3.5 Konkurrenz

Die Konkurrenz der Privatproduzenten und Arbeitskräfte wird mit der BVW abgeschafft. Gerade das ist so manchem Gegner der BVW nicht recht:
„Die Konkurrenz stachelt die Menschen an, ihr Bestes zu geben. Diese ist hauptsächlich verantwortlich für die enorme gesellschaftliche Entwicklung der letzten 200 Jahre. Die Tüchtigen setzen sich durch und dies entspricht auch dem natürlichen Prozess der Auslese. Gibt es keine Konkurrenz, erlahmt die gesellschaftliche Entwicklung und dies führt letztlich zur Degeneration.“

„Konkurrenz stachelt an, das Beste zu geben“
Betrachtet man die Konkurrenz der Arbeitskräfte, so mag es wirklich so erscheinen, als ob der Erhalt des Arbeitsplatzes den Arbeitnehmern einiges an Einsatz wert ist. Doch beim genaueren Augenschein wird man doch die Schwammigkeit dieses Urteils feststellen können: Der Großteil der Arbeitenden gibt das, was verlangt wird, um den Arbeitsplatz zu erhalten. Das ist in einem Fall mehr, im anderen Fall weniger. Wenn es einen Stachel gibt, dann die Chance eines Mehrverdienstes, und dabei stellt sich die Frage, ob dies erreicht wird, indem das „Beste“ gegeben wird. Es ist doch nicht so, dass jeder alle seine Fähigkeiten ausschöpft, wenn er seiner Arbeit nachgeht – dies ist in der Marktwirtschaft selten der Fall.
Nehmen wir als Beispiel einen Bankangestellten, der Tag für Tag seine paar Routinetätigkeiten durchführt. Er hat sich an seine Arbeit gewöhnt, das Gebiet seines Interesses ist allerdings die Elektronik, mit der er sich mangels Zeit kaum beschäftigen kann. Er verrichtet seine Tätigkeit als Bankangestellter ohne aufzufallen, weder durch besonderen Einsatz noch durch mangelnde Arbeitsleistung. Inwiefern er mit seiner Arbeit zur Hebung der Lebensqualität anderer beiträgt, hat er sich noch nie gefragt. Weshalb auch, kommt es doch darauf bei der Arbeit nicht an. Wie man die Arbeit effektiver gestalten könnte, will er sich gar nicht überlegen, da dies auch Nachteile für ihn haben könnte. Für den Arbeitgeber Bank ist er jedenfalls „noch sein Geld wert“. Die angekündigten Rationalisierungsmaßnahmen verschärfen die Konkurrenz der Kollegen um den Arbeitsplatz. Intrigen und dadurch auftretende psychische Probleme wirken sich eher negativ auf seine Arbeitsleistung aus. Wird ein Kollege gekündigt wird, der fachlich besser ist als er und als sehr strebsam gilt, so legt dies den Schluss nahe, dass die „Sicherheit“ des Arbeitsplatzes nicht durch die Qualität und Quantität der Leistung gewährleistet wird.
Weshalb sind sich die Verfechter der Konkurrenz eigentlich so sicher, dass jeder durch die Konkurrenz zur Bestleistung angespornt wird. Ist nicht bei so manchen die Leistung schwächer, wenn sie unter Druck stehen? Dies beginnt schon bei schulischen Prüfungsängsten und setzt sich bei betrieblichen Ausleseverfahren fort, ob nun bei Tests oder bei der Arbeit selbst. Auch das in letzter Zeit als „Problem“ erkannte „Mobbing“ kann die Psyche in Mitleidenschaft ziehen und schlägt sich auf die Arbeitsleistung nieder.

Letzteres bleibt einem in der BVW erspart, da der Druck, sich gegen andere durchsetzen zu müssen, nicht gegeben ist.
Das Interesse an der Arbeit, die Arbeitsbedingungen und die soziale Anerkennung werden dazu anregen, die Arbeit gut, wenn nicht sehr gut zu verrichten. Ehrgeiz mag es in der BVW geben, eine Konkurrenz allerdings nicht.

„Konkurrenz ist verantwortlich für die gesellschaftliche Entwicklung – das Beste setzt sich durch“
Ist es in der Marktwirtschaft wirklich so, dass sich „das Beste“, „die Tüchtigsten“ durchsetzen und „das Miese“ und „die Faulen“ auf der Strecke bleiben? Wie viele Leute, die gute Arbeit leisten, verlieren ihre Arbeitsplätze oder werden gar nicht gebraucht, wie viele qualitativ gute Produkte werden nicht produziert oder „durch den Markt“ eliminiert?
Nachträglich betrachtet erscheint den Apologeten des Systems dann das, was sich durchgesetzt hat, immer als optimal. Erfolg am Markt verleiht einer Arbeitskraft, einem Unternehmen oder einem Produkt per se das Prädikat wertvoll. Gemessen wird der Erfolg nicht an der Steigerung der Lebensqualität, sondern an ökonomischen Kriterien, wie Kosten(senkung) oder Gewinn(erhöhung), welche letztendlich auch die Qualität eines Produkts bestimmen: Am Markt setzt sich das durch, was in diesem Sinne markttauglich ist.
Nun könnte es den Verweis auf den „erreichten hohen“ Lebensstandard geben. Dieser Hinweis provoziert allerdings folgende Fragen: Für welche und wie viele Menschen (Dritte Welt!) trifft dies zu, wie sieht diese Lebensqualität aus, und welche Schäden werden dabei in Kauf genommen (Umwelt, Kriege)? Lebensqualitätsverbesserung ist nicht der Zweck der Marktwirtschaft – jene ist ein Nebenprodukt für eine Minderheit der Weltbevölkerung.
Und die großen Fortschritte in der Naturwissenschaft sind nicht in Konkurrenz, sondern durch das Aufheben von Konkurrenz erreicht worden – gerade die Bündelung des Wissens, und das Außerkraftsetzen von Kosten, Preis und Profit beim Forschen brachten und bringen neue bahnbrechende Erkenntnisse. Bei der technologischen Anwendung tritt dann die Konkurrenzwirtschaft wieder in Kraft: Patente und Lizenzen verbriefen die ausschließliche Nutzung für bestimmte Privatpersonen. Dies beschränkt und behindert die allgemeine Nutzung von Wissen.
Die BVW schüttelt diese Fesseln ab und treibt die Wissenschaft zu neuen Erkenntnissen. Das motivierende Moment ist der gemeinsame Wille, Fortschritte in der Lebensqualität zu erreichen.

„Natürlicher Prozess der Auslese“
Nach wie vor ist es üblich, die Natur als Beleg für die Notwendigkeit und Güte des „Konkurrenzprinzips“ zu bemühen. Man könnte erstens schon bezweifeln, ob die Theorie des natürlichen Ausleseprozesses, so wie sie propagiert wird, überhaupt auf die Natur zutrifft. Zweitens bringt diese Erklärung mit sich, allem, was sich erfolgreich fortpflanzt, auch noch das Siegel der Berechtigung zu verleihen.
Wissenschaftlich besonders zweifelhaft wird dieses Verfahren, wenn aus den Erkenntnissen über die Natur auch Erkenntnisse über soziale Prozesse abgeleitet werden: Seht her, biologische Lebensprozesse funktionieren so – also ist es doch auch angemessen bei sozialen Gegebenheiten. Selbst wenn natürliche Prozesse so ablaufen, die „Auslese“ in der Marktwirtschaft verläuft bestimmt nicht nach den eingebildeten natürlichen Prinzipien. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: Die Vererbung von marktwirtschaftlichem Vermögen basiert auf dem Erbrecht und nicht auf den Mendelschen Gesetzen.
Die Bebilderung mit der Natur dient als Rechtfertigung, die mit einer Notwendigkeit versehen wird: Was die Natur vorgibt, ist per se gut und man sollte dagegen nicht verstoßen. Die Natur ist allerdings weder gut noch schlecht, und wenn die Natur so „funktioniert“, wie sie funktioniert, ist dem auch nicht das Prädikat „vernünftig“ abzugewinnen. Ist die Argumentation wirklich durchzuhalten, dass es ein vernünftiger Plan der Natur ist, Stechmücken in rauen Mengen zu produzieren, oder dass es in ihrem Sinne sinnvoll war, die Dinosaurier aussterben zu lassen?
Der Verweis auf die Natur fällt hinter den Standpunkt der Aufklärung zurück. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass er kraft seines Geistes der Natur nicht rigoros ausgeliefert ist, sondern diese erklären und für seine Bedürfnisse nutzen kann. Die Nutzung der Natur ergibt dann für die Menschen negative Resultate, wenn bei ihrer Nutzung Ressourcen oder Gesundheit gefährdet werden. Eine Naturschädigung ist in der BVW zu vermeiden – weil auch nicht notwendig (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Gesundheit, Umwelt“).


3 Antworten auf “3.5 Konkurrenz”


  1. 1 Administrator 29. April 2009 um 8:56 Uhr

    Der folgende Hinweis von „carme“ fand sich als Kommentar im Abschnitt „Grundriss der BVW“ nach dem Kapitel 6.6.5. Da die Kritik besser in diesen Abschnitt passt, wurde diese hier eingefügt.

    Akzeptiert: Der Mensch ist nicht „aufgrund seiner Natur“ auf Konflikt und Konkurrenz eingestellt. Er ist fähig, soziale Gemeinschaften zu gründen und zu unterhalten, die den Wohlstand aller Mitglieder fördern und damit Sicherheit und (persönliches) Glück bieten. Immerhin werden schon bei Affen Sippen, Gruppen und andere soziale Gemeinschaften gebildet und halten auch so zusammen. Das hat sich fortgesetzt bis in die heutige Zeit.

    Aber: Aus meiner Sichtweise der menschlichen Psychologie gibt es eine maximale Größe solcher Gemeinschaften (Korrelierend mit der Überschaubarkeit des direkten sozialen Kontextes eines Menschen), bis zu der die Strukturen noch funktionieren (Dorfgröße). Darüber hinaus sinkt rapide die gefühlte Verantwortung für die Gemeinschaft, Entscheidungen sind nicht mehr nachvollziehbar, und merkliche Einschnitte ins eigene Lebensgefühl wg. großgesellschaftlicher Notwendigkeiten werden nicht mehr eingesehen, und die Verärgerung wächst (Stichwort Politikmüdigkeit). Das (unter anderem) führt zu Separatismus: Man will sich von der großen, anonymen Gesamtgesellschaft abgrenzen und findet sich in kleinen, überschaubaren Strukturen zusammen (Familie, Verein, Interessensgemeinschaft, Chatroom etc.) und versucht, sich von anderen abzugrenzen (durch Sprache, Kleidung, Verhaltensmuster, Moralkodex etc.).

    Dieser Separatismus ist meiner Meinung nach das eigentliche Problem und wird die BVW an empfindlicher Stelle treffen: hier reicht die beschworene rationale Einsicht der Menschen nicht aus. Hier wird mit Sicherheit z.B. die Verteilungskompetenz der entsprechenden Gremien angezweifelt, oder gemeinschaftlich sinnvolle, aber persönlich nicht mehr nachvollziehbare Entscheidungen werden als ungerecht empfunden, etc. Hier werden Gerüchte entstehen (ein weiterer untrennbarer Baustein der menschlichen Natur), die weiter separatistisch wirken und den Graben zwischen der eigenen überschaubaren sozialen Gemeinschaft und den als ungerecht übervorteilt empfundenen anderen wird tiefer.

    Dies halte ich für das größte Problem der BVW, und ich sehe keine Möglichkeit zu seiner Lösung. Aber vielleicht kann ein/e Psychologe/in mich vom Gegenteil überzeugen?

  2. 2 Administrator 01. Mai 2009 um 15:41 Uhr

    „Carme“ argumentiert in einer Weise, die in den vorangegangenen Kapiteln dargestellt wurde. Er bemüht den Charakter des Menschen, um einerseits die „Gesellschaftsfähigkeit“ des Menschen zu konstatieren andrerseits auch deren Beschränktheit aufzuzeigen. Dabei fallen ihm auch die Affen als Anschauungsbeispiel ein.
    Erstens zum Affen: Weshalb nicht gleich mit Bakterien oder Amöben als Anschauungsbeispiel beginnen? Diese sind auch Vorfahren des Menschen und ein Stück Natur. Auch wenn es eine naturhistorische Verwandschaft von Affen und Menschen gibt, lassen sich daraus keine Schlüsse auf die „soziale Gemeinschaft“ der Menschen ziehen. Da hat sich nichts „fortgesetzt“. Wie sollte man Markt,Tausch,Geld, Privateigentum, den Staat mit seinen Gesetzen und seiner Gewalt, die NATO oder den IWF von Amöben- oder Affengemeinschaft her erklären?
    Also das mit den Affen gibt nichts her, weder als Pro noch als Contra bezüglich der BVW.
    Zweitens zum Argument der vorteilhaften Größe einer Gemeinschaft: Wie groß wäre die maximale Größe? Da beginnt die Sache schon schwammig zu werden. Es gibt Leute, denen kann die Gemeinschaft nicht groß genug sein. Die meisten Bewohner des Deutschen Reiches haben das Motto des Führers, dass das Reich zu klein wäre für die Größe des Deutschen Volkes sehr ernst genommen (leider), haben dafür „Verantwortung gefühlt“ und sind dafür in den Krieg gezogen. Auch eine heutige Wahlbeteiligung von 60 bis 80 Prozent trotz aller „Politikmüdigkeit“ spricht doch nicht für ein Zweifeln der Leute an der bürgerlichen Demokratie (leider). Ja, am Stammtisch oder unter Freunden, da regen sie sich über die Politiker auf und beklagen, dass sie als kleine(r) Mann oder Frau eh nichts zu melden hätten – und latschen bei der nächsten Wahl wieder brav zur Wahlurne.
    Wie sähe das erst in einer BVW aus, wo sie wirklich was zu melden und bei der Produktion und Arbeitsgestaltung mitzureden hätten! Und wenn sich die meisten gar nicht einbringen und in Ruhe gelassen werden wollen mit produktionstechnischen Entschheidungen – was solls, dann werden sie in Ruhe gelassen. Sich nicht einbringen und dann meckern würde auch vorkommen – aber die würden sich doch lächerlich machen.
    Die Leute haben, ob in einer Marktwirtschaft oder BVW immer Gründe, weshalb sie sich für die größere Gemeinschaft interessieren oder nicht. Diese sollte man sich näher ansehen, aber nicht anthropologische Grundkonstanten postulieren.
    (Außerdem: Stimmt das überhaupt, dass es in kleinen Gemeinschaften – etwa in Familien – so harmonisch zugeht, es keinen Separatismus gibt – wenn Sohn oder Tochter von zu Hause ausreißen – und alles als gerecht empfunden wird? Also diese anthropologischen Kategorien selbst sind nicht nur logisch- was hier nicht ausgeführt wurde –, sondern auch empirisch gesehen falsch.)

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