6 Kredit als Spekulation

Das Geld als Kredittitel hat sich als eigener Markt (Geld- und Wertpapiermarkt) neben dem stattfindenden Produktions- und Leistungsprozess etabliert, wobei letzterer als Grundlage für diese Geschäfte wertmäßig nur mehr einen Bruchteil ausmacht.
Keine Sphäre der Marktwirtschaft verdeutlicht so drastisch wie diese, worum es in dieser Ökonomie geht: Aus Geld mehr Geld zu machen. Ohne Umweg über die (lästigen) Gebrauchswerte werden Kapitalwerte mit der Hoffnung auf zukünftige Gewinne gehandelt. Es entspricht der Rationalität der Marktwirtschaft, Risiken einzugehen und zu spekulieren – jeder Unternehmer macht dies mit seinem Kapital. Der Handel an den Börsen ist letztlich nur die ungeschminkte Version des Geschäftemachens in der Marktwirtschaft.
Diesen Bereich als unbedeutende Spielwiese der Marktwirtschaft abzutun, gelingt selbst professionellen Schönfärbern nicht. Das Steigen und Fallen der Börsenkurse zeitigt Auswirkungen auf alle anderen Märkte und in extrem kritischen Phasen auf die gesamte Weltökonomie. Die gesamte Wirtschaftswelt starrt tagtäglich gebannt – wie das Kaninchen vor der Schlange – auf die Börse und beobachtet, in welcher Stimmung dieses unerklärliche Wesen ist. Man versucht Prognosen und bezweifelt gleichzeitig deren Relevanz. Nachher will man es dann immer besser gewusst haben. Wenn ein weltbekannter „Börsenguru“ als sein Erfolgsgeheimnis verkündet, immer das Gegenteil dessen zu machen, was die Börsenfachleute empfehlen, so sagt dies einiges über die Verfassung dieser Sphäre aus. Die Spekulanten bezeichnen ihren Markt manchmal als verrückt, um sich dann umso stärker am Handel zu beteiligen – es kommt nämlich darauf an, schneller als die anderen zu ahnen, wie sich die „Verrücktheit“ entwickelt.


1 Antwort auf “6 Kredit als Spekulation”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 05. Dezember 2008 um 17:20 Uhr
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