1.3 Resümee

Die „Utopia“ basiert auf einer Kritik der damals herrschenden Politik. Als einer der wenigen Kritiker sah More einen Zusammenhang zwischen Ökonomie und Politik und versucht, die wirtschaftlichen Verhältnisse und den politischen Umgang damit zu erklären. Aufgrund seiner Analyse erschienen ihm vor allem Privateigentum und Geld als die Grundübel.
Der Gelehrte und Abgesandte des Königs war allerdings kein Reformer, der dem König eine andere Politik aufdrängen wollte oder gar ein Revolutionär in dem Sinne, dass er einen Aufstand der Armen und Entrechteten gegen Königshaus und Adel unterstützt hätte. Nein, er beschrieb eine fiktive Gesellschaft, in der auf Basis von Gemeineigentum und Verteilung der Güter ein menschenfreundliches Zusammenleben möglich ist, begleitet von ebensolcher Politik.
Die entworfene Grundkonzeption wirkt durchdacht und auch betreffend einige Teilaspekte sympathisch „lebensgenussfreundlich“.

Nun ist diese Darstellung der Gesellschaft Utopias zweifellos nicht als Programmatik für eine Gesellschaft wie die BVW zu sehen. Der Stand der Technik, der Produktionsmittel und die Zahl der Güter in Utopia entsprechen den englischen Verhältnissen Anfang des 16. Jahrhunderts. Die wirtschaftlichen Beziehungen der Produktionsbetriebe untereinander sind ausgeblendet, da in der damaligen Wirtschaft solche Beziehungen kaum bestanden – die arbeitsteilige industrielle Produktion entwickelte sich erst viel später. Die Planung und der Zusammenhang zwischen Arbeit und Verteilung werden nicht näher erläutert. Gegen die Vorstellung, dass „verteilt und genommen wird, was gebraucht wird“, ist nichts einzuwenden, doch für ein Konzept einer Planwirtschaft gibt dies zu wenig her, um daraus eine vernünftige Planung ableiten zu können. Die wenigen Anschauungsbeispiele sind kaum auf eine BVW übertragbar.
Für unangenehme und körperlich belastende Arbeiten werden in Utopia Sklaven eingesetzt. Dies passt gar nicht zu den sonst so humanistischen Anschauungen More’s und schon gar nicht zu einer BVW. Eine Analogie drängt sich in diesem Zusammenhang allerdings auf: In der BVW sind die Sklaven Automaten bzw. Roboter. Die verbleibenden unangenehmen Arbeiten sind hinsichtlich der Arbeitszeit verkürzt und nicht ständig, da mit einem Rotationsprinzip organisiert, durchzuführen.

More sah wohl seine „Utopia“ nicht als ein zu seiner Zeit umsetzbares politisches Programm sondern vielmehr als herausfordernde philosophische Konstruktion. Im Ausklang des zweiten Buches sieht es so aus als ob er sich mit kritischen Bemerkungen von dem vorgestellten Modell distanziert – um anderen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, nicht als Phantast dazustehen oder seine politische Laufbahn nicht zu gefährden, bleibt ungewiss. Gewiss ist, dass der schließlich zum Lordkanzler aufgestiegene Politiker More die Möglichkeiten nicht wahrnahm, seinen Humanismus in der Politik praktisch wirksam werden zu lassen und dies – schon in der Utopia – so erklärte: „[…] wer hier [am englischen Hofe – Anm. d. A.] nicht aus vollem Herzen schlechte, unselige Beschlüsse gutheißt, wird schlimmer als ein Spion, ja fast wie ein Hochverräter angesehen […] Es ist also unmöglich, selbst mit der größten List und Findigkeit irgendetwas zum Besseren zu wenden.“(22)
Letztlich konnte er gewisse „unselige Beschlüsse“ öffentlich nicht mehr gutheißen. 1535 wurde er als Hochverräter hingerichtet. Allerdings nicht wegen seiner kritischen Ansichten zu Wirtschaft und Politik, sondern weil er den König als Oberhaupt der englischen Kirche nicht anerkennen wollte.

More hätte wohl die eigene Skepsis gegenüber dem Modell revidieren müssen, wenn er erlebt hätte, dass die ökonomische Grundkonzeption seiner Insel „Nirgendwo“ irgendwo in Südamerika, nämlich im so genannten „Jesuitenstaat“ (1608 – 1768) umgesetzt wurde. In 30 Bezirken („Reduktionen“) – jeweils eigene Wirtschaftseinheiten – wurde auf Basis von Gemeineigentum und ohne Geld eine gut funktionierende Versorgungswirtschaft eingerichtet und mehrere Generationen hindurch praktiziert (siehe dazu das Kapitel „Die Reduktionen in Paraguay“).


1 Antwort auf “1.3 Resümee”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:07 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.