3.4 Arbeitsmoral

Die folgende Kritik hat eine unterstellte Charaktereigenschaft im Visier. Problematisiert werden der fehlende materielle Zwang zur Arbeit und das fehlende erpresserische Abhängigkeitsverhältnis der Arbeitenden in der BVW:
„Wenn es eine gute Grundversorgung für Nichtarbeitende gibt, dann werden die wenigsten arbeiten wollen, und diejenigen, die arbeiten, werden aufgrund der Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und Auskommens dem Schlendrian verfallen. Dies hat zur Folge, dass zu wenig und zu unzuverlässig produziert wird.“

„Die wenigsten werden arbeiten wollen“
Ist es nicht ein krasses Fehlurteil, davon auszugehen, dass Menschen prinzipiell nicht arbeiten wollen?
Auch in dieser Hinsicht wird der Kritiker von der tagtäglichen Praxis blamiert: Workaholics und Freizeitaktivitäten widerlegen die These vom Faultier Mensch.
Es kommt schon sehr auf die Arbeit an. Ist diese angenehm und interessant, kann keine Rede von Desinteresse sein, ist sie schwierig und anstrengend, so liegt es an der Dauer der Anstrengung, inwieweit diese auf sich genommen wird. Anstrengung bedeutet nicht unweigerlich eine Verweigerung der Arbeit. Geistige Anstrengung bedeutet für manche Leute sogar eine Herausforderung (körperliche Anstrengung manchmal ebenso, siehe Sport). In einer BVW würde darauf zu achten sein, anstrengende Arbeiten auf ein Mindestmaß zu reduzieren, Arbeitsbereiche zu erweitern und nach einer gewissen Zeit zu wechseln.
Die meisten Arbeiten in der Marktwirtschaft geraten zu einer wie auch immer gearteten Anstrengung, weil sie lange und oft unter Zeitdruck ausgeführt werden müssen. Überdies sind die wenigsten der anstrengenden Arbeiten gut bezahlt und viele auf Dauer gesehen gesundheitsschädigend. Kein Wunder, dass dann eine Abneigung gegen die Arbeit entsteht.

Menschen sind bereit zu arbeiten, wenn sie etwas davon haben, und arbeiten auch gerne, wenn die Arbeit ihren Bedürfnissen entgegenkommt.
Einer der Schwerpunkte der BVW ist die menschenfreundliche Gestaltung der Arbeit, was Arbeitsbedingungen und Dauer betrifft (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Angenehme Arbeitsbedingungen“).
Die BVW stuft die Arbeiten unterschiedlich ein und bietet mit dem Bewertungsschema die Möglichkeit, in die Sonderversorgung vorzurücken – dies als Kompensation für den Arbeitseinsatz unter erschwerenden und belastenden Bedingungen (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Bewertung der Arbeit“).

„Schlendrian“
Ähnlich verhält es sich mit dem Argument „Schlamperei“ und „Schlendrian“. Weshalb sollte man den Arbeitenden von vornherein absprechen, ihre Arbeit möglichst gut und zuverlässig ausführen zu wollen? Wer zu seiner Arbeit steht, hat auch den Ehrgeiz, diese Arbeit gut zu machen. Zweifellos werden auch in der BVW Unachtsamkeiten, Schlampereien und Desinteresse vorkommen. In diesen Fällen wird es Zeitabzüge oder andere empfindliche Maßnahmen (wie z.B. Versetzungen) für die Betreffenden geben (siehe dazu Kapitel „Grundriss einer BVW / Bewertung der Arbeit“).
Nicht unterschätzen sollte man in diesem Zusammenhang auch die Erwartung der Mitmenschen bezüglich des Verhaltens eines Gesellschaftsmitglieds. Die Konsequenzen dieser Erwartung werden als „sozialer Druck“ bezeichnet und haben letztlich mit der Anerkennung eines Mitglieds in einer Gemeinschaft zu tun. Die soziale Anerkennung von Leuten, die nicht arbeiten wollen, obzwar sie arbeiten könnten, oder von Leuten, die zwar arbeiten, jedoch keinen Wert auf die Qualität ihrer Arbeit legen (schlecht vollbrachte Arbeit, die mit einem „na und“ kommentiert wird), wird gering sein. Ein Großteil der Mitglieder der BVW wird wohl scheele Blicke bzw. missbilligende Töne der Kollegen oder Freunde vermeiden wollen.

Ein beliebtes Beispiel, die Verwahrlosung der Arbeitsmoral anzuprangern, war und ist der Reale Sozialismus, der das „Recht auf Arbeit“ zu einem seiner Prinzipien erklärte und auch umsetzte. Jeder sollte einen garantierten Arbeitsplatz haben.
Charakteristisch für die „Verwahrlosung“ wären Arbeitende, die während der Arbeitszeit einkaufen gehen. Dies erscheint wahrlich als Wahnwitz vom Standpunkt der Marktwirtschaft. Klar, wenn es auf Rentabilität ankommt, dann ist jede verlorene Minute ein Abstrich vom Gewinn und ein Konkurrenznachteil. Was, wenn der Rentabilitätsgesichtspunkt gemäß marktwirtschaftlicher Kalkulation nicht gilt? (Störend wurden die Fehlzeiten in der Sowjetunion erst, als versucht wurde, für den Weltmarkt zu produzieren und dessen Rentabilität nachgeahmt werden sollte.) Wenn es weniger zu tun gab, verließen einzelne Werktätige den Arbeitsplatz und ließen Kollegen für kurze Zeit einspringen. Dies war deshalb möglich, weil der ganze Arbeitsfluss langsamer und stockender (als in der Marktwirtschaft) vonstatten ging, und Fehlzeiten nicht diese Rolle spielten wie in der Marktwirtschaft. Das Verhalten der Arbeitenden entsprang der Organisation der Ökonomie und nicht umgekehrt die Ökonomie dem Verhalten der Beteiligten. Die Nichteinhaltung von Lieferterminen war nicht die Konsequenz fehlender Arbeitsmoral, sondern der Organisation von Produktion und Transport geschuldet.
Bezeichnend dafür waren auch Qualitätsmängel und Schlampereien, die hämisch von Marktwirtschaftern am dortigen System bekrittelt wurden, so, als ob diese in der Marktwirtschaft nicht aufträten. Mit der Arbeitsmoral der Leute hatten diese kaum zu tun, sondern vielmehr mit dem eigentümlichen Sparprinzip der Zentralverwaltungswirtschaft (siehe dazu ausführlich im Kapitel „Realisierte Versuche alternativer Ökonomien / Der Kriegskommunismus und der Reale Sozialismus“). Wo nicht gespart wurde, z.B. in der Raumfahrt, ließen die Ergebnisse selbst bei den größten Verächtern der Sowjets Anerkennung aufkommen. Da stimmten Qualität und Zeitplan – da war auch keine Rede von der fehlenden Arbeitsmoral.


1 Antwort auf “3.4 Arbeitsmoral”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:01 Uhr
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