1 Vorspann: Die Reduktionen in Paraguay

Miura (Abgesandter des Königs von Spanien): Weshalb laufen die Indios der Grundbesitzer zu euch über?
Hundertpfund (Superior der Jesuiten): Weil sie bei den Grundbesitzern in Sklaverei sind, geschunden und geprügelt werden.
Miura: Wie steht’s denn mit der Bestrafung in euren Siedlungen? Wie ahndet ihr Verfehlungen?
Hundertpfund: Wir verwarnen. Im Wiederholungsfall, bei leichteren Fällen setzt es 25 Stockstreiche. In schweren Fällen einige Monate Gefängnis.
Miura: Und die Todesstrafe?
Hundertpfund: Gibt’s bei uns nicht. Sie ist auch nicht notwendig. Raub kommt nicht vor; es hat jeder, was er braucht. Um Geldes willen verletzt niemand ein Gebot – in unserm Staat ist Geld unbekannt.
Miura: Ihr habt kein Geld?
Hundertpfund: Nicht einen Maravedi. Wozu auch? Was einer braucht, erhält er in Naturalien und Kleidung. Zu bezahlen ist nichts. Die Arbeit ist der einzige Wert.
Miura: Donnerwetter – was habt ihr da für einen Staat aufgebaut!
Hundertpfund (zufrieden): Nicht wahr!
(Fritz Hochwälder, Das heilige Experiment, 2. Aufzug, 5.Szene)

Eine alternative Ökonomie besonderer Art stellten die Siedlungen („Reduktionen“) unter Leitung der Jesuiten, auch als „Jesuitenstaat“ bekannt, in der Zeit zwischen 1609 und 1768 dar. Zu dieser Zeit war jener eher eine Alternative zum noch verbreiteten Feudal- und Kolonialsystem als zur erst entstehenden Marktwirtschaft. Doch die Tatsache, dass innerhalb eines ausgedehnten Gebietes mit einer (für damalige Verhältnisse) relativ großen Bevölkerung eine Wirtschaft ohne Staatsgewalt, Markt und Privateigentum außerordentlich gut funktionierte, ist es wert, sich dieses Gemeinwesen näher anzusehen.


1 Antwort auf “1 Vorspann: Die Reduktionen in Paraguay”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:43 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.