2.1 Die Reduzierung der „Normalarbeitszeit“

In vorkapitalistischen Zeiten gab es keine fest umrissenen Arbeitszeiten. Diese wurden durch die Natur oder die Ablieferungsmodalitäten für Produkte vorgegeben, eine strikte Trennung zwischen Freizeit und Arbeitszeit ließ sich kaum feststellen.
Erst mit der Etablierung der kapitalistischen (marktwirtschaftlichen) Verhältnisse und der Einrichtung von Lohnwerkstätten wurde die Arbeitszeit von privater Freizeit geschieden und ein wesentlicher ökonomischer Faktor. Die Arbeitszeit war und ist die Zeit, in der Arbeitnehmer ihre Arbeitskraft dem Arbeitgeber zur Verfügung stellen. In dieser Zeit soll für letzteren möglichst viel Mehrwert realisiert werden. Alleine diese ökonomische Tatsache, dass eine Arbeitskraft, je länger sie arbeitet, umso größeren Mehrwert schafft, ist ein Stachel für die Unternehmer, die Arbeitskräfte möglichst lange arbeiten zu lassen. Verschärft wurde dies durch den Einsatz von Maschinen. Dieses fixe Kapital verursacht Kosten, auch wenn es nicht genutzt wird – deshalb ist es am rentabelsten, die Maschinen ständig laufen zu lassen. Die Konsequenzen für Arbeitnehmer lagen auf der Hand: Rigorose Ausbeutung der Arbeitskraft durch Verlängerung des Arbeitstages auf 12 bis 16 Stunden und das an 6 Tagen pro Woche. In den Jahren 1800 bis 1860 stieg die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit z.B. in Preußen von 60 auf 82 Stunden. Als die männlichen Arbeitskräfte nicht mehr ausreichten, wurden vermehrt Frauen und Kinder mit ebenso langen Arbeitszeiten eingesetzt. Oft wurde der Arbeitsplatz auch als Schlafstätte benutzt.
Diese Entwicklungen vollzogen sich in den industrialisierten Staaten Europas und in den USA, von kleineren Unterschieden abgesehen, zur gleichen Zeit. Die Arbeiterschaft protestierte. Abgesehen davon, dass diese Proteste manchmal sehr zahm ausfielen (Widerstand gegen die Sonn- und Feiertagsarbeit) oder gar nicht die Marktwirtschaft oder den bürgerlichen Staat als Ursachen für ihr Elend ausmachten (Maschinenstürmerei), die staatliche Politik registrierte diese als Störung. Wenn die Proteste größere Ausmaße annahmen, wurde diesen mit Gewalt geantwortet. Dennoch wurde der bürgerliche Staat von der Arbeiterschaft als eine Appellationsinstanz erachtet, die doch Rechte der Arbeiter anerkennen sollte. Nur ein relativ kleiner Teil der Arbeiterbewegung gelangte zur Einsicht, dass mit dem bürgerlichen Staat keine Politik zur grundsätzlichen Abschaffung des Elends zu machen ist.
Wie sah für viele Jahrzehnte (etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts) die Stellung der Politik dazu aus: Die Marktwirtschaft und der bürgerliche Staat lebten von der Freiheit der Unternehmer, ihre Ressourcen optimal zu benützen. Diese Freiheit wollte man den Unternehmern nicht beschneiden, ebenso wenig wie den Arbeitern, sich möglichst lange zu verdingen.

Das Interesse des Staates an einer konkurrenzfähigen Ökonomie schloss und schließt auch sein Interesse an einem brauchbaren Staatsvolk mit ein. Die Bevölkerungsstatistiken und vor allem die Berichte der Stellungskomitees gaben den Politikern zu denken: Eine erschreckende Verwahrlosung hatte das Staatsvolk heimgesucht:
- Der Gesundheitszustand der Bevölkerung war katastrophal. Nicht, dass man nichts von dem Elend gewusst hätte, aber dieses hatte eine Dimension angenommen, welche den Staat selbst gefährdete. Ein große Anzahl der jungen Menschen war untauglich für den Gebrauch als Soldaten, die Frauen sorgten nicht in ausreichendem Maße für den Nachwuchs, die Lebenserwartung war stark gesunken (auf etwa 40 Jahre), was schließlich die Arbeitspotenz und Wehrkraft eines Staates verminderte.
- Auch der Bildungszustand der Bevölkerung hatte ein Niveau erreicht, das selbst für relativ einfache Tätigkeiten nicht mehr ausreichend war.
Sukzessive begann sich jetzt die staatliche Politik auch gegen die Interessen der Unternehmer bezüglich der Ausbeutung der Arbeitskräfte einzumischen und es wurden einige Gesetze zum Schutze der ArbeitnehmerInnen erlassen (Kinderarbeitsverbot, Jugendlichen- und Frauennachtarbeitsverbot). Bis Ende des 19. Jahrhunderts war in vielen industrialisierten Staaten der Zehn- bzw. Elfstundentag als Maximalgrenze des Arbeitstages gesetzlich festgeschrieben.
Damit war der schrankenlosen Ausbeutung hinsichtlich der Zeitdauer zumindest gesetzlich eine Grenze gesetzt. Und diese Grenze besteht bis heute. Dies bedeutet, dass auch heutzutage eine Arbeitsleistung von 10 Stunden (und sogar mehr, wenn eine Bewilligung vorliegt) den Arbeitnehmern abverlangt werden kann:
„Normalarbeitszeit bei Schichtarbeit
§4a (2) Die tägliche Arbeitszeit darf neun Stunden nicht überschreiten. Sie kann in Fällen des §4 Abs. 3 und 7 bis auf zehn Stunden ausgedehnt werden
(3) Bei durchlaufender mehrschichtiger Arbeitsweise mit Schichtwechsel kann die tägliche Normalarbeitszeit bis auf zwölf Stunden ausgedehnt werden, …“
(Aus dem österreichischen Arbeitszeitgesetz, derzeit gültige Fassung)

Mit der gesetzlichen Einführung des Maximalarbeitstages von 10 (in gewissen Fällen von 12) Stunden, die lange genug auf sich warten ließ, war zwar die Spitze des Eisbergs gebrochen, doch die Belastungen der Arbeiter kaum geringer geworden. Die Produktionstechnik war fortgeschritten, und die Intensität der Arbeit erhöht worden (Taylorismus). Die Arbeiterschaft rebellierte erneut und es begann der „Kampf um den Achtstundentag“. Die Entlohnung sollte nicht gekürzt und die tägliche Arbeitszeit auf acht Stunden reduziert, jedoch nicht begrenzt werden. Die über acht Stunden hinausgehenden Stunden müssten dann als Überstunden entgolten werden. Vorerst verweigerte die staatliche Politik aufgrund der vehementen Proteste der Unternehmer diese Arbeitszeitregelung.
Doch nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese Forderung in Deutschland und Österreich zu einem staatlichen Gesetz. Drei Gründe waren dafür ausschlaggebend:
- Erstens der zerrüttete Gesundheitszustand der vom Krieg und der Kriegsarbeit ausgelaugten Bevölkerung: Wieder galt es für den Staat, sein Staatsvolk brauchbar zu halten.
- Zweitens die sehr hohe Arbeitslosigkeit, welche der Staat in dieser Höhe als staatsschädigend erachtete: Mit der Einführung des Achtstundentags erwartete man sich eine Verringerung der Arbeitslosigkeit.
- Drittens eine parlamentarische Mehrheit gegenüber der reformunwilligen Unternehmensfraktion.

Im Verlaufe der folgenden Jahre setzte sich die Ansicht durch, dass es durchaus auch im Sinne der Wirtschaft wäre eine 40-Stundenwoche als Normalarbeitszeit festzulegen (wodurch z.B. die Wirkungen des „Blauen Montags“ eingedämmt werden konnten). Die intensivere Nutzung der Arbeiter und die gesteigerte Produktivität würde es durchaus gestatten, ihnen zwei Tage pro Woche frei zu geben und damit die Arbeitnehmer leistungsfähiger und arbeitswilliger zu erhalten. In einigen Ländern wurde dies noch vor dem Zweiten Weltkrieg gesetzliche Norm, in Deutschland und Österreich erst nach dem Krieg stufenweise eingeführt. Für die ebenfalls stattfindende Verschärfung des Jugendarbeitsschutzgesetzes war wiederum der körperliche Zustand der potentiellen Soldaten ausschlaggebend.
Die 40-Stundenwoche bedeutete nun nicht, dass von den Arbeitnehmern nur 40 Stunden in der Woche gearbeitet wird. Überstunden sind gestattet und werden auch geleistet – gemäß den Erfordernissen der Betriebe.
In den sozialstaatlich orientierten Ländern gibt es überdies die Tendenz der Verlängerung der Lebensarbeitszeit ohne Verbesserung der Ansprüche im Ruhestand. Angesichts der Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Verfassung der älteren Menschen bedeutet das für viele eine Verschlechterung der Lebenssituation.

Zusammenfassend lässt sich Folgendes feststellen:
Der bürgerliche Staat schritt gegen die Interessen der Wirtschaft ein, da sie ihre und des Staates Grundlagen selbst beschädigte und unbrauchbar werden ließ. Weder das Elend der Geschädigten noch ihre Auflehnung gegen die Ausbeutung waren der Grund der Schutzbestimmungen, schon gar nicht, den Leuten ein angenehmes Leben zu ermöglichen, sondern die Wirtschaft und das Staatsvolk funktional für staatliche Ansprüche zu erhalten. Dementsprechend wird (auch) bezüglich der Arbeitszeitpolitik immer abgewogen, wie viel Nutzen eine Maßnahme, die gegen die Interessen der Unternehmer beschlossen wird, für die Volkswirtschaft allgemein (besser nutzbare Arbeitskräfte) oder für staatliche Belange (z.B. Budget und Militär) mit sich bringt. Von diesem Standpunkt aus kann es durchaus angebracht sein, die Arbeitszeit auch mal wieder zu verlängern, wie die Hinaufsetzung des Ruhestandsalters belegt.


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