4.3 Geld und Preis

Hat man tagtäglich mit Geld zu tun, ständig „an Geld“ zu denken und Preise zu beachten, so ist eine Gesellschaft ohne Geld und Preise schwer vorstellbar. Einige werden sich auch um Argumente bemühen, diese Unvorstellbarkeit als Unmöglichkeit darzustellen:
„In einer arbeitsteiligen Wirtschaft werden Waren getauscht. Tausch setzt eine Bewertung der Waren voraus – wie viel Ware x ist für die Ware y zu geben. Geld gab es schon vor der Marktwirtschaft, ob nun in Form von Salz, Muscheln oder Gold. Nur mit Geld gelingt der Austausch von Produkten (Leistungen). Auch die BVW ist eine arbeitsteilige Wirtschaft. Mit dem Preis ist ein neutraler Maßstab gegeben, der die Produktion und Zuteilung der Produkte eindeutig löst. Gibt es diesen Maßstab nicht, bestimmen Willkür und subjektive Vorlieben die Ökonomie. Eine komplexe Ökonomie ohne diese Orientierung (Geld / Preis) kann nicht funktionieren.“

Wieder sind in dieser Aussage eine Reihe von Argumenten enthalten:

„Tausch“
Der Tausch Ware gegen Ware setzt ein relatives Verhältnis der Waren voraus. Allerdings ist dies nur beim Tausch als gewerbsmäßigem Handel der Fall und nicht bei einem Tausch (z.B. zwischen Freunden), bei dem es auf den Gebrauchswert ankommt. Letzterer kann nicht als Warentausch bezeichnet werden: Wenn A mit seinem Freund B die Encyklopädia Britannica gegen eine Sammlung neuester Computerspiele tauscht, so wird der tatsächliche Preis der beiden Güter keine Rolle spielen.
Wird also mit Waren gehandelt, so wird es eine Ware geben, die als Geld funktioniert. Betrifft dies aber die BVW? Kommt es in dieser Ökonomie zu einem Tausch von Waren? Die Antwort ist nein: Die Produkte werden nicht zwischen Privateigentümern getauscht, sie sind gar keine Handelsware. Die Produkte werden gesellschaftlich, arbeitsteilig (jedoch nicht von Privatproduzenten) erstellt und den Produzenten zugeteilt (und nicht verkauft).
Das Maß für die Zuteilung ist die geleistete Arbeitszeit. Aber diese – und das ist entscheidend – ist für Preise von Gütern nicht bestimmend, sondern dient im Dreistufenversorgungsmodell der Zuordnung in die Grundstufe, Allgemeine Stufe und Sonderstufe. Es wird also nicht Arbeitszeit gegen Gut getauscht.
Die Arbeitszeit für die Erstellung eines Produkts kann in der BVW nicht den Tauschwert bestimmen, weil es diesen nicht gibt. Für die Verteilung bestimmend sind der Gebrauchswert und die jeweils individuell geleistete Arbeitszeit. Für die Produktion bestimmend sind technische Werte, wie z.B. notwendiges Verarbeitungsmaterial, notwendige Maschinenkapazitäten, notwendige Arbeitskräfte.

„Arbeitsteilung macht Geld notwendig“
Diese Notwendigkeit ist nicht einzusehen. Die Notwendigkeit ergibt sich nur, wenn Privatproduzenten arbeitsteilig produzieren und diese Produkte dann gegen andere tauschen wollen. Sobald zwar arbeitsteilig, jedoch vergesellschaftet produziert wird, und die Produkte verteilt werden, entfallen Markt und Tausch und somit die Notwendigkeit von Preis und Geld.
Dagegen könnte man einwenden, dass im Kapitel „Grundriss einer BVW / Alternative Güterzuteilungsmodelle“ zwei Modelle vorgestellt wurden (Arbeitsgeldmodell und Fixkredit-Bellamymodell), die Preise für Güter zugrunde legen, obwohl es keine auf dem Markt tauschenden Privatproduzenten gibt. Das Geld in diesen Modellen nimmt allerdings den Charakter einer reinen Zuteilungsrechengröße (bzw. eines Zuteilungsschlüssels) an. Die Funktion des Preises besteht in diesen Modellen darin, eine Relation zwischen geleisteter Arbeit und Verteilung herzustellen. In der Marktwirtschaft hat sich Geld von der geleisteten Arbeit emanzipiert und ist per se Reichtum und Geschäftsmittel, egal wie man dazu gelangt („Geld stinkt nicht“). In der BVW, auch bei den Preismodellen, wird nichts getauscht, sondern zugeteilt. Die Geldrechengröße kann vom Zuteilenden gar nicht als Geld weiterverwendet werden, die Verteilstellen bekommen kein Geld – auch nicht Produktionsbetriebe oder andere Leistungserbringer. Es gibt somit auch keine Zirkulation des Geldes.

„Preis als neutraler Maßstab“
Die Bestimmung des Preises als eines neutralen, objektiven Maßstabs stimmt insoweit, als der Preis nichts mit den jeweiligen subjektiven Vorlieben zu tun hat. Ein Stück Käse kostet x per kg, ein anderer y per kg. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem individuellen Geschmack und dem Käsepreis.
Diese Art von Maßstab entfällt in der BVW. Aber heißt dies dann, dass der BVW-Produktion die Orientierung fehlt, und jeder nach seinen eigenen Vorstellungen nach Lust und Laune produziert ? Das kann nicht sein, wenn die Produktion gemäß Plan funktioniert und technische Planzahlen vorgegeben sind, allerdings nicht in Preisen und Kosten, sondern in Meter, Kilogramm, Stück, Stunden, etc.
Die Planvorgaben richten sich nach Bedarf und Bedürfnissen der Konsumenten, und zwar unter Berücksichtigung der tatsächlich einsetzbaren Ressourcen nämlich der Rohstoffe, Arbeitskräfte und Technologie.
In der Marktwirtschaft zählt zwar jedes einzelne Bedürfnis – allerdings nur, wenn dafür gezahlt wird. Man kann sich auch weiße Winterschuhe mit rosa Punkten anfertigen lassen, wenn man dafür zahlt. So ein Modell wird in der BVW höchstwahrscheinlich nicht gefertigt. Die Zahl der Wintermodelle ist vielleicht auf fünf bis sechs Modelle beschränkt. Eine Einzelbestellung von weißen Schuhen mit den rosa Punkten wird wohl nicht berücksichtigt. Die Entwicklung der Technologie wird es zwar ermöglichen, möglichst viele Varianten ohne einen Mehreinsatz von Ressourcen produzieren zu können, dennoch wird die Planproduktion manche speziellen Bedürfnisse nicht berücksichtigen können. (Wenn jemand in seiner Freizeit weiße Winterschuhe mit rosa Punkten fertigt, wird dies bestimmt nicht verboten werden. Sollte die Nachfrage danach eine gewisse Anzahl erreichen, so würde das Modell in das allgemeine Programm aufgenommen werden.)

„Komplexe Ökonomie kann ohne Geld / Preis nicht funktionieren“
Erstens wurde schon in Kapitel weiter oben (im Punkt „Planung“ dieses Kapitels) argumentiert, dass es nicht an der Komplexität einer Ökonomie liegt, dass Geld notwendig ist.
Zweitens wird dabei eine Wirtschaft mit Privatproduzenten und Tausch unterstellt, um dann zu konstatieren, dass diese ohne Geld nicht funktionieren kann. Selbstverständlich gehört zu solch einer Wirtschaft das Geld! Das Geld wird aber mit dieser Logik zum Deus ex Machina, und zwar für jede Wirtschaft – ein vorsätzlich begangener logischer Fehler, um bestehende Verhältnisse mit einer Notwendigkeit zu versehen.