12.2 Zweites Beispiel: Gleichberechtigung

Zu einem weiteren Gebot des demokratischen Ehrenkodex gehört die „Gleichberechtigung von Mann und Frau“: In der Marktwirtschaft hat die Frau aufgrund ihrer speziellen Eigenschaft, Kinder zu gebären, einen erheblichen Nachteil als Arbeitskraft aufzuweisen. Die Schwangerschaft und die Betreuung in den ersten Lebensphasen sind nicht profitabel verwertbar (außer für Unternehmen, die an Babykleidung und Babynahrung verdienen). Historisch gesehen waren es in der Regel die Frauen, welche sich um Kinder und Haushalt kümmerten. Wenn sie sich als Arbeitnehmerin verdingten, wurden sie als Zuverdienerin angesehen. Als solche werden die Frauen auch heutzutage noch in der Marktwirtschaft mit einem geringeren Entgelt (auch für die gleiche Arbeit) als die Männer entlohnt.
Der demokratische Staat, der sich um die zukünftige Anzahl seiner Staatsbürger sorgt, unterstützt mit mehr oder minder großen Subventionen die Nachwuchsproduktion. Gleichzeitig versucht er zu verhindern, dass die weibliche Arbeitskraft in bloß unprofitabler Haushaltsarbeit vergeudet wird – der Slogan der Gleichberechtigung von Mann und Frau kam auf und wurde (wird) schließlich als Menschenrecht propagiert.
Politisierte Frauen griffen dies auf, forcierten den Anspruch und erreichten u.a. schließlich auch die gesetzliche Abschaffung des Nachtarbeitsverbotes und die Ableistung des Militärdienstes für Frauen. (Ob letztere Errungenschaften den Frauen wirklich gut tun, mag bezweifelt werden …)
Die Gleichbehandlung von Mann und Frau blieb trotz aller staatlichen Eingriffe letztlich der Anspruch als gleichwertige Arbeitskraft behandelt zu werden, was in der Marktwirtschaft zwar ideologisch aber praktisch nie gänzlich akzeptiert werden wird.

Die „Emanzipation der Frauen“ hat auch Spuren in der Alltagsmoral hinterlassen. Männer, die sich gegen die Emanzipation der Frauen aussprechen, treten damit – zumindest in der Ersten Welt – in gewissen Kreisen ins Fettnäpfchen. Es gehört sich einfach, die Frauen offiziell als gleichberechtigt und ebenbürtig zu würdigen – dies hat sicht zumindest als moralischer Standpunkt in der Öffentlichkeit (der Ersten Welt) etabliert.
Diese politisch korrekte Haltung wird z.B. auch an der Grammatik festgemacht: Wenn berichtet wird, dass immer mehr Bürger unter der Armutsgrenze leben, könnte es sein, dass die grammatikalische Vernachlässigung der Bürgerinnen mehr Aufregung verursacht als die tristen Lebensverhältnisse.

Ergänzende Bemerkungen:
Letztlich würde es Frauen mehr bringen, sich für die Abschaffung der Lohnarbeit stark zu machen, als für eine gleichberechtigte Behandlung auf dem Arbeitsmarkt.
Zur Forderung des „gleichen Rechts“ bemerkt Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms im Hinblick auf die Forderung nach der gerechten Bezahlung: „Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht. Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Maßstab bestehen; aber die ungleichen Individuen (und sie wären nicht verschiedene Individuen, wenn sie nicht ungleiche wären) sind nur an gleichem Maßstab messbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite fasst, z.B. im gegebenen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem andern absieht. Ferner: Ein Arbeiter ist verheiratet, der andre nicht; einer hat mehr Kinder als der andre etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumationsfonds erhält also der eine faktisch mehr als der andre, ist der eine reicher als der andre etc. Um alle diese Missstände zu vermeiden, müsste das Recht, statt gleich, vielmehr ungleich sein.“

In der BVW gibt es keine ökonomischen Nachteile für Frauen: die gesellschaftliche Arbeitszeit gilt gleichermaßen für Frau und Mann, am Arbeitsplatz zählt die Qualifikation, das Geschlecht spielt keine Rolle. (Bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten wird auf die Konstitution der Frau Rücksicht genommen.)
Der Nichtarbeitszeitraum von einigen Monaten vor Geburt bis etwa drei, vier Jahre nach der Geburt wird der Frau als Arbeitszeit (Allgemeinstufe) angerechnet. (Sollte der Mann sich in den ersten Lebensjahren um das Kleinkind kümmern, so wird ihm dies ebenso als Arbeitszeit angerechnet.) Nach diesem Zeitraum kann die Betreuung der Kinder, wenn gewünscht, mehr den gesellschaftlich organisierten Kinder- und Jugendschulen überlassen werden.
Die in der Marktwirtschaft übliche Haushaltsführung durch Frauen verliert den geschlechtsspezifischen Charakter: erstens durch die vollständige Eingliederung der Frauen in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess und zweitens durch Änderungen der Haushaltsführung und des Familienlebens (siehe dazu Kapitel „Zuteilung / Spezielle Güter und Leistungen“).
Der Anspruch auf Gleichberechtigung hat in der BVW seine Grundlage verloren, da es keinen Arbeitsmarkt gibt, der gemäß Geschlecht aussortiert.
Ob in der neuen Gesellschaft auch die Galanterie verschwindet oder eine neue Form annimmt, bleibe dahingestellt.

Diese Beispiele mögen reichen, um klar zu machen, dass sich mit der BVW auch Ethik bzw. Moral ändern. Es wird darauf verzichtet auszumalen, wie diese aussehen würde.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die BVW kann nur dann im Sinne aller gut funktioniert, wenn der Großteil in Weise seinen Beitrag für das eigene und das Wohlergehen anderer leistet. Wenn die Gesellschaft als Produktions-Gemeinschaft verstanden wird, ist der Beitrag nicht als Befolgung eines ethischen Prinzips zu verstehen sondern eine Selbstverständlichkeit, die sich aus der Logik der Sache ergibt. In der Erziehung der Jugend wird auf das Verständnis der gesellschaftlichen Produktion und der Stellung des einzelnen Mitglieds in der Gemeinschaft einzugehen sein – und zwar nicht in dem Sinne, dass die Gemeinschaft alles ist, und das Individuum in dieser aufzugehen hat. Vielmehr ist darauf hinzuweisen, dass das eigene gute Leben in dieser Gesellschaft umso eher möglich ist, je mehr Mitglieder mit ihren Fähigkeiten und Taten dazu beitragen.


1 Antwort auf “12.2 Zweites Beispiel: Gleichberechtigung”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 05. Dezember 2008 um 17:22 Uhr
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