3.2 Homo homini lupus

Diese alte These von der Wolfsnatur des Menschen wird immer dann ins Spiel gebracht, wenn es gilt, tätliche Auseinandersetzungen zwischen Menschen und die Notwendigkeit einer übergeordneten Gewalt zu erklären:
„Der Mensch ist von Natur aus Egoist und Feind seiner Mitmenschen. Er kann nur durch Gewalt und mit Zwang gebändigt werden. Eine Gesellschaft, die das ignoriert, kann nicht funktionieren und wird in Aggressivität untergehen.“

Aufmerksame Leser könnten sich zu Recht fragen, weshalb dieser Hinweis auf die Wolfsnatur bei der Vorstellung einer geplanten Versorgungswirtschaft überhaupt ins Spiel gebracht werden sollte. Die Stoßrichtung dieses Arguments geht nicht so sehr gegen die neue Ökonomie, sondern gegen die politische Gestaltung der neuen Gesellschaft. Eine Gesellschaft ohne Staatsgewalt, in der Konfliktlösung nicht Durchsetzung des Rechts bedeutet, eine Gesellschaft ohne wesentliche Interessengegensätze, eine Wirtschaft ohne Konkurrenz, in der die Beteiligten den Zweck der Versorgung gemeinsam vollziehen, erscheint den Verfechtern der Wolfsthese abstrus. Ein bestimmtes Menschenbild vor Augen, wollen sie sich auf keine weiteren Gedanken mehr einlassen und schmettern den Entwurf dieser neuen Gesellschaft als unrealistisch ab.
Sieht man sich diese Argumentation genauer an, kann man sich nur wundern, dass sie sich so lange zäh behauptet hat und auch höchstes wissenschaftliches Ansehen genießt.
Erstens zum logischen Gehalt: Diese These baut darauf auf, dass die Feindschaften der Menschen untereinander zu deren Natur gehören, also zu einer Grundausstattung, mit der sie geboren werden und der sie bis ans Lebensende verhaftet bleiben. Die Feindschaften werden somit zu einer Notwendigkeit, einem Naturgesetz vergleichbar. Nun handeln aber die Menschen nicht ständig feindselig. Es liegt sehr an ihrem Willen, wann Feindschaften zum Tragen kommen. Wenn dem so ist, müsste man sich die Gründe ansehen, weshalb die Menschen mal so und mal so handeln und damit wäre die Notwendigkeit zerstört! Wie ist nun diese Art von Naturnotwendigkeit zu retten, die ja die Aggressivität bei jeder sozialen Handlung prinzipiell unterstellen würde?
Mit der Einführung einer Übergewalt (Staatsgewalt), die diese Natur bändigt und zügelt, soll der Spagat gelingen, das Konstrukt gegenüber der Realität zu retten: Die Menschen schlagen sich deshalb nicht ständig den Schädel ein, weil es Gesetze und vor allem deren Exekutive (Polizei) gibt. Da stellt sich dann allerdings die Frage, weshalb die Gesetzesmenschen und die Polizisten plötzlich ihre Natur abschütteln und zähmen statt hauen wollen. Ist die Wolfsnatur also doch keine (Natur)notwendigkeit? Oder sind Polizisten Übermenschen? Würden die Feindseligkeiten im Blut des Menschen liegen, wäre es außerdem absurd, Gesetze festzulegen, die der Mensch achten soll – diese würden doch gegen die Natur nichts ausrichten.
Zweitens zum empirischen Gehalt: Es ist doch nicht so, dass soziale Kontakte der Menschen prinzipiell feindlich ablaufen. Würde dem so sein, müsste die Übergewalt jedem Bürger einen Aufpasser beistellen. (Wer passt dann auf die Aufpasser auf? – siehe oben) Der Großteil der Menschen handelt je nach den Umständen mal freundlich, mal feindlich und sehr oft indifferent. Wenn sie gegen andere vorgehen, dann liegt das nicht an ihrer wölfischen Natur, sondern hat klar zu benennende Gründe. Diese können einerseits „ökonomisch“ fundiert sein: Diebstahl, Raub(mord), radikale Ausbeutung der Arbeitskraft, Erpressung, Berufsintrigen, Erbschaftsstreitereien etc. – dabei geht es letztlich ums liebe Geld.
Auch die „moralisch“ motivierten Feindseligkeiten sind nicht zu unterschätzen. Kränkungen, Eifersucht, Demonstrationen der Stärke von Typen, die keine Versager sein wollen.
Schließlich die „politisch“ angesagten Angriffe: Tätlichkeiten und Kriege aller Art, ob als innerstaatliche, lokale oder globale. Dabei geht es um die Nation und andere politische Werte.

Man kann davon ausgehen, dass die ökonomisch motivierten Feindseligkeiten in der BVW ausbleiben. Dass Leute, die nur die Grundversorgung beanspruchen können, sich Güter der Allgemeinen Versorgung oder Sonderversorgung per Diebstahl besorgen werden, mag vorkommen, wird jedoch durch die jedem sich bietende Möglichkeit, mit beruflichen Tätigkeiten sogar in den langfristigen Genuss der Sonderversorgung zu kommen, selten der Fall sein.
Die politisch angeheizten Feindschaften können dann entfallen, wenn die BVW möglichst weiträumig, am besten weltweit, organisiert wird, und wenn es nicht mehr darum geht, Territorien, Staatsvölker, Interessengruppen gegen andere abzugrenzen, ökonomisch und militärisch zu verteidigen, Macht und Einfluss zu vergrößern.
Auch wenn Völkerschaften einander bekriegen, ob in der Vergangenheit oder Gegenwart, wird gerne als „letzter Grund“ das Machtstreben des Menschen angegeben, welches ebenso in die Natur des Menschen verlegt wird. Ganz abgesehen davon, warum Staaten einander bekriegen, ob aus ökonomischen oder militärstrategischen Gründen, letztlich läge es an dem in den Menschen eingepflanzten Machtgen. Damit begibt man sich auf die gleiche Argumentationsebene wie die oben kritisierte.
Es wäre vermessen zu erwarten, dass es innerhalb einer BVW keine Konflikte geben würde. Streitereien bezüglich der Produktpräferenzliste, der Bewertungskriterien der Arbeit, Engpässe in der Produktion, Mängel bei der Qualität der Produkte und Leistungen, Probleme bei der Zuteilung – all dies könnte Unmutsäußerungen verursachen. Die Qualität der neuen Gesellschaft wird sich auch daran erweisen, wie diese Unmutsäußerungen vorgetragen werden und wie mit diesen umgegangen wird.
Bleiben die moralisch induzierten Gehässigkeiten. Man kann wohl schwer beurteilen, inwieweit sich mit der neuen Gesellschaft auch die Moral so mitverändert, dass die heutzutage stattfindenden moralinduzierten Gehässigkeiten entfallen. Gibt es z.B. Eifersucht in einer Gesellschaft, in der es abstrus wird, eine andere Person als Eigentum zu betrachten, auf das man ein Recht hätte – und im Sinne dieses Rechts tätlich wird, wenn es verletzt wird? Wahrscheinlich nicht in der Art und Weise wie in der bürgerlichen Gesellschaft, in welcher Zuneigung als Rechtstitel gesehen wird.

Zusammenfassend sei festgestellt, dass Menschen nicht „instinktiv“ aufeinander losgehen, sondern dafür Gründe haben. Diesen Gründen wird durch die BVW weitgehend der Boden entzogen. Für die verbleibenden Streitereien zwischen den Menschen braucht es keinen Staat mit seinen Gesetzen und seiner Gewalt.
Die Staatsgewalt verhindert übrigens in der bürgerlichen Gesellschaft gar nicht die Gehässigkeiten zwischen den Menschen – sie kodifiziert diese nach Rechtsgesichtspunkten und bestraft Verstöße gegen das Recht. Dies macht den Schaden weder gut noch beseitigt es die Gründe für weitere Feindseligkeiten.


1 Antwort auf “3.2 Homo homini lupus”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:06 Uhr
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