1.2. Zweites Buch (Modell)

Von dem Bericht des Hythlodäus über die „beste Staatsverfassung“ der Insel Utopia sollen im Folgenden nur jene Passagen erläutert werden, welche im Hinblick auf eine BVW bemerkenswert erscheinen.

Produktion gemäß Bedarf, Gemeineigentum
Landwirtschaft und Gewerbe der (54) Städte werden jeweils für die Versorgung eines Bezirkes (Stadt und Umgebung) betrieben. Überschüsse werden an andere Städte, die Mangel haben, abgegeben. Privatwirtschaft und Geld gibt es nicht. Es wird nach Bedarf produziert, angebaut und geerntet, und die Güter werden in die Vorratshäuser der Stadt gebracht. Diese sind dann für die Zuteilungen zuständig.
Die Stadt und die dazugehörige Landwirtschaft, die um die Stadt angesiedelt ist, bilden eine Art Planwirtschaftseinheit:
„Obwohl sie ausgerechnet haben, und zwar aufs genaueste, wie viel Lebensmittel die Stadt mitsamt ihrer Umgebung verbraucht, so säen sie dennoch viel mehr aus und ziehen viel mehr Vieh auf, als für ihren eigenen Bedarf genügen würde, um den Überschuss an ihre Nachbarn weiterzugeben. Was sie an Gerätschaften brauchen, die auf dem Lande nicht zu haben sind, fordern sie alles in der Stadt an und erhalten es ohne Gegenleistung und ohne besondere Umstände von den städtischen Behörden […]
Wenn die Ernte bevorsteht, so melden die Phylarchen der Bauern [Oberhaupt von 30 landwirtschaftlichen Haushalten und Höfen – Anm. d. A.] den städtischen Behörden, wie viele Bürger ihnen hinauszuschicken sind.“ (12)
Es wäre verfehlt, diese kurze Beschreibung – und viel mehr kommt im weiteren Bericht darüber nicht vor – als Vorlage für die Organisation einer Planwirtschaft in der BVW zu nehmen. Doch auch wenn Umfang und Organisation der Produktion mit einer BVW nicht vergleichbar sind, so ist doch der Grundgedanke derselbe: Produktion gemäß dem, was gebraucht wird (plus Vorräte).
Die Eigentumsverhältnisse auf Utopia werden im zweiten Buch nicht näher erläutert. Einige Bemerkungen dazu finden sich in der schon zitierten Schlusspassage des ersten Buches. Daraus lässt sich schließen, dass Gemeineigentum vorliegt: Nur der Hausrat, die Konsumgüter und kulturellen Gegenstände (z.B. Musikinstrumente) stehen der privaten Nutzung zur Verfügung. Selbst die Häuser bzw. Wohnungen werden von einer Familie nur jeweils 10 Jahre bewohnt und dann weitergegeben.

Kein Geld, Verteilung der Güter
Gegen Geld hegt More offenbar eine Abneigung. Er analysiert die Funktion des Geldes (Goldes) nicht als Grundlage des Warentausches, sondern entrüstet sich vor allem moralisch, da er darin die Manifestation des Privateigentums sieht: Einige wenige häuften in ihrer Gier nach „Reichtum“ Goldschätze an und gingen damit – im wahrsten Sinne des Wortes – über Leichen. Gegen Ende des zweiten Buches heißt es:
„Aber selbst wenn diese üblen Elemente in ihrer unersättlichen Gier alles das untereinander aufgeteilt haben, was für alle ausgereicht hätte: wie weit sind sie trotzdem entfernt von dem glücklichen Zustand der Utopier! Welche Last von Beschwerlichkeiten ist doch diesem Gemeinwesen abgenommen, welche Saat von Verbrechen mit Stumpf und Stiel ausgerottet, seit dort mit dem Gebrauch des Geldes zugleich jede Gier danach aus der Welt geschafft ist. Denn wer weiß denn nicht, dass Betrug, Diebstahl, Raub, Streit, Aufruhr, Zank, Empörung, Mord, Verrat und Giftmischerei, durch die üblen Strafen mehr nur geahndet als verhütet, mit der Abschaffung des Geldes zugleich abstürben und zudem Furcht, Kummer, Sorge, Mühsal und Schlaflosigkeit im selben Augenblick wie das Geld vergehen würden? Ja, die Armut selbst, die allein des Geldes zu bedürfen scheint, schwände sofort dahin, wenn man überall das Geld völlig abschaffte […]
So leicht könnte der Lebensunterhalt beschafft werden, wenn nicht das liebe Geld, das doch selbstverständlich ganz offenbar erfunden worden ist, um die lebensnotwendigen Güter zugänglich zu machen [More ironisiert eine heute auch noch gängige Auffassung – d. A.], uns ganz allein den Weg dazu versperre!“ (13)
More erklärt zwar nicht die Funktion des Geldes, er beschreibt aber knapp und treffend Wirkungen des von anderen hoch gelobten Geldmetalls.
Bei den Utopiern wird Gold auf seinen metallischen Gebrauchswert reduziert (und als Geld nur im Außenhandel und für den Kauf ausländischer Söldner verwendet).
„Da sie selber kein Geld brauchen, […] so schätzen sie derweilen das Gold und das Silber, aus denen es gemacht wird, so, dass kein Mensch auf ihren Besitz größeren Wert legt, als sie es ihrer Natur nach verdienen. Wer sieht nicht, wie weit sie dem Eisen nachstehen!“ (14)
Da in Utopia Gold und Silber als Geld nicht benötigt werden, gibt es für diese Metalle kaum Gebrauchsmöglichkeiten.
Um ihrer Geringschätzung Ausdruck zu verleihen, finden die Utopier für Gold und Silber folgende Verwendung:
„Während sie nämlich aus zwar sehr geschmackvollen, aber billigen Ton- und Glasgeschirren essen und trinken, stellen sie aus Gold und Silber nicht nur für die Gemeinschaftsräume, sondern auch für die Privathäuser allerorts Nachtgeschirre und lauter Gefäße für schmutzigste Zwecke her.“ (15)
Selbst wertvoller Schmuck ist verpönt und nur als Kinderspielzeug in Verwendung. Hythlodäus beschreibt als Anekdote den Einzug von ausländischen Würdenträgern, die mit eindrucksvollem Schmuckstücken behängt sind, und die Reaktion eines Kindes: “ ‚Schau, Mutter, was für ein alter Kindskopf da Perlen und Steinchen trägt, als wenn er noch ein kleines Kind wäre!‘ Die Mutter aber sagte: ‚Still, Bub! Das ist, glaube ich, einer von den Narren der Gesandten!‘ “ (16)

Geld wird innerhalb Utopias nicht gebraucht, da es kein zu tauschendes Privateigentum gibt. Die Gemeinwirtschaft produziert für den Bedarf, und die Güter werden zugeteilt.
„In der Mitte jedes Bezirkes liegt der Markt für Waren aller Art. Dort werden in bestimmte Gebäude die Erzeugnisse aller Familien zusammengebracht, und die einzelnen Warengattungen werden gesondert auf die Speicher verteilt. Aus diesen wieder fordert jeder Familienälteste an, was er selbst und die Seinigen brauchen, und erhält ohne Bezahlung, überhaupt ohne jegliche Gegenleistung, alles, was er verlangt.“ (17)
Und um gleich einem erwarteten Einwand zu begegnen, setzt der Erzähler fort:
„Warum nämlich sollte man ihm etwas verweigern, da doch alles im Überfluss vorhanden ist und keinerlei Befürchtung besteht, es könne einer mehr fordern, als er braucht? Denn wie sollte man annehmen, es könne einer Überflüssiges verlangen, der die Gewissheit hat, dass ihm niemals etwas fehlen wird? Begierig und räuberisch macht ja alle Lebewesen nur die Furcht vor Entbehrung oder aber den Menschen allein noch der Hochmut, der es für rühmlich hält, andere durch das Prunken mit überflüssigen Dingen zu übertrumpfen.“ (18)
Diese Argumente sind durchaus auch den Kritikern einer BVW entgegenzuhalten.
Die Ausführungen bezüglich der Zuteilung enthalten allerdings keine Erläuterungen über den Zusammenhang zwischen erbrachter Arbeitsleistung und Zuteilung (siehe dazu auch weiter unten).

Ausbildung und Arbeit
Über das Ausbildungssystem gibt der Bericht kaum Auskunft. Erwähnt wird, dass jeder Utopier landwirtschaftliche Kenntnisse erwirbt und in diesem Bereich auch eine Zeit lang arbeitet. Überdies erlernt jeder mindestens ein Gewerbe, meist innerhalb seiner Familie – bei anderen Interessen kann Lehrherr und Familie gewechselt werden. Nur begabte Kinder werden von den Familienoberhäuptern einer wissenschaftlichen Ausbildung zugeführt. Ein späterer Einstieg in die Wissenschaft ist bei entsprechendem Fleiß auch möglich.

Jeder hat zu arbeiten. Nur Kinder, Kranke, Wissenschaftler und Verwalter sind von der Arbeit in Gewerbe und Landwirtschaft freigestellt.
Nirgendwo explizit erwähnt, aber immer unterstellt, ist die Arbeitspflicht. Doch welch ein Unterschied zu anderen Völkern: die Utopier arbeiten nur sechs Stunden am Tag! Bei einem nächtlichen Schlaf von 8 Stunden bleibt dann genügend Zeit, den eigenen Interessen und der Unterhaltung nachzugehen. Um einem beliebten Einwand (siehe Kapitel „Gegner der BVW und ihre Argumente / Knappheit“) vorweg zu begegnen, führt er Folgendes an:
„An dieser Stelle müssen wir jedoch, um einen Irrtum zu vermeiden, einen bestimmten Punkt genauer betrachten. Weil sie nämlich nur sechs Stunden an der Arbeit sind, könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen, es müsse sich daraus ein Mangel an lebensnotwendigen Dingen ergeben. Weit gefehlt! […] Auch ihr werdet das begreifen, wenn ihr bedenkt, ein wie großer Teil des Volkes bei anderen Völkern untätig dahinlebt …“ (19)
Es folgt eine ausführliche Aufzählung der Untätigen. Als weitere Argumente für die ausreichende Versorgung trotz Arbeitszeitreduzierung führt er die lange Haltbarkeit der Erzeugnisse (z.B. Kleidung) und die Reduzierung der Mannigfaltigkeit der gleichen Gebrauchsgüter an.
Größere Arbeitseinsätze, z.B. in der Landwirtschaft (Ernte) und im Straßenbau, werden von den Behörden angeordnet. Doch auch dies mit Maß und Ziel:
„Denn die Behörden plagen die Bürger nicht gegen ihren Willen mit überflüssiger Arbeit, da die Verfassung dieses Staates vor allem nur das eine Ziel vor Augen hat, soweit es die öffentlichen Belange zulassen, allen Bürgern möglichst viel Zeit von der körperlichen Fron für die Freiheit und Pflege des Geistes sicherzustellen. Darin liegt nämlich nach ihrer Meinung das Glück des Lebens.“ (20)

Auf eine allgemeine fundierte Ausbildung scheinen die Utopier keinen Wert zu legen.
Eine weitere Schwäche des Modells besteht in der undifferenzierten Beurteilung der Arbeitsleistung. Egal was und wie gearbeitet wird, alle arbeiten 6 Stunden und bekommen die gleiche Zuteilung. Die reine Zeitanrechnung nimmt keine Rücksicht auf unterschiedliche Belastung und Qualifikation des Arbeitenden. Die Arbeit jedes Einzelnen gleich zu bewerten und damit auch die gleiche Zuteilung zu gewährleisten, setzt eine starre Arbeitszuordnung und -verpflichtung voraus. Die Arbeitenden sind an ihre Arbeit langfristig gebunden, sie können kaum auswählen, die Arbeiten ähneln einander.
Wäre eine Wahlmöglichkeit hinsichtlich der Arbeit zugelassen, und würden sich die Arbeiten sehr stark unterscheiden, dann müsste die unterschiedliche Qualität der Arbeit in Relation zur Zuteilung von Gütern oder der Dauer der Arbeitszeit berücksichtigt werden, um Personal für belastendere oder qualifiziertere Arbeiten zusätzlich zu motivieren.

Politische Ordnung
Der Staatspräsident, eine erlauchte Persönlichkeit, ist auf Lebenszeit gewählt. Alle anderen Instanzen (Behörden) werden jährlich neu besetzt bzw. gewählt:
Die Basis des politischen Systems bilden die Familien bzw. Haushalte, die aus 20 bis 50 Personen bestehen und denen jeweils als „erfahrene und gesetzte Leute eine Hausmutter und ein Hausvater vorstehen“. Je 30 Haushalte bestimmen einen Vertreter und 200 dieser Vertreter wählen – aus einer Reihe vom Stadtvolk gewählter Persönlichkeiten – einen Senatsrepräsentanten, welcher die Stadt im Senat vertritt.
Gesetze und Rechtsprechung werden einfach gehalten:
„Gesetze haben sie sehr wenige; denn dank ihrer sonstigen Einrichtungen genügt ihnen eine Mindestzahl. Ja sie missbilligen an anderen Völkern vor allem, dass man dort selbst mit zahllosen Bänden von Gesetzen und Gesetzesauslegungen nicht auskommt. Sie selber finden es demgegenüber für höchst ungerecht, Menschen durch Gesetze zu binden, die entweder zu zahlreich sind, als dass man sie alle durchlesen könnte, oder zu unklar, als dass jeder imstande wäre, sie zu verstehen.
Ferner lehnen sie grundsätzlich sämtliche Rechtsanwälte ab, da die ihre Prozesse auf durchtriebene Weise führen und die Gesetze spitzfindig auslegen. Sie halten es vielmehr für zweckmäßig, wenn jeder seine Sache persönlich führt und dem Richter dasselbe sagt, was er einem Anwalt erzählt hätte; so gebe es weniger Umschweife und die Wahrheit lasse sich leichter herausbekommen.“ (21)
Der Advokat More weiß, worüber er da schreibt. Eine gute Meinung hatte er von seiner eigenen Profession offenbar nicht.

Der Bericht gibt kaum Auskunft darüber, was die Behörden verwalten und beschließen. Auch über die innere exekutive staatliche Gewalt (z.B. Polizei) erfährt man nichts (dafür umso mehr über die nach außen gerichtete Gewalt, die Außenpolitik und Kriegspolitik der Utopier).