2 Stichworte zum Umbruch

Es ist kein Anliegen des Autors, einen revolutionären Verlauf vorherzusagen oder eine Revolutionstheorie zu entwerfen. Ein paar historisch stark besetzte Stichworte fordern allerdings zu einer Stellungnahme heraus:

Agitation der „Arbeiterklasse“?
Linke Revolutionsmodelle gehen davon aus, dass vor allem die Arbeiterklasse das revolutionäre Subjekt ist. Das deshalb, da diese Klasse erstens die hauptsächlichen Schädigungen der Marktwirtschaft trägt und zweitens der Marktwirtschaft das verweigern kann, worauf deren Gelingen beruht: ihre Arbeit. Nach wie vor ist diese Strategie stichhaltig – auch wenn man heutzutage Arbeitnehmer statt Proletarier sagt, einige Arbeitnehmer in Vorständen und Aufsichtsräten großer Firmen sitzen und Klassen nur mehr bei Bahnreisen wahrgenommen werden.
Dies sollte allerdings nicht dazu verleiten, die Überzeugungsarbeit ausschließlich auf Arbeitnehmer zu konzentrieren. Jeder, der guten Willens ist, über die gesellschaftlichen Zustände nachzudenken und die Argumente ernst zu nehmen, kann für die Sache gewonnen werden, ob Arzt, Lehrer, Student etc. Auf wen es dann wie bei der Abschaffung der Marktwirtschaft ankommt, ist nicht vorherzusagen.

Revolution oder Evolution?
Wie schon weiter oben festgestellt wurde, ist keineswegs davon auszugehen, dass die historische Entwicklung mit einer ihr innewohnenden „List der Vernunft“ letztlich die BVW hervorbringen würde. Abgesehen von dem Fehler, die Geschichte zu einem tätigen Subjekt hochzustilisieren, ist nicht abzusehen, weshalb sich aus der Marktwirtschaft ausgerechnet die BVW entwickeln sollte. Eine solcherart konstruierte geschichtliche Evolution ist auszuschließen.
Was ist nun davon zu halten, die BVW sukzessive, politisch bewusst mit einem schrittweisen Prozess einzurichten? Dahinter steckt die Vorstellung, die alte Ökonomie langsam (und auch friedlich) in die neue umzuwandeln. Dies unterstellt aber nicht nur eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher politischer Kräfte, sondern auch die Möglichkeit einer Umwandlung noch innerhalb der Marktwirtschaft, d.h. eine längerfristige Mischwirtschaft aus Marktwirtschaft und BVW (z.B. vergesellschaftete Produktionsmittel und eine Tauschwirtschaft mit Geld). Es ist nicht auszuschließen, dass eine solche Ökonomie „funktionieren“ könnte – am Beispiel „Realer Sozialismus“ wird dies weiter unten ausgeführt. Die Entwicklung einer BVW würde dadurch allerdings nicht begünstigt werden – die Gesellschaft hätte sich mit Widersprüchen und Hemmnissen dieser Wirtschaft herumzuplagen.
Das legt nahe, mit der Marktwirtschaft von Anbeginn an radikal zu brechen, das Privateigentum an den Produktionsmitteln, die Marktpreise, Geld als Kapital und die staatliche Finanzgebarung sofort abzuschaffen. Umgekehrt entsteht dadurch nicht schon eine vollendete BVW – diese ist phasenweise zu etablieren (wie dies im folgenden Kapitel ausgeführt wird).

Umwälzungen in einem Land?
Von einer weltweit gleichzeitigen Einführung der BVW kann wohl nicht ausgegangen werden. Um jedoch die BVW mit aussichtsreichen Chancen zu etablieren, sollte sie in einem größeren, wirtschaftlich stark entwickelten und autarken Gebiet durch- und umgesetzt werden. Ein vom Import zu stark abhängiges Gebiet würde, um eine ausreichende Versorgung gewährleisten zu können, auf die marktwirtschaftlichen Ökonomien anderer Länder angewiesen sein – dies wären keine guten Voraussetzungen für einen Erfolg. Die Beispiele Sowjetunion und Volksrepublik China zeigen, dass eine Abkopplung von der marktwirtschaftlichen Weltwirtschaft nur als autarke Region möglich ist.
Unvorstellbar ist die Etablierung einer BVW ausgehend von einzelnen Kommunen oder Kleinstaaten. Die BVW ist eine Versorgungswirtschaft auf höchstmöglichem Niveau, was die Einbeziehung verschiedener Rohstoffe, Herstellungsverfahren, Fachkräfte etc., kurz eine arbeitsteilige Wirtschaft einer großen Region voraussetzt. Kommunen oder kleine Regionen mit einer der BVW ähnlichen Wirtschaft wären Enklaven inmitten der Marktwirtschaft und auf einen Handel angewiesen. Sollten solche Enklaven politisch überhaupt zustande kommen, so hätten sie keinen langen Bestand, da ihnen wahrscheinlich politisch, auf jeden Fall aber ökonomisch das Wasser abgegraben wird (z.B. mit einem Handelsembargo der marktwirtschaftlichen Länder).


1 Antwort auf “2 Stichworte zum Umbruch”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:35 Uhr
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