1 Kritik am Kapitalismus

Die Werke dieser führenden Kommunisten der damaligen Zeit befassen sich ausführlich mit der wissenschaftlichen Analyse des Kapitalismus, dessen historischer Entwicklung und tagespolitischen Verlaufsformen. Sie leiten das miserable Leben des Großteils der Bevölkerung aus den ökonomischen Verhältnissen ab und kritisieren die Marktwirtschaft nicht nur in ihrer ökonomischen und politischen Manifestation, sondern auch in ihrem Auftreten als Ideologie im Geistesleben. Vor allem die Philosophie und die Sozialwissenschaften werden ihrer falschen An- und Einsichten überführt, und so manche Geistesgrößen als Apologeten des herrschenden Systems denunziert.
In einem ihrer „Frühwerke“, dem „Manifest der kommunistischen Partei“ (geschrieben 1847), charakterisieren sie die aufstrebende bürgerliche Gesellschaft als Klassengesellschaft, geben in kurzen Zügen ihr Veränderungsprogramm bekannt und grenzen sich gegen andere gesellschaftskritische Gruppierungen ab.
Worin besteht nun die Kritik an dieser Gesellschaft und ihrer Ökonomie?
Das Manifest beginnt vorerst gar nicht als Kritik des Kapitalismus, sondern mit Hinweisen, wie dieser die alten gesellschaftlichen Verhältnisse verändert und eine immense „Entwicklung der Produktivkräfte“ eingeleitet habe. Doch die Tragik dabei sei, dass die Klassenherrschaft nicht aufgehoben wurde, sondern sich mit der Bourgeoisie (ökonomisch gesehen Kapitalisten, nämlich als Eigentümer der Produktionsmitteln und des Grundeigentums) und den Proletariern (Eigentümer der Arbeitskraft) zwei Klassen „objektiv“ feindlich gegenüberstünden – und zwar aufgrund des ökonomischen Interessengegensatzes. Das Proletariat befinde sich in einer miserablen Lage der Verarmung, Ausbeutung und Abhängigkeit. Es wird gesellschaftlich – unter Einbeziehung des Weltmarktes – Reichtum produziert. Dieser Reichtum komme aber den eigentlichen Produzenten gar nicht zugute:
„Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.“ (1)
Das wesentliche Charakteristikum dieser Produktionsweise und auch Verursacher der Misere sei das Privateigentum. Mit dessen Abschaffung ergäbe sich auch die Auflösung der bürgerlichen Familie, die Aufhebung der Klassengegensätze, der Staatsgewalt und der nationalen Grenzen.

Die wesentlich fundiertere Kritik findet sich im Marx’schen Werk „Das Kapital“ (1867). Diese wissenschaftliche Abhandlung setzt sich mit der Entstehung, den Grundlagen und der Wirkungsweise des Kapitalismus auseinander. Nicht nur die bestehenden Verhältnisse sollten damit kritisiert werden, sondern auch die „bürgerliche Ökonomie“ mit ihren Sichtweisen der gesellschaftlichen Verhältnisse. („Das Kapital“ wurde von Marx und Engels als Schulungsschrift für die kommunistische Bewegung gesehen.)
Die wesentlichsten Kritikpunkte seien kurz zusammengefasst:
- Im Kapitalismus kommt es auf das eine an: Vermehrung von Kapital. Die Erwirtschaftung dieser Vermehrung erfolgt gesellschaftlich, die Aneignung aber privat. Wer über Privatkapital verfügt, kann andere, die keines besitzen, für die Vermehrung seines eingesetzten Kapitals arbeiten lassen.
- Die Arbeitnehmer sind vom Arbeitgeber abhängig und fungieren für diesen als „variables Kapital“.Arbeitnehmer verkaufen ihre Arbeitskraft an den „Arbeitgeber“. Die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft schafft neben dem (Reproduktions)wert der Ware Arbeitskraft auch den darüber hinausgehenden Mehrwert.
- Arbeitsplatz und Lohn, die Existenzgrundlagen der Arbeitnehmer, sind für den Kapitalisten Kostengrößen – dies impliziert einen Interessengegensatz. Die Kosten gilt es im Verhältnis zum erarbeiteten Wert der Ware zu minimieren, um Profite zu erwirtschaften, welche ökonomisch notwendig sind, um das Kapital zu erhalten und zu vergrößern. Dies bedeutet für die Lohnabhängigen, den Großteil der Bevölkerung: einen Lohn, der bei den meisten gerade für die Erhaltung der Arbeitskraft reicht (also Armut in Relation zum produzierten Reichtum), Ausbeutung, die Gesundheit gefährdende Arbeitsbedingungen und die ständige Gefahr, durch den Verlust des Arbeitsplatzes in Existenznot zu geraten.
- Die Kapitalisten liefern sich auf dem Markt einen Kampf um die Profite. Mit allen Mitteln versuchen sie sich in der Konkurrenz zu behaupten. Die Leidtragenden sind dabei nicht nur die unterlegenen Kapitalisten, sondern vor allem die Lohnabhängigen.
- Jeder Kapitalist produziert gemäß seinen Profitüberlegungen für den Markt. Weder der tatsächliche Bedarf noch die vorhandene zahlungsfähige Nachfrage interessieren den einzelnen Kapitalisten. Ohne Rücksicht auf Verluste nimmt er Kredite auf, produziert und bietet an – auf dem Markt wird sich erweisen, ob sich das gelohnt hat. Es herrscht eine „Anarchie der Produktion“.
- Und diese Anarchie schlägt in regelmäßigen Abständen gegen alle Kapitalisten aus – dann nämlich, wenn die Zahlungsfähigkeit des Marktes zu wenig für Profite und die Bedienung der Kredite hergibt. Eine allgemeine Geschäftskrise ist die Konsequenz – und die betrifft alle Bereiche der Ökonomie und gefährdet vor allem die Existenzgrundlage der Arbeitenden. Angeheizt wird die Abfolge von Krise und Boom durch die Spekulation, die sich im Kapitalismus mit den verschiedensten Titeln betreiben lässt.
- Gerade in Krisen erweist es sich, dass in dieser Wirtschaft Gebrauchswerte nur zählen, wenn sie als Tauschwerte taugen. Reichtum ist nur etwas, was sich zu Geld machen lässt. Alles wird am Geld gemessen – und wenn dieses nicht vorhanden ist, werden auch viele Gebrauchswerte unbrauchbar. Wenn einiges an Werten und auch Existenzen vernichtet ist und das Vertrauen, verkaufen zu können, zunimmt, geht alles wieder von vorne los.

Auch wenn sich die Erscheinungsformen von Armut und Ausbeutung seit damals geändert haben, so hält diese Kritik heute noch allen Schönfärbereien dieser Gesellschaft stand.