4.4 Sowjetökonomie – „Realer Sozialismus“

Die wohl einfachste Art, die BVW abzutun, ist der Verweis auf die Zentralverwaltungswirtschaft des „Realen Sozialismus“, vornehmlich der Sowjetunion:
„Die Sowjetunion ist ein Beispiel dafür, wohin Verstaatlichung, Planwirtschaft und die Aufhebung des Marktes führen: zu einer rückständigen Wirtschaft mit Mangelerscheinungen. Politisch geprägt wurde diese von einer oligarchisch dominierten Bürokratie, die undemokratisch herrschte. Dass so eine Wirtschaft samt politischem System nicht funktionieren kann, haben die Sowjets schließlich selbst eingesehen. Sie haben erkannt, dass die Marktwirtschaft das bessere Wirtschaftssystem ist.“

Der Sowjetökonomie ist ein eigenes Kapitel („Realisierte Versuche alternativer Ökonomien / Der Kriegskommunismus und der Reale Sozialismus“) gewidmet, in welchem die Ideologie der sowjetischen Politik, die Wirkungsweise der Ökonomie und die Unterschiede zu einer BVW dargestellt werden. Deshalb wird an dieser Stelle nur kurz auf die oben angeführte Stellungnahme eingegangen.

„Verstaatlichung, Planwirtschaft, Aufhebung des Marktes“
Die Sowjetökonomie war unbestritten keine Marktwirtschaft, auch keine „Soziale Marktwirtschaft“, und die drei oben genannten Begriffe charakterisieren, oberflächlich betrachtet, die markantesten Unterschiede zur Marktwirtschaft. Auf diesen Nenner wird auch die BVW gebracht und die beiden Ökonomien werden in einen Topf geworfen; die Unterschiede werden nicht gesehen oder bewusst ignoriert (ausführlich behandelt im Kapitel „Realisierte Versuche alternativer Ökonomien / Der Reale Sozialismus).

„Rückständige Wirtschaft, Mangelerscheinungen“
Verglichen mit den Zentren der Marktwirtschaft erschien diese Wirtschaft als rückständig – und zwar vor allem hinsichtlich der Produkte und Leistungen. Deren Ausführung und Uniformität gefielen marktwirtschaftlichen Apologeten nicht. Selten wurde der Gebrauchswert dieser Produkte beurteilt, der bei einigen Produkten höher lag als bei vergleichbaren „westlichen“. Die Produkte der Raumfahrt- und Militärtechnologie wurden zeitweise sogar als fortschrittlicher und besser eingeschätzt.
Doch die meisten Produkte entsprachen nicht den Anforderungen des kapitalistischen Weltmarktes – und auch nicht den Bedürfnissen der Bevölkerung.
Vom Standpunkt der Versorgung war diese Ökonomie tatsächlich eine Mangelwirtschaft. Der Großteil der Bevölkerung war weit davon entfernt, ein gutes Leben zu führen. Interessanterweise wird bei der marktwirtschaftlichen Kritik („Mangelwirtschaft“) ein Maßstab angelegt, welchen die Marktwirtschaft selbst gar nicht hat und erfüllt. Die gute Versorgung der Bevölkerung ist auch in der Ersten Welt nicht gewährleistet, geschweige denn in der Dritten. Die nötigen Produkte gäbe es ja in der Marktwirtschaft, aber das nötige Geld fehlt. Bezeichnend der Kommentar vieler Ostbürger, nachdem sie mit der Marktwirtschaft beglückt wurden: „Früher hatte jeder genügend Geld, aber es gab zu wenig Waren, heute gibt es genug Waren, aber zu wenig Geld.“

„Oligarchie, Bürokratie, keine Demokratie“
Ein paar Mächtige, die von ihren Schreibtischen diktatorisch das Volk unterdrücken – dies ist das Bild des Herrschaftssystems des Realen Sozialismus.
Wieder genauer besehen: Die paar Mächtigen und die Schreibtische gibt es auch in der marktwirtschaftlichen Demokratie – daran kann der Unterschied nicht festgemacht werden. Die Kritik reduziert sich letztlich darauf, dass für relativ lange Zeit die mächtigen Bonzen schalten und walten konnten, weil sie sich keiner Wahl beziehungsweise nur Pseudowahlen stellten, also das Volk die jeweiligen Machthaber nicht auswählen konnte.
Im Selbstverständnis des Realen Sozialismus waren demokratische, „freie“ Wahlen deshalb nicht notwendig, da die Einheitspartei das Volk repräsentierte. Es sollte keine Differenz zwischen Staat und Volk geben, was eigentlich (nach Auffassung der Sowjetideologen) der „wahren“ Demokratie entspräche. Unterschiedliche Meinungen wurden innerhalb der Partei ausgetragen und das Volk auch ständig dazu angeregt, seinen Beitrag dazu zu leisten. Die Partei wählte dann die entsprechenden Führer aus ihren Reihen. In diesem Sinne verzichtete man auf eine Kandidatur mehrerer Parteien und Personen bei allgemeinen Wahlen und es gab nur die Bestätigung seitens des Volkes, dass die Partei weitermachen solle.

An dieser Stelle sei nochmals auf das anders organisierte politische System der BVW hingewiesen:
Mit der Beseitigung der ökonomischen Interessengegensätze entfällt auch eine Staatsgewalt, die Gesetze im Parlament beschließt, somit erübrigt sich auch eine Wahl der Gesetzgeber. Ebenso überflüssig ist auch eine Einheitspartei, welche sich zur Aufgabe stellt, den Gegensatz zwischen staatlichen und Bürgerinteressen zu überwinden, wenn die sozialökonomischen Interessengegensätze verschwunden sind.
Sehr wohl werden in einer BVW Fachleute von gewissen Gremien für gewisse Gremien gewählt, um dort ihr Wissen und Können geltend zu machen – im Sinne des gemeinsamen Zwecks. Anders als bei demokratischen Wahlen sollen die Mandatare nicht regieren, sondern die Versorgung sachgerecht organisieren.

„Sowjetökonomie funktionierte nicht“
Mit dieser Behauptung wird ein zwangsläufiges ökonomisches Scheitern der Sowjetökonomie konstatiert. Das stimmt insofern nicht, da die Sowjetwirtschaft beinahe 70 Jahre funktionierte und dies auch weiter getan hätte, wenn ihr nicht politisch das Wasser abgegraben worden wäre.
Das Urteil des „Nichtfunktionierens“ zielt allerdings auf den Vergleich mit der Marktwirtschaft ab: Parteilich vom Standpunkt der Marktwirtschaft aus beurteilt, hat jene erstens nicht wie diese funktioniert und zweitens auch nicht so erfolgreich wie die marktwirtschaftlichen Metropolen den Staatsreichtum vermehrt.
Einige Staaten der Ersten Welt, allen voran die USA, konnten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Dominanz ihre politische und militärische Stellung in der Welt ausbauen. Das imponierte den Staatsführern der UdSSR und deshalb vollzogen sie den ökonomischen Systemwechsel. Die Sowjetökonomie hat, gemessen an den Ansprüchen der Marktwirtschaft, tatsächlich versagt, und das wurde letztlich von den Sowjets Ende des 20. Jahrhunderts auch so gesehen. Gemessen an diesen Maßstäben ist die Marktwirtschaft zweifellos das bessere System.

Den Realen Sozialismus bzw. die Sowjetökonomie als Beispiel einer misslungenen BVW anzuführen ist verfehlt. Die BVW hat andere Zwecke und ist anders organisiert. Wie weiter unten ausgeführt wird, sollten auch die bei der Erklärung der BVW verwendeten Begriffe, wie z.B. Planwirtschaft, nicht dazu führen, Gemeinsamkeiten feststellen, wo es keine gibt.
Genauso verfehlt ist es jedoch auch, die Kapitulation der Sowjetökonomie damit zu erklären und zu kritisieren, dass diese sich über die Gesetze der Marktwirtschaft hinweggesetzt hätte und deshalb Schiffbruch erleiden musste. Die Probleme dieser Ökonomie entstanden gerade dadurch, dass diese sich viel zu stark an der Marktwirtschaft orientierte (siehe dazu ausführlich weiter unten).


1 Antwort auf “4.4 Sowjetökonomie – „Realer Sozialismus“”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 05. Dezember 2008 um 17:19 Uhr
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