2.3 Resümee

Bellamy konzipiert nicht nur ein alternatives Wirtschaftsmodell, sondern verknüpfte dieses auch mit einer Kritik an der Marktwirtschaft. Das Modell ist in dieser Hinsicht deshalb interessant, da es von einer Vergesellschaftung der Produktion und der Abschaffung des Geldes ausgeht. Die Planwirtschaft wird nicht ausführlich erklärt, sondern nur angedeutet.
Den Zusammenhang zwischen Arbeit und Zuteilung bildet die Kreditkarte. Da mit dem Wert der Kreditkarte der Zugang zu den Gütern beschränkt werden kann, könnte solch ein Zuteilungsmodus für eine Übergangsgesellschaft gewählt werden, in der die „Allgemeine Versorgung“ mit Gütern noch nicht allgemein gewährleistet ist.
Die größte Schwäche dieser Darstellung einer alternativen Wirtschaft besteht im vollständigen Ausblenden der Beschreibung der Gütererstellung und der Beziehung der Betriebe untereinander. Es wird nicht einmal angedeutet, ob die Betriebe aufgrund fiktiver Preisgrößen oder technischer Planzahlen produzieren und auf welcher Verrechnungsbasis die Betriebe einander zuliefern.
Als Beweis für die Güte der neuen Gesellschaft überzeichnet Bellamy die Charaktere der neuen Gesellschaft. Strebsam, höflich, diszipliniert und herzensgut, so treten die Menschen in „Looking Backward“ auf – eine, bei aller Sympathie für Bellamys Vorstellungen, übertriebene Darstellung „sozialer Glückseligkeit“.
Und immer wieder erwähnt er „Pflichten“ der Mitglieder der neuen Gesellschaft, wo diese doch der Einsicht des Zusammenwirkens zum eigenen Vorteil gewichen sein sollten.

Bis zum ersten Weltkrieg war „Looking Backward“ eines der meist gelesenen Bücher in den USA, aber auch bekannt in Europa. In den USA kam es zur Bildung von Vereinen und Parteien, welche die Verstaatlichung bzw. Vergesellschaftung der Industrieunternehmen forderten.
Es gab eine Vielzahl von Nachfolgewerken anderer Autoren. Viele verrissen „Looking Backward“ als naives und gefährliches Werk.
Um seinen Kritikern zu erwidern und einige Schwächen von „Looking Backward“ zu beheben, veröffentlichte Bellamy 1897 „Equality“. In gleicher Weise wie im Vorgängerwerk erklärt Dr. Leete seinem neuen Schwiegersohn Julian West die neue Gesellschaft. Beim genauen Lesen wird man kleinere Korrekturen zur ersten Fassung (z.B. zum Begriff Arbeitspflicht) erkennen können. Die Schwerpunkte von „Equality“ bilden die Darstellung des Übergangs von der Marktwirtschaft zur neuen Gesellschaft und eine Kritik der Gegenargumente bezüglich der alternativen Wirtschaft. In diesem Werk wird nochmals der Kernpunkt der Kritik Bellamys an der Marktwirtschaft deutlich: Diese Ökonomie spalte die Gesellschaft in sozial ungleiche Gruppen (Klassen) und bringe die Menschen gegeneinander auf. Mit der Herstellung wirtschaftlicher Gleichheit („equality“) durch Vergesellschaftung (bei Bellamy Verstaatlichung) der Produktion, Abschaffung des Geldes und Ausgabe von gleichwertigen Kreditkarten für alle Mitglieder würde die Gesellschaft eine „Solidaritätsgemeinschaft“.

Kurz nach der Veröffentlichung von „Equality“ verstarb der Autor.
Edward Bellamy war kein politisch engagierter Sozialist oder Kommunist. Er war ein streng gläubiger Christ, der den Sozialisten wegen ihrer Gottlosigkeit misstraute und die Art ihrer Feindschaftserklärung gegenüber den Kapitalisten und deren Staat nicht guthieß – den politisch forcierten Klassenkampf und eine gewaltsam herbeigeführte Revolution lehnte er ab.
Nicht zuletzt deshalb distanzierten sich viele Sozialisten und Kommunisten von Bellamys Darstellung. Stellvertretend dafür sei der deutsche Sozialist August Bebel zitiert, der sich 1891 anlässlich der Veröffentlichung seiner Schrift „Die Frau und der Sozialismus“ folgendermaßen abgrenzte:
„Nun ist aber eine mehr als sehr oberflächliche Übereinstimmung in der Auffassung mancher Dinge und gewisser kritischer Ausführungen zwischen Herrn Bellamy und mir nicht zu finden. Wer unsere beiden Schriften liest oder gelesen hat und ein wenig kritisch urteilen kann, wird finden, dass Herr Bellamy ein wohlwollend denkender Bürger ist, der ohne Ahnung der Bewegungsgesetze, welche die Gesellschaft beherrschen, rein vom Humanitätsstandpunkte aus, indem er als guter Beobachter der bürgerlichen Welt ihre Ungeheuerlichkeiten und ihre Widersprüche erkannte, sich eine künftige gesellschaftliche Ordnung zurechtlegte, in der aber überall die bürgerlichen Gedanken und die bürgerliche Auffassung der Dinge durchbricht. Herr Bellamy unterscheidet sich in nichts von den früheren Utopisten als dadurch, dass seine Schilderungen das Gewand einer modernen Zeit tragen und dass die scharfe Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, durch welche die Utopisten sich auszeichneten, fehlt […]. Herr Bellamy ist ein Utopist und kein Sozialist.“ (17)
Die deutsche Kommunistin Klara Zetkin formuliert 1914 die Kritik in ihrem allgemein wohlwollend gehaltenen Vorwort zur deutschen Neuauflage des Buches so:
„Bellamy entwickelt das System, nach dem das Arbeitsheer aufgebaut und funktionieren soll. Er erweist sich damit als Utopist, als sozialer Erfinder und Entdecker, der die soziale Neuordnung in seinem Kopfe vorausschaffen will. Er ist also kein wissenschaftlicher Sozialist, der ‚mittels seines Kopfes‘ in der Gesellschaft selbst die Kräfte und Gesetze bloßzulegen und zu verstehen strebt, die unabwendbar zu höheren Formen der Gesellschaft führen […]
Die Umwandlung der Gesellschaft ist nach ihm das Werk der ‚Nationalistenpartei‘, zusammengesetzt aus den Denkenden und Wohlmeinenden aller sozialer Schichten, sie ist nicht Schöpfung des revolutionären Proletariats.“ (18)
Nähere Auskunft zur Einstellung bedeutender Sozialisten und Kommunisten gegenüber alternativen Modellen bietet das folgende Kapitel.


1 Antwort auf “2.3 Resümee”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:24 Uhr
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