1.2 Versorgungswirtschaft

Obzwar man den Guaranifamilien eigenes Land zur Bebauung und Selbstversorgung zuteilte, fand die wirkungsvollere Landwirtschaft auf den Kollektivgütern statt. Die Guarani kannten kein Privateigentum und auch nicht die private Nutzung von Grund und Boden. Deshalb vernachlässigten sie ihre Parzellen und widmeten sich der kollektiven Bebauung. Die Ernte der Kollektivgüter wurde in gleiche Teile aufgeteilt. Ein Drittel wurde für die Versorgung der bedürftigen Bevölkerung verwendet, ein Drittel ging an die Kirche (Klöster und andere kirchliche Institutionen) und ein Drittel an die spanische Krone (Provinzialbeamte und Soldaten). Obwohl die Jesuiten und andere Beobachter die Indianer als „allzeit zur Arbeit faule Geister“ beschrieben, wurde eine Versorgung gewährleistet, die in Europa, gar nicht zu reden von den Kolonien, ihresgleichen suchte – und das bei einer Arbeitszeit von 6 bis 8 Stunden pro Tag während in Europa 12 bis 15 Stunden gearbeitet wurde. Dies lag nicht nur an den günstigen klimatischen Bedingungen, sondern auch an den Wirkungen der „kollektiven Arbeitskraft“ und der Motivation der Einheimischen, die sich mit der Erwirtschaftung von Vorräten (die von den Padres verwaltet wurden) von Unsicherheiten der von „der Hand in den Mund Ernährung“ befreiten. Trotz der hohen Abgaben blieb der Bevölkerung ausreichend zum Leben.
Das Vieh wurde frei gehalten; der Stand betrug Mitte des 18. Jahrhunderts 800.000 Rinder, 240.000 Schafe, 86.000 Pferde, 38.000 Maulesel und 15.000 Esel – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 200.000 Personen.
Die Jesuiten brachte den Guarani Handwerkskenntnisse bei, um die notwendigen Gebrauchsgegenstände selbst erstellen zu können. Es entstanden Gewerbebetriebe, die eine für die damalige Zeit beachtliche Produktion aufwiesen und Wissenschafter später zur Feststellung veranlassten, die Reduktionen wären das „einzige Industrieland Südamerikas“ zu dieser Zeit gewesen.

Die Produktion und Zuteilung der Güter erfolgte ohne Geld. Die Güter wurden verteilt, z.B. Bekleidung, die zweimal im Jahr ausgegeben wurde. In keinem der Berichte wird eine Relation zwischen erbrachter Arbeitsleistung und Zuteilungsquote erwähnt. Jeder, der für die Gemeinschaft arbeitete, bekam die gleiche Quote an Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen. Die schulische Ausbildung und Einrichtungen bezüglich der Kranken- und Altenpflege wurden allen zur Verfügung gestellt.
Die Reduktionen waren allerdings sehr wohl auf Handel und Geld angewiesen, um sich Güter wie Salz, Eisen, Werkzeug, etc. zu besorgen. Es wurden landwirtschaftliche Produkte verkauft, mit dem Erlös der Tribut an den König bezahlt und Waren gekauft.
Dies führte auch später zu Vorwürfen folgender Art: Die Padres hätten sich ihre Indianer als willige und billige Arbeitskräfte gehalten und wären dann mit dem profitablen Handel reich geworden. Es mag schon sein, dass der eine oder andere Jesuit etwas Geld (Gold) für sich oder seinen Orden beiseite geschafft hat. Dies ist aber unerheblich für die Erklärung der Wirtschaft der Reduktionen, die immerhin über 200.000 Personen umfasste. Innerhalb dieser Wirtschaft spielten Geld und Profit keine Rolle.
Des Weiteren fällt auf, dass dieses Gesellschaftssystem ohne oberste Gewalt funktionierte. In einer Gesellschaft, in der Privateigentum, Geld und Handel keine Rolle spielen, in der Reichtum kollektiv erarbeitet und zugeteilt wird, erübrigen sich ökonomisch fundierte Interessengegensätze und insofern auch eine Gewalt, welche als Hoheit herrscht und diese Gegensätze für sich funktionalisiert.
Die Absenz von Gewalt und einer obersten Gewaltinstanz lag keineswegs etwa an einer prinzipiell friedlichen Weltanschauung der Einwohner. Die Guarani galten vordem als äußerst kriegerisches Völkchen.

Der „Jesuitenstaat“ hatte wenige Freunde. Die Großgrundbesitzer verloren einen Teil der Bevölkerung für die Versklavung und somit billige Arbeitskräfte. Den Händlern entzogen die Reduktionen einen Teil des Geschäfts, da diese die Produkte selbst handelten und verschifften. Die Portugiesen hatten Gebietsansprüche anzumelden. Letztlich entschieden allerdings die politischen Urteile gegen die Jesuiten in Europa auch gegen den Jesuitenstaat. Die Jesuiten wurden vertrieben (1768), und der spanische König setzte eine Kolonialverwaltung ein, die das System der Gemeinwirtschaft aushöhlte und sehr bald in eine Sklavenwirtschaft umwandelte. Die Reduktionen verwahrlosten, ein Großteil der Bevölkerung wanderte ab, wurde vertrieben oder deportiert.


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  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:36 Uhr
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