3 Wissenschaft statt Utopie

Die Grundlage für die politische Bewegung der damaligen Sozialisten und Kommunisten waren die Analysen des Kapitalismus und der Sozialgeschichte von Marx und Engels („Wissenschaftlicher Sozialismus“). Diese Analysen wiesen nach, wie der Kapitalismus zustande kam und funktioniert.
Der Focus lag also nicht im Entwurf eines Zukunftsmodells, sondern in der wissenschaftlichen Analyse der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse und vor allem auch in der Kritik an gängiger Philosophie und anerkannten ökonomischen Theorien. Die Sozialisten sahen es nicht als ihre Sache an, sich einen Zukunftsstaat wie die Utopisten auszumalen, weil dies nichts mit der Realität zu tun hätte. Sie erachteten Zukunftsvisionen als unwissenschaftlich und deshalb auch für die praktische Politik als bedeutungslos.
Am klarsten gibt darüber Wilhelm Liebknecht, ein führendes Mitglied der marxistisch beeinflussten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, in zwei Reden Auskunft:
„Diejenigen Herren, die Auskunft über den Zukunftsstaat von uns wollen, mögen bedenken, dass uns jede Voraussetzung fehlt, auf welche hin vorausgesagt werden könnte, wie ein Staat oder eine Gesellschaftsordnung, ich will sagen in zehn Jahren – nein in einem Jahr – beschaffen sein wird …“ (6) (Abschlussrede auf dem Parteitag der Sozialisten in Halle 1890. Engels lobte vor allem diese Passage.)
„Was den Zukunftsstaat betrifft, so ist das Phantasiesache. Jeder Mann ohne Ausnahme, Sie auch, Sie alle hier im Hause, haben ihren Zukunftsstaat, wenn auch Ihr Ideal meist in der Vergangenheit zurückliegt. Unser Ideal liegt glücklicherweise vor uns, und jeder macht sich nach seiner Fasson in seinem eigenen Zukunftsstaate selig. Der Zukunftsstaat ist in gewisser Beziehung ein Ideal; aber die Wissenschaft hat niemals etwas mit ihm zu tun gehabt. Unsere Partei, die sozialdemokratische Partei, hat niemals die Utopie eines Zukunftsstaates in ihr Programm aufgenommen.“ (7)
Dieser Beitrag schloss eine stürmische Debatte zwischen Sozialisten und anderen Parteien im Deutschen Reichstag im Januar 1893 ab. Die Debatte entstand aufgrund einer Kritik der Sozialisten an der bestehenden Gesellschaftsordnung und der Replik der anderen Parteien, die Sozialisten sollten endlich Auskunft über ihren Zukunftsstaat geben.
So strikt wie die beiden Aussagen vermuten lassen, scheint die Ablehnung Liebknechts gegenüber sozialistischen Utopien allerdings nicht gewesen zu sein – schließlich schrieb er ein wohlwollendes Vorwort zu William Morris utopischer Erzählung „News from Nowhere“.

Unbestrittenerweise ist der Entwurf eines Zukunftsmodells nicht Wissenschaft im engsten Sinne des Begriffs. Wissenschaft erklärt, was ist, und nicht, was sein sollte. Ein politökonomisch relevantes Gesellschaftsmodell fußt allerdings auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Wirkungsweise vergangener und bestehender Ökonomien bzw. Gesellschaften und unterscheidet sich damit von einem phantasievollen Märchen.
Nicht auszuschließen ist, dass die Organisation einer alternativen Gesellschaft ohne vorher ausgearbeitetes Modell vonstatten gehen könnte: Die wissenschaftliche Analyse offenbart die Grundgrößen (z.B. Tauschwert, Privateigentum, Löhne, Profit etc.), die zu verändern bzw. auszuhebeln sind, um die Wirkungen wie Armut, Ausbeutung, Gesundheitsgefährdung etc. zu vermeiden. Wenn für diese Einsicht agitiert und gegen die bestehenden Verhältnisse mobilisiert wird, wird sich dann mit der gelungenen Revolution und der gemeinsamen Einsicht, was man nicht will, die Alternative durch einen gesellschaftlichen Einigungsprozess ergeben.
Allerdings bestehen die Schwächen der Verweigerung einer Vorschau erstens darin, grundlegende Überlegungen zur neuen Gesellschaft erst dann anzustellen, wenn die alte nicht mehr existiert, aber die neue noch nicht eingerichtet ist. Dies garantiert Orientierungslosigkeit und Anlaufschwierigkeiten.
Zweitens wird man zwangsläufig bei der radikalen Kritik der Marktwirtschaft darauf verwiesen, eine Alternative zu präsentieren – und dies nicht nur von Leuten, die mit der Kritik nicht einverstanden sind, sondern auch von solchen, die durchaus für eine Alternative gewonnen werden könnten.

Die Verweigerung der Entwicklung eines Modells speiste sich bei Sozialisten und Kommunisten auch aus anderen Gedanken, die in den Erkenntnissen des „Historischen Materialismus“ begründet waren.


1 Antwort auf “3 Wissenschaft statt Utopie”


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