6.6.1 Geldzirkulationsmodell

Das Geldzirkulationsmodell geht davon aus, dass in der gesamten Ökonomie Güter auf Basis der Arbeitszeiteinheiten getauscht werden. Die Arbeitenden bekommen gemäß ihrer geleisteten Arbeitszeit Geld bezahlt und kaufen damit am Markt die Güter, die mit festgesetzten Preisen versehen sind, ein:
1 Arbeitsstunde wird mit 100 Einheiten Arbeitsgeld entlohnt. Dafür erhält man bei den Versorgungsstellen beispielsweise 1 Laib Brot (10 Einheiten), 1 Liter Orangensaft (10 E.), 1 Paar Socken (20 E.), 1 Buch (60 E.).
Wesentlich bei diesem Modell ist, dass auch die Verkaufsstellen ihrerseits die Güter von den Lieferanten mit dem eingenommenen Arbeitsgeld kaufen, die Lieferanten ihrerseits die Rohstoffe kaufen etc.
Wie werden nun die Einheiten (Preise) der Güter gebildet?
Die beste Möglichkeit würde darin bestehen, die Arbeitszeit als Maßgröße für die Preise zu nehmen. Je mehr Arbeitszeit in einem Gut enthalten ist, umso mehr Einheiten kumuliert es. Es würde zwar einen nicht unerheblichen Aufwand bedeuten, die Arbeitszeiten für jedes Gut festzuhalten, technisch (rechnerisch) und organisatorisch vorstellbar wäre es aber.
Dieses Modell erscheint vielleicht so manchem als gut vorstellbar und vertrauter als andere Alternativen zu sein. Das mag daran liegen, da es marktwirtschaftliche Elemente wie Geld, Preise und Löhne beinhaltet. Könnte es aber den Prinzipien der Versorgungswirtschaft gerecht werden?
Folgende Konsequenzen ergeben sich aus der Geldzirkulation:
Produktion und Versorgung haben sich am Geldfluss zu orientieren. An dem zur Verfügung stehenden Geld liegt es, ob und wie viel produziert wird, ob und wie viel es zu kaufen bzw. zu verkaufen gibt – dies auch dann, wenn die Produktionsmittel vergesellschaftet sind und geplant produziert werden soll:
- Das vorerst als Hilfsmittel (Rechengröße) gedachte Mittel bekommt eine Eigendynamik. Wird dem Kreislauf Geld entzogen, da es z.B. gespart wird, kommt die Produktion ins Trudeln, weil die geplanten Geldrückflüsse nicht stattfinden. Der Versorgungszweck wird damit unterlaufen und letztlich außer Kraft gesetzt.
- Woher kämen die Geldmittel für zusätzliche Investitionen der Betriebe, wenn nicht aus einer Art von Profit (Investitionsrücklage), der mit dem Produktionsprozess erwirtschaftet wird. Damit werden aber die Arbeitslöhne zu Kosten, die den Profit schmälern. Somit ist ein Interessengegensatz zwischen Betrieb und Arbeitenden angelegt.
- Jede menschenfreundliche Gestaltung der Arbeitsplätze und jede zusätzliche Arbeitszeit, die für Qualitätsarbeit in Anspruch genommen wird, hätte sich am Kostengesichtspunkt zu relativieren – eine Konsequenz, die den Prinzipien der BVW zuwiderlaufen würde.
- Höherpreisige Güter könnten nur im fortgeschrittenen Alter gekauft werden, wenn Arbeitszeiten angespart wurden – oder auf Kredit. Eine Konsequenz könnte sein: Banken und / oder Private würden Geld gegen Zinsen verleihen. Damit wäre die Funktion des Zirkulationsmittels aufgehoben und es wird zum Kapital.
- Es würden sich sehr rasch Schwarzmärkte bilden, auf denen Private an Private verkaufen, also ein Handel neben der offiziellen Versorgung entstehen. Der private Handel als Geldbereicherung würde den Versorgungszweck unterlaufen.
Die aufgezeigten Konsequenzen müssen nicht alle eintreten, wenn die Verwaltungsinstanz bzw. eine staatliche Obrigkeit Gebote und Verbote erlässt und auch durchsetzt (z.B. für die Produktion fehlendes Geld bereitstellt oder keinen privaten Handel gestattet). Interessengegensätze der ökonomischen Subjekte sind allerdings mit der Inthronisierung des Geldes angelegt und können auch durch Verordnungen nicht aufgehoben werden. Die oberste Instanz müsste ständig gegen Interessen ökonomischer Subjekte vorgehen. Nicht gemeinsame Interessen sind dann Grundlage dieses Systems, sondern staatlich durchgesetzte Zwänge.
Funktionieren könnte dieses ökonomische System, doch es würde den Zweck einer BVW unterlaufen. Marktwirtschaftliche Elemente wie Kredit, Zins, Profit, Spekulation würden die Versorgung desavouieren und eine seltsame Mischung aus Planwirtschaft und Marktwirtschaft (ähnlich wie in der ehemaligen Sowjetunion, siehe Kapitel „Der Kriegskommunismus und der Reale Sozialismus“) entsteht.