9 Gesundheit

Krankheiten können vielfältige Ursachen haben. Unumstritten ist, dass die Belastungen des Alltagslebens, wie Arbeit, finanzielle Sorgen, Probleme in der Familie oder mit Arbeitskollegen, gewisse Nahrungsmittel, Umweltgifte u.a. die Gesundheit der Bevölkerung der Ersten Welt schädigen und gewisse Krankheiten forcieren. (In der Dritten Welt kommt es gar nicht zum Auftreten gewisser Krankheiten, da die Menschen bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 Jahren schon vorher sterben).
Als krank wird offiziell in der Marktwirtschaft vor allem jemand bezeichnet, der nicht in der Lage ist, seinem Broterwerb nachzugehen. Das bedeutet umgekehrt, dass nicht alle, die in dieser Gesellschaft offiziell nicht krank sind, tatsächlich als gesund bezeichnet werden können.

In den Ländern der Ersten Welt gibt es einen umfassenden kostenträchtigen Gesundheitsbereich bzw. Krankenpflegedienst. Bezahlt wird er aus den Versicherungs- und Steuerleistungen der Bürger bzw. aus den „Privatpatientengeldern“, die für Extraleistungen bezahlt werden müssen. Der bürgerliche Staat als Hauptverwalter des Gesundheitssektors schaut darauf, dass sich die Ausgaben in diesem Bereich in Grenzen halten. Gesundheit ist zu bilanzieren und zu budgetieren, hat sich also an den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln zu relativieren.

Mit Krankheiten (bzw. Gesundheit) lassen sich in der Marktwirtschaft auch Geschäfte machen. Die medizinische Industrie, allen voran die Pharmaindustrie, steckt auch Mittel in die Forschung – jedoch muss sich das auch rentieren. Dies ist nicht gleichzusetzen mit dem Anliegen, die Menschheit von gesundheitlichen Beschwerden zu befreien. Kurzfristige Linderung, nicht Ursachenbekämpfung und Beseitigung, steht oftmals im Vordergrund der Therapie.

Das der staatlichen Budget- und Geldpolitik unterworfene Pensionssystem schränkt die Leistungen für die älteren Menschen immer mehr ein. Die nichtarbeitenden Alten müssen von einer knapp bemessenen Rente und ihren Ersparnissen (falls vorhanden) leben. Dies ergibt für so manche ein bescheidenes Leben, in welchem nicht viel für Gesundheitsvorsorge und Kranken- bzw. Altenpflege überbleibt. Da die meisten Alten kein Geld verdienen und zudem, was ihre Versorgung betrifft, Geld kosten, werden sie als gesellschaftliche Last empfunden.

Eine Gesellschaft, deren politökonomischer Zweck die Etablierung angenehmer Lebensverhältnisse für ihre Mitglieder ist, wird der Gesundheit einen hohen Stellenwert einräumen.
Dies erweist sich schon bei der Gestaltung der Arbeit. Die Arbeitsbedingungen sind im Sinne der Arbeitenden zu gestalten, und die kurze Arbeitszeit lässt einen schädigenden Verbrauch an physischer und psychischer Substanz nicht zu. Zudem werden die psychischen Belastungen durch Konkurrenz, Arbeitsplatzunsicherheit und ständiger Zeitdruck weitgehend entfallen, andere Belastungen auf ein erträgliches Ausmaß beschränkt.
Bei der Produktion von Nahrungsmitteln wird auf Qualität geachtet. Auf schädliche Substanzen, die in der Marktwirtschaft gemäß den Markterfordernissen „schnell wachsend, resistent, lange haltbar, gut aussehend“, beigemengt werden, kann in der BVW verzichtet werden.

All das wird Krankheiten nicht verhindern. Die Arbeitenden sind jedenfalls in der BVW durch eine Krankheit nicht doppelt betroffen wie in der Marktwirtschaft, nämlich einerseits durch Krankheitsleid und andererseits der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. (In so manchen Fällen kommt es in der Marktwirtschaft auch zu Verdienstentgang und teuren Zahlungen als Beitrag zur Gesundung.)
Krankenstände werden in der BVW als Arbeitszeit gerechnet, d.h. Arbeitsstundenanrechnung für den Versorgungsanspruch wird weiter geführt.
Die Gesundheitsversorgung sollte Bestandteil der Grundversorgung sein, also auch den Nichtarbeitenden in vollem Umfang zur Verfügung stehen.
Wenn dies aufgrund fehlender Kapazitäten in einer noch nicht so entwickelten BVW nicht möglich ist, müssen Prioritäten bei der Patientenbehandlung gesetzt werden. Dabei erscheint es unvernünftig, die Versorgungsstufen als Auswahlkriterium heranzuziehen, sondern vielmehr angebracht, die Dringlichkeit der Behandlung als Kriterium zu wählen, z.B. wenn in einer Region nur ein Spezialgerät für die Behandlung zur Verfügung steht und der Bedarf die Nutzungskapazität übersteigt.
Die Herstellung einer flächendeckenden qualitativ guten Gesundheitsversorgung ist eines der obersten Planziele. Dahinter haben andere Produkte bzw. Leistungen, die etwa der Freizeitgestaltung oder der Sonderversorgung dienen, zurückzustehen, wenn es zu einem Engpass bei Materialien oder zur Verfügung stehender Arbeitszeit kommen sollte.
Die nötigen Arbeitskräfte für eine ausreichende Krankenpflege werden aus den auszubildenden Medizinern bzw. Sozialdienstberufen rekrutiert. Bei einem eventuell auftretenden Arbeitskräftemangel wird die Arbeitszeit mit einer Sonderbewertung versehen. Sollte dies nicht ausreichen, um die nötigen Arbeitskräfte zu gewinnen, so kann für alle Mitglieder der BVW Gesellschaft die zeitweise Arbeit im Sozialbereich als Anspruchsvoraussetzung für die Allgemeinversorgung vorgesehen werden.

Befreit von der Klammer der Rentabilität kann sich die Forschung der Prävention und wirksamen Bekämpfung der Krankheiten widmen. Daran wird mit vereinten Kräften gearbeitet und nicht in Konkurrenz gegeneinander. Dies sollte die Erkenntnisse enorm voranbringen. Patentschutz, der Kampf um Lizenzen und Überlegungen hinsichtlich der Kosten, Preise und Profite können in der BVW diese Erkenntnisse weder be- noch verhindern.

Der Lebensabend der Alten ist in der BVW kein Kostenproblem. Die Versorgung, also auch die Betreuung und Pflege der Älteren ist – auch für die Nichtarbeitenden – ohne Einschränkungen zu gewährleisten. Anzunehmen ist, dass die älteren Menschen in der BVW weniger gebrechlich und krankheitsanfällig ihr Alter verbringen. Sie werden länger, wenn auch in reduziertem Ausmaß, in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess eingegliedert sein.
In jedem regionalen Bezirk werden mehrere Zentren bzw. Clubs eingerichtet, die nicht nur gesellschaftlicher Treffpunkt, sondern auch Versorgungsstelle (z.B. bezüglich Verpflegung) für ältere Menschen sind und an Ort und Stelle medizinische Betreuung bieten. Dies wird Bestandteil der Grundversorgung sein.
Ob nun die Unterbringung in Seniorenheimen, die Einrichtung von Hauspflegediensten oder nur eine von den beiden Möglichkeiten der Pflege und Betreuung von Gebrechlichen forciert werden soll, wird in der gesellschaftlichen Diskussion zu entscheiden sein. Am sinnvollsten wären Wohnkonzepte, die es älteren Menschen ermöglichen, in ihrem „privaten“ Wohnbereich zu bleiben und dennoch nicht, was Pflege und Kontakte betrifft, isoliert zu sein. Dies könnte auch dazu führen, Familienangehörige stärker in die Pflege der Gebrechlichen einzubinden. Die Betreuung von pflegebedürftigen Personen durch Familienmitglieder sollte als Arbeitszeit angerechnet werden.


1 Antwort auf “9 Gesundheit”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 05. Dezember 2008 um 17:22 Uhr
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