2.2 Die neue Gesellschaft

Kein Privateigentum – Vergesellschaftung der Produktionsmittel
Die neue Gesellschaft entsteht bei Bellamy auf friedliche Art und Weise: Die Marktwirtschaft schuf mit der Konzentration von Unternehmen ein paar wenige Monopole, welche die Wirtschaft beherrschten. Da diese Monopole nicht mehr von einzelnen Privatkapitalisten beherrscht wurden und immer mehr Bürger Aktionäre dieser Monopole waren, beschloss
„das Volk der Vereinigten Staaten, die Leitung des Geschäfts selbst in die Hand zu nehmen […]
Endlich, seltsam spät in der Weltgeschichte, gewahrte man die augenscheinliche Tatsache, dass kein Geschäft so wesentlich das Geschäft des Staates ist wie Handel und Gewerbe, von denen des Volkes Lebensunterhalt abhängt, und dass, diese Privatpersonen anzuvertrauen, welche sie zu ihrem Privatvorteil betreiben, eine Torheit ist, ähnlich der, doch bei weitem größer als die, dass man einst die Funktionen der politischen Regierung Privatpersonen überließ, welche zu ihrer persönlichen Verherrlichung führten.“ (4)
Bellamy täuscht sich darin, dass Politiker die Staatsgeschäfte bloß für ihren eigenen Vorteil betreiben. Sie betreiben Staatspolitik im Sinne ihres Staatswesens, was in den Ländern der Ersten Welt weder identisch mit dem geschäftsmäßigen Ausbau ihres Privatvermögens und ihrer Privatmacht noch mit dem Wohlergehen aller Bürger ist (siehe dazu das Kapitel „Der staatliche Umgang mit der Marktwirtschaft und deren Elend“). Was nicht heißt, dass Politiker sich schlecht bezahlen lassen und ihre „Beziehungen“ nicht auch privat nützen würden.
Das restliche „kleine Privatkapital“ wurde abgeschafft und in die großen Monopole übergeführt, was den Vorteil hatte, dass
„durch sie die Arbeit von Hunderttausenden von Menschen mit einem Erfolge und einer Sparsamkeit [geleitet werden können, Anm. d. A.], wie sie in kleineren Betrieben unerreichbar [sind, Anm. d. A.]“ (5)
Diese Übergangstheorie erinnert an die sozialistische Theorie des „Monopolkapitalismus“, der geschichtsteleologisch in den Sozialismus übergehen sollte. Im Unterschied zu den Sozialisten betont Bellamy, dass der Übergang mit dem Verständnis beinahe aller Beteiligten freiwillig und friedlich vonstatten geht.
Mit der „Nationalisierung“ werden nicht nur Privateigentum, sondern auch Kapital (bzw. Geldverrechnung) und freier Markt abgeschafft. Es handelt sich bei dem Bellamy-Modell um keinen Staatskapitalismus realsozialistischer Prägung, sondern um eine Vergesellschaftung der Produktion.
Bellamy verwendet oft den Begriff „Nation“ und analog dazu „Nationalisierung“ („Nationalism“). Die Nation steht bei ihm für „Gesellschaft“ (eines bestimmten Gebietes) und nicht für einen Staat als Gewaltinstanz über ein bestimmtes Territorium. In diesem Sinne ist auch die Nationalisierung als Vergesellschaftung zu verstehen.
Schon gar nicht ist sein „Nationalism“ mit Nationalsozialismus zu verwechseln. Nationalsozialisten wollen die Ökonomie des Staates für den Machtausbau ihres Staates eingespannt sehen, übrigens durchaus auch unter Beibehaltung der Privatwirtschaft. Zweck der Wirtschaft bei den Nationalsozialisten war die Stärkung der Staatsgewalt – beim Bellamymodell die Versorgung der Bevölkerung.

Der Begriff Planwirtschaft ist bei Bellamy nicht zu finden. In zwei bis drei Sätzen deutet er etwas in diese Richtung an: Die Produktion der Güter erfolge aufgrund der Zuteilungszahlen des Vorjahres, bei „Modegütern“ werden die statistischen Zahlen kürzerer Zeiträume berücksichtigt.
Ein Mangel der Darstellung der neuen Gesellschaft besteht darin, dass jeglicher Verweis, wie die Betriebe die Güter (Material, Maschinen, Leistungen) untereinander beziehen, fehlt. Es wird nicht erklärt, mit welchen Planzahlen (technischen Größen oder Preisgrößen) die Betriebe produzieren. Bellamy spricht an einer Stelle von „Kostenersparnis für die Betriebe“ aufgrund der neuen Produktionsweise. Dies tut so, als ob es eine Geldverrechnung der Betriebe gäbe – Geld ist aber in dieser Gesellschaft abgeschafft. (Offensichtlich meinte er damit „Arbeitsstundenersparnis“.) Auf welcher Basis wird nun produziert? Wie beziehen die Betriebe die Produktionsmittel? Diese wesentlichen Fragen kommen nicht zur Sprache.

Arbeit
Gemäß den „Neigungen und Fähigkeiten der Jugend“, welche während einer umfassenden, auch in den Betrieben stattfindenden Ausbildung, festgestellt werden, wird den 20jähigen eine Lehrstelle zugewiesen. Die Zuweisung erfolgt nach ihren Neigungen und Wünschen und in „seltensten Fällen“ gemäß der Anordnung der Verwaltung.
Dr. Leete erklärt Julian West:
„Die nationale Organisation der Arbeit unter einer Leitung war die vollständige Lösung dessen, was zu ihrer Zeit und unter ihrem System mit Recht als die unlösbare Arbeiterfrage angesehen wurde. Als die Nation der einzige Unternehmer ward, da wurden alle Bürger infolge ihres Bürgerrechts Arbeiter, die den Bedürfnissen der Industrie gemäß verteilt wurden.“ (6)
Es herrscht Arbeitspflicht, keiner kann sich der Arbeit entziehen.
(In dem 1897 erschienen Nachfolgewerk „Equality“ („Gleichheit“) schwächt Bellamy den Begriff der Arbeitspflicht ab. Keiner wird zur Arbeit gezwungen:
„Auch mit Bezug auf die allgemeine Pflicht des öffentlichen Dienstes herrscht im Grunde kein Zwang […] Wir verlangen nur, dass alle, die sich gänzlich weigern, an der Erhaltung der sozialen Wohlfahrt mitzuarbeiten, auch deren Vorteile nicht mitgenießen dürfen. Sie müssen sich von den andern absondern und allein für sich sorgen.“ (7))
Aufgrund der Erziehung zur „Verantwortung hinsichtlich der Allgemeinheit“ und des „sozialen Ansehens“ würde sich sowieso niemand der Arbeit entziehen wollen. Auch Behinderte werden in das Arbeitssystem eingebunden. Ein Berufswechsel, um seine Fähigkeiten bestmöglich einzusetzen, ist möglich und wird von der Verwaltung gefördert.
Die Leitung der Arbeit ist hierarchisch gegliedert. Bei der Schilderung der Arbeitsorganisation lehnt sich Bellamy an die Armee an. Die Arbeitenden werden als „Arbeitsheer“ bezeichnet, es gibt Ränge bis zu den Arbeitsoffizieren. Abzeichen kennzeichnen die Stellung im Beruf und damit die Berechtigung Anweisungen zu geben.
Von allen wird erwartet, dass sie ihr „Bestes geben“, und unabhängig von der tatsächlichen individuellen Leistung erhalten alle eine Kreditkarte gleichen Werts, womit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten (dazu ausführlicher weiter unten). Eine bessere Arbeitsleistung wird mit dem Aufstieg in einen höheren Rang und einem höheren sozialen Ansehen belohnt.
Selten vorkommendes nachlässiges Arbeiten und allzu große Trägheit werden nicht geduldet und bestraft:
„Ein Mensch, der fähig ist, Dienst zu tun, sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und Brot verurteilt, bis er sich willig zeigt.“(8) (Diese radikale Haltung wurde, wie schon erwähnt, im Nachfolgewerk „Equality“ abgeschwächt.)
Der Zustrom zu weniger beliebten Arbeiten wird mit Verkürzungen der Arbeitszeit und einem schnelleren Aufstieg angestachelt. Sollte sich trotz einer kurzen Arbeitszeit niemand für solche Arbeiten finden, dann entfallen sie.
Gearbeitet wird bis zum 45. Lebensjahr. Die Fähigsten werden danach in die Verwaltung berufen, in der sie noch ein paar Jahre tätig sind, bevor auch sie in den Ruhestand treten. Auf die Frage von Julian West, weshalb trotz der relativ kurzen Lebensarbeitszeit so viel mehr an Reichtum als zu seiner Zeit vorhanden ist, zählt Dr. Leete u.a. die durch den Wegfall mehrerer Bereiche (darunter auch Militär und politische Verwaltung) und die Abschaffung der Arbeitslosigkeit für die Güterproduktion frei werdenden Arbeitskräfte auf. Die Forcierung des technischen Fortschritts und damit der Produktivität bleibt bei Bellamy weitgehend ausgeblendet.

Die Organisation der Arbeit bei Bellamy lebt von der Disziplin der daran Beteiligten, die sich nicht bloß aus der Belohnung mit materiellen Gütern speist, sondern auch auf sozialer Anerkennung beruht. Der Aufstieg in der Arbeitshierarchie ist Motivation für die Ehrgeizigen. Eine Abstufung hinsichtlich der materiellen Belohnung gibt es nicht – alle erhalten die gleiche Wertkarte.
Da in seinem Modell alle einsehen, dass ihr Wohlergehen vom Funktionieren der Gemeinschaftsproduktion abhängt, sind sie auch bereit, sich dafür einzusetzen. Die Arbeit
„… ist zu sehr eine Sache, die sich von selbst versteht, als dass es des Zwanges bedürfte.“ (9)
Dies klingt einleuchtend, setzt aber voraus, dass eben jeder (ein)sieht, dass die Arbeit nicht nur das Wohlergehen anderer, sondern auch sein eigenes mitbefördert.
Bellamy ist jedoch kein glühender Verehrer der Arbeit, denn Dr. Leete führt aus,
„… dass die Arbeit, die jeder für seinen Teil zu leisten hat, um der Nation die Mittel zu einer behaglichen physischen Existenz zu sichern, keineswegs als die wichtigste, interessanteste oder würdigste Anwendung unserer Kräfte gilt. Wir sehen sie als eine durch die Notwendigkeit uns auferlegte Pflicht an.“ (10)
Dies entspricht durchaus dem Gedanken „Nicht um zu arbeiten, leben wir, sondern wir arbeiten, um (gut) zu leben“. Jedoch die Arbeit dann als „Pflicht“ zu bezeichnen, widerspricht der Einsicht in die nützlichen Wirkungen der Arbeit. Denn pflichtgemäße Handlungen sind solche, die aus Pflicht und nicht wegen des Eigennutzens durchgeführt werden. Die Arbeit als Verpflichtung zu sehen, wird dann beim Großteil der Arbeitenden obsolet sein, wenn, wie oben erwähnt, die Einsicht besteht (und es auch tatsächlich so ist), dass mit der Arbeit auch die eigene (gute) Versorgung bewerkstelligt wird. Bellamy ist sich offensichtlich bezüglich dieser Einsicht nicht sicher. Es kommt doch sehr auf die bestimmte Arbeit und die Vorlieben an, welchen Stellenwert die Berufstätigkeit für den Betreffenden einnimmt. Es könnte doch auch sein, dass für so manche der Beruf zur wichtigsten und interessantesten Beschäftigung wird, also Berufung ist.
Dr. Leete setzt fort:
„Es ist in der Tat alles Mögliche geschehen, indem man für die gleichmäßige Verteilung der Lasten gesorgt und alle Mittel angewendet hat, um unsere Arbeit im Einzelnen anziehend und anregend zu gestalten und ihr tunlichst den Charakter des Lästigen zu nehmen; und man hat es wirklich erreicht, dass die Arbeit, außer im relativen Sinne, gewöhnlich nicht als lästig empfunden wird, sondern oft belebend wirkt. Aber nicht unsere Arbeit, sondern die höhere und umfassendere Tätigkeit, der wir uns nach der Vollendung unseres Arbeitstageswerkes widmen können – sie ist es, die uns als Hauptzweck des Daseins gilt.“ (11)
Trotz des Plädoyers für ein Leben, dass der Freizeit und Muße breiten Raum einräumt, ist allerdings nicht einzusehen, weshalb die Arbeit mit 45 beendet werden sollte – dies auch eingedenk dessen, dass zu Bellamys Zeiten die Lebenserwartung niedriger war. Wenn die Arbeitsbedingungen entsprechend angenehm gestaltet sind, und die Arbeitszeit nicht allzu ausgedehnt ist, weshalb könnte dann nicht bis ins fortgeschrittene Alter gearbeitet werden? Vor allem, wenn Arbeit „oft belebend wirkt“. Alleine das Gefühl, etwas geleistet zu haben, kann zum Wohlbefinden einiges beitragen.
Den Arbeitsbedingungen und der Länge der täglichen Arbeitszeit widmet Bellamy keine ausführlichen Gedanken. Man kann nur aufgrund von Andeutungen erschließen, dass die Arbeitsbedingungen angenehm sind und die Arbeitszeit sich an der Schwere der Arbeit orientiert.
Zweifellos bedenklich ist die Verwendung militärischer Begriffe bei der Beschreibung des Arbeitsmodells. Bellamy bewunderte die Armee – nicht wegen ihrer Aufgaben (er lehnte Gewalt und Kriege strikt ab), sondern aufgrund des disziplinierten Zusammenwirkens für einen gemeinsamen Zweck. Bellamys „Pflicht zur Arbeit“ findet somit ihren Niederschlag in der entsprechenden Organisationsform. Das brachte ihm den Vorwurf ein, einen „Kasernenkommunismus“ zu propagieren. Dieser Vorwurf trifft Bellamy allerdings nicht, wenn man seine weiteren Ausführungen der Arbeitsorganisation und Lebensführung beachtet.
Arbeiten die Leute diszipliniert und verantwortungsbewusst, weil sie Einsicht in den gemeinsamen Zweck haben, und sie diesen nicht gefährden oder behindern wollen, so ist eine, wenn auch nur bildliche, Anlehnung an die Armee, die mit Befehlsgewalt und Militärgesetzen die Leute vergattert, fehl am Platz.

Zuteilung: Kreditkarte und Preise
Jeder Bürger erhält jedes Jahr eine „Kreditkarte“, deren “ reichlich bemessener“ Wert für alle gleich groß ist. Alle Güter sind mit Preisen versehen. Beim Bezug eines Gutes wird der Wert der Kreditkarte vermindert. Nicht verbrauchte „Kredite“ können unter gewissen Umständen ins nächste Jahr mitgenommen werden, Überziehungen sind möglich und mindern den Kredit des kommenden Jahres. (Bellamy änderte diesbezüglich später seine Ansichten. Im Nachfolgewerk „Equality“ sind Gutschriften oder Vorschüsse bezüglich des Kreditkartenwertes nicht mehr möglich.)
In größeren Lagerhäusern sind Muster der verfügbaren Güter ausgestellt. Jeder trifft seine Wahl und gibt Bestellungen auf, die an ein zentrales Warenlager weitergeleitet werden. Dort werden die bestellten Güter verpackt und mittels eines Rohrpostsystems an die Abholstelle vor Ort geschickt.
Die Preise werden festgesetzt. Die Grundlage dafür sind die in den Gütern enthaltenen Arbeitsstunden. Allerdings ist dabei eine Arbeitsstunde im Werte schwankend:
„Die Kosten (besser wäre wohl dafür der Ausdruck Wert – Anm. d. A.) einer Arbeitsleistung in einem Gewerbe, welches so schwierig ist, dass, um Freiwillige anzuziehen, die Arbeitsstunden auf vier am Tage festgesetzt worden sind, sind doppelt so hoch, als in einem Gewerbe, wo die Arbeiter acht Stunden arbeiten.“ (12)
Der zweite Preisbestimmungsfaktor besteht in der Knappheit des Angebots: Güter, die, aus welchen Gründen auch immer, die Nachfrage nicht decken können, werden mit einem höheren Abgabepreis versehen.

Bei Bellamy bekommt jeder Arbeitende die gleiche Wertzuteilung. Die unterschiedliche Leistung zählt nicht, da der Wille zur guten Leistung „entlohnt“ wird. Vorausgesetzt wird, dass dieser Wille bei allen vorhanden ist – die vereinzelten Ausnahmen werden (wie schon oben erwähnt) bestraft. Variiert wird nur die Länge der Arbeitszeit: Für unangenehme, schwierige Arbeiten ist eine kürzere Arbeitszeit vorgesehen. Jeder – ab welchem Alter erfährt man nicht – bekommt den gleichen Wert zugebilligt, nur die „Freizeit“ variiert. Damit ist kein Zusammenhang zwischen erbrachter Arbeitsleistung und Zuteilung von Gütern gegeben. (In der BVW gibt es diesen Zusammenhang. Erinnert sei an die Arbeitsbewertung und die drei Versorgungsgruppen: Grundversorgung, Allgemeine Versorgung und Sonderversorgung.)
Über die Höhe des Wertes der Kreditkarte erfährt man nichts, außer dass dieser „reichlich bemessen“ ist, also anscheinend eine gute Versorgung ermöglicht. Es hängt also alles von der Festsetzung des Wertes der Kreditkarte ab. Nach welchem ökonomischen oder moralischen Gesichtspunkt die Höhe festgelegt wird, bleibt offen. (Im später erschienen Werk „Equality“ (siehe dazu weiter unten) wird dann als Orientierungshilfe ein Referenzwert in Dollar angegeben, wodurch aber diese Frage auch nicht beantwortet wird.)
Wenn es den Konsumenten an nichts mangelt, stellt sich die weitere Frage, weshalb dann überhaupt eine Kreditkarte notwendig ist und die Güter nicht, wie in einer BVW, frei entnommen werden sollten. Preise und Kreditkarte sind nur sinnvoll als Maßnahmen zur Beschränkung des Konsums. Zu überlegen wäre solch eine Restriktion nur bei einer Versorgungswirtschaft, die eine allgemein gute Versorgung (noch) nicht zuwege bringt.

Das politische System
Analog zum Begriff des „Arbeiterheeres“, den Bellamy für die Arbeitenden verwendet, um ihrer geeinten Disziplin Ausdruck zu verleihen, ähneln die politischen Positionen auch denen einer Armee. Durch Verdienste am Arbeitsplatz können die Arbeitenden über mehrere Ränge bis zum Chef einer der zehn großen Berufsgenossenschaften aufsteigen. Die Ernennung der Ränge erfolgt von oberen Stellen. Jeder Rang erweitert jeweils den Kompetenzbereich. Die Chefs der Berufsgenossenschaften werden von (älteren, nicht mehr arbeitenden) Ehrenmitgliedern ernannt. Alle nicht mehr Arbeitenden, Ärzte und Lehrer wählen einen Präsidenten (für fünf Jahre). Dieser hat nach fünf Jahren einen Rechenschaftsbericht vorzulegen, der, wenn er gut ausfällt, seine Wiederwahl begünstigt.
Hinsichtlich der Aufgaben der Politik und Justiz ergeben sich folgende von Dr. Leete erklärte Konsequenzen:
“ ‚Nahezu die einzige Aufgabe der Regierung ist heutzutage die Leitung des Gewerbebetriebes [Produktion und Logistik – Anm. d. A.]. Die meisten Dinge, mit denen sie früher sich beschäftigen musste, sind jetzt in Wegfall gekommen. Wir haben keine Armee und keine Marine mehr und besitzen überhaupt keine militärische Organisation. Wir besitzen weder ein Ministerium für auswärtige Angelegenheiten noch ein Schatzamt; wir haben keine Akzise [Zölle – Anm. d. A.] und keine Belastung des Einkommens, keine Steuern und keine Steuereinhebungsbehörden. Die einzige auch zu Ihrer Zeit schon vorhandene Aufgabe der Regierung, die uns noch geblieben ist, besteht in der Verwaltung der Justiz und Polizei. Ich habe Ihnen bereits genugsam erklärt, wie einfach im Vergleiche mit ihrem ungeheuren und komplizierten Apparate unsere Gerichtseinrichtungen sind. Die Tatsache, dass die Versuchungen, welche zu Verbrechen anlockten, und damit die Verbrechen selbst in Wegfall gekommen sind, hat, wie erwähnt, die Aufgaben des Richteramts ganz erheblich vereinfacht, und sie hat auch die Tätigkeit der Polizei auf ein Minimum reduziert.‘
(Julian West fragt – Anm. d. A.)‘Aber wenn es keine Gesetzgebung in den Einzelstaaten und keinen Kongress gibt, der sich, wenn auch nur alle fünf Jahre versammelt, wie bringen sie dann überhaupt Gesetze zustande?‘
‚Wir haben keine Gesetzgebung‘, erwiderte Dr. Leete, ‚das heißt nahezu keine. Es kommt hin und wieder vor, dass der Kongress, während er tagt, einige neue Gesetze in Erwägung zieht, die von Wichtigkeit zu sein scheinen. Dann darf er sie aber lediglich dem nächstfolgenden Kongresse zur Annahme empfehlen, damit nichts übereilt geschehe. Wenn Sie einen Augenblick nachdenken, Herr West, so werden Sie sehen, dass wir eigentlich nichts haben, worüber wir Gesetze machen könnten. Die Grundprinzipien, auf denen unsere Gesellschaft beruht, haben für alle Zeiten die Streitigkeiten und Missverständnisse beseitigt, welche zu ihrer Zeit eine Gesetzgebung nötig machten.‘ “ (13)

Das politische System Bellamys entspricht keineswegs dem einer marktwirtschaftlichen Demokratie. Das Regieren wird zu einem „Leiten eines Betriebes“. Dieses Leiten bedarf kundiger und fähiger Köpfe, und um diese auszuwählen sind auch kleine Spezialistengremien ausreichend. Eine allgemeine Wahl wäre in dieser Hinsicht nicht unbedingt notwendig – es ist ja nichts gegen bestimmte Interessen von oben durchzusetzen und insofern ist es auch nicht nötig, sich dies vom gesamten Volk absegnen zu lassen. Dass es nun laut Dr. Leete doch Wahlen für das Amt des Präsidenten gibt und noch dazu die Arbeitenden davon ausgeschlossen sind, ist inkonsequent und widersprüchlich.
Der Ausschluss der Arbeitenden vom aktiven Wahlrecht bei der Präsidentenwahl wird mit folgendem Satz begründet: „Das würde für die Disziplin gefährlich sein, welche der Präsident, als Vertreter der Nation in ihrer Gesamtheit, aufrechtzuerhalten berufen ist.“ (14)
Als Hauptverantwortlicher für die Versorgungswirtschaft ist der Präsident plötzlich auch für die Disziplin zuständig, die sich doch laut Bellamy ohne Druck von oben ergibt. Damit sie sich nicht womöglich einen zu nachgiebigen disziplinarischen Leiter wählen, sind die Arbeitenden (ausgenommen Ärzte und Lehrer) gleich gänzlich von der Wahl ausgeschlossen. Damit scheint es doch einen Interessensgegensätze zu geben, die in der Darstellung der harmonischen Gesellschaft vorerst gar nicht thematisiert wurden. Dies macht wieder das widersprüchliche Dilemma Bellamys deutlich, sowohl einsichtiges freiwilliges Mitmachen zu unterstellen, andererseits ständig auf Pflichten und Zwänge aufmerksam zu machen.
Die im Zitat angeführte „einzige“ Aufgabe der Regierung, das Verwalten von Polizei und Justiz, ignoriert die (und widerspricht der) Bestimmung des Verwaltens als „Leiten eines Gewerbebetriebes“ (15). Außerdem stellt sich heraus, dass Gesetze und Polizei kaum benötigt werden, da das Privateigentum (und damit das Kaufen und Verkaufen) ebenso wie die wirtschaftliche Ungleichheit beseitigt sind.
Die Rechtsprechung erfolgt pragmatisch und kommt, wie bei Morus, ganz ohne Advokaten aus, „welche die Wahrheit nur verdunkeln würden“. (16)
Nebenbei sei daran erinnert, dass sowohl Morus als auch Bellamy Juristen waren, wenn auch Letzterer seine juristische Ausbildung kaum beruflich anwandte.


1 Antwort auf “2.2 Die neue Gesellschaft”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:22 Uhr
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