1 Überzeugungsarbeit

In einigen Veränderungskonzepten wird davon ausgegangen, dass der Kapitalismus sich nach einer mehr oder weniger langen Zeit von selbst überlebt und den Samen für eine gesellschaftlich geplante Ökonomie legt: Revolutionäre hätten diesen Samen zu hegen und zu pflegen, mit unzufriedenen Teilen der Bevölkerung zu gegebener Stunde die Schwäche des alten Systems auszunützen und die neue Gesellschaft zu etablieren.
Jede Rezession, jeder Börsenkrach, jede globale Auseinandersetzung um Märkte wurde und wird von einigen Gesellschaftskritikern als Zeichen der Schwäche, des Verfalls der Marktwirtschaft interpretiert. Dabei wird ignoriert, dass Krisen zur Marktwirtschaft dazugehören und nach der Vernichtung von Kapital (und der Existenzen vieler Menschen) die Geschäftemacherei verstärkt weiter geht. Die Marktwirtschaft hat sich in den letzten 200 Jahren weder abgenützt noch abgeschwächt. Nach jeder Krise gab es einen Boom, – dies widerlegt auch einige Ökonomen der Marktwirtschaft (z.B. J .A. Schumpeter), welche, vor allem in Krisenzeiten, dieser Wirtschaftsform eine düstere Zukunft prophezeiten. Die Erscheinungsformen der Marktwirtschaft haben sich in den letzten 200 Jahren zwar geändert – die in den vorangegangenen Kapiteln dargestellten Charakteristika sind allerdings nach wie vor gültig, und es ist nicht abzusehen, weshalb und wodurch sich das in Zukunft ändern sollte.

Die Marktwirtschaft wird den Sympathisanten einer neuen Ökonomie und Gesellschaft nicht den Gefallen machen, sich von der Bühne der Geschichte zu verabschieden, da „ihre Zeit gekommen“ sei. Die Menschen müssen willens sein, diese Wirtschaftsform gänzlich abzuschaffen und eine neue zu organisieren. Sie müssen vom Schaden, den ihnen diese antut, überzeugt sein und erkennen, welche die Gründe der Schädigungen sind. Sie müssen bestärkt werden, gewohnte Pfade zu verlassen, um die neue Gesellschaft in Angriff zu nehmen.
Dies setzt Überzeugungsarbeit voraus. Es führt kein Weg daran vorbei, gesellschaftliche Verhältnisse zu erklären und falsche Schlüsse aus Aktionen von Politik und Ökonomie zu kritisieren. Trotz aller Schädigungen ist ein Großteil der Menschen der Marktwirtschaft nicht feindlich gesinnt. Deshalb ist es nicht damit getan, die BVW als Alternative vorzustellen. Den Menschen, welche die BVW organisieren, sollte klar sein, was sie warum an der Marktwirtschaft auszusetzen haben. Nur auf dieser Basis lässt sich die alte Ökonomie abschaffen und die neue einrichten.
Es wäre z.B. verfehlt, jemanden, der die „Profitgier in der Marktwirtschaft“ anprangert, sofort als Gesinnungsgenossen bezüglich der Abschaffung von Marktwirtschaft und Kapital bzw. des Aufbaus einer BVW einzustufen. Seine Kritik lässt vermuten, dass er nichts gegen eine Marktwirtschaft einzuwenden hätte, in der Unternehmer sich mit bescheidenen Gewinnen zufrieden geben und die Geschäfte und Spekulationen nur kleinem „maßvollen“ Ausmaß betreiben. Ihn stört nicht das Zustandekommen des Profits, das die Schädigung von Interessen anderer mit sich bringt, und auch nicht der Profit als notwendig bestimmendes Element der Marktwirtschaft, sondern ein Mangel moralischer Grundsätze: auf Bescheidenheit und Rücksicht käme es an. So ein Kritiker der Marktwirtschaft wäre wahrscheinlich gar nicht damit einverstanden, eine Planwirtschaft zu organisieren, bei der es um etwas anderes als die Eindämmung der Gier von Menschen geht. Vielleicht hätte er sogar Vorbehalte gegen die Abschaffung des Privateigentums.
Die Unzufriedenheit einiger Bürger mit der Marktwirtschaft erspart nicht die Einigung auf die grundlegenden Thesen zur „irrationalen Rationalität“ dieser Wirtschaft, um mit diesem Wissen ausgestattet gemeinsam das Neue zu wagen.


1 Antwort auf “1 Überzeugungsarbeit”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 11:02 Uhr
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