich damit zufrieden. Das Ziel der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft verblasste mit der Zeit und wich schließlich pragmatischer Staatspolitik.
Weder führte die Konzentration des Kapitals (Konzerne) zu einer Verstaatlichungswelle, noch stürzte der Kapitalismus über eine seiner immer wieder auftretenden Krisen bzw. Kriege. Selbst mit der Errichtung einer „Diktatur des Proletariats“ in der Sowjetunion war die Weiterentwicklung zur klassenlosen Gesellschaft keineswegs vorprogrammiert. Im Gegenteil, die Marktwirtschaft hielt nach der Auflösung der Sowjetunion im einstigen Ostblock Einzug, und das in einer radikalen Art und Weise, die so manche marktwirtschaftliche Hochburg in puncto Privatisierung und freien Markt blass aussehen ließ.

Die Verweigerung, die zukünftige klassenlose Gesellschaft zu beschreiben, beruhte also nicht nur auf der Ablehnung unwissenschaftliche vorzugehen. Diese gründete sich auch im Vertrauen darauf, dass die Geschichte mit der proletarischen Revolution ihren notwendigen Verlauf nehme, und sich daraus die alternative Gesellschaft aufgrund der veränderten materiellen Bedingungen historisch von selbst ergäbe. Abgesteckt wurde von den Kommunisten nur der grobe Verlauf bis zur Errichtung einer neuen Gesellschaft. Es bestand kein Interesse, die ökonomische und politische Funktionsweise dieser Gesellschaft zu konzipieren – im Gegenteil: Die damals stark aufkommenden (sozialistischen) Zukunftsmodelle wurden von den führenden Köpfen prinzipiell abgelehnt.
Es kursierten Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts eine Menge von auch sozialistisch eingefärbten Modellen zukünftiger Gesellschaften. Weitling, Hertzka, Ballod waren unter den Autoren zu finden und schließlich auch Bebel. Letzterer versucht in den letzten Kapiteln seines Hauptwerkes „Die Frau und der Sozialismus“ die Grundzüge einer sozialistischen Gesellschaft darzulegen. (Ökonomisch gesehen liegt der Schwerpunkt bei Bebel auf der Enteignung der Privateigentümer – auf welcher Basis die Betriebe produzieren, die Leute arbeiten und Produkte beziehen, darüber schweigt er sich aus. Diesbezüglich bietet Bellamy noch einen umfassenderen Einblick.) Trotz der großen Verbreitung des Werks von Bebel wurde jedoch das Modell eines sozialistischen bzw. kommunistischen Wirtschaftsmodells nie zum Thema gemacht, über das ernsthaft diskutiert und das für die Agitation aufbereitet wurde.
Engels, der in seinen späteren Jahren der Befassung mit Zukunftsmodellen sehr kritisch gegenüberstand, schrieb in seinen frühen politischen Jahren im „Deutschen Bürgerbuch für 1845“:
„Wenn man sich mit den Leuten über Sozialismus oder Kommunismus unterhält, so findet man sehr häufig, dass sie einem in der Sache selbst ganz recht geben und den Kommunismus für etwas sehr Schönes erklären; ‚aber’, sagen sie dann, ‚es ist eine Unmöglichkeit, dergleichen jemals in der Wirklichkeit auszuführen“. Dieser Einwurf wird einem so häufig gemacht, dass es dem Schreiber dieses für nützlich und notwendig erscheint, ihn durch einige Tatsachen zu beantworten, welche in Deutschland noch sehr wenig bekannt sind und wodurch dieser Einwand ganz und gar beseitigt wird. Der Kommunismus, das soziale Leben und Wirken in Gemeinschaft der Güter, ist nämlich nicht nur möglich, sondern in vielen Gemeinden Amerikas und an einem Orte in England bereits wirklich ausgeführt, und das mit dem besten Erfolge, wie wir sehen werden.“ (11)
Auf diese Einleitung folgt eine detaillierte Schilderung mit Lob und Kritik einiger gesellschaftlicher Experimente, u.a. auch Robert Owens „ Harmony“. In seiner politischen Frühphase hielt es die Leitfigur des Kommunismus bzw. Sozialismus also durchaus für angebracht, sich einige Gedanken über die Organisation einer alternativen Gesellschaft und deren Wirtschaft zu machen.