4.2 Knappheit

Der Zweck der BVW ist, wie schon mehrmals erwähnt wurde, eine Versorgung zu gewährleisten, welche ein gutes Leben für die gesamte Bevölkerung ermöglicht.
Wenn von den Ländern der Ersten Welt abgesehen wird, dann muss von einem Mangel an Produkten ausgegangen werden. In den meisten Ländern fehlen Produkte, die Bestandteile einer BVW-Versorgung wären. Was die Erste Welt betrifft, so ist eine bessere Versorgung nicht unbedingt mit einer Steigerung der Produktion zu verknüpfen, denn es gibt in einigen Branchen genügend Güter, die aber aufgrund mangelnder Zahlungsfähigkeit der potentiellen Abnehmer nicht verkauft werden können. Langfristig gesehen wird es allerdings auch da notwendig sein, die Produktion von qualitativ hochwertigen Produkten zu steigern, um die angestrebte qualitativ gute Versorgung auch gewährleisten zu können.
Dieser Anspruch ruft auch folgende Kritik hervor:
„Rohstoffe und Arbeitskräfte sind knapp. Es ist unmöglich, alle BVW-Mitglieder, geschweige denn alle Erdenbewohner, mit der beanspruchten Anzahl von Gütern für ein angenehmes Leben auszustatten. Schon gar nicht bei reduzierter Arbeitszeit und einer großen Anzahl von Nichtarbeitenden.“

„Rohstoffknappheit“
Gewisse Rohstoffe (z.B. Erdöl) sind nur in begrenztem Ausmaß vorhanden. Doch gerade die Marktwirtschaft zeigt, dass sich die geschäftsmäßige Produktion dadurch nicht einschränken lässt. Die Emanzipation von gewissen Schranken der Natur bringt in der marktwirtschaftlichen Gesellschaft allerdings auch negative Konsequenzen für Mensch und Natur mit sich:
Die rigorose Ausbeutung der Natur wird ohne Rücksicht auf nicht wieder gutzumachende Schäden betrieben (z.B. die ausgedehnte Abholzung der Grüngürtel der Erde). Obzwar dies in der Marktwirtschaft als Gefahr besprochen wird, setzen sich letztlich die Geschäftsinteressen darüber hinweg.
In der BVW haben diese ihre Grundlage verloren, insofern kann und wird auf die natürlichen Voraussetzungen Rücksicht genommen (siehe dazu im Kapitel „Grundriss einer BVW / Umwelt“).
Es ist allerdings nicht einzusehen, von einer prinzipiellen Knappheit auszugehen. Mit dem heutigen Stand des Wissens wäre es schon möglich, viele Rohstoffe zu ersetzen, und damit die von der Natur gegebene Knappheit zu umgehen. Erdöl und Atomkraftwerke könnten schon heute durch andere Arten der Energiegewinnung ersetzt werden – das scheitert jedoch an den derzeitigen politischen und ökonomischen Interessen.
In einer BVW wird es möglich sein, durch forcierte wissenschaftliche Anstrengungen Technologien zu entwickeln, welche die gegebenen Engpässe beheben – und zwar unter Bedachtnahme der Erhaltung einer lebenswerten Umwelt.

„Arbeitskräfteknappheit“
Verwiesen sei zu diesem Punkt auf das Kapitel „Grundriss einer BVW / Mögliche Schwachpunkte des Arbeits- und Zuteilungsmodells“. Zusammenfassend nochmals die Argumente:
Sehr viele Bereiche in der Marktwirtschaft binden Arbeitskräfte, die in der BVW nicht gebraucht werden und in der BVW-Produktion bzw. -Leistungserstellung eingesetzt werden können:
Banken, Versicherungen, Werbebranche, Juristen, Steuerbearbeitung (Finanzbeamte, Steuerberater), Buchhaltung, Personalverrechnung, Marketing, Unternehmensberatung, Controller, langfristig Polizei und Militär etc.
Die neu dazukommenden Arbeitsbereiche der BVW (wie z.B. Planarbeitszeitberechner) werden einen kleinen Teil dieses Arbeitskräftepotentials aufnehmen, der übrige Teil steht für die BVW-Produktion (zusätzlich) zur Verfügung.
Arbeitslose oder Gelegenheitsarbeitskräfte wie in der Marktwirtschaft gibt es in der BVW nicht. Alle, die können und wollen, werden 4 bis 6 Stunden täglich arbeiten.
Man denke an die Dritte Welt und die Schwellenländer – immerhin ein Großteil der Weltbevölkerung – deren Arbeitslose dann zur Güterproduktion beitragen würden.
Die BVW-Mitglieder werden – bezogen auf die Lebensarbeitszeit – länger arbeiten. (Auch Siebzigjährige werden in einigen Bereichen tätig sein können, vor allem wenn für die Älteren die Arbeitszeit mit beispielsweise 3 Stunden täglich bzw. 700 Stunden jährlich begrenzt ist.)
Durch die Konzentration der Produktion und der Entwicklung arbeitssparender Technologien kommt es zu einer weiteren Steigerung der Produktivität: Mit weniger Arbeitskräften werden mehr Produkte erzeugt.
Mit Fortdauer der BVW sollte das Gütererstellungsniveau der Marktwirtschaft bei weitem übertroffen werden.

Im Folgenden eine Arbeitskräfteberechnung für die BVW anhand der Bevölkerungsstatistik eines kleinen Landes der Ersten Welt:

Die Bevölkerungssumme der 18 bis 70 jährigen beträgt in Tausend 5.450
Tatsächlich erwerbstätig sind 3.920
Zusätzlich potentiell zur Verfügung stehende Arbeitskräfte (5.450 - 3.920) 1.530
Außerdem könnten in der BVW in folgenden Bereichen durch Konzentration oder Wegfall noch weitere Arbeitskräfte frei werden (geschätzte Zahlen):
Land- und Forstwirtschaft von 223 auf 100 123
Handel, Reparatur von 623 auf 500 123
Beherbergung, Gaststätten von 228 auf 180 48
Kredit- und Versicherungswesen von 140 auf 0 140
Realitätenwesen, Unternehmensdienstleistungen von 280 auf 0 280
Öffentliche Verwaltung von 256 auf 0 256
Summe zusätzlich frei 970
Gesamt zusätzlich frei (1.530 + 970) 2.500
Davon Verwaltung der Planwirtschaft (hoch angesetzt) - 250
Nichtarbeitende (Arbeitsunfähige, Arbeitsunwillige etc.) - 600
Verbleibende zusätzliche Arbeitskräfte 1.650
Die Anzahl der Arbeitskräfte, welche für die BVW-Produktion und Leistungserstellung eingesetzt werden können, erhöht sich also von 2.450 (3.920 - 970) auf 4.100 (2.450 + 1.650). Dies ergibt eine Steigerung des Potentials von 67%. (1.650 bezogen auf 2.450). Selbst bei weniger optimistischen Schätzungen wird sich also das Arbeitskräftepotential beträchtlich erhöhen, was sowohl eine vermehrte Gebrauchsgüterproduktion (bzw. Leistungserstellung) als auch eine Arbeitszeitreduktion ermöglichen sollte (siehe auch nächsten Punkt).
Zu bedenken ist auch, dass die Zahl der marktwirtschaftlichErwerbstätigen (3.920) auch die so genannten geringfügig Beschäftigten enthält, die eine wöchentliche Arbeitszeit von weniger als 10 Stunden haben. Diese etwa 350.000 Arbeitskräfte würden in der BVW ihre Arbeitskraft länger zur Verfügung stellen können.
(Ausgangsdaten: Statistik Austria, Statistisches Jahrbuch 2002, Daten des Jahres 2000)

„Reduzierung der Arbeitszeit“
Die oben angegebenen Argumente gelten auch für diesen Punkt. Es wird ohne Schwierigkeiten zu erreichen sein, die Arbeitszeit zu reduzieren, ohne der Versorgung zu schaden. Das setzt voraus, die technologische Entwicklung in dieser Hinsicht zu forcieren. Angesichts der technologischen Entwicklung in den letzten 50 Jahren kann man ermessen, was es bedeuten würde, wenn konzentriert und unter Einsatz aller möglichen Wissenskräfte die Entwicklung der Arbeitskraft ersetzenden Technologie vorangetrieben wird.
Für die Anfangsphasen der BVW ist schwer abzuschätzen, wie sehr eine Reduzierung der Arbeitszeit die anzustrebende qualitativ gute Versorgung für alle Mitglieder beeinträchtigt. Dies hängt auch vom geplanten Niveau der Versorgung ab. Möglicherweise wird dafür eine Arbeitszeit von 30 Stunden in der Woche notwendig sein. Langfristig gesehen sollte es möglich sein, die Arbeitszeit auf höchstens 20 Wochenstunden zu reduzieren.

„Große Anzahl von Arbeitsunwilligen“
Zu diesen Bedenken wurde schon im Kapitel „Gegner der BVW / Arbeitsmoral“ ausführlich Stellung genommen. Kurz gesagt: Die Zahl derer, die nicht arbeiten wollen, wird keine großen Ausmaße annehmen. Folgende Gründe werden für diese Annahme angeführt: Erstens sind die Arbeitsbedingungen so gestaltet, dass Arbeiten in den seltensten Fällen erhebliche Belastungen bereiten, zweitens sind für jeden Arbeitenden Möglichkeiten vorhanden, sich – materiell gesehen – angenehme Lebensumstände zu schaffen (Allgemeinversorgung, Sonderversorgung). Die Arbeit wird ihren schlechten Ruf verlieren und einen anderen Stellenwert im Leben der Menschen einnehmen. Sollten die erwähnten Faktoren zu wenig Anreiz bieten, könnte die Grundversorgung auf einem Niveau gehalten werden, welches nur mehr ein sehr bescheidenes Leben ermöglicht. Somit ergäbe sich zusätzlich zum sozialen auch ein materieller Druck entsprechend mitzuarbeiten.
Um Missverständnisse zu vermeiden, sei noch auf Folgendes hingewiesen: Sicherlich ist auch eine BVW darauf verwiesen, mit den gegebenen Ressourcen zu „wirtschaften“. Dies bedeutet, Entscheidungen zu treffen, wie jene eingesetzt werden, um gewisse Produkte in gewissem Ausmaß zu produzieren. Gewisse Güter können dann eben mangels Ressourcen nicht produziert werden. Die Diskussionen darüber würden dann immer im Hinblick auf den Gebrauchswert und dessen Dringlichkeit für die Versorgung geführt werden.


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  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:02 Uhr
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