3 Gesundheit

Es gibt wohl neben der Technologie kaum einen Bereich, der bezüglich seiner Fortschritte so gepriesen wird wie die Medizin und verwandte Disziplinen, die sich mit der Gesundheit bzw. den Krankheiten der Menschen beschäftigen.
Ein erster Eindruck scheint dies zu bestätigen:
Die früheren großen Volksseuchen sind weitgehend ausgerottet, die Lebenserwartung ist gestiegen, die Kindersterblichkeit gesenkt worden, viele früher unheilbare Krankheiten sind heutzutage wissenschaftlich erklärbar und deshalb heilbar bzw. einzudämmen, Defekte von Organen und Gliedern werden mit Routineeingriffen behoben, etc.

Dieser erste Eindruck relativiert sich schon bei einem Blick in die Länder außerhalb der Ersten Welt. In großen Regionen sind die Errungenschaften der Medizin kaum zu bemerken. Chronische Unterernährung, katastrophale hygienische Verhältnisse, schwerste körperliche Arbeit von Kindheit an, Infektionen, die aufgrund fehlender Medikamente kaum bekämpft werden – dies und vieles mehr lässt dort die Menschen frühzeitig sterben. Man braucht keine Statistiken zu bemühen, um den Grund auszumachen: wirtschaftliche Verhältnisse, die ärmlichste Lebensumstände bedingen. Zum Teil sind diese Verhältnisse auch Hinterlassenschaften der „reichen“ Marktwirtschaften der „Ersten Welt“, durch die innerhalb von zweihundert Jahren die bescheidene Subsistenzwirtschaft in den Kolonien zerstört wurde. Die für die Ausbeuter des Landes nutzlose Bevölkerung wurde von ihren Ländereien vertrieben, und die Rohstoffe wurden abtransportiert.

Doch auch in der „Ersten Welt“ sollte man sich die gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung näher ansehen (und sich dabei auch von einem Vergleich mit früheren Zeiten befreien):
Bedenklich stimmt, dass viele Leiden erkannt und registriert werden und die Ursachen in einem „ungesunden Lebenswandel“ gesehen werden, für den jeder selbst verantwortlich wäre. Dass dieser ungesunde Lebenswandel häufig mit der Arbeit und der Sorge um den Arbeitsplatz zu tun hat gar, wird zwar nicht geleugnet, diese Ursachen aber als quasi naturgegebene unveränderliche Konstante gesehen, von welchen man sich „selbstverantwortlich“ nicht kaputt machen lassen sollte.
Vor allem ab 40 häufen sich Krankheiten, die auf eine rigorose Abnutzung schließen lassen – eine Abnutzung, die nicht nur „mit der Zeit“ entsteht, sondern durch das Berufsleben befördert wird. Abgesehen von den umfassenden Belastungen in einigen Berufen (wie z.B. Bauarbeit) führen auch einseitige körperliche Belastungen zu Schädigungen des Knochenbaus und des Bewegungsapparates. 35 – 40 Jahre lang ungefähr 40 Stunden in der Woche diesen einseitigen Belastungen ausgesetzt zu werden, kann dem Körper nicht gut tun. Bei der Arbeitsplatz- und Arbeitsgestaltung wird auf die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen Rücksicht genommen, – aber bloß in dem Maße, um die vehementesten Schädigungen durch die Arbeit mit unmittelbarer Krankheitsfolge, sprich Arbeitsausfallfolge, zu vermeiden ( und auch das ist nicht Norm in allen Betrieben.) Die Langzeitschäden, die sich erst im Alter zeigen, und Schädigungen, welche die „Arbeitsfähigkeit“ – und da liegt die Latte sehr hoch – nicht beeinträchtigen, können vom Arbeitgeber getrost ignoriert werden und müssen von den Geschädigten in Kauf genommen werden.
Bezeichnend ist, dass die Anfänge des so genannten „Sozialstaates“ als Reaktion auf die Auswirkungen des Mitte des 19. Jahrhunderts wütenden Manchesterkapitalismus, mit Kinderarbeit und Arbeitszeiten bis zu 16 Stunden täglich, gesehen werden. Angesichts des verheerenden Gesundheitszustandes seiner Soldaten aufgrund der rigorosen Ausbeutung schon in jungen Jahren wurde mit staatlichen Gesetzen in die Arbeitsverhältnisse eingegriffen. Die Arbeitskräfte sollten auf längere Zeit brauchbar bleiben und nicht innerhalb kürzester Zeit verschlissen werden. (Siehe dazu Kapitel „Der staatliche Umgang mit der Marktwirtschaft und deren Elend / Ein Beispiel staatlicher Sozialpolitik: Die Reduzierung der Normalarbeitszeit“)

Gesundheit ist gegeben, wenn gemäß den Auflagen des Arbeitgebers gearbeitet werden kann. Die Kranken werden also oftmals gar nicht als solche eingestuft, und diese sind aus beruflichen Überlegungen dazu bereit, die Krankheit zu überspielen bzw. nicht auszukurieren. Dementsprechend agiert die medizinische Betreuung: bei einem Großteil der Bevölkerung geht es um die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit – die „Fließbandabfertigung“ bei den praktischen Ärzten ist nur ein Indiz dafür.
In der Dritten Welt kommt es oft gar nicht zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit. Dort, wo vom Standpunkt des Staates sowieso „zuviel“ Bevölkerung gibt, geht es bei Erkrankungen gleich um Leben oder Tod. Armut und die dementsprechenden Lebensverhältnisse bieten kein Entrinnen aus dieser Situation. Mangelnde oder nicht erschwingliche ärztliche Betreuung und teure Medikamente (bzw. verbotene Generika) sind die marktwirtschaftlichen Angebote zur Bekämpfung dieses Elends.

Von einigen warnend erwähnt, in Statistiken dokumentiert, von den meisten mehr ignoriert als zur Kenntnis genommen, werden die psychischen Erkrankungen. Gebeutelt von unsicheren Lebensverhältnissen, Konkurrenz (Karriere), stressigen Arbeitsbedingungen, ungemütlichen Familienverhältnissen und sonstigen sozialen Beziehungen, stempeln sich die Leute selbst zu Versagern und werden Patienten der Psychotherapie, im schlimmsten Fall der Psychiatrie. Die unauffälligeren Fälle schaffen es noch, ihre Depressionen, Neurosen, Psychosen etc. in Schach zu halten und Kopfschmerzen, Herzschmerzen, Angstzustände, Schlafstörungen etc. mit Chemie bzw. Alkohol zu betäuben.
(Neuere Studien wiesen den deutlichen Anstieg von „stressbedingten“ Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Schlaganfälle, Diabetes in der Volksrepublik China in den letzten Jahren nach – Krankheiten, die einst in vielen Regionen nicht vorkamen.)

Das Altwerden und Vergreisen ist sehr oft ein schmerzhafter Prozess. Dies ist der Marktwirtschaft nur zu dem Teil anzulasten, nämlich wenn Belastungen der Arbeit, Umweltschädigungen (z.B. Industrieabgase) und Gifte in den Nahrungsmitteln Krankheiten hervorrufen.
Was jedoch sehr stark vom Gesellschaftssystem geprägt wird, ist die Art und Weise, wie die Leute ihren letzten Lebensabschnitt verbringen. In dieser Lebensphase tritt oftmals eine ungewollte Vereinsamung ein. Viele siechen allein in ihren eigenen vier Wänden dahin, und ihr Zustand wird nur dann auffallend, wenn sie ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können. Andere werden in Massenpflegestationen untergebracht, die schlechte Bedingungen für das psychische Wohlbefinden der „Insassen“ bieten, und dazu beitragen, das Sterben zu beschleunigen. Solche Zustände sind keine Notwendigkeit, denn Leute, die über ausreichend Geld verfügen, können sich durchaus einen schöneren Lebensabend leisten. Gepflegte „Seniorenresidenzen“ oder Pflegepersonal im eigenen Haus machen deutlich, dass die Lebensqualität auch in diesem Lebensabschnitt davon abhängig ist, wie arm bzw. reich man ist. Die Trost spendenden Kalauer „wir müssen alle sterben“ und „der Tod macht alle gleich“, blamieren sich eben an den unterschiedlichen Lebensumständen davor.


1 Antwort auf “3 Gesundheit”


  1. 1 Inhaltsverzeichnis « Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft statt Kapitalismus Pingback am 11. Dezember 2008 um 15:21 Uhr
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