1.1 Erstes Buch (Kritik)

More lädt die von ihm erfundene Romanfigur Raphael Hythlodäus zu sich ein, um von seinen Reisen zu berichten. Der Weltenbummler erzählt vorerst von einer Diskussion, die er mit honorigen Persönlichkeiten Englands führte. Darin geht es um die damals in England herrschende Praxis, Wegelagerer, Bettler, Diebe aufzugreifen und an den Galgen zu bringen. Bemerkenswert ist nun, dass Hythlodäus nicht nur gegen das Strafausmaß (Todesstrafe) polemisiert, sondern fortsetzt:
„Darin scheint nicht nur ihr, sondern ein guter Teil der Welt die schlechten Schulmeister nachzuahmen, die ihre Schüler lieber verprügeln als belehren. Man setzt nämlich harte und grausame Strafen für Diebe fest, während man vielmehr Vorsorge treffen sollte, dass sie irgendein Auskommen finden, damit keiner in die Zwangslage gerät, zuerst stehlen und dann sterben zu müssen.“ (1)
Die (auch heute übliche) Replik eines Diskutanten folgt sogleich:
„Dafür ist genügend gesorgt, […] es gibt handwerkliche Berufe, den Ackerbau: Davon können sie leben, wenn sie nicht lieber Spitzbuben sein wollten.“ (2)
Mit der Bemerkung „So entkommst du mir nicht!“(3) leitet Hythlodäus daraufhin seine gesellschaftspolitische Analyse der englischen Verhältnisse ein. Vorerst wettert er gegen die Adeligen, „die wie Drohnen von der Arbeit anderer leben“ um sich dann über ihre Gefolgsleute aufzuregen, die, wenn sie als Parasiten am Hof nicht mehr geduldet, zu Dieben und Räubern werden, „Unfrieden suchen“ und als Söldner an Raubzügen teilnehmen. Als wesentlichere Ursache für Raub und Diebstahl erachtet er jedoch die Vertreibung der vielen kleinen Landpächter durch die Großgrundbesitzer, die Land für ihre Schafsweiden benötigten, um mehr Wolle, deren Preis stark angestiegen war, den (vor allem flandrischen) Textilmanufakturen liefern zu können. Landflucht und Verarmung sind die Folgen. Metaphorisch drückt er dies so aus:
„Das sind eure Schafe, […] die so sanft und genügsam zu sein pflegten, jetzt aber, wie man hört, so gefräßig und bösartig werden, dass sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und entvölkern. Denn überall, wo in eurem Reiche feinere und daher bessere Wolle erzeugt wird, da sind hohe und niedrige Adelige, ja auch heilige Männer, wie einige Äbte, nicht mehr mit den jährlichen Einkünften und Erträgnissen zufrieden, die ihren Vorgängern aus den Landgütern erwuchsen […], sie lassen kein Stück Land zur Bebauung übrig, sie zäunen alles als Weide ein, reißen die Häuser ab, zerstören die Dörfer …“ (4)
Die aufgrund der extensiven Viehzucht vernachlässigte Lebensmittelproduktion, die von wenigen Händlern gehaltenen Vorräte an Lebensmitteln und Textilien, und deren „Preispolitik“ treiben die Preise in die Höhe. Die Zahl der Armen vom Lande wird noch durch entlassenes Gesinde erhöht, welches sich die Bürger aufgrund der gestiegenen Preise für Lebensmittel nicht mehr leisten können. Die Manufakturen sind noch zu unterentwickelt, um die große Anzahl an freigesetzten Leuten zu beschäftigen. Der Diebstahl bleibt für viele die einzige Möglichkeit, sich zu erhalten.
Die von More geschilderten Zustände wurden von späteren Ökonomen als Anfänge der „ursprünglichen Akkumulation“ (bei Adam Smith „previous accumulation“) bezeichnet. Karl Marx widmete der Schilderung dieser „so genannten ursprünglichen Akkumulation“ in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ ein eigenes Kapitel. Darin bezeichnet er diese Epoche als „historischen Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel“ (5). Er geht auch auf die von More kritisierte Todesstrafe für Diebe ein, und schreibt im Kapitel über die „Blutgesetzgebung“: „Die durch Auflösung der feudalen Gefolgschaften und durch stoßweise, gewaltsame Expropriation von Grund und Boden Verjagten, dies vogelfreie Proletariat konnte unmöglich ebenso rasch von der aufkommenden Manufaktur absorbiert werden, als es auf die Welt gesetzt wird. Andererseits konnten die plötzlich aus ihrer gewohnten Lebensbahn Herausgeschleuderten sich nicht ebenso plötzlich in die Disziplin des neuen Zustandes finden. Sie verwandelten sich massenhaft in Bettler, Räuber, Vagabunden, zum Teil aus Neigung, in den meisten Fällen durch den Zwang der Umstände. Ende des 15. und während des ganzen 16. Jahrhunderts gab es daher in ganz Westeuropa eine Blutgesetzgebung wider Vagabundage. Die Väter der jetzigen Arbeiterklasse wurden zunächst gezüchtigt für ihre angetane Verwandlung in Vagabunden und Paupers. Die Gesetzgebung behandelte sie als „freiwillige“ Verbrecher und unterstellte, dass es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existierenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten.“ (6)
More lässt Hythlodäus ausrufen:
„Verfügt, dass entweder die Leute, die Gehöfte und Dörfer vernichtet haben, sie wieder aufbauen oder sie an die abtreten, die bereit sind, sie wiederherzustellen oder neu zu errichten! Schränkt diese Aufkäufe der Reichen ein und die Möglichkeit, sie wie ein Monopol zu handhaben! Lasst nicht so viele vom Müßiggang leben! Stellt die Landwirtschaft wieder her! Belebt die Wollspinnerei!“ (7)
Nach diesen politisch konstruktiven (und gar nicht „utopischen“) Vorschlägen folgt eine Diskussion über Strafe und Recht und über den Philosophen als Staatsmann bzw. als dessen Ratgeber.
Am Schluss des ersten Teils bringt Hythlodäus nochmals die Ökonomie ins Spiel:
„Indessen […] scheint es mir – um offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, dass es überall da, wo es noch Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte und erfolgreiche Politik zu treiben […] Daher erwäge ich oft die überaus klugen und ehrwürdigen Einrichtungen der Utopier, bei denen alles durch so wenige Gesetze so zweckmäßig geordnet ist, dass einerseits die Leistung ihren Lohn findet, andererseits infolge der allgemeinen Gleichheit allen alles reichlich zugemessen ist […]
[…] wenn ein jeder unter gewissen Rechtstiteln, soviel er nur kann, an sich reißt, so kann die Masse auch noch so groß sein: Es teilen doch nur wenige alles unter sich und lassen den Übrigen die Armut […]
Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass der Besitz nur dann auf gleichmäßige und gerechte Weise verteilt oder die Geschicke der Menschen nur dann glücklich gestaltet werden können, wenn das Privateigentum aufgehoben worden ist.“ (8)
Den Umständen entsprechend denkt More bei Privateigentum vor allem an den Landbesitz, an die Herrschaftshäuser und Goldschätze, welche den Adeligen gehören. Das Privateigentum an Produktionsmitteln – als die (in der Marktwirtschaft) entscheidende Voraussetzung zur Scheidung in Arm und Reich – war eine zu dieser Zeit noch schwach ausgeprägte ökonomische Größe. More sieht einen Zusammenhang zwischen Privateigentum und Geld, den er allerdings nicht weiter ausführt. Außerdem weiß er (als Advokat), dass sich die meisten juristischen Gesetze auf das Privateigentum beziehen.
Er schlüpft im ersten Buch dann selbst in die Rolle des Skeptikers und bringt als Diskussionspartner des Hythlodäus auch gleich die auch heutzutage üblichen Einwände vor:
„Mir dagegen […] scheint dort, wo alles Gemeingut ist, ein erträgliches Leben unmöglich. Denn wie soll die Menge der Güter ausreichen, wenn sich jeder vor der Arbeit drückt, da ihn keinerlei Zwang zu eigenem Erwerb drängt und ihn das Vertrauen auf fremden Fleiß faul macht?“(9)
(Dazu siehe auch Kapitel „Gegner der BVW und ihre Argumente / Arbeitsmoral“).
Er setzt mit den Einwänden fort:
„Aber selbst, wenn die Not ihn antreibt und ihm dann kein Gesetz erlaubt, sich das, was er erworben hat, als Eigentum zu sichern, wird man dann nicht zwangsläufig beständig mit Mord und Aufruhr rechnen müssen?“(10)
Etwas seltsam wirkt dieser konstruierte Einwand insofern, da der Ausgangspunkt ja die Abschaffung des Privateigentums ist – weshalb sollte dann ein „Eigentum“ gesichert werden? Und dann weiter:
„Wenn zudem noch das Ansehen der Behörden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, dann kann ich mir nicht einmal ausdenken, was bei solchen Menschen, zwischen denen es keinerlei Unterschied gibt, an deren Stelle treten könnte.“(11)
Auch hier eine bekannte Denkfigur: Der Skeptiker denkt sich die bestehende Gewalt und ihre Gesetze in den Verhältnissen, zu welchen diese gehören, weg und konstatiert, dass das nicht geht bzw. man sich das nicht vorstellen könne – eine Gewalt müsse es doch geben! (Siehe dazu auch das Kapitel „Die Gegner der BVW und ihre Argumente / Homo homini lupus“.) Eine auf Privateigentum basierende Tauschwirtschaft erfordert tatsächlich eine Gewalt, welche die Privateigentümer auf ihre Mittel festlegt.
Hythlodäus nimmt diese Einwände zum Anlass, auf die Staatsverfassung der Utopier zu verweisen, welche diese Probleme nicht kenne – worauf die Aufforderung an Hythlodäus ergeht, die Staatsverfassung Utopias zu erläutern.


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