6.6.5 „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“

In der Kritik des Gothaer Programms (1875) deutet Karl Marx an, wie das Verhältnis von Arbeit und Zuteilung in einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft aussehen könnte: „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“ wären dann die Produktivkräfte so weit entwickelt und die Arbeit hätte sich so gewandelt, dass es nicht mehr notwendig sei, eine Relation zwischen Arbeitseinsatz und Zuteilungsquantität und -qualität geltend zu machen. „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ würde die Auflösung eines Zusammenhangs zwischen Arbeit und Zuteilung bedeuten. Für die Entnahme aus dem Güterfonds ist dann nicht maßgebend, was und wie viel jemand arbeitet, sondern was sie / er für ein gutes Leben benötigt – und das kann je nach ihren / seinen Bedürfnissen sehr unterschiedlich ausfallen.
Dies setzt voraus, dass die Güterausbringung weitgehend vom Einsatz menschlicher Arbeitskraft entkoppelt ist, also großteils von Maschinen bzw. Automaten bewältigt wird. Arbeit wird nicht mehr als Mühsal empfunden. Die Gesellschaft ist in der Lage, Güter und Leistungen für alle in gewünschtem Ausmaß und bester Qualität zu erstellen.
In solch einer Gesellschaft erübrigen sich die Arbeitsbewertung und die Einrichtung unterschiedliche Versorgungsstufen. Marx konstatiert, dass diese Ökonomie erst in einer „höheren Phase“ der kommunistischen Gesellschaft zu verwirklichen ist. (Siehe dazu auch Kapitel „Die Nicht-Utopie: Der wissenschaftliche Sozialismus“)
In einer seiner wenigen Stellungnahmen hinsichtlich einer zukünftigen Gesellschaft bemerkt Marx im Kapital (Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1988, S. 92,93): „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. […] Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil des Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Es bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsmitgliedern verzehrt. Er muss daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“


2 Antworten auf “6.6.5 „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“”


  1. 1 carme 28. April 2009 um 12:08 Uhr

    Der Kommentar von „carme“ wurde in den Abschnitt „Die Gegner der BVW (und ihre Argumente)“ an den Schluss des Kapitels „Der Charakter des Menschen“ gestellt, da dieser inhaltlich dort hingehört.

  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:43 Uhr
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