6.4 Arbeit und Zuteilung

Ein wesentliches ökonomisches Charakteristikum gesellschaftlicher Systeme – und somit auch für die BVW – ist der Zusammenhang zwischen Arbeit und Zugriff auf den erarbeiteten Reichtum.
Vorerst fällt einem dazu folgende Banalität ein: Es kann nur das zugeteilt werden, was erarbeitet wird (abgesehen von den Gütern, die es von Natur aus gibt, wie Grund und Boden, Luft etc.). Die Frage ist allerdings, welchen Anteil die Arbeitenden vom erarbeiteten Reichtum für ihre Arbeitsleistung erhalten.
In einer Subsistenzwirtschaft ist dieser Zusammenhang eindeutig: Was der Einzelne (oder eine Gruppe) erjagt, züchtet, pflanzt und erntet, wird von diesem auch konsumiert (wenn auch mit einer gewissen Rangordnung innerhalb der Gruppe). In einer arbeitsteiligen Wirtschaft gibt es diesen direkten Zusammenhang nicht: Die Arbeitskraft konsumiert nicht das, was sie erarbeitet.
In der Tauschwirtschaft der Marktwirtschaft hat auch die Arbeitskraft ihren Preis. Eine Besonderheit dieses Tauschwertes der Arbeit besteht darin, dass die Ware Arbeitskraft nicht gemäß der geleisteten Arbeitszeit entlohnt wird. Im ersten Anschein könnte der Eindruck entstehen, dass gemäß der Arbeitszeit entlohnt wird, da der einzelne Arbeitnehmer umso mehr verdient, je länger er arbeitet und umgekehrt. Doch vergleicht man den Stundenverdienst einer Putzfrau mit dem eines Vorstandsmitglieds einer Bank, so scheidet die Zeit als Bestimmungsgröße für die Höhe des Entgelts aus.
Auch der vom Arbeitnehmer erarbeitete Tauschwert scheidet als Kriterium aus. Nehmen wir den einfachen Fall, dass ein Reinigungsunternehmen Putzkräfte mit einem Preis von 11 Währungseinheiten pro Stunde anbietet. Darin stecken 8 Einheiten Arbeitslohn, 2 Einheiten sonstige Kosten, 1 Einheit Gewinn. Selbst wenn also keine sonstige Kosten anfielen, wird der Preis nicht dem Lohn entsprechen können.
Der Lohn bemisst sich letztlich daran, wie viel dem Unternehmer die Erhaltung der Arbeitskraft wert ist. Eine grundsätzliche Orientierungsgröße könnten die Lebenshaltungskosten eines Arbeitnehmers (bezogen auf eine 40 Stunden- Arbeitswoche). Diese wären dann so bemessen, dass sie für die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft taugen.
Der Logik des marktwirtschaftlich denkenden Unternehmers entspricht es, selbst diesen Lohn bei vielen Arbeiten für zu hoch zu halten und zu unterbieten – und er tut dies, auch wenn ihm die Sozialpolitik des Staates gewisse Mindeststandards vorschreibt (siehe auch Kapitel „Der staatliche Umgang mit der Marktwirtschaft und deren Elend / Die Reduzierung der Normalarbeitszeit“).
Doch in der personalpolitischen Praxis erscheint diese Orientierungsgröße gar nicht als solche, da sie von verschiedensten Bedingungen überlagert wird, die auch die Unterschiede der Lohnhöhen erklären. Dabei spielen Tradition, Moral und Branchenspezifika eine Rolle: Alter, Geschlecht, Ausbildung, Fachwissen, Produktivität der Branche, Konkurrenz der Arbeitnehmer, Firmentreue, Verantwortung. Letztlich müssen die Arbeitskräfte (in Summe!) mehr einbringen als sie kosten – das ist die wesentliche Kalkulationsgrundlage des Unternehmers.
Folgende Kriterien spielen bei der Bewertung in der Marktwirtschaft jedenfalls keine Rolle: Beitrag zur gesellschaftlichen Versorgung, Schwere der Arbeit, Schädigungen durch die Arbeit, was z.B. an dem Vergleich des Gehalts eines Bankvorstandes und eines Bauarbeiters deutlich wird. Und ein Wertpapierbesitzer, der von den Zinsen seines Kapitals lebt, wird in der Marktwirtschaft schon gar nicht nach diesen Kriterien beurteilt.

Wie sieht nun der Zusammenhang zwischen Arbeit und Zuteilung in der BVW aus? Soll es überhaupt diesen Zusammenhang geben, oder anders ausgedrückt, wäre es nicht vorstellbar, dass alle sich unabhängig von geleisteter Arbeit an dem Güterreichtum bedienen könnten?
Vorstellbar wäre dies durchaus, aber aufgrund folgender Überlegungen nicht sinnvoll:
Solange Menschen (und nicht Roboter) den Großteil der Güter erstellen, wird die Masse der Güter vom Einsatz menschlicher Arbeitszeit abhängig sein. Vielleicht wird es in ferner Zukunft eine Gesellschaft geben, in der die Arbeitszeit von 20% der Gesellschaftsmitglieder ausreicht, um die Gesellschaft zu 100% gut zu versorgen. Es ist müßig darüber zu spekulieren, wann und ob dies der Fall sein wird.
Das Interesse, sich an der Güterproduktion zu beteiligen, würde nicht unbedingt dadurch befördert werden, wenn Nichtarbeitende die gleiche Güterversorgung wie Arbeitende hätten. Wenn das technische Niveau beibehalten und erhöht werden soll, wenn die Lebensqualität durch die Bereitstellung von Gütern, die das Leben angenehm machen, gesteigert werden soll, so bedarf dies Arbeitsleistungen des Großteils der Gesellschaft. Das Arbeitsinteresse sollte mit den entsprechenden Konsummöglichkeiten vergütet werden.

Es wird also in der BVW dementsprechend einen Zusammenhang zwischen Arbeit und Zuteilung(sanspruch) geben. Wie soll dieser aussehen?
Die Inanspruchnahme der Güter der BVW ist für alle ab einem gewissen Alter (ab dem sie in den gesellschaftlichen Produktionsprozess als Auszubildende eingegliedert sind) abhängig
- erstens von der geleisteten Arbeitszeit,
- zweitens von der Art der Arbeit und
- drittens von der Qualität der geleisteten Arbeit, die einer bestimmten Bewertung unterzogen wird.
Bevor auf diese Bewertung näher eingegangen wird, soll noch geklärt werden, wie die Unterschiede bezüglich der Zuteilung aussehen könnten.


1 Antwort auf “6.4 Arbeit und Zuteilung”


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