6.5 Mögliche Schwachpunkte des Arbeits- und Zuteilungsmodells?

Bei der Vorstellung des Arbeits- und Zuteilungsmodells der BVW könnten dem interessierten Leser an einigen Stellen Zweifel bezüglich der Durchführbarkeit aufgekommen sein. Folgende Fragen könnten gestellt werden:

Wie sieht es mit der „Arbeitsmoral“ aus, wenn der (existentielle) Zwang zur Arbeit entfällt?
Hinter dieser Frage steckt erstens die Vermutung, dass sich die meisten mit der Grundversorgung zufrieden geben werden und relativ wenige arbeiten wollen und werden. Wäre dies der Fall, so ließe sich eine BVW, wenn überhaupt, nur auf einem ziemlich niedrigen Produktionsniveau gestalten. Dies würde ein bescheidenes Leben für die meisten bedeuten und mit Fortdauer dieser Produktionsweise wahrscheinlich immer bescheidener werden.
Wird es wirklich so sein, dass die meisten nicht arbeiten werden? Nein, im Gegenteil, es würden wahrscheinlich mehr Leute arbeiten als in der Marktwirtschaft. Wenn die unangenehmen Bedingungen der Arbeit auf ein Minimum reduziert sind und die Arbeitszeit auf drei bis fünf Stunden pro Tag beschränkt ist, verliert die Arbeit den unangenehmen Beigeschmack. Eine der wesentlichen Errungenschaften dieser Gesellschaft wäre, dass Arbeit nicht mehr als Belastung empfunden wird, dass gearbeitet wird, um zu leben, und nicht umgekehrt. Der Anreiz, sich nicht nur ein bescheidenes, sondern ein gutes oder ein sehr gutes Leben erarbeiten zu können, sollte für die meisten ein ausreichendes Motiv sein, ihre Arbeitskraft der BVW-Gesellschaft zur Verfügung zu stellen (siehe dazu auch das Kapitel „Die Gegner der BVW und ihre Argumente / Arbeitsmoral“).

Wie sollte die BVW-Versorgung („ein gutes Leben für alle“) auf Basis einer durchschnittlichen Arbeitszeit von fünf Stunden täglich oder noch weniger geleistet werden können?
Langfristig bestimmt dadurch, dass ein bedeutender Teil der wissenschaftlichen Anstrengungen und der damit verknüpften technologischen Entwicklung darin bestehen wird, die Produktivität zu steigern, die menschliche Arbeitskraft zu entlasten und durch Automaten zu ersetzen. Was dies in puncto Produktivitätssteigerung bedeutet, zeigt der Vergleich mit dem Stand der Produktion vor hundert Jahren.
Selbst das derzeitige Produktionsniveau mit der heutigen Technik zu halten scheint mit fünf Stunden täglicher Arbeitszeit kein Problem zu sein, wenn man Folgendes bedenkt:
- Viele Arbeitsbereiche der Marktwirtschaft werden in der BVW nicht benötigt, und die frei werdenden Arbeitskräfte können der Güterversorgung zur Verfügung gestellt werden: Banken, Versicherungen, Werbung, Unternehmensberatung, Rechtswesen (dazu weiter unten im Kapitel „Grundriss einer BVW / Politik“), Buchhaltung, Controlling, Finanzbehörde etc. (Allerdings kommen in der BVW auch Arbeitsbereiche dazu, die es in der Marktwirtschaft nicht gibt, z.B. Planungs- und Arbeitskomitees. Diese werden allerdings nicht die Anzahl von Arbeitenden benötigen, die mit oben genannten Arbeitsbereichen frei werden.)
- Durch die Aufhebung der Konkurrenz einerseits und Konzentration der Produktion, Leistungserstellung und Zuteilungsstellen andererseits ergibt sich eine Reduktion der benötigten Arbeitskräfte im Vergleich zur Marktwirtschaft. Die Vielzahl der im Handel konkurrierenden Geschäfte entfällt und wird durch ein effizientes Zuteilungssystem ersetzt (siehe Kapitel „Grundriss einer BVW / Zuteilung“). Ähnliches Freisetzungspotenzial ergibt sich in den anderen Dienstleistungsbereichen und in der Industrie.
- Die „Reservearmee“ der Arbeitslosen der Marktwirtschaft steht auch noch als zusätzliche Arbeitskraft zur Verfügung – würde man diesbezüglich auch noch die Arbeitslosen der Dritten Welt miteinbeziehen, wird klar, welch enormes brachliegendes Arbeitskräftepotenzial in der Marktwirtschaft besteht, welches in einer BVW zur Verfügung steht.
- Außerdem werden auch ältere Menschen, weil in der BVW nicht verschlissen und noch aktiv, ein reduziertes Ausmaß an Arbeitsstunden in gewissen Bereichen noch leisten können und auch bereit sein, weiterhin zu arbeiten (siehe dazu auch Kapitel „Grundriss einer BVW / Gesundheit“). Die Be- und Verurteilung der Marktwirtschaft: ‚Die Alten sind zu langsam und deshalb (oder) zu teuer‘, kann es in der BVW nicht geben. Die Kriterien sind: Die Arbeit muss gut ausgeführt werden (können) und darf nicht zu einer Behinderung anderer (Arbeiten) führen. (Bezüglich dieses Punktes siehe auch das Kapitel „Die Gegner der BVW und ihre Argumente / Knappheit“.)
- Schließlich wird es auch eine Intention in dieser Gesellschaft sein, auf Militär und Sicherheitsapparat zu verzichten, was zusätzliche Kapazitäten für die Versorgungswirtschaft schafft.

Die Zuordnung der Güter zu den Zuteilungsstufen und die Bewertung der Schwere einer Arbeit werden von wenigen Leuten vorgenommen und für viele festgelegt. Ist das nicht eine Art Diktat?
Trotz der Möglichkeit von Mitbestimmung in allen Bereichen wird es in gewissen Fällen vorkommen, dass politische und ökonomische Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht immer allen zur Abstimmung vorgelegt werden. Schließt dies jedoch aus, dass vernünftige Entscheidungen im Sinne der betroffenen Menschen getroffen werden können? Bei all den Entscheidungen steht der Zweck des möglichst angenehmen Lebens im Vordergrund, welcher nicht gegen die Interessen der Menschen gerichtet ist. Klar ist auch, – und das trifft ja auch auf allgemeine Abstimmungen zu, – dass nicht alle Auffassungen bei den Entscheidungen berücksichtigt werden können. Aber in dieser Hinsicht von „Diktat“ zu sprechen, wäre wohl verfehlt.
Die Marktwirtschaft gebietet wesentlich diktatorischer, denn es wird kein Konsument gefragt, was und wie viel zu produzieren ist, und die demokratische Regierungsform besteht auch nicht aus Umfragen bei Bürgern, wie die Gesetze zu gestalten sind – der Bürger hat bloß das Recht, ein Kreuzchen zu dem von ihm gewünschten Gesetzgeber zu machen. In der BVW würde es jedenfalls mehr Abstimmungen und Mitbestimmung als in der bürgerlichen Demokratie geben (siehe dazu im Kapitel „Grundriss einer BVW / Politik“).

Ergänzende Bemerkungen

An dieser Stelle sei auf eine Kritik verwiesen, die behauptet, bei diesem Modell finde ebenso wie in der Marktwirtschaft eine Entlohnung statt. Dem sei Folgendes entgegengehalten:
In der Marktwirtschaft wird der Arbeitnehmer für den Verkauf seiner Arbeitskraft entlohnt. Die Höhe der Entlohnung ergibt sich aus einigen Faktoren, bemisst sich jedoch bestimmt nicht an den Bedürfnissen des Entlohnten. Da Löhne Kosten für den Arbeitgeber sind, wird er trachten, diese so gering wie möglich zu halten. Der Arbeitnehmer erhält den Lohn als Geld ausbezahlt und muss sich das dann einteilen. Das Geld ermöglicht ihm den Zugriff auf Güter, schließt ihn aber auch gleichzeitig aufgrund der beschränkten Summe davon aus. Dies bedeutet für die meisten, dass sie leben, um zu arbeiten und nicht, dass sie arbeiten, um gut zu leben.
In der BVW findet kein Verkauf der Arbeitskraft statt, da die Arbeitskraft keine Ware ist. Dementsprechend wird auch kein Geld als Arbeitslohn bezahlt. Jeder, der die (durch die gesellschaftliche Einigung bestimmte) Stundenanzahl arbeitet, kann sich gemäß seinen Bedürfnissen versorgen.


1 Antwort auf “6.5 Mögliche Schwachpunkte des Arbeits- und Zuteilungsmodells?”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 15. Dezember 2008 um 10:39 Uhr
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