3 Ausgangspunkt: Erfassung der Bedürfnisse und des Bedarfs

Die Menschen benötigen die unterschiedlichsten Güter, sie haben Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse treten in einer gewissen Anzahl, einer Quantität auf, nämlich als Bedarf: Z.B. besteht in gewissen Regionen das Bedürfnis, mit warmen und trockenen Füßen im Winter einherzugehen, also das Bedürfnis nach wärmenden und wasserfesten Winterschuhen. Wie viele dieser Winterschuhe hergestellt werden müssen, gibt der Bedarf an.
In einer Ökonomie, deren Zweck die ausreichende Versorgung ist, sind Bedürfnisse und Bedarf vorerst zu ermitteln, und auf Basis dieser Daten die Produktion und Leistungserstellung zu planen und durchzuführen.
Es wurde schon an einem Beispiel aufgezeigt (Freunde kochen gemeinsam), dass diese Vorgangsweise bei Aktivitäten, welche die Versorgung zum gemeinsamen Zweck haben, naheliegend ist und auch angewandt wird.
In der Marktwirtschaft wird, gesamtgesellschaftlich gesehen, nicht so vorgegangen. Was und wie viel die Leute brauchen, figuriert als mögliche Absatzchance in den Berechnungen der Unternehmen. Die Privateigentümer wollen möglichst viele ihrer Produkte und Leistungen, die sie am Markt anbieten, verkaufen, um Geld zu realisieren. Dabei treten sie als Konkurrenten an, die sich gegenseitig den Gewinn streitig machen.
Bedarf und Bedürfnisse werden nur wahrgenommen in Bezug auf ihre zahlungskräftige Realisierung.
Auf die Bedürfnisse von z.B. Hungernden oder Obdachlosen wird mangels Geldtransfers keine Rücksicht genommen.
Unabhängig vom tatsächlichen Bedarf wird für den Markt produziert, auf dem sich nachträglich herausstellt, ob eine Über- oder eine Unterproduktion vorgelegen hat.

Wenn es Schranken bei der Umsetzung des Zwecks der BVW (bedarfs- und bedürfnisgerechte Erstellung von Produkten und Leistungen) gibt, dann liegen diese in den beschränkt einsetzbaren Ressourcen (Arbeitszeit, Technologie, Rohstoffe). Gewisse Bedürfnisse können dann nicht abgedeckt werden, wenn die dafür notwendigen Ressourcen nicht ausreichen. Den Gütern der Grundversorgung, die jedem Menschen garantiert werden soll, wird in diesem Fall der Vorrang einzuräumen sein.

Die Erfassungsmodalität der Bedürfnisse und des Bedarfs kann auf dem jetzigen technischen Entwicklungsstand der Gesellschaft kein Problem mehr sein.
Der grobe Bedarf wird auf Basis der Bevölkerungszahl und gemäß empirischer Daten ermittelt: Die Anzahl der männlichen Personen mit Schuhgröße 50 in einer gewissen Region ist bekannt oder wird statistisch erfasst. Für die Winterschuhe ist eine Nutzungsdauer von x Jahren vorgesehen. Somit lässt sich der Bedarf pro Jahr für eine bestimmte Region berechnen und danach die Lederproduktion planen.
Die Winterschuhe werden nicht nur in einer Ausführung gefertigt. Mit Variationen in Farbe, Verschnürung, Profil etc. wird auf die verschiedenen Bedürfnisse der Konsumenten Rücksicht genommen. Jedes BVW-Mitglied verwendet eine Chipkarte, mit der u.a. auch Bestellungen bezüglich einer bestimmten Ausführung durchgeführt werden.
In einem Zuteillager, in Katalogen oder via Bildschirm kann sich der Interessent für Winterschuhe Größe 50 über die verschiedenen Ausführungen informieren. Er wählt eine Ausführung, bestellt und kann die Schuhe nach einem bestimmten Zeitraum im Zuteillager abholen.
Ob die Bestellungen jederzeit oder für bestimmte Regionen und Konsumenten nur innerhalb bestimmter Fristen getätigt werden können (um eine kontinuierliche Auslastung der Produktion zu ermöglichen), bleibe der Entscheidung des Planungskomitees überlassen. Die Neubestellung eines Gebrauchsgutes ist erst nach Ablauf einer bestimmten Nutzungszeit möglich (siehe dazu auch weiter unten).

Bei Gütern des täglichen Bedarfs werden die Produkte auf Basis von Erfahrungswerten des Verbrauchs produziert und bereitgestellt.
Z.B. bei Lebensmitteln wird nicht auf tägliche Bestellungen, sondern auf empirische Daten zurückgegriffen.
Diese Erfahrungswerte gibt es übrigens auch in der Marktwirtschaft (z.B. der Fruchtsaftverbrauch in einer gewissen Region beträgt x Liter pro Jahr), doch werden diese nicht als Planzahlen für die Bedarfsdeckung gesehen. Sie dienen den konkurrierenden Betrieben dazu, einzuschätzen, wie groß der potentielle Markt ist und welcher Marktanteil erreichbar ist. Die marktwirtschaftliche Produktion wird nicht auf den Gesamtbedarf abgestimmt.
Ein Teil des Arbeitsprozesses wird in der Erbringung von Dienstleistungen (z.B. Reparaturen) bestehen.
Eine Besonderheit dieser Leistungen besteht darin, dass sich diese nicht in dem Sinne planen lassen wie die Gütererstellung. Ein Bestellwesen wie bei den Gütern ist nicht sinnvoll oder nicht möglich.
Nehmen wir als Beispiel Reparaturdienste. Es ist für den Verbraucher nicht möglich, Reparaturleistungen zu prognostizieren und vorzubestellen. Diesbezüglich muss, wie auch in anderen Bereichen der Planung, mit Erfahrungswerten gearbeitet werden. Anhand von Statistiken wird errechnet, wie viel Reparaturstunden bei einer bestimmten Anzahl von Gütern innerhalb eines Zeitraums (etwa ein Jahr) auftreten. Diese Arbeitszeit wird eingeplant und die dafür notwendigen Arbeitskräfte und Arbeitsmittel werden bereitgestellt.


1 Antwort auf “3 Ausgangspunkt: Erfassung der Bedürfnisse und des Bedarfs”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:18 Uhr
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